Justament Sept. 2011: Zum Tod von Amy Winehouse
Scheiben vor Gericht – spezial –
Thomas Claer
Seit mindestens zwei Jahren war ein neues Album der britischen Sängerin und Songwriterin Amy Winehouse (1983-2011) angekündigt, dessen Erscheinen aber immer wieder verschoben wurde. Wir hätten es, wäre es denn erschienen, an dieser Stelle prominent gewürdigt. Dazu wird es nun nicht mehr kommen, wobei man natürlich nicht weiß, wie viel unveröffentlichtes Material in den nächsten Monaten noch posthum in Michael Jackson-Manier auf den Markt geworfen wird. Als Amy Winehouse ihre epochalen Platten “Frank” und “Black to Black” veröffentlichte, gab es diese Rubrik noch nicht. So wollen wir dieser Ausnahmekünstlerin zumindest jetzt die Ehre erweisen, die ihr gebührt.
Es war schon eine Tragödie mit dieser ungewöhnlich begabten Sängerin, der Tochter eines jazzbegeisterten Londoner Taxifahrers jüdischer Abstammung. Eine solche Stimme hatte es in der Popmusik lange nicht mehr gegeben. So inbrünstig und traurig, so durchdringend und schön sang sie uns von Liebe und Schmerz, von ihrem Leiden an dieser Welt. Wie aufregend war ihre Wiederbelebung der schwärzesten Soulmusik aus den Sechzigern, wie extravagant ihre dazu passende Bienenstock-Frisur. Doch kaum war sie von den Kritikern hochgejubelt und vom Massenpublikum entdeckt, da erwies sich ihre Prominenz auch schon als Fluch. Bald wirkte sie so kaputt, so völlig fertig, so durch den Wind, wie kein Image-Berater es besser hätte für sie erfinden können. Nur leider war es keine Show. Sie pfiff tatsächlich fortwährend auf dem letzten Loch, und niemand konnte ihr helfen. Arme Amy! Ihre Lunge war krank von den vielen Zigaretten und vom Crack, auch ihr Magen machte das nicht mehr mit. Die zerstörerische Hassliebe zu ihrem vorübergehenden Ehemann Blake Fielder-Civil füllte über die Jahre ebenso regelmäßig die Klatschspalten der Boulevard- und Musikpresse wie ihre ständigen Alkohol- und sonstigen Drogenexzesse. Am Ende verweigerte sie nach mehreren fehlgeschlagenen Entziehungskuren auch die Einnahme von Medikamenten gegen ihre manisch-depressive Störung.
Love is a Losing Game! Nun gehört auch sie zum obskuren “Club 27”, zu dem eine Reihe legendärer Musiker gezählt werden, die im Alter von 27 Jahren gestorben sind: Janis Joplin (Überdosis Heroin 1970) war gerade vor einer Woche auf arte zu sehen, außerdem Brian Jones (im Swimmingpool ertrunken 1969), Jimi Hendrix (erstickt am Erbrochenen 1970), Jim Morrison (Herzversagen 1971) und Kurt Cobain (Kopfschuss mit Schrotflinte 1994). In Deutschland erwischte es die melancholische Chanteuse Alexandra (Verkehrsunfall 1969) in diesem Alter. Durch ihren frühen Tod ist Amy Winehouse nun endgültig unsterblich geworden. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).
Amy Winehouse
Back to Black
Island (Universal) 2006
Ca. € 10,-
ASIN: B000KG5THI
Amy Winehouse
Frank
Mercury (Universal) 2004
Ca. € 7,-
ASIN: B0002N4U1A
Justament Sept. 2011: Digital und analog
Peter Plöger über “Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten”
Thomas Claer
Mal wieder ein Buch über das akademische Freiberufler-Prekariat also. Umfassend beschrieben und dabei zugleich romantisiert und bejubelt wurde das Phänomen, wir erinnern uns, im Jahr 2006 von Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch “Sie nennen es Arbeit”, mit dem die Autoren damals durch die Fernseh-Talkshows tingelten. Bis heute wird munter darüber debattiert, ob das mit dem “intelligenten Leben jenseits der Festanstellung” so wirklich funktionieren kann oder ob sich – wie Kritiker meinen – die digitale oder auch analoge Großstadtboheme ihre oft genug verzweifelte ökonomische Lage nur schönredet. Nun geht Autor Peter Plöger, selbst eine junge kreative Ich-AG, in seiner Studie über “Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten” einen Mittelweg zwischen larmoyanter Klage über die ungerechten Verhältnisse und stolzer Selbststilisierung der Betroffenen, kann sich aber nicht so recht für die eine oder die andere Richtung entscheiden. In zahlreichen Porträts beschreibt er das Leben von typischen Vertretern des akademischen Freiberuflertums, die sich auf unterschiedlichste Weise, idealerweise ihren Neigungen folgend, aber stets sehr mühsam beruflich über Wasser halten. Dabei erstellt er eine “kleine Typologie der Arbeitssammler”, die er in Parallelarbeiter (zwei Tage Teilzeit hier, drei Tage freie Mitarbeit dort, daneben Gelegenheitsaufträge), Wechsler (heute hier, morgen dort), Brotjobber (können vom Neigungsberuf allein nicht leben und ergänzen diesen durch unterqualifizierte Jobs, die aber mehr einbringen), Rigorose (halten bedingungslos am Neigungsberuf fest und laufen Gefahr zu verhungern) und Proteen (völlig ungeplante und unplanbare Berufsbiographie) einteilt.
Es werden u.a. Webdisigner, PR-Texter, Mediatoren, Journalisten, IT-Spezialisten, Lebensmitteltechnologen und Bildhauer vorgestellt. Die meisten sind zwischen 30 und 45 Jahre alt. Juristen kommen zwar im Buch nicht ausdrücklich vor, doch gibt es unter ihnen, wie jeder weiß, natürlich auch nicht wenige “Arbeitssammler”, vor allem unter den jüngeren, aber sie sind zumeist bemüht, es nicht so an die große Glocke zu hängen.
Auffällig ist, beim Verfasser deutlich stärker als bei den Porträtierten, eine leicht anklagende Grundhaltung, die bereits in der Unterzeile des Buchtitels “Viel gelernt und nichts gewonnen?” ihren Ausdruck findet. Im Vorwort beschreibt Plöger dann, wie wenig Gültigkeit heute die Weisheiten der Großeltern- und Elterngeneration besitzen, dass aus einem schon etwas werden würde, wenn man nur einen “anständigen Beruf” erlerne. Die Kränkung, dass dem nicht mehr unbedingt so ist, man spürt es, sitzt auch bei Plöger tief. Und selbstverständlich erscheint es zigtausenden Eltern als schlimme Fehlinvestition, wenn sie ihre längst erwachsenen Sprösslinge nach langem Studium statt in einer gut bezahlten Festanstellung in einer freien und unsicheren Existenz wieder finden und diese sich dafür womöglich noch nicht einmal schämen (das tun die Eltern dafür umso mehr). So etwas auszuhalten, gehört neben den vielen anderen Unwägbarkeiten eben auch zu den Herausforderungen des akademischen Freiberuflertums. Doch was heißt hier, die “Arbeitssammler” hätten nichts gewonnen? Wer seinen Interessen und Neigungen folgt und sich nicht nur stromlinienförmig am Markt orientiert, wer es auf eigene Faust probiert statt sich vom Arbeitsamt verwalten zu lassen, der wird vielleicht nicht gerade steinreich, doch erspart er sich so manche psychische Deformierung und wird allemal ein selbstbestimmteres, nicht selten auch ein interessanteres Leben führen. Kleinmut ist hier jedenfalls gänzlich fehl am Platze! Ist es denn etwa kein Wert an sich, lieber ein kleiner Herr als ein großer Knecht zu sein? Und was ist schon eine Doppelhaushälfte in einer baden-württembergischen Kleinstadt gegen eine Verabredung in einem coolen Cafe in Berlin-Kreuzberg? Einen großen Wurf mag man dieses Buch vielleicht nicht gerade nennen, aber es zeigt doch Facetten einer sich zunehmend verbreitenden Existenzform auf, deren Vertreter sich von niemandem bemitleiden lassen sollten.
Peter Plöger
Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten. Viel gelernt und nichts gewonnen? Das Paradox der neuen Arbeitswelt
Hanser Verlag München 2010
250 Seiten, EUR 19,90
ISBN 978-3-446-41767-0
www.justament.de, 1.8.2011: Beruf Schriftsteller
Dem schreibenden Juristen Wolfgang Bittner eine Rezension zum 70. Geburtstag
Thomas Claer
Das muss der schönste Beruf der Welt sein, denkt man: Bücher schreiben, sich dabei seine Zeit frei einteilen können, unabhängig und nur sich selbst verantwortlich sein. Das dachte sich vor einigen Jahrzehnten auch der junge Jurist Wolfgang Bittner, dessen Abneigung gegen die Justiz sich während seines Referendariats stetig gesteigert hatte. „Aus Gründen der Selbstbestätigung“ erwarb er noch den Doktortitel, fuhr anschließend für einige Jahre mehrgleisig – und dann war für ihn Schluss mit Jura. Doch hat die Freiheit eines Schriftstellers ihre Grenzen immer in den ökonomischen Zwängen, denen er unterworfen ist. Bittner, ein Flüchtlingskind aus einfachen Verhältnissen, entschied sich bewusst gegen einen parallel ausgeübten „Brotjob“. Sein Anspruch war es, vom Schreiben leben zu können, und zwar „ohne sich zu prostituieren“. Leicht ist so etwas nie – aber bei ihm hat es funktioniert. Wie, das erklärt er in seinem stark autobiographisch geprägten Ratgeber „Beruf: Schriftsteller. Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will.“ Vor allem braucht es enormen Fleiß und ein hohes Arbeitspensum. Etwa 50 Bücher hat Bittner in dreieinhalb Jahrzehnten veröffentlicht, darunter vier Romane für Erwachsene, neun Kinder- und Jugendromane und 15 Bilderbücher.
Zunächst geht „Beruf: Schriftsteller“ auf einige handwerkliche Aspekte des Schreibens ein, auch auf die mentale Seite des Schreibvorgangs. Erst nach der Diskussion so abstrakter Fragen wie der Rolle des Schriftstellers als moralisches Gewissen unserer Gesellschaft – wohl nicht für jeden angehenden Schriftsteller vordergründig – kommt die eigentliche Crux des Autorentums, seine Finanzierbarkeit, zu ihrem Recht. Zu den nun offerierten harten Fakten zählen Muster-Verlagshonorarverträge (mit Vorschuss-Vereinbarungen), Auflistungen der (mitunter nicht ganz unerheblichen) laufenden Kosten eines Literaten und empfohlene Honorarsätze für Autorenlesungen in Schulen. Relativ wenig erfährt man über mögliche Wege, die eigenen Werke überhaupt erst einmal bei einem Verlag unterzubringen, worin aber das praktische Haupthindernis für unzählige publikationswillige Autoren liegen dürfte. Entscheidend ist, so liest man zwischen den Zeilen, wie so oft das Netzwerkertum, die Unterhaltung und Pflege der richtigen „Kontakte“.
Das Buch ist schon seit ein paar Jahren auf dem Markt, und das ist ihm gelegentlich auch anzumerken. Nur wenige Lebensbereiche sind von der sich zusehends beschleunigenden digitalen Revolution so sehr betroffen wie das Entstehen und Herausbringen von Büchern. Was Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang grundlegend und unverzichtbar war, verdampft gerade vor unseren Augen. Inzwischen kann man wohl sagen, dass es zwar niemals so leicht war wie heute, eigene Texte zu publizieren, also einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. (Davon kann sich jeder leicht im Internet überzeugen.) Doch ausschließlich davon leben zu können, das wird schon angesichts der sich abzeichnenden Marginalisierung des Buch- (genau wie des Zeitungs-) Drucks mit der Zeit immer unwahrscheinlicher. Was sich aber bis heute im Grundsatz nicht verändert hat, ja wenn der Augenschein nicht trügt, sogar noch deutlich zugenommen hat, ist der Antrieb vieler Menschen zum Schreiben. Sicherlich würden inzwischen zahllose Hobby-Autoren und Blogger den Satz Wolfgang Bittners auch für sich reklamieren: „Schreiben ist ein Weg für mich, mit dem Leben besser fertig zu werden.“ Oder wie es Johannes R. Becher sagte: „Man schreibt, um zu sich selbst zu kommen.“ Nur: Wer soll das alles lesen und wer soll das alles drucken? So glauben wir dem Verfasser am Ende zwar gerne, dass man all die nützlichen Dinge, die in seinem Buch stehen, wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will. Man sollte aber vernünftigerweise lieber nicht daran glauben, dass Letzteres unter den heutigen Umständen auch gelingen kann. Außer einem gelingt ein ganz großer Wurf – oder man prostituiert sich.
Wolfgang Bittner
Beruf: Schriftsteller. Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will
Überarbeitete Neuausgabe Allitera Verlag München 2006
148 Seiten, EUR 19,90
ISBN 3-86520-197-0
www.justament.de, 27.6.2011: Jeder kann sehen, was sie tun
Johannes Treu untersucht die Transparenz in der Geldpolitik
Thomas Claer
Da ist doch tatsächlich eine VWL-Dissertation auf dem Schreibtisch des Justament-Rezensenten gelandet! Und keine über irgendein Thema aus den Elfenbeintürmen der Ökonomie – nein, es geht um etwas, das uns alle betrifft, zumindest indirekt: die Geldpolitik der Notenbanken. Jener obskuren Männerrunden, die Monat für Monat die Leitzinsen einzelner Volkswirtschaften oder ganzer Währungsräume festlegen und dadurch – wahrscheinlich mehr als alle Politiker zusammen – die Geschicke der Weltwirtschaft bestimmen. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte die jahrelange Niedrigzinspolitik eines nuschelnden älteren Herrn namens Greenspan an der Spitze der amerikanischen „Federal Reserve“ für extreme Preisblasen vor allem auf den Immobilienmärkten gesorgt, was dann die ganze Welt in den Abwärtsstrudel einer Finanz- und Wirtschaftskrise riss. Und gegenwärtig erleben wir beiderseits des Atlantiks eine Politik des noch viel billigeren Geldes, ergänzt um weitere geldpolitische Maßnahmen (vulgo: Gelddrucken), um aus eben dieser Krise nachhaltig wieder herauszukommen. Wohin das letztlich führen wird (am Ende wohl in eine kräftige Inflation), ist aber hier nicht das Thema, sondern die Erkennbarkeit, Voraussehbarkeit und Nachvollziehbarkeit, kurz: die Transparenz der geldpolitischen Entscheidungen der Zentralbanken.
Mit dieser steht es, so die landläufige Meinung, nicht allzu gut. Je nach Perspektive schimpfen die einen (die Sparer) über zu niedrige Zinsen, die anderen (die Schuldner und Aktionäre) über zu hohe. Aber fast alle sind sich einig im Vorwurf an die Notenbanker: Die da oben machen ja doch, was sie wollen! Das ist aber, die vorliegende Arbeit zeigt es deutlich, zumindest was die Europäische Zentralbank (EZB) betrifft, gar nicht zutreffend. In minutiöser Kleinarbeit ist dem Verfasser der Nachweis gelungen, dass gegenüber der EZB – allen Unkenrufen von den Stammtischen zum Trotz – „ein genereller Intransparenzvorwurf nicht aufrechterhalten werden kann“. Nachdem der Autor mehrere hundert Seiten lang die unterschiedlichen Aspekte und Konzepte von geldpolitischer Transparenz und Intransparenz durchdekliniert hat und zum Befund gelangt ist, „dass kein vollständiges und eindeutiges Bild zum Thema Transparenz in der modelltheoretischen Geldpolitik existiert“, untersucht er exemplarisch die Geldpolitik der EZB in den letzten Jahren mit einem „fünfgliedrigen Transparenzkonzept“. Es zeigt sich, dass nur in einem der fünf Punkte (im geldpolitischen Entscheidungsprozess) eine „bedingte Intransparenz“ vorliegt; eine nur bedingte, „da eine komplette Intransparenz nicht für alle inhaltlichen Bestandteile dieses Transparenzpunktes existiert.“ Da kann man nur sagen: Bravo, EZB! Vor allem ernten die Notenbanker viel Lob des Verfassers für ihr erprobtes Codewörter-System: Wird eine künftige Leitzinserhöhung erstmals vorsichtig in Erwägung gezogen, spricht der EZB-Präsident auf den Pressekonferenzen von einer „genauen Beobachtung“ der Märkte. Konkretisieren sich diese Überlegungen, ist die Rede von „sehr genauer Beobachtung“. Und fällt schließlich der Begriff „starke Wachsamkeit“, dann weiß man: In einem Monat ist es soweit. Wer also vor kurzem gehört hat, wie Jean-Claude Trichet von „starker Wachsamkeit“ gesprochen hat, der weiß nun auch, was – jede Wette! – im kommenden Juli passieren wird.
Gegen diese Arbeit lässt sich im Wesentlichen nur das sagen, was sich auch gegen fast jede andere Dissertation sagen ließe: Dass einfache Dinge durch den wissenschaftlichen Jargon unnötig verkompliziert und viel zu umständlich gesagt und dass komplizierte Dinge mangels voraussetzungsloser Erklärung für den Laien schnell unverständlich werden. Darüber hinaus hätten dieser Arbeit aufmerksamere und auf dem aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung befindliche Korrekturleser nicht geschadet. (Ein besonderes Problemfeld sind die „erweiterten Infinitive mit zu“, vor allem die Ausnahmen zur Befreiung von der Kommasetzungspflicht seit der neuesten Rechtschreibung von 2005.) Aber so weiß man jedenfalls recht sicher, dass es keine „Guttenbergs“ im Text gibt. Auffällig ist ferner so manche saloppe Formulierung, aber da sind die Ökonomen wohl nicht so pingelig wie die Juristen. Ein großer Vorzug dieser Arbeit, der leider nicht bei allen Dissertationen selbstverständlich ist, sind schließlich die präzisen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels und am Ende der gesamten Bearbeitung. Nur dadurch lassen sich auch für den ökonomischen Laien die wichtigsten Gedankengänge nachvollziehen, ohne dass er etwa an verzwickten mathematischen Formeln verzweifeln müsste.
Johannes Treu
Transparenz in der Geldpolitik. Systematisierung, Darstellung, Bewertung und Diskussion von (modelltheoretischer) Transparenz in der Geldpolitik sowie das Beispiel der Europäischen Zentralbank
Verlag Dr. Kovac Hamburg 2011
397 Seiten, EUR 98,00
ISBN 978-3-83005531-0
www.justament.de, 14.6.2011: Verloren im Kulturschock
Recht cineastisch, Teil 9: Die deutsch-chinesische Co-Produktion „I Phone You“
Thomas Claer
Hurra, mal wieder ein Berlin-Film mit Drehbuch von Altmeister Wolfgang Kohlhaase! Und nach „Sommer vorm Balkon“ (2005) erst der zweite nach der Wende. Allerdings ist der inzwischen 80-jährige Wolfgang Kohlhaase da diesmal eher so reingerutscht: Die junge Chinesin Dan Tang, Regie-Absolventin der Filmhochschule Potsdam, hat ihn, so wird es erzählt, mit einem Eis dazu überredet, ihr Drehbuch zunächst nur zu lesen, und später sogar, es weiter zu bearbeiten. Und dann kamen die Produzenten, die einen neuen Kohlhaase-Film fürs Kino wollten… Aber egal. Herausgekommen ist ein Film, der sich trotz einiger handwerklicher Schwächen gut einfügt in den Kohlhaasschen Erzählkosmos, in dem zumeist Porträts einfacher Menschen in ihrem Alltag gezeichnet und dabei Geschichten erzählt werden, die einem ans Herz gehen.
Zu DDR-Zeiten lieferten die Drehbücher des in Berlin-Adlershof aufgewachsenen Kohlhaase eine Art Chronik des ungeliebten Staates von unten. Unvergesslich ist vor allem „Solo Sunny“ (1980), die einfühlsame Darstellung einer Sängerin im alternativ-proletarischen Milieu eines Hinterhauses in Prenzlauer Berg. Es gilt bis heute als ein Wunder, dass ein so radikaler Film mit so negativem Inhalt überhaupt in der DDR erscheinen durfte. Aber da der ebenso renommierte wie zuverlässig staatsnahe Konrad Wolf Regie geführt hatte, ließen die Zensoren das durchgehen. (Ein früherer Film mit Kohlhaase-Drehbuch, „Berlin um die Ecke“, war 1965 sogar verboten worden und konnte erst nach der Wende, 1990, durch Bearbeitung des Rohmaterials fertig gestellt werden.)
Und nun also „I phone you“, ein Film, wie es schon sein wortspielerischer Name verrät, ganz auf der Höhe der Zeit, der aber längst nicht so harmlos ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Wenn wichtige Leute aus Wirtschaft oder Politik beruflich andere Städte bereisen, dann haben sie dort mitunter Liebschaften. So auch der schwerreiche chinesische Wirtschaftsboss Yu, der eigentlich in Berlin ansässig ist (Geschäftsfeld: Unterseeboote) und anlässlich seines Aufenthalts in der quicklebendigen 30-Millionen-Stadt Chongqing mit der jungen, schönen und sehr selbstbewussten Animateurin Ling anbandelt. Nach einer Liebesnacht im Hotel schenkt er ihr ein iPhone, damit er sie auch von Berlin aus immer erreichen kann. Er bezirzt sie mit immer neuen Liebesschwüren per Telefonat, SMS, Mail und Videobotschaft. Doch kann man mit einem iPhone noch viel mehr anstellen, zum Beispiel virtuell in weit entfernte Städte reisen. Das tut Ling, findet Gefallen an Berlin, lässt sich von ihrem zähneknirschenden, in der Gastronomie tätigen Vater bezuschussen und fliegt kurz entschlossen nach Berlin, um ihrem Liebsten einen Besuch abzustatten. Doch dieser reagiert entsetzt, darf doch seine mit ihm in Berlin lebende Ehefrau nichts von Ling erfahren. So lässt sich Yu nach Lings Ankunft hartnäckig verleugnen und schickt seinen Bodyguard Marco (Florian Lukas) vor, der Ling schnellstmöglich ins Flugzeug zurück komplimentieren soll. Doch Ling, die sich überdies der Annäherungsversuche Marcos erwehren muss, lässt sich so schnell nicht abwimmeln und sucht Yu auf eigene Faust. Das ist in der fremden Umgebung aber ein abenteuerliches Unterfangen, und Ling macht unter anderem Bekanntschaften mit einem türkischen Taxifahrer, einem abgebrannten Studenten (der ihr seine letzten zehn Euro für das Taxi spendiert), der vietnamesischen Zigarettenmaffia, dem Ordnungsamt und der Ausländerbehörde. Das hat viel Witz, ist aber gelegentlich auch dicht am Klischee.
Sehr drastisch führt der Film allerdings vor Augen, welchen schweren Stand asiatische Frauen in Europa haben, selbst in der deutschen Multi-Kulti-Hauptstadt. Gut, denkt man, dass Ling mangels Sprachkenntnissen nur einen Bruchteil von all der Abschätzigkeit mitbekommt, die man ihr hier in breiten Bevölkerungsschichten entgegenbringt. Ob bei gierig-lüsternen Männern oder boshaft-eifersüchtigen Frauen – immer gilt die Gleichsetzung: asiatische Frau = Sexobjekt = Prostituierte. Die Berliner Proll-Kultur zeigt sich hier von ihrer überaus hässlichen Seite. Da kann es auch kaum trösten, dass europäische Touristinnen von ihren Besuchen in Fernost manchmal Ähnliches berichten. (Da gilt dann die Gleichung: blonde Frau = Sexobjekt = Schlampe.) Die Kombination aus Sexismus und Rassismus ist offenbar weltweit ein Renner.
Zu den Stärken des Films zählt die unaufdringliche Beiläufigkeit, mit der von all dem erzählt wird. Als Ling ihren Schwarm mit Hilfe des auf ihre Seite gewechselten Marco nach zwei Tagen endlich aufspürt, ist ihre Enttäuschung so groß, dass sie Yu ein Messer zwischen die Rippen stößt und später das iPhone aus dem Fenster wirft. Dabei hätte sie, so wie die Dinge standen, gar keine schlechten Karten gehabt, Yu ganz für sich zu erobern und so in die Welt des großen Geldes und der testosterongetriebenen Macht vorzudringen. Aber ein solches Taktieren, ja Pragmatismus überhaupt, sind Lings Sache nun einmal nicht. Auch Marco („Ick komm’ aus Neuruppin, aber ick bin da nich’ festgelegt.“) , der ihr auf linkische Weise immer neue Avancen macht, der sich sogar für sie prügelt, als eine alkoholisierte Männerhorde sie belästigt, blitzt schließlich bei ihr ab.
Der rote Faden in Kohlhaases Berlin-Filmen war über die Jahre die Dominanz starker Frauen-Figuren. Gleichwohl wehrt sich der Altmeister entschieden gegen den Verdacht, ein „Frauenversteher“ zu sein. Nein, im Gegenteil, sagte er unlängst im Interview mit Spiegel-Online, er könne Frauen in der Regel überhaupt nicht verstehen, weshalb er auch immer wieder tagelang über sie nachdenken könne. Nachdenklich macht aber auch die transkulturelle Dimension in „I phone you“. Mag der westliche Zuschauer anfangs noch sehr befremdet auf die platte und oberflächliche Welt der jungen Ling in Chongqiing mit ihrem idiotischen Job, ihren einfältigen Freundinnen und dem seichten Partyleben blicken, so entwickelt er schon bald so etwas wie Scham angesichts der um ein Vielfaches roheren Berliner Kneipengespräche. Der Kontrast öffnet einem gewissermaßen die Augen. Und dann Lings ungläubig-erschrockener Blick auf die Brotstullen, die man ihr im Polizeigewahrsam serviert: Soll man so etwas etwa essen? Gute Dienste zur Überbrückung der Kommunikationsbarriere zwischen Ling und Marco leistet schließlich noch das deutsch-chinesische Übersetzungs-App des iPhones, indem Ling ihre Schimpfwörter auf Chinesisch eintippt und sie Marco auf dem iPhone-Display am langen Arm auf Deutsch entgegenstreckt. Da erscheint dann zum Beispiel: „Hund vom Chef“.
Und noch ein Gutes hat die DDR-Zensur-erprobte Behutsamkeit, mit welcher der seit 1952 als freischaffender Drehbuchautor und Schriftsteller tätige Wolfgang Kohlhaase seinen immer wachen und kritischen Blick in die Film-Dialoge einfließen lässt: Der Film darf voraussichtlich bald auch in China gezeigt werden.
I Phone You
Deutschland/China 2011
Regie: Dan Tang
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase
95 Minuten, FSK: 6
Darsteller: Jiang Yiyan, Florian Lukas, Wu Da Wei, Wang Hai Zhen, Nicole Ernst, Deng Jia Jia, Bing He, Annette Frier, Marie Gruber, Tino Mewes, Fritz Roth, Alexander Yassin
www.justament.de, 23.5.2011: Seelenverkäufer
R.E.M. auf ihrem neuen Album Collapse into Now
Thomas Claer
Ein neues Album von R.E.M.? Na und? Wen interessiert das denn? Mit denen ist man doch schon seit Ewigkeiten fertig, denkt man. Spätestens seit 1996, seit ihrem Fünfplattenvertrag mit Warner, der ihnen die damals allgemein als obszön empfundene Summe von 80 Millionen US-Dollar einbrachte, hatten die einstigen Galionsfiguren des amerikanischen Alternative-Rock ganz einfach jede Credibility verloren. Aber es gibt sie noch. Und in Zeiten, wo junge blasse Nerds für zusammengeschusterte Internetseiten Milliarden einsacken, sieht man vielleicht manches in milderem Licht. Außerdem wurde die neue Platte teilweise in Berlin aufgenommen und soll sogar, so wurde im Vorfeld gemunkelt, stilistisch an Element of Crime erinnern. O.K., das zieht natürlich beim Justament-Rezensenten. Also mal reingehört in „Collapse into Now“, zuvor aber noch einmal die Erinnerungen ans Frühwerk der Band aufgefrischt. Die sorgsam verwahrten alten Scheiben bleiben im Plattenschrank, alle Song-Perlen von einst warten ja nur wenige Klicks entfernt auf YouTube. Oh, da wird einem aber ganz sonderbar. Klar, diese Songs sind schon recht pathetisch. Man hört es jetzt mit ein paar Jahren Abstand naturgemäß deutlicher heraus als damals. Und doch ist es vollkommen unmöglich, Liedern wie „Maps and Legends“, „Fall on me“, ja selbst dem Welthit „Losing My Religion“ (mit dem 1992 der große Ausverkauf begann) ohne ein Gefühl der Ergriffenheit zu lauschen. Was für eine großartige Musik! Und nun also das neue Album, das 15. Studioalbum der Band soll es schon sein. Da muss man aber inzwischen so einiges verpasst haben. Soviel ist sicher: Nach Element Of Crime klingen sie nun wirklich nicht, dafür aber nach all den Jahren immer noch sehr nach R.E.M. Mal kraftvoll und rockig, mal elegisch. Nur gibt es, mit jedem Hören wird es deutlicher, doch recht häufig überaus glatte, fast schon banale Passagen. Nicht, dass diese Musik einem gänzlich unangenehm wäre, aber alles ist eben nicht besonders aufregend. Auch das ambitionierteste Stück „ÜBerlin“ ragt nur unwesentlich heraus. Der Eindruck verdichtet sich, dass R.E.M. ihren großen alten Songs nichts von Belang mehr hinzuzufügen haben. Vielleicht ist das ja der Preis der Kommerzialisierung! Wäre Bandleader Michael Stipe (inzwischen 51) damals seinem Freund und Kollegen Kurt Cobain ins Nirvana gefolgt, wären R.E.M. unsterbliche Helden geblieben. Das Urteil lautet: befriedigend (8 Punkte).
R.E.M. – Collapse into Now
Collapse into Now
Warner Brothers 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004KB4RL8
PS: Am 21. September 2011 gaben R.E.M. auf ihrer Website die Auflösung ihrer Band bekannt. Als ob sie diesen Text gelesenn hätten…
www.justament.de, 26.4.2011: Wiedergeborener Geliebter
Recht cineastisch, Teil 8: Das Klon-Drama “Womb“ mit Eva Green
Thomas Claer
Eva Green ist eine Schauspielerin zum Niederknien. Wie sie 2003 in „Die Träumer“ von Bernardo Bertolucci als Pariser Professorentochter im Mai 1968 in einer Art vorweggenommenem Mini-Flashmob Hand in Hand mit Bruder und Liebhaber durch den Louvre stürmte und sich mit ihnen im pantomimischen Filmzitate-Raten übte, das verschlug einem den Atem. Später hat Eva Green dann aber auch weniger schmeichelhafte Dinge getan, wurde 2006 zum James Bond-Girl und posierte gar in Werbespots, so dass man schon geneigt war, sie abzuschreiben. Und jetzt das: eine triumphale Rückkehr zum Autorenkino in den Film eines weitgehend unbekannten ungarischen Regisseurs. Dieser Streifen ist so independent, dass er eine Woche nach seinem Start in gerade einmal drei Berliner Kinos gezeigt wurde und sich abends im „Hackesche Höfe Kino“, während sich draußen die Massen in den Cafés drängelten, ganze vier Besucher verloren. Dabei hätte „Womb“ durchaus mehr Beachtung verdient, denn es werden große, abgründige Fragen verhandelt und die fatalen Konsequenzen aufgezeigt, die ein allzu optimistischer Einsatz neuer biotechnischer Errungenschaften mit sich bringen kann.
Zwischen den zwölfjährigen Kindern Rebecca und Tom reift während Rebeccas Ferienaufenthalt in einer abgelegenen Küstengegend an der Nordsee bei ihrem Großvater einen Sommer lang eine tiefe Freundschaft. Als Rebecca zu ihrer Mutter nach Tokio zieht, schwören sie sich ewige Treue. Nach zwölf Jahren kommt Rebecca in das Haus ihres verstorbenen Großvaters zurück und trifft in der Nachbarschaft auf den noch immer dort lebenden, inzwischen Biologie studierenden Tom. Die nur wenige Tage dauernde leidenschaftliche Romanze zwischen ihnen findet ihr jähes Ende, als Tom bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Wir befinden uns, was erst an dieser Stelle deutlich wird, bereits in der nahen Zukunft. Das reproduduzierende Klonen von Menschen ist möglich und bezahlbar. So lässt sich Rebecca, die auf Tom nicht verzichten kann, das Erbgut ihres verunglückten Geliebten in den Unterleib einpflanzen und bringt ihn so gewissermaßen ein zweites Mal auf die Welt. Man kann sich vorstellen, wie es weitergeht: Die begehrlichen Blicke Rebeccas auf ihren biologisch nicht mit ihr verwandten, heranwachsenden Sohn, der doch notwendigerweise ein ganz Anderer ist als ihr früherer Geliebter, lassen den Zuschauer ratlos zurück. Ein Drama, das unter die Haut geht.
Womb
Deutschland/ Frankreich/ Ungarn 2010
Regie: Benedek Fliegauf
Drehbuch: Benedek Fliegauf
107 Minuten, FSK: 16
Darsteller: Eva Green, Matt Smith, Lesley Manville, Peter Wight, Istvan Lenart, Hannah Murray u.v.a.
www.justament.de, 4.4.2011: Da weiß man, was man tut
Das Creifelds Rechtswörterbuch in 20. Auflage
Thomas Claer
Nach vier Jahren wieder ein neuer Creifelds – die Welt, die hier in bewährter Manier durch die rechtliche Brille betrachtet wird, ist eine andere geworden. Der Vertrag von Lissabon, die Reform des Beamten- und des GmbH-Rechts – das und vieles mehr hat auf nunmehr 1500 Seiten, 20 mehr als in der Vorausgabe von 2007, erstmalig Berücksichtigung gefunden. Und wieder einmal liegt der große Vorzug in der begrifflichen Kürze und Präzision. Der Lissaboner Vertrag, komprimiert auf 47 eng bedruckte halbseitige Zeilen – der Creifelds bringt es auf den Punkt. Unter „Anlageberatung“ steht, dass das „Wertpapierdienstleistungsunternehmen über jede A. eines Privatkunden ein Protokoll anfertigen“ und „ein Schadensersatzanspruch wegen mangelhafter A. nach Ablauf des 3. Jahres nach Kenntniserlangung verjährt, ohne Rücksicht darauf in 10 Jahren.“ Das „Ehrenwort“, erfahren wir, „ist eine Bekräftigung einer Erklärung unter Bezugnahme auf außerrechtliche Maßstäbe und i.d.R. rechtlich ohne Bedeutung“. Ja, das ganze Leben ist ein Fall – und wir sind nur die, die all das dank Creifelds durchschauen. Günstig ist seine Anschaffung bei einem Preis von 46 (Vorausgabe 44) Euro zwar nicht gerade. Auch ist er als alleinige Lernhilfe zum Klausurenschreiben in Studium oder Referendariat naturgemäß nur etwas für ganz Mutige. Doch vermittelt er etwas in der juristischen Ausbildung eher Seltenes: Übersicht, Zusammenhänge, Hintergründe. Dieses Buch ist der erbitterte Feind des Fachidiotentums. Wohl wahr: Wer regelmäßig einen Blick in den Creifelds wirft, kriegt dadurch nicht unbedingt bessere Noten, aber er wird ganz sicher mehr verstehen von dem, was er da gerade lernt und tut. Schließlich noch ein kleiner Verbesserungsvorschlag: Vielleicht ist es nicht gerade völlig falsch, aber doch eher ungewöhnlich, „Grafitti“ statt „Graffiti“ zu schreiben, wie es der Creifelds tut (S.546). Jedenfalls sind letztgenannte „i.d.R. keine Sachbeschädigung“, jedoch „strafbar gem. § 303 II StGB“.
Creifelds Rechtswörterbuch
20. neu bearbeitete Auflage 2011
Verlag C.H. Beck
1500 Seiten, EUR 46,00
ISBN 978-3-406-59578-3
Justament März 2011: Fromme Rehabilitierung
Nina Hagen entdeckt ihren “Personal Jesus”
Thomas Claer
In Würde zu altern, das ist die große Herausforderung für so viele Rock’n Roll-Helden von einst. Doch kann man nicht unbedingt behaupten, dass dies Nina Hagen, inzwischen auch schon 55, besonders gut gelungen wäre. Wenn sie in den letzten Jahren ein ums andere Mal durch mittelmäßige Fernsehshows tingelte und wild grimassierend von UFOs und Erleuchtung schwadronierte, sich schließlich sogar für menschenverachtende Casting-Shows im Privatfernsehen hergab, dann dachte man nur mit Wehmut an die rebellische junge Frau von ehedem, die eine so einzig- wie großartige Mischung aus Komik und Erotik verkörperte. Vom launisch-frechen DDR-Schlagersternchen (“Du hast den Farbfilm vergessen”) wandelte sie sich nach ihrer Übersiedlung in den Westteil Berlins schnell zur exzentrischen Punk-Diva, die 1978 mit “Nina Hagen Band” eines der stärksten deutschen Punk-Alben aller Zeiten herausbrachte. Sie sang darauf vom Klo auf’m Bahnhof-Zoo, vom Farbfernsehen zwischen Ost und West und vom Feminismus (“Ich bin nicht deine Fickmaschine”), fühlte sich “unbeschreiblich weiblich” und war dabei immer “sooo heiß” … einfach unvergesslich!
Nun ist Nina Hagen also, ausgerechnet sie, die notorische Autoritätenverspotterin!, irgendwie auf die christliche Schiene gekommen. “Personal Jesus” ist die Zusammenstellung von 13 Hagenschen Neuinterpretationen bekannter (ganz überwiegend amerikanischer Gospel-) Songs aus (ganz überwiegend) längst vergangenen Zeiten. Und das vage Misstrauen des Rezensenten findet umgehend Bestätigung: Die etwas dümmliche Fröhlichkeit der meisten dieser Nummern kann einem schon nach kurzer Zeit auf den Wecker fallen, ganz zu schweigen von ihrem oft einfältigen Inhalt. Unwillkürlich fühlt man sich an die “Jungen Christen” in der Comedy-Sendung Switch, an Sarah Palin und die amerikanische Tea Party-Bewegung erinnert. Seine starken Momente hat das Album hingegen, wenn es musikalisch in Richtung Pop, Jazz oder Blues geht. “Personal Jesus” von Depeche Mode ist eben einfach ein echt starker Song, dessen Nina-Adaption sich dem Original nahezu als ebenbürtig erweist. Auch “Sometimes I ring up heaven” lässt sich hören und ganz besonders das mindestens 70 Jahre alte “Mean old world”. Hier stimmt einfach alles, auch Ninas verrauchte Stimme, die allerdings eindringlich vor Augen bzw. Ohren führt, wohin jahrzehntelanger Nikotin-Abusus führen kann. Positiv anzumerken ist schließlich noch, dass die CD, was bei einer unrettbaren Ulknudel wie Nina Hagen schon etwas heißen will, völlig ohne Blödeleien auskommt. Gut, dass jemand sie gebremst hat. Das Gesamturteil lautet daher: befriedigend (8 Punkte).
Nina Hagen
Personal Jesus
Koch Universal Music (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003M8DV5S
Justament März 2011: Elementare Adaptionen
Element Of Crime präsentieren “Fremde Federn”
Thomas Claer
Nun haben sie es also doch noch getan. Schon vor fast zehn Jahren, gleich nach dem Romantik-Album, wurde die Idee im Forum auf der EOC-Homepage lebhaft diskutiert, mal eine B-Seiten-Compilation rauszubringen. Und jetzt wird unsere Geduld also belohnt. Auf “Fremde Federn” finden sich nicht weniger als 20 von Element Of Crime gespielte, aber von anderen mehr oder weniger prominenten Musikern geschriebene Songs, die es bislang nur auf – zum Teil längst vergriffenen – Singles oder auf irgendwelchen Samplern oder Soundtracks gab. Und allein für das vortreffliche Wortspiel des Album-Titels hätten sie eigentlich schon alle Punkte in dieser Rubrik verdient. Doch wie so oft im Leben, wenn sich ein großer Wunsch erfüllt, stellt sich zwangsläufig auch eine gewisse Enttäuschung ein. Die Rockversion des “Liedes von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens” aus der Dreigroschenoper etwa klingt ohne das laute Geknister auf der Satellite Town-Single, die ich vor langen Jahren einmal erstanden habe, seltsam unvollständig, irgendwie längst nicht mehr so toll. Beim “Ruf aus der Gruft”, dieses Stück befand sich nur auf der dazugehörigen Maxi-Single, die ich zu meinem Leidwesen bis heute nirgendwo auftreiben konnte, handelt es sich gar nur um eine zweiminütige und ziemlich maue Instrumental-Version.
Aber genug gemeckert. Alles in allem ist diese Zusammenstellung dann nämlich doch der erwartete Hochgenuss. Welche andere Band verstünde es schon, Stücke so unterschiedlichen Temperaments und aus in so diametraler Opposition zueinander stehenden kulturellen Milieus mit solch spielerischer Leichtigkeit ins eigene Klanguniversum zu transformieren? Besonders überzeugt ihre Interpretation betagter deutscher Schlager, die deren mitunter erstaunlicher textlicher Raffinesse auf überraschende Weise neue Geltung verschafft. So lautet die Definition von “Heimat” im gleichnamigen, ehedem von Freddy Quinn gesungenen, Song: “Wo ich die Liebste fand/ da ist mein Heimatland”. Na, wenn das so ist, wird man am Ende sogar noch gerne heimattreu. Besondere Höhepunkte sind ferner “Leider nur ein Vakuum” (von Udo Lindenberg), “Zwei Gitarren” und “Akkordeon” (jeweils von Alexandra), “You only tell me you love me, when you’re drunk” (von den Pet Shop Boys), “Blaumeise Yvonne (von Andreas Dorau), “Le Vent Nous Portera” (von Noir Desir) und “She brings the rain” (von Can). Das Gesamturteil lautet: gut (14 Punkte).
Element Of Crime
Fremde Federn
Vertigo Be (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B00425DMO0