justament.de, 29.11.2021: Ihr siebter Streich
Carla Bruni auf ihrer aktuellen CD „Carla Bruni“
Thomas Claer
Es ist schon etwas länger her, dass wir in dieser Rubrik musikalische Veröffentlichungen von Carla Bruni besprochen haben. Seinerzeit, 2007 und 2008, umrahmten ihre dicht aufeinander folgenden CDs „No Promises“ und „Comme si de rien n’etait“ die spektakuläre Verbindung des früheren Fotomodells aus prominenter Familie mit dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy (der gegenwärtig eine Haftstrafe wegen illegaler Wahlkampffinanzierung absitzt, wenn auch nur von zu Hause aus mit elektronischer Fußfessel). Vorausgegangen war bereits 2002 Carla Brunis gefeiertes Debüt „Quelqu’un m’a dit“. Aber was sich schon damals herauskristallisierte, hat auch bis heute seine Gültigkeit behalten: Der viele Rummel um ihre Person hat der künstlerischen Qualität ihrer Werke nicht geschadet. Vor Jahresfrist hat Carla Bruni nun ihr mittlerweile siebtes Album herausgebracht, welches diesmal ohne eigenen Titel auskommt, was natürlich schon für sich genommen ein Statement ist.
Wollte man an dieser Platte etwas kritisieren, dann wäre es dies: Es fehlt das Neue, das Überraschende, die Lieder kommen einem zum großen Teil irgendwie bekannt vor. Aber ist das wirklich schlimm? Wer die charmant hingehauchten Gitarren-Songs ihrer früheren Alben mochte, der wird auch „Carla Bruni“ einiges abgewinnen können, wobei sich die stärkeren Lieder eher in der vorderen Hälfte der Platte befinden. Wer hingegen eine andere Seite von Carla Bruni entdecken will, dem sei das vier Jahre alte Vorgängeralbum „French Touch“ ans Herz gelegt, das ausschließlich Coverversionen diverser Pop-Klassiker – von ABBA bis zu den Rolling Stones – enthält, bei denen es sich um Carla Brunis persönliche Lieblingssongs handeln soll. Ein gelungenes Experiment, das auch Perlen wie „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode oder „Perfect Day“ von Lou Reed eine ganz eigene Wirkung verleiht. Kurzum, auch jenseits der Fünfzig beweist sich Carla Bruni als unvermindert betörende Chanteuse. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).
Carla Bruni – Carla Bruni
Universal 2020
ASIN: B08GLP3YQY
justament.de, 8.11.2021: Wider die Chauvis vom Bundestag
Recht cineastisch, Teil 40: „Die Unbeugsamen“ von Torsten Körner
Thomas Claer
Lohnt es sich überhaupt, ins Kino zu gehen, wenn bloß ein Dokumentarfilm läuft? Und ob, wenn es ein Film wie dieser ist! „Die Unbeugsamen“ erzählt die Geschichte von 14 Frauen unterschiedlicher politischer Couleur im Deutschen Bundestag in Zeiten, als sie in der Politik noch einen Exotenstatus innehatten. Eigentlich ist das ja alles noch gar nicht so lange her, und ich selbst kann mich an vieles, was hier gezeigt wird, noch lebhaft erinnern. Vor allem der Einzug der Grünen in den Bundestag vor fast vierzig Jahren, den man durchaus auch als einen Wendepunkt in Sachen Feminismus in der deutschen Politik ansehen kann, hat auf mich als Kind einen unvergesslichen Eindruck gemacht. Auch wenn ich damals noch nicht so recht begreifen konnte, was Waltraud Schoppe in ihrer legendären Rede am 5. Mai 1983 da über Sexismus im Bundestag und rücksichtslos-lustfeindliche Eherituale in deutschen Betten erzählte. Noch weniger verstand ich die Reaktionen der männlichen Abgeordneten auf diese Rede, ihr hämisches Gelächter und Schenkelklopfen.
Dieser Film setzt nun endlich all jenen tapferen Frauen ein mehr als verdientes Denkmal, die sich dieser unsäglichen, jahrzehntelang niemals hinterfragten Chauvi-Kultur entgegenstellten. Die hochgeachteten männlichen Parlamentarier jener Zeiten, die sich eine solche empörende Herablassung gegenüber ihren forschen jungen Kolleginnen erlauben zu können glaubten, sind mittlerweile alle nicht mehr unter uns. Was für viele der Betreffenden ein Glück ist angesichts der mitunter haarsträubenden Geschichten, die dieser Film über sie erzählt…
Was besonders gelungen ist: Der Film kommentiert und bewertet nichts. Er stellt nur die bewegten Bilder von damals aus und lässt die z.T. hochbetagten Protagonistinnen auf jene Zeiten zurückblicken. Das alles spricht für sich.
Die Unbeugsamen
Deutschland 2021
Länge: 100 Minuten
FSK: 0
Regie: Torsten Körner
Drehbuch: Torsten Körner
Mitwirkende: Herta Däubler-Gmelin, Ingrid Matthäus- Maier, Renate Schmidt, Rita Süssmuth, Christa Nickels u.v.a.
justament.de, 1.11.2021: Stadtschloss sollten sie heißen
Scheiben vor Gericht Spezial: 20 Jahre 2Raumwohnung
Thomas Claer
Wenn man nicht unbedingt auf elektronische Musik steht, dann hat man womöglich immer auch einen weiten Bogen um das Berliner Elektro-Duo „2Raumwohnung“ gemacht, das vor nunmehr zwei Jahrzehnten seine erste Platte „Kommt zusammen“ herausgebracht und dieser noch sieben weitere hat folgen lassen. Doch ist diese Missachtung ein schwerer Fehler gewesen. Zumindest muss der Rezensent sich dies eingestehen, der diese grandiose Musik gerade erst für sich entdeckt hat. Zwar könnte man nun naheliegenderweise zwecks Kompensation darauf verfallen, zur vor knapp einem Jahr erschienenen Best of-CD „20 Jahre 2Raumwohnung“ zu greifen. Doch hätte man damit sogleich noch einen zweiten Fehler begangen, denn dann wäre einem, unter uns gesagt, wirklich eine Menge entgangen. Nein, wer den Zauber von 2Raumwohnung gleichsam in vollen Zügen und ohne Abstriche genießen will, der sollte nicht vor der Anschaffung ihrer sämtlichen Tonträger zurückschrecken. Es lohnt sich ganz unbedingt und ist noch nicht einmal kostspielig. Bei Medimops etwa, dem Second-Hand-Shop unseres Vertrauens, gibt es die 2Raumwohnung-Scheiben schon ab 2 Euro, und alle zusammen kosten kaum mehr als die aktuelle Best-of-Zusammenstellung. (Für solche neumodischen Methoden, sich die Musik stattdessen zu streamen, fehlt unserer Musikredaktion weiterhin jedes Verständnis.)
So wie bestimmte Weine ihr volles Aroma erst nach langer Lagerzeit erreichen, hat die famose Inga Humpe, heute 65 und einst als NDW-Star mit den Neonbabies und DÖF groß herausgekommen (ihr Mega-Hit mit Letzteren hieß damals „Codo“- Codo? Yes, Codo), hat Inga Humpe also, die ferner auch als eine der beiden Humpe-Schwestern von sich reden gemacht hat, ihr wohl wichtigstes musikalisches Projekt erst mit Mitte vierzig begonnen. Und das ist die besagte 2Raumwohnung, origineller Weise benannt nach dieser seinerzeit nur im Osten üblichen Bezeichnung für eine weitverbreitete Behausungsform, in welcher sich Inga Humpe und ihr sieben Jahre jüngerer Mitstreiter Tommi Eckart gleich nach dem Mauerfall in Berlins Osten einquartiert haben – und nach allem, was wir wissen, bis heute noch nicht wieder ausgezogen sind…
Das Besondere an 2Raumwohnung sind ihre frischfröhlich-eingängigen Melodien in Verbindung mit Inga Humpes oftmals hintergründig-vieldeutigen und dabei immer auch intelligenten deutschen Texten. Sehr selbstbewusst, sehr feministisch kommen sie daher, nicht selten frivol und verspielt, dass es eine Freude ist.
Nicht alle ihre Platten sind gleich gut, das ist naheliegend. Aber wer alle gehört hat, wird auf keine von ihnen verzichten wollen. Besonders zu empfehlen sind (in dieser Reihenfolge): „36 Grad“ (von 2007), die beiden Erstlinge „Kommt zusammen“ (2001) und „In wirklich“ (2002) sowie das vorletzte Album „Achtung fertig“ (2013). Und ihre stärksten Songs? Man höre z.B: „Wir trafen uns in einem Garten“, „Nimm mich mit“ und vor allem: „Freie Liebe“. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet daher: gut (14 Punkte).
justament.de, 18.10.2021: Autosexualität
Recht cineastisch, Teil 39: Cannes-Sieger „Titane“ von Julia Docournau
Thomas Claer
In dem großartigen Udo Lindenberg-Song „I love me selber“ aus den frühen Achtzigern heißt es: „Ja, der Trick ist, das begreif ich schnell: nicht hetero-, nicht homo-, sondern autosexuell.“ Nun, nach fast vierzig Jahren, wurde diese Textdichtung erstmals beim Wort genommen: im Film „Titane“ von Julia Ducournau, der tatsächlich die explizite sexuelle Vorliebe einer Frau für Automobile zum Thema hat. Und diese seltsame Dame praktiziert darin ihre absonderliche Neigung auch sehr ausschweifend und geräuschvoll mit diversen Fahrzeugen. (Ja, mit Fahrzeugen und nicht nur in ihnen; wenn auch keineswegs, wie man vielleicht denken könnte, unter Benutzung ihrer, ähem, Stoßstangen…)
Die Rede ist übrigens, das sollte man besser gleich betonen, nicht etwa von einem abseitigen Nischenprodukt der Filmbranche, sondern vom diesjährigen Gewinner der Filmfestspiele von Cannes. Es handelt sich um eine Art Fantasy-Gewalt-Horror-Thriller-Erotik-Drama, oder wie wollte man dieses irrwitzige Erzeugnis sonst bezeichnen? Die letzten Zuckungen des Verbrennungsmotor-Automobilzeitalters treffen hier gleichsam auf die Morgenröte des nichtbinären fetischgetriebenen Menschen, der genau dies auch sein darf…
Die aus gut situierten Verhältnissen stammende 32-jährige Alexia (Agathe Rousselle) arbeitet als laszive Tänzerin bei Verkaufsgalas in Autohäusern. Ein total sexistischer Scheißjob eigentlich, den Alexia aber gleichwohl sehr gerne ausübt aufgrund ihrer bereits erwähnten Zuneigung zu den Fahrzeugen, die wohl auch damit zusammenhängt, dass ihr als Kind nach einem Verkehrsunfall eine Titanplatte in den Kopf eingesetzt worden ist. Vermutlich hat dieser Umstand auch dazu beigetragen, dass man Alexia wohl oder übel als Psychopathin bezeichnen muss, denn sie spricht nicht nur während des ganzen Films so gut wie kein Wort, sondern gibt durch ihr gesamtes Verhalten auch allen ihren Mitmenschen immer wieder neue Rätsel auf. Ferner ist noch von Bedeutung, dass Alexia als äußerst androgyner Typ mit männlichen Gesichtszügen, aber durchaus femininem Körperbau zwar keinem konventionellen Schönheitsideal entsprechen mag, doch bei manchen Menschen mit speziellen Vorlieben wahre Begeisterungsstürme entfacht.
Als sie nun eines Tages von einem aufdringlichen Fan verfolgt wird, begeht sie ihren ersten Mord: Sie durchbohrt ihr Opfer mit einer Haarnadel. Und diesem Tötungsdelikt folgen dann in der Absicht, dieses zu vertuschen, noch mehrere weitere. Um sich zu tarnen, nimmt Alexia schließlich eine neue Identität an und gibt sich erfolgreich als der seit Jahren vermisste Sohn eines älteren Feuerwehrmanns (Vincent Lindon) aus. Und diesem bricht sie schließlich das Herz, was aber erstaunlicherweise auch auf Gegenseitigkeit beruht. Selbst als Alexia ihre fortgeschrittene Schwangerschaft (der Erzeuger ist ein roter Cadillac) nicht mehr verbergen kann, bleibt ihr der Feuerwehrmann in bedingungsloser Liebe zugetan. Am Ende bringt sie mit seiner Hilfe statt eines Kindes einen monströsen Basilisken zur Welt, was sich zuvor bereits dadurch angekündigt hat, dass ihr fortwährend aus allen Körperöffnungen und selbst aus ihren Brüsten Maschinenöl tropft…
So manches kann man diesem Film vorhalten: die abstoßende Brutalität seiner Gewaltszenen etwa, auch seine stilistische Bombastik. Doch erleben wir auch eine umwerfend spielende Agathe Rousselle, die mit dieser Rolle zu einem der ersten nichtbinären Superstars der Filmbranche aufgestiegen sein dürfte. Und nicht zuletzt feiert der Film in starken Bildern die Schönheit ihres nackten schwangeren Körpers. Die reichlich schräge Handlung tritt dagegen in den Hintergrund… Kurzum, wer „Titane“ nicht kennt, hat wirklich etwas verpasst.
Titane
Frankreich/Belgien 2021
Regie: Julia Docournau
Drehbuch: Julia Docournau
Länge: 108 Minuten
FSK: 16
Darsteller: Agathe Rousselle (Alexia/Adrien), Vincent Lindon (Vincent) u.v.a.
justament.de, 18.10.2021: Das Rätsel unserer Existenz
Thomas Claer empfiehlt Spezial: Zum 100. Geburtstag von Hoimar v. Ditfurth
Als ich damals, Ende der Achtziger, im jugendlichen Alter die populärwissenschaftlichen Bücher des unvergesslichen Hoimar v. Ditfurth (1921-1989) regelrecht verschlungen habe, hat das einen überwältigenden Eindruck auf mich gemacht. Die Evolution des Lebendigen auf unserem Planeten, die Entwicklung des Universums seit dem mutmaßlichen Urknall, die Herausbildung der Sterne und Planeten – nichts hat mich damals brennender interessiert, als den Geheimnissen unseres Daseins auf die Spur zu kommen. Und natürlich führte der Weg mich dann von der Naturwissenschaft direkt zur Philosophie und unvermeidlich auch zu Metaphysik und Religion. Als Türöffner in solche Untiefen diente mir vor allem das wohl spekulativste – und gerade deshalb für mich aufregendste – Buch Hoimar von Ditfurths: „Wir sind nicht nur von dieser Welt. Naturwissenschaft, Religion und die Zukunft des Menschen“ aus dem Jahr 1981. Nach der Lektüre stand für mich fest, dass ich mich erst ganz am Anfang meiner diesbezüglichen Überlegungen befand und sie in meinem weiteren Leben unbedingt intensiv weiterverfolgen wollte. Doch wenn ich nun, nach mehr als drei Jahrzehnten, zurückblicke, fällt das Ergebnis leider ernüchternd aus. Da steht man also nun, man armer Tor, und ist eigentlich auch nicht viel schlauer geworden als zuvor…
Die bemerkenswerteste Aussage der Ditfurth-Bücher scheint mir immer noch die zu sein, dass es „Verstand auch ohne Gehirne“ gibt. Demnach ist die Evolution bereits lange, bevor es Individuen mit zerebralen Strukturen gab, auf eine Weise abgelaufen, die man als intelligent bezeichnen kann. Noch zugespitzter und spekulativer heißt es im besagten Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ sogar, dass „der Geist“ nicht erst mit intelligenten Lebensformen in die Welt gekommen sein könne, sondern mutmaßlich bereits von Anfang an zumindest in ihr angelegt gewesen sein müsse. Die im Laufe der Evolutionsgeschichte immer komplexer gewordenen Gehirne hätten so gesehen nur etwas in immer stärkerem Maße “aufgenommen”, das auch schon vor ihnen vorhanden war, womöglich schon seit dem Urknall.
Der große Hoimar v. Ditfurth hat nun daraus u.a. abgeleitet, dass sich naturwissenschaftliche und religiöse Weltbilder nicht unbedingt widersprechen müssen, und sogar ausdrücklich für einen Brückenschlag zwischen den sich traditionell feindlich gegenüberstehenden beiden Weltdeutungen plädiert. Problematisch daran ist vor allem, dass sich die großen Weltreligionen und ganz besonders gewisse sektiererisch-extremistische Gruppierungen, die aus ihnen hervorgegangen sind, durch solche „Brückenschläge“ in ihren abstrusen Weltbildern bestätigt fühlen können, u.a. mit der Folge, dass in manchen amerikanischen Bundesstaaten an den Schulen mittlerweile „Intelligent Design“ statt der Darwinschen Evolutionstheorie gelehrt wird. Das Verzwickte daran ist ja, dass man als denkender Mensch mit allen praktizierenden Religionen eigentlich nichts zu tun haben will, da sie nur wenig mehr als Menschheitsunterdrückungs- und Kontrollideologien sind, die sich das metaphysische Bedürfnis ihrer Anhänger zunutze machen und ihnen dabei immerhin als Nebeneffekt noch gelegentlich soziale Wohltaten erweisen. Andererseits sind die Naturwissenschaften und insbesondere die sich aus ihnen ergebenden Weltbilder aber so unbefriedigend und offensichtlich tautologisch, allen voran die Evolutionstheorie, dass man ihre (orthodoxen) Anhänger für ähnlich einfältig halten kann wie die Religionsgläubigen.
Doch was macht das mit einem, dass man hier, wo es im Leben endlich einmal interessant wird, niemals wirklich weiterkommt? Man schiebt es irgendwann beiseite und kümmert sich um andere Dinge. Oder man beneidet diejenigen Mitmenschen mit religiösen oder atheistischen Überzeugungen, die mit sich und der Welt im Reinen sind…
Heute vor 100 Jahren und drei Tagen wurde der große Naturforscher und Brückenbauer Hoimar v. Ditfurth geboren, der seinen Lesern und Fernsehzuschauern das Wunder ihrer Existenz vor Augen geführt und sie vom anthropozentrischen Mittelpunktswahn erlöst hat.
justament.de, 27.9.2021: Kurt Cobain der Oberstufe?
Scheiben Spezial: 30 Jahre „Nevermind“ von Nirvana. Ein persönlicher Rückblick
Thomas Claer
Ende September 1991, vor dreißig Jahren, erschien die Platte „Nevermind“ der amerikanischen Grungerock-Band Nirvana mit ihrem Single-Hit „Smells Like Teen Spirit“, dessen Video, eine wilde kollektive Headbanging-Orgie, zu jener Zeit immer und immer wieder im Musikfernsehsender MTV gespielt wurde. Ich war damals 19 Jahre alt, Gymnasiast in Bremen und – was ganz wichtig war – ich hatte lange Haare und trug eine Lederjacke. Das war natürlich gutes Timing, denn bis einem die Haare so richtig lang gewachsen sind, dauert es ja schon mindestens zwei Jahre. Und nun, als sie also endlich lang genug waren, lief auf unseren Feten, wie wir unsere ausgelassenen Zusammenkünfte damals nannten, immerzu dieses Lied von Nirvana, und alle bewegten dazu heftig ihre Köpfe, und wer konnte, warf auch seine Haarmähne dabei wild durch den Raum. Ich jedenfalls konnte das – und erntete dadurch regelmäßig bewundernde Blicke meiner Altersgenossen, was ich auch immer sehr genoss.
Überhaupt war es damals ein großartiges Lebensgefühl für mich, so lange Haare zu haben. Schon morgens beim Aufwachen kam es mir vor, als ob mich mit den langen Haarsträhnen zugleich auch ein Gefühl von Freiheit umwehte. Dabei hatte ich natürlich von Kurt Cobain und Nirvana noch nichts ahnen können, als ich mich irgendwann zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung entschloss, die Haare von nun an einfach wachsen zu lassen. Es war wohl eher eine Art Protesthaltung, denn ich hatte das zu dieser Zeit nur noch seltene Glück, Eltern zu haben, die sich über so etwas aufregten. Während die superliberalen Eltern meiner Bremer Schulfreunde aus dem gehobenen Bürgertum es alle ganz prima fanden, dass meine Haare immer länger wurden, reagierte insbesondere mein Vater darauf mit Entsetzen. Na gut, wir waren Zugezogene aus dem Osten, da hatte es ja gewissermaßen kein 1968 gegeben. Und nun erlebte ich im freien Westen langhaarige Lehrer, die mir etwas über Rockmusik erzählten. Begeistert holte ich also für mich – gleichsam im Zeitraffer – die emanzipatorischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte nach….
Darüber hinaus war mein neues Erscheinungsbild auch noch mit weiteren Vorteilen für mich verbunden. Offenbar wirkte ich nun endlich nicht mehr ganz so jung und kindlich, was bis dahin mein ständiges Problem gewesen war. Als ich mit zwei Freunden eine Disco besuchte, wurde ich vom Türsteher umstandslos hineingelassen, während er von meinem kurzhaarigen Freund S, der sogar ein Jahr älter war als ich, zur Kontrolle seiner Volljährigkeit den Ausweis verlangte. Ferner bemerkte ich, dass ich mit meiner immer länger werdender Haarpracht auch von den Mädchen ganz anders wahrgenommen wurde als zuvor. Was allerdings, wenn man so schüchtern war wie ich, noch nicht viel zu bedeuten hatte… Dennoch sehe ich mich, wenn ich heute mein Foto von damals betrachte, rückblickend fast schon als eine Art Kurt Cobain unserer Oberstufe. Es hat nur keiner gemerkt…
Ein verstörendes Erlebnis hatte ich aber dann doch, im berühmten Club „Lila Eule“ im Steintor-Viertel. Ich zögere noch etwas, ob ich das jetzt wirklich schreiben soll. Aber warum eigentlich nicht? Ich stand dort also eines Nachts nahe der Tanzfläche, als ein unbekanntes bildhübsches Mädchen direkt auf mich zukam, mich leidenschaftlich umarmte und sogleich stürmisch auf den Mund küsste. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und leistete keinen Widerstand. Allerdings schien sie schon reichlich alkoholisiert zu sein, denn ihre Zunge schmeckte nach diversen hochprozentigen Getränken. Nach einiger Zeit hielt sie inne, sah mich durchdringend an und fragte mich: „Kaufst du mir einen Sekt?!“ Erschrocken wanderten meine Augen zur Preistafel über dem Tresen. Ein Glas Sekt kostete 3 DM. Oha, so teuer! Einen Moment lang überlegte ich. Dann sprang ich über meinen Schatten, sagte „Na gut“ und kaufte ihr das begehrte Getränk, das sie sich sofort in einem Zug sozusagen hinter die Binde kippte. Einen Moment später war sie verschwunden, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Es wäre auch aussichtslos gewesen, im dichten Gedränge der Umstehenden nach ihr zu suchen, um sie zur Rede zur Stellen. In diesem Augenblick habe ich mir geschworen: So etwas soll mir nie wieder passieren!!
Drei Jahre später war ich schon im zweiten Semester des Jura-Studiums und hatte nun keine Lust mehr auf lange Haare. Was ich aber nicht bedacht hatte: Mit meiner neuen Kurzhaarfrisur wirkte ich zu meinem Leidwesen gleich wieder ein paar Jahre jünger. Als in einem Supermarkt zum Jubiläum Sekt ausgeschenkt wurde, wollte ich mir auch ein Glas nehmen. Doch da fragte mich der Verkäufer streng: „Bist du überhaupt schon 18? Zeig mal deinen Ausweis!“ Hastig zog ich mein Portemonnaie aus der Tasche. Da bemerkte ich, dass ich, warum auch immer, meinen Ausweis nicht dabei hatte. Mein Gott, wie peinlich! Ich wollte vor Scham im Erdboden versinken! „Haha“, lachte der Verkäufer. „Wir schenken nämlich keinen Alkohol an Minderjährige aus.“ Dabei war ich schon 22 und konnte es nur nicht beweisen. Was für eine Demütigung! Hätte ich meine Haarpracht doch nur länger behalten, dachte ich. Doch sie kam auch später nie wieder zurück.
justament.de, 13.9.2021: Berlin vor 90 Jahren
Berlin vor 90 Jahren
Recht cineastisch, Teil 38: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf
Thomas Claer
Als Filmkritiker nimmt man sich ja gerne den unvergessenen Hellmuth Karasek zum Vorbild, der einmal unmittelbar nach einem Kinobesuch, wie seine Begleiterin später zu berichten wusste, sich bei ihr entschuldigte, er müsse mal ganz kurz telefonieren, dabei der SPIEGEL-Kulturredaktion seine bereits im Kinosaal gedanklich druckfertig getextete Filmrezension in den Hörer diktierte und sodann mit seiner Gefährtin ins Restaurant ging. Aber so etwas geht natürlich nicht bei jedem Film und keinesfalls bei einer spektakulären Literaturverfilmung, die im Nachgang eine intensive Auseinandersetzung sowohl mit jener selbst als auch mit der literarischen Vorlage verlangt.
Klare Sache, die neue „Fabian“-Verfilmung von Dominik Graf ist, obwohl sie bei der Berlinale leer ausging, ein cineastisches Großereignis. Vielleicht ist sie sogar, wie es in der Süddeutschen Zeitung hieß, die wichtigste deutsche Literaturverfilmung seit Schlöndorffs „Blechtrommel“ von 1979. Und in der Tat haben Graf und sein Team bei der Adaption von Erich Kästners Berlin-Roman aus dem Jahr 1931, die erkennbar auf der „Babylon Berlin“-Welle reitet, eine Menge richtig gemacht.
Zu frei nach Kästner?
Schon die Besetzung lässt sich als ein Glücksfall bezeichnen. Tom Schilling, der leptosome Schönling, ist natürlich geradezu prädestiniert für die Rolle des Fabian, des jungen promovierten Werbetexters, der Anfang der Dreißiger durchs Berliner Nachtleben streunt und dem alle Frauen zu Füßen liegen. Auch gibt Saskia Rosendahl eine mehr als passable Cornelia Battenberg, Fabians ehrgeizige bildhübsche Freundin, die – obgleich promovierte Juristin – eine große Filmkarriere als „neuer Frauentyp“ mit akademischer Bildung einschlägt, die sie allerdings schnurstracks durch das Bett des Filmproduzenten führt. Wirklich toll ist ferner Meret Becker als nymphomanische Anwaltsgattin Irene Moll, die die ganze Zeit hinter Fabian her ist. Und auch alle anderen Rollen sind durchweg überzeugend besetzt.
Ebenfalls kann sich die filmische Umsetzung sehen lassen, wenngleich hier und da vielleicht doch eine Spur zu viele technische Mätzchen eingebaut worden sind, aber zumindest stören sie den Filmgenuss nicht weiter. Selbst die Länge von mehr als drei Stunden geht in Ordnung, da eine noch stärkere Kürzung des Romaninhalts dem ganzen Unterfangen zweifellos geschadet hätte. Doch genau hier, beim Drehbuch, beginnt die Problematik dieser Verfilmung. Gewiss, schon im Vorspann heißt es „Frei nach Erich Kästner“, womit sich die Drehbuch-Autoren gewissermaßen Absolution für alle ihre inhaltlichen Eingriffe verschaffen. Dagegen ist auch grundsätzlich nichts zu sagen. Schwierig wird es nur, wenn dann, wie es hier leider oft der Fall ist, so manches hinten und vorne nicht mehr zusammenpasst. Die inhaltlichen Merkwürdigkeiten treten dann, besonders zum Ende hin, so gehäuft auf, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als sich nach dem Film noch einmal den Roman vorzunehmen, dessen erstmalige Lektüre bei mir allerdings schon mehr als ein Vierteljahrhundert zurückliegt…
Lies nach im Roman!
Das wiederum erweist sich dann aber auch als Glücksfall, denn man liest das Buch naturgemäß mit ganz anderen Augen als damals im Studentenwohnheim. „Fabian“, soviel ist sicher, darf man getrost zu den großen deutschen Gesellschaftsromanen rechnen. Es ist ein überaus kluges Buch, womöglich sogar klüger als es sein damals 32-jähriger Autor gewesen ist, als er es zu Papier gebracht hat. Und es gibt so unendlich vieles darin, was einem, zumal aus heutiger Perspektive, ins Auge springt. Eine Welt im Umbruch mit modernen Institutionen, aber reichlich antiquierten Verhaltensweisen. Junge alleinstehende Menschen wohnen in aller Regel bei Hauswirtinnen, die für sie kochen, waschen und sogar ihre Zimmer aufräumen. Von Datenschutz oder Privatsphäre hat man damals überhaupt keinen Begriff. Dass plötzlich die besorgte Mutter des Protagonisten im Zimmer steht, weil dieser ihr einige Tage lang nicht geschrieben hat, wird von niemandem als übergriffig empfunden. Hingegen sind regelmäßige Bordell-Besuche für Männer jeden Alters mehr oder weniger sozial akzeptiert, ebenso der Umstand, dass sich ärmere Frauen und insbesondere Künstlerinnen prostituieren.
Besonders spannend ist auch die detaillierte Schilderung der wirtschaftlichen Aspekte des damaligen Alltagslebens. Man erfährt sehr genau, was alles so kostet, die Miete und der Kaffee, und wieviel ein Angestellter verdient. Wer damals in Berlin lebte, hatte demnach schon erhebliche Ausgaben. Für die täglichen Einkäufe gab es ja auch noch keine preisgünstigen Discounter. Daran gemessen waren die Einkünfte durch Erwerbsarbeit äußerst bescheiden, so etwas wie regelmäßige Urlaubsreisen für breite Bevölkerungsschichten kaum erschwinglich. (Woran man gut erkennt, auf welch hohem Niveau heute so gejammert wird…) Dennoch pulsierte das Nachtleben schon ganz ähnlich wie heute, nur dass sich darin noch so viel Ständisches erhalten hatte. Und es war weitgehend einer relativ kleinen, sehr gut verdienenden akademischen Oberschicht vorbehalten. Längst nicht jeder, der wollte, konnte mitmachen. Fabian mit seinem kleinen Einkommen profitiert hier von seinem aus großbürgerlichem Hause (Villa in Grunewald!) stammenden Freund Labude, der ihm immer wieder mit ein paar Scheinen behilflich ist.
Vier „Dinge“, mindestens
Sehr aufschlussreich ist auch, was man über das – wie man es heute nennt – „Männer-Frauen-Ding“ erfährt. Einerseits treten im Roman vielfach sehr selbstbewusste und moderne Frauenfiguren auf. Die erotomanische Anwaltsgattin Irene Moll verwirklicht schließlich ihren Jugendtraum und eröffnet ein Männer-Bordell. Die Mutter von Fabians Freund Labude, ebenfalls die Frau eines Anwalts, lebt die längste Zeit des Jahres in der Schweiz (während ihr Mann, ein berühmter Strafverteidiger, sich zu Hause in Berlin allen nur denkbaren erotischen Eskapaden hingibt). Doch andererseits droht den jungen Frauen noch sehr real die gesellschaftliche Ächtung durch ungewollte Schwangerschaft, und viele zeigen ein großes Interesse an Ehelichung einer in ihren Augen guten Partie. Wer wie Fabians große Liebe Cornelia eine akademische Ausbildung durchlaufen hat (sie ist promovierte Juristin!), träumt dennoch den Traum von der großen Filmkarriere als Schauspielerin und lässt sich dafür bereitwillig vom Filmproduzenten, Typ Harvey Weinstein, erotisch benutzen.
Ist das Buch also, was ihm ja manchmal vorgeworfen wird, insofern frauenfeindlich, weil die Frauenfiguren in ihm so negativ gezeichnet sind? Gegenfrage: Warum sollten Frauenfiguren sich immer als positive Rollenvorbilder eignen? Die männlichen Figuren tun dies doch schließlich auch nicht. Womit wir beim „Moral-Ding“ wären. Die „Geschichte eines Moralisten“ ist natürlich auch ein Stück weit ironisch aufzufassen. Ja, Fabian und erst recht sein Freund Labude sind stets hochmoralisch argumentierende Weltverbesserer (mit interessanten Unterschieden in ihren Weltbildern), aber in ihrem Verhalten dann keineswegs besonders menschenfreundlich, wenn es etwa um die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen geht. Zwar schlägt Fabian, obwohl er nach seinem Jobverlust eigentlich dringend darauf angewiesen wäre, gleich mehrmals lukrative berufliche Offerten seitens Irene Molls aus, da er spürt, dass diese ihre auf ihn gerichteten amourösen Ambitionen noch längst nicht aufgegeben hat. Aber tut er dies wirklich aus grundsätzlicher Treue zu seiner Freundin Cornelia? Später im Roman beginnt er eine Affäre mit einer verheirateten Dame im Wedding, noch später lässt er sich in einem Bordell in Dresden auf die Zudringlichkeit einer jungen Prostituierten ein, die ihm ihre Dienste gratis zukommen lässt. (Diese beiden Episoden bleiben im Film jeweils ausgespart.) Aber woanders tut er auch eine Menge Gutes, verhilft einem Obdachlosen zu einer Mahlzeit im Restaurant, lässt sogar einen Wohnungslosen zu Hause auf seinem Sofa schlafen, bis hin zur verunglückten Rettungsaktion eines kleinen Jungen, bei der er selbst ums Leben kommt. Aber wer handelt schon immer konsequent?
Was hingegen in diesem Buch sehr überzeugend beschrieben wird, ist das, was man das „Angry-Young-Man-Ding“ nennen könnte. Die jungen Leute sind empört über die von ihnen beobachteten Missstände und fühlen sich ihrem gesellschaftlichen Umfeld moralisch überlegen, ohne dabei zu bemerken, wie fragwürdig sie sich selbst in ihrem Alltag verhalten. Zwar haben sie, Fabian und Labude, mit ihrer Gesellschaftskritik in vieler Hinsicht recht. Aber gerade in der Spätphase der Weimarer Republik wäre es eigentlich darauf angekommen, mit viel Pragmatismus das zarte Pflänzchen der Demokratie zu schützen und das Schlimmstmögliche zu verhindern; was dann aber prompt eingetreten ist, auch weil eine aufgeklärte junge Generation mit ihrem übersteigerten Moralismus und Sozialromantizismus der Demokratie noch fortwährend Knüppel zwischen die Beine geworfen hat…
Und dann natürlich – eng damit verbunden – das „Verletzter-Stolz-Ding“. Fabian glaubt als promovierter Germanist quasi einen Anspruch darauf zu haben, dass ihm der Arbeitsmarkt einen exzellenten und gutbezahlten Job offerieren möge. Dass dies nicht der Fall ist, sieht er als Systemversagen an und sinniert über die Vorzüge staatlicher Planwirtschaft, statt die historischen Besonderheiten der großen Depression, die Weltwirtschaftskrise zu berücksichtigen… Aber woher soll er so etwas wissen? Die unentwegt an jeder Ecke zu vernehmenden „So wie jetzt kann es nicht mehr weitergehen“ und „Es muss bald einen großen Knall geben“ lesen sich jedenfalls wie düstere Vorzeichen der bald erfolgenden Machtergreifung der Nazis.
Kurzum, dieser zumeist unterschätzte kleine Roman breitet ein sehr lebendiges und buntes Panorama Deutschlands und insbesondere Berlins vor 90 Jahren aus. Zwar war Erich Kästner nicht unbedingt der ganz große sprachliche Stilist, aber das wollte er vermutlich gar nicht sein. Vielmehr agierte er, der sich ja vor allem auch als Kinderbuchautor einen Namen gemacht hat, eher aus einer journalistisch-satirischen Ecke heraus. Und das Buch ist glänzend durchkomponiert, die Handlung sehr durchdacht, was sich vom Drehbuch zum Film hingegen nur eingeschränkt sagen lässt. Wobei der Film teilweise auch auf die vor acht Jahren aus der Versenkung hervorgeholte (damals wegen sittlich anstößiger Stellen vom Verlag abgelehnte) Urversion des Romans zurückgegriffen hat, die sich aber nur relativ geringfügig von der späteren Version unterscheidet, wie sich dem einschlägigen Wikipedia-Eintrag hierzu entnehmen lässt.
Eingriffe ohne Not
Womit wir also wieder beim Film angelangt wären. Dass ihm manche Kritiker den Vorwurf machten, er hätte Längen, lässt sich nur mit fehlender Lektüre der Romanvorlage durch die Betreffenden erklären. Wer den Roman kennt, dem wird der Film eher arg zusammengekürzt vorkommen. Dass das Drehbuch die Reihenfolge vieler Ereignisse auf den Kopf stellt, lässt sich vielleicht noch aus Gründen der Erzählökonomie rechtfertigen, denn so ein Film sollte nach Möglichkeit nicht vier oder fünf Stunden lang sein.
Viel gravierender sind aber die zahlreichen inhaltlichen Eingriffe ohne erkennbare Not dazu. Hier nur ein paar besonders krasse Beispiele: Fabian kauft ein teures Geschenk für Cornelia, nämlich ein schönes Kleid, und übergibt es ihr im Beisein seiner finanziell wie er selbst nicht auf Rosen gebetteten Mutter. Das ist ohne Frage sehr taktlos gegenüber der Mutter und passt überhaupt nicht zu Fabians Persönlichkeit. Im Buch findet sich auch nichts davon, dort erbittet sich lediglich Cornelia von Fabian einen Zuschuss zur Anschaffung eines Kleides fürs Vorsprechen für die Filmrolle. Zum Ende des Filmes heißt es plötzlich, Cornelia, die promovierte Juristin, sei im Wedding aufgewachsen, im sprichwörtlich roten Berliner Arbeiterbezirk. Was vollkommen unplausibel ist, denn dann würde sie niemals so sprechen und sich so verhalten, wie sie es tut. Im Buch ist sie wie Fabian eine Zugezogene aus der Provinz, vermutlich aus Süddeutschland, die in der Liebesszene bayrischen Schuhplattler tanzt. Das wiederum tut sie aber auch im Film, obwohl sie angeblich aus dem Wedding stammen soll… Der Geheimrat, der Ordinarius der Fakultät, der über Labudes Habilitationsschrift, zu befinden hat, wird im Film kurzerhand zum Nazi gemacht, der eine neue autoritäre Führung herbeisehnt. Im Buch kann davon keine Rede sein. Hier verkörpert der Geheimrat eher die besseren Tendenzen an der Universität, die es ja damals auch noch gegeben hat. Für die NS-Strömung steht hingegen dessen Assistent, was den Filmemachern aber wohl nicht genügt hat…
Gruß von Schillers “Taucher”
Und schließlich noch der schwerwiegendste Eingriff: Noch als Fabian nach zahlreichen Schicksalsschlägen Berlin den Rücken gekehrt hat und sich bereits wieder in seiner Heimatstadt Dresden aufhält, hält er im Film Kontakt mit Cornelia, die in der Wohnung lebt, die der Filmproduzent für sie angemietet hat, und verabredet sich mit ihr. Und während Fabian bei der oben erwähnten Rettungsaktion im Fluss ertrinkt, wartet Cornelia sehr lange und vergeblich in einem Berliner Café auf ihn. Das ist natürlich eine charmante Anspielung auf die Ballade „Der Taucher“ von Friedrich Schiller:
Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.
Doch verkehrt dies die literarische Situation, wie sie aus der vorhergehenden Handlung entstanden ist, geradezu in ihr Gegenteil. So abgebrüht ist Fabian im Buch natürlich nicht, dass er es dauerhaft erträgt, wie Cornelia sich, um die begehrte Rolle zu bekommen, dem Filmproduzenten hingibt. Der Roman-Fabian, seinem Anspruch nach schließlich ein Moralist, ist weit davon entfernt, sich mit dieser Situation zu arrangieren, sondern ihm dient die Ausweglosigkeit seiner von Cornelia enttäuschten Liebe vielmehr als Anlass, Berlin zu verlassen. Durch diese Abweichung von der Romanhandlung schlägt der Film am Ende eine völlig andere Richtung ein, die auch seine Gesamtaussage entsprechend beeinflusst und zumindest beim aufmerksam mitdenkenden Zuschauer für nicht geringe Verärgerung sorgt.
Aber na gut, es ist nicht mehr zu ändern. So könnte dieser trotz allem sehr sehenswerte Film immerhin auch dafür sorgen, dass der eine oder andere Zuschauer vielleicht noch einmal die Romanvorlage aus dem Regal hervorzieht…
Fabian oder Der Gang vor die Hunde
Deutschland 2021
186 Minuten / FSK 12
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Dominik Graf / Christian Lieb
Darsteller: Tom Schilling (Jakob Fabian), Saskia Rosendahl (Cornelia Battenberg), Albrecht Schuch (Stephan Labude), Meret Becker (Irene Moll) u.v.a.
justament.de, 6.9.2021: Das einzig umstrittene EoC-Album
Sentimentale Betrachtungen nach 27 1/2 Jahren
Thomas Claer
Von Element of Crime mag man entweder alles oder nichts. Darüber wenigstens herrscht wohl noch weitgehende Einigkeit. Nur über ihr siebtes Studio-Album mit dem klangvollen Titel „An einem Sonntag im April“ gehen die Meinungen, selbst unter eingefleischten EoC-Anhängern, bis heute erheblich auseinander…
Für mich jedenfalls war diese Platte, damals, im Frühjahr 1994, eine riesige Enttäuschung. Mit „Weißes Papier“ hatte es bei mir 1993 angefangen, dann besorgte ich mir das zwei Jahre zuvor erschienene „Damals hinterm Mond“ und war bereits zum ehrfürchtigen Bewunderer dieser Musik und insbesondere auch ihrer stets hintergründigen Texte geworden. Klar, so mit Anfang 20 ist man ja oftmals sehr begeisterungsfähig… Doch während ich noch damit beschäftigt war, mir das englischsprachige Frühwerk dieser Band zu erarbeiten und auch dabei Songperlen in großer Zahl entdeckte, ging bereits ihre dritte deutschsprachige Platte an den Start. Beim ersten Hören fiel ich dann aber leider aus allen Wolken. Schlagerhaft und seicht kamen die neuen Songs mir vor. Was hatte dieses saft- und kraftlose Zeug mit der Band zu tun, die ich so ins Herz geschlossen hatte?! Immerhin, die zweite Hälfte des Albums wurde dann etwas besser, und mit „Im vorigen Jahr“ war sogar noch ein richtig starker Titel dabei. Aber alles andere war für mich nur schwer zu ertragen. Umso irritierender allerdings war es für mich, dass die Platte in den seinerzeit noch sehr einflussreichen Musikzeitschriften durchweg hervorragende Kritiken bekam. War denn vielleicht mit mir etwas nicht in Ordnung?!
Im Laufe der Jahre wurde mein Urteil dann allerdings zunehmend milder. Auch wenn der „Sonntag im April“ bei weitem nicht mit den Vorgänger- und Nachfolgeralben der Elements mithalten konnte, so sah ich ihn doch immer mehr als interessanten Exkurs in stilistisch abgelegene Gebiete mit ganz eigenem Charme. Und das besagte „Im vorigen Jahr“ mit seinen unwiderstehlichen Streicher-Passagen und seiner wunderbar lakonischen Beschreibung einer behutsamen Annäherung in Zeitlupe wurde sogar zu einem meiner Allzeit-Favoriten aus dem Oeuvre der Band.
Doch nun das. In ihrem aktuellen Podcast „Narzissen und Kakteen“, das in 15 Folgen Gespräche der drei maßgeblichen Protagonisten über alle ihre Langspiel-Publikationen bis zu „Lieblingsfarben und Tiere“ enthält, distanzieren sich die Musiker nunmehr scharf von dieser (aber auch nur von dieser!) Platte: Ein Schnellschuss sei der „Sonntag im April“ gewesen, die Band sei damit auf Abwege geraten, eine einzige Verirrung sei diese Platte gewesen. Und nur weniger als eine Handvoll Höhepunkte auf dieser lassen sie gelten, darunter das grandiose Streicher-Arrangement von Orm Finnendahl in „Im vorigen Jahr“. So wie ein bekannter Regisseur einmal bekundet habe, manche Filme mache man nur wegen einer einzigen Szene, seien die Streicher im „Vorigen Jahr“ also gewissermaßen diese „Szene“ im Album, das man ansonsten weitgehend vergessen könne, auch wenn es ja durchaus seine Liebhaber gefunden habe, aber diese Musik sei nun einmal wirklich nicht das, was die Band eigentlich ausmache, und auch die Texte seien ziemlich schwach…
Insofern sei es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Band kaum jemals ein Lied von diesem Album live gespielt habe, nicht einmal „Im vorigen Jahr“, denn darin, so Sven Regener, sei ihm die Stimmlage zu tief, das könne er live einfach nicht singen. Was aber wirklich sehr schade ist! Und daher hier nun folgender Vorschlag: „Im vorigen Jahr“ wird noch einmal neu eingespielt (und später dann auch entsprechend live zum Besten gegeben), und zwar im stimmlichen Duett mit Stella Sommer von „Die Heiterkeit“, die alle tieferen Passagen übernimmt und deren Stimme mühelos bis in alle Tiefen hinabreichen dürfte. Und bei dieser Gelegenheit wird das bisher dreistrophige Lied, das sich textlich nacheinander – warum auch immer – lediglich dem Frühling, dem Sommer und dem Winter widmet, noch um eine längst überfällige vierte bzw. dann einzufügende neue dritte Strophe über die bislang zu Unrecht ausgesparte Jahreszeit Herbst ergänzt. Dafür hier ein Textvorschlag aus der Feder des Rezensenten zur freien Verwendung:
Bunte Blätter wuseln im Wind
Ein halbwegs Erwachsener stellt sich blind
Beim Drachensteigen im Herbst im vorigen Jahr
Ein altes Brett und ein Fliegerschein
Mehr brauchte es nicht, um dabei zu sein
Beim Drachensteigen im Herbst im vorigen Jahr
Wenn unsere Drachen sich zufällig trafen
Dann hast du gelächelt und ich war peinlich berührt
Denn täglich hab ich dich dort ausspioniert
Und du mich an der ganz langen Leine geführt
Beim Drachensteigen im Herbst im vorigen Jahr
Element of Crime
An einem Sonntag im April
Universal Music 1994
ASIN: B000026V8O
justament.de, 16.8.2021: 60 Jahre Mauerbau, 40 Jahre Verunzierung eines Fotos
Eine Geschichte aus der Schulzeit
Thomas Claer
Vor 60 Jahren und drei Tagen hat die DDR die Berliner Mauer errichtet. Vor fast 50 Jahren bin ich hinter dieser Mauer in der DDR geboren worden. Und vor ca. 40 Jahren, so ganz genau kann ich es nicht mehr sagen, jedenfalls muss ich wohl damals in der 3. oder 4. Klasse gewesen sein, wäre mir ein ikonisches Schwarzweiß-Foto vom Mauerbau beinahe zum Verhängnis geworden. Es war in unserem Heimatkunde-Buch abgedruckt und zeigte vier uniformierte Männer mit sehr entschlossenem Gesichtsausdruck, die jeweils ihren Finger am Abzug ihrer bedrohlich großen Gewehre hatten. Vor allem aber standen sie direkt vor dem Brandenburger Tor und schienen dieses zu bewachen. Es waren, wie die unter dem Bild stehende Beschriftung verriet, keine Soldaten, sondern Angehörige der „Kampfgruppen“, einer zusätzlich rekrutierten, heute würde man vielleicht sagen: paramilitärischen Einheit neben Polizei und Armee, die dort im Einsatz waren und – wie uns von unserer Lehrerin eingeschärft wurde – heldenhaft die Staatsgrenze unserer Deutschen Demokratischen Republik gegen westliche imperialistische Provokateure verteidigten.
Tatsächlich habe ich dieses Bild sofort wiedererkannt, als es vor einigen Tagen in einer Rückblende im „Heute Journal“ gezeigt wurde. Und es war auch gar nicht schwer, es aus dem Internet zu fischen. Wenn ich es heute, mit so großem zeitlichen Abstand, noch einmal betrachte, dann wirft es bei mir allerdings Fragen auf, die ich mir früher begreiflicherweise nie gestellt habe. Auf welcher Seite des Brandenburger Tores stehen diese Kampfgruppen denn eigentlich? Und auf wen richten sie ihre Gewehre? Entweder stehen sie auf der Ost-Seite und drohen der eigenen fluchtwilligen Bevölkerung, dann wäre das Bild aber ein grandioses propagandistisches Eigentor gewesen… Oder sie stehen auf der West-Seite und drohen dem Westen. Aber dann würden sie doch noch hinter den ganzen östlichen Grenzschutzanlagen stehen, und wie konnte überhaupt ein Fotograf auf dieses verminte Gelände gelangen?
Damals, als Dritt- oder Viertklässler, lagen mir solche Überlegungen natürlich noch fern. Und es hatte auch ganz bestimmt keinen politischen Hintergrund, dass ich frecherweise den Männern auf diesem Foto während des langweiligen Unterrichts mit dem Bleistift Bärte und Brillen gemalt hatte. (Schon seinerzeit hatte ich offenbar eine besondere Vorliebe für die kreative Bearbeitung von Fotomaterial…) Woraufhin unsere überaus strenge und politisch ultra-linientreue Klassenlehrerin ein riesiges Fass aufmachte, so dass ich gar nicht mehr wusste, wie mir geschah. Entrüstet und bebend vor Zorn hielt sie das Heimatkunde-Buch mit meiner Foto-Collage vor der Klasse in die Höhe, machte dabei ein angewidertes Gesicht und schimpfte mit schneidender Stimme, dass ich diese Männer, die heldenhaft unseren Sozialismus verteidigten, ins Lächerliche zöge und wie ich mich nur erdreisten könnte. Dabei hatte ich mir wirklich überhaupt nichts dabei gedacht. Erschrocken griff ich nach meinem Radiergummi und wollte meine Verunzierungen der Helden schnell wieder beseitigen, aber so leicht kam ich natürlich nicht davon.
Wie immer, wenn jemand von uns etwas ausgefressen hatte, forderte unsere Lehrerin die anderen Schüler auf, dazu Stellung zu nehmen. Und natürlich nutzten einige meiner Mitschüler die Gelegenheit, um sich von meiner abscheulichen Tat aufs Schärfste zu distanzieren. Nachdem ich mich dann aber auch noch kleinlaut für meinen bedauerlichen Fehltritt entschuldigt hatte, war die Sache zum Glück für mich erledigt. Es hätte auch schlimmer für mich ausgehen können. Andere hatten sich für vergleichbar geringfügige Verfehlungen auch schon mal einen Tadel eingehandelt.










