justament.de, 18.5.2026: Alte Meister bleiben sich treu
The Notwist auf “News from Planet Zombie”
Thomas Claer
Die Indie-Veteranen von The Notwist gehen mittlerweile auch schon mehr oder weniger auf die Sechzig zu und sind nun – fünf Jahre nach ihrer letzten CD “Vertigo Days” – wieder mit einem neuen Album am Start. “News from Planet Zombie” unterscheidet sich deutlich von der (wohl auch Corona-bedingten) weltmusikalischen Attitüde seines Vorgängers und ist nun eher wieder Notwist pur, wenngleich das Album diesmal von einem insgesamt 11-köpfigen Ensemble mit vorwiegend akustischen Instrumenten eingespielt wurde. Die seit dem bedauerlichen Ausscheiden des stilprägenden Elektronik-Fricklers Martin Gretschmann alias Console 2014 nur noch dreiköpfigen Kern-Notwists (die Acher-Brüder und Schlagzeuger Andi Haberl) sind hierzu gemeinsam mit ihrer Live-Band nicht ins Sudio, sondern in einen Konzertsaal gegangen und haben das neue Material dort – wie berichtet wird – an nur vier Tagen live aufgenommen.
Das Ergebnis lässt sich hören. Auf Anhieb möchte man die elf neuen Songs ins Herz schließen, die so unverkennbar die melancholische Beiläufigkeit der alten Notwist-Klassiker aus den Neunzigern und Nullerjahren in sich tragen. Besonders die ersten drei Stücke der CD können begeistern. Das sehr leise und sehr traurige “Teeth” setzt dabei sogleich den Ton für alles Weitere. Mit dem feurig-verspielten “X-Ray” folgt dann jedoch das schnellste, lauteste und zugleich beste Lied des Albums. Hier klingen The Notwist kaum anders als vor 20 oder 30 Jahren – und dafür lieben wir sie bis heute. Auch das anschließende Instrumentalstück “Propeller” überzeugt auf ganzer Linie. Doch dann lassen sie ein wenig nach: Der Rest der Platte ist – bis auf das noch recht muntere “The Turning” – ruhig und fast meditativ, wobei auch einige schwächere Songs den Gesamteindruck etwas trüben. Gleichwohl haben The Notwist unter dem Strich wieder ein stimmiges Album vorgelegt, das Freude macht. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
The Notwist
News from Planet Zombie
Morr Music 2026
justament.de, 11.9.2023: Die blaue Reise
Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Shrink“ von The Notwist
Thomas Claer
Es beginnt mit rhythmisch klappernden Geräuschen wie auf einer Zugfahrt, aber gleichzeitig frickelt es auch schon ein wenig im Hintergrund. Dazu ein monoton surrender synthetischer Klang und dabei schleift, kratzt und scheuert es unentwegt. Nach einigen Sekunden dann setzen wiederholte Schläge auf irgendwelche Rohre ein, und noch etwas später mischen sich dezente Gitarrenklänge dazu. Irgendetwas blubbert unterschwellig. Erst nach mehr als zwei Minuten tritt unvermittelt der leise, immer etwas klagende Gesang von Markus Acher hinzu – und der Zuhörer ist angekommen im Kosmos des blauen Albums der bayrischen Band The Notwist mit dem rätselhaften Titel „Shrink“, was soviel wie „Schrumpfen“ bedeutet. Es ist so überaus raffiniert und fein arrangiert, was die Weilheimer Indie-Kapelle auf ihrem vierten Album alles entworfen hat, dass man auch heute noch, 25 Jahre später, aus dem Staunen nicht herauskommt. Im weiteren Verlauf, so ab dem dritten der zehn Stücke, bekommt die Platte dann auch noch eine sehr jazzige, mitunter sogar freejazzige und bläserlastige Note. Keineswegs ratsam wäre es, sich die Tracks einzeln anzuhören. Nein, so unterschiedlich sie auch sein mögen, sie bilden gemeinsam ein künstlerisches Gesamtwerk, wozu auch unbedingt das tiefblaue Album-Cover gehört, das gleichsam die melancholische Grundstimmung vorgibt, von der sich allein der beschwingte zweite Track „Chemicals“ ein wenig abhebt.
Man kann „Shrink“, das einer von vielen Wendepunkten im Schaffen dieser enorm einflussreichen Band gewesen ist, als einen Trip, als eine Art Reise begreifen – durch die (damals) neuen und revolutionären Landschaften multipler technischer Klang- und Geräuscherzeugung einerseits und durch die gedämpften inneren Erregungszustände frustrierter zeitgenössischer Individuen andererseits. Die sich in dieser Musik ausdrückende Haltung könnte in etwa dem alten Tocotronic-Motto: „Ich bin alleine, und ich weiß es, und ich find es sogar cool“ entsprechen. Nur dass es bei The Notwist natürlich unendlich viel subtiler anklingt… Für mich war „Shrink“, das legendäre blaue Album, so etwas wie mein Soundtrack durchs Erste Juristischen Staatsexamen und die bedrückende Zeit danach, wobei sich bald darauf auch noch das nachfolgende, ebenfalls ausgezeichnete, rote Album „Neon Golden (2002) hinzugesellen sollte – um von der Entdeckung des phänomenalen Vorgängers, des bunten Albums „12“ (1995), gar nicht zu reden… Das Urteil für „Shrink“ lautet „sehr gut“ (16 Punkte).
The Notwist
Shrink
Big Store / Cargo 1998
ASIN: B018N37V3Y

