Category Archives: Über Filme

www.justament.de, 13.6.2016: Die mit dem Wolf rummacht

Recht cineastisch, Teil 26: „Wild“ von Nicolette Krebitz

Thomas Claer

WildZur Abwechslung mal eine Mädchenphantasie im Kino – auch nicht schlecht. Vielleicht mehr junge (und junggebliebene) Damen, als man denkt, träumen offenbar insgeheim von einem wilden, behaarten Wesen, das ihnen womöglich sogar das Menstruationsblut mit der Zunge aus… Aber halt, in diesem Moment kommt für Ania, die als IT-Spezialistin in einer Werbeagentur arbeitet, und in einer kleinen Zweiraumwohnung in der Plattenbauwüste von Halle-Neustadt lebt, das böse Erwachen. Denn sie hat ihr Objekt der Begierde, einen leibhaftigen Wolf, der in der Nähe eines Wäldchens unweit ihres Wohnhauses herumstreifte, zuerst betäubt und dann einfach mit nach Hause genommen. Dort eingesperrt in Anias verriegeltem Schlafzimmer, während Ania sich nur noch im anderen Zimmer aufhält, verrichtet das wilde Tier sein zu erwartendes Zerstörungswerk. Durch ein Loch in der Wand wirft Ania ihrem behaarten Kameraden regelmäßig riesige Fleischstücke zu. Und mit der Zeit wird der raue Geselle etwas zugänglicher.
Ja, er ist wieder da. Freund Isegrim, wie er bei Goethe hieß, ist nach anderthalb Jahrhunderte währender Abwesenheit in die deutschen Wälder zurückgekehrt, wo er noch in den Märchen der Brüder Grimm als großmutter- und geißleinfressendes Scheusal sein Unwesen trieb. (Und man hatte auch missliebigen Menschen angedichtet, bei Mondschein seines gleichen zu werden.) Nun also gehört er wieder zu unserem Alltag, ist eigentlich sehr menschenscheu, reißt gelegentlich mal ein Schaaf und beflügelt ansonsten die Phantasie junger Frauen wie Ania (Lilith Stangenberg) in „Wild“, dem neuen Film von Nicolette Krebitz. Der Film, an dem in erster Linie Frauen mitgewirkt haben, ist auf diffuse Weise feministisch, auf jeden Fall aber sehr mutig und herausfordernd.
Die – man muss wohl sagen – tragische Heldin Ania ist eine Art weiblicher Nerd (klar, sie ist Informatikerin), vielleicht nicht so hübsch, dass alle Jungs sich nach ihr umdrehen, aber doch attraktiv genug, um ganz eigene Reize zu entfalten, denen insbesondere Boris, ihr Chef in der Firma, bald erliegt. Jedoch ist Ania an ihren Mitmenschen nicht besonders interessiert, sondern, nun ja, wie gesagt nur am dem haarigen Gesellen aus dem Wald, dem sie am Ende, als ihr Vermieter sie wegen der völlig verwahrlosten Wohnung abgemahnt hat, in die Wildnis folgt und mit dem sie fauliges Wasser aus Pfützen schlürft. So lehren die Wünsche, um es mit Peter Sloterdijk zu sagen, durch ihr Wahrwerden das Fürchten. Ein sehenswerter Film.

Wild
Deutschland 2016
Regie: Nicolette Krebitz
Drehbuch: Nicolette Krebitz
Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl u.v.a.

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www.justament.de, 21.12.2015: Selbstjustiz im rechtsfreien Raum

Recht cineastisch, Teil 25: „Dheepan – Dämonen und Wunder“ ist großes Kino!

Thomas Claer

dheepanWas gehen uns die Tamilen in Sri Lanka an? So hätte man vielleicht noch vor wenigen Jahrzehnten mit einer gewissen Berechtigung fragen können. In der globalisierten Welt, die wir heute bewohnen, spielen räumliche und kulturelle Entfernungen aber längst keine Rolle mehr, wenn die Probleme im einen Teil unseres Planeten auf manchmal unheilvolle Weise mit denen in ganz anderen Regionen interagieren.

Der tamilische Rebellenkämpfer Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) sieht nach dem Tod seiner Frau und seiner Kinder keine Zukunft mehr für sich in seiner Heimat Sri Lanka. Um in Frankreich bessere Chancen auf Asyl zu haben, schließt er sich mit der jungen Frau Yalini (Kalieaswari Srinivasan) und dem Waisenmädchen Illayaal (Claudine Vinasithamby) zusammen. Die Drei geben sich bei den französischen Behörden als eine Familie aus – und kommen damit durch. Nach mühsamen Anfängen als Straßenverkäufer wird Dheepan Hausmeister in einer Sozialbausiedlung am Pariser Stadtrand, also in den berüchtigten Banlieues. Dort findet auch Yalini einen Job als Betreuerin eines dementen Anwohners, die kleine Illayaal geht in die Schule. Sie beziehen eine einfache Wohnung, die ihnen ganz wunderbar vorkommt: ein Dach über dem Kopf, trinkbares fließendes Wasser, Zentralheizung, elektrisches Licht, gut schließende Fenster, eine grüne Umgebung – was will man mehr? Vor allem Yalini ist geradezu begeistert von der ihr äußerst großzügig erscheinenden Bezahlung für ihre Pflegetätigkeit von monatlich 500 Euro, die sie gedanklich in ihre Heimatwährung umrechnet…

Allerdings wissen nicht alle Bewohner der Sozialbausiedlung solche Annehmlichkeiten zu schätzen. In fast jeder Nacht gibt es unzählige Zerstörungen in den Häuserblocks und im öffentlichen Raum, sodass Hausmeister Dheepan eigentlich ständig mit Reparaturarbeiten beschäftigt ist. Wenn Yalini auf die Straße geht, wird sie von den überall unproduktiv herumhängenden Männern angestarrt, weil sie als einzige Frau kein Kopftuch trägt. (Auf Anraten von Dheepan – „Wir sind neu hier und müssen uns anpassen.“ – läuft sie bald nur noch verschleiert herum.) Die Neuankömmlinge müssen sich eingestehen, dass sie in einem sozialen Brennpunkt, einem Zentrum des Drogenhandels und sonstiger organisierter Kriminalität gelandet sind. Immer wieder liefern sich rivalisierende Banden Schießereien auf offener Straße. Für die Polizei ist die Gegend offenbar längst eine No-go-Area. Für Dheepan, Yalini und Illayaal ist es in diesem Teil von Paris kaum weniger gefährlich als in ihrer Heimat. Als Yalini durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in den Bandenkrieg hineingezogen wird, bahnt Dheepan sich in alter Kämpfermanier gewaltsam einen Weg durch die Drogenbandenfront und kann so Yalini befreien und zugleich ihr Herz gewinnen, so dass aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft noch eine „richtige Familie“ wird. Die letzten Einstellungen des Films lassen erahnen, dass den drei engagierten Migranten schließlich auch noch ein Neubeginn außerhalb der Banlieus gelingt.

An Jacques Audiards Film scheiden sich die Geister. Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes und dort mit Lob überschüttet, musste er sich von anderen Kommentatoren, zuletzt in der Rezension der Süddeutschen Zeitung, auch den Vorwurf gefallen lassen, in ihm realisiere sich die „perverse Phantasie“ von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, die Straßen der Banlieus mit dem Hochdruckreiniger von dem dort herumstreunenden Gesindel zu reinigen. Und in der Tat, lässt sich der Film denn nicht auch so verstehen? Ein tamilischer Kämpfer tut endlich das, was sich viele Franzosen insgeheim wünschen. Er räumt – wenigstens für einen Moment – mal auf mit diesem Islamisten-Drogenhändler-Faulenzer-Gesocks. Die fleißigen, genügsamen, anpassungsbereiten Asiaten, die schaffen es in kurzer Zeit und machen nie Probleme. Aber dieses Pack aus Afrika und Arabien, das nur dem Staat auf der Tasche liegt und in einer notorisch kriminellen Parallelgesellschaft lebt, das müsste man am besten aus Frankreich rausschmeißen. Marine Le Pen lässt grüßen. Und Sarkozy ist auch nicht weit davon entfernt…

Man muss diesen Film unbedingt vor einer solchen Interpretation in Schutz nehmen. Wenn sich Politiker, die stets „dem ganzen Volk“ verpflichtet sind, herablassend über die Bewohner konkreter Stadtbezirke äußern, dann ist das immer kritikwürdig, auch wenn sich in diesen bestimmte Probleme konzentrieren. Denn sie verraten dadurch den rechtsstaatlichen Grundsatz, dass kein Individuum allein als Angehöriger bestimmter Kollektive beurteilt werden darf. Ein Film hingegen erzählt nur eine Geschichte, hier ist jede Subjektivität nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Und wäre denn irgendjemandem geholfen, wenn man den „Realismus“ dieses Films durch eine politisch korrektere geschönte Darstellung ersetzte? Außerdem ist der Film so einseitig nun auch wieder nicht. Die Protagonisten begegnen in der Sozialsiedlung sogar vielfach netten und hilfsbereiten Anwohnern, die genauso wie sie unter dem Terror der Drogenbanden zu leiden haben. Insofern ist es doch auch ganz im Sinne vieler Banlieu-Bewohner, wenn ein Film einmal den Finger in diese Wunde legt.

Aber wenn nicht alles täuscht, dann hat auch die französische Politik längst die Signale gehört. Bald werden die Bauarbeiten zu einem bisher beispiellosen Ausbauprogramm der Pariser Metro beginnen, so dass spätestens in 15 Jahren jede Banlieu ihre schnelle Verbindung ins Zentrum von Paris haben wird. Spätestens dann werden die Bewohner entdecken, dass sich mit der Wohnungsvermietung an Touristen über Airbnb und Co. auch andere lukrative Geschäftsbereiche jenseits des Drogenhandels ergeben. Doch damit das funktioniert, müssen diese Bezirke sicherer werden, und hierzu braucht es eine Bürgergesellschaft aus aufgeschlossenen Anwohnern und Zugezogenen. So können aus No-go-Areas plötzlich gefragte Wohnlagen werden. Andere Städte haben es doch vorgemacht…

Dheepan – Dämonen und Wunder
Frankreich 2015
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain, Noé Debré
109 min, FSK: 16
Darsteller: Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby u.a.

www.justament.de, 7.9.2015: Propaganda, Subversion, Protest

Recht cineastisch spezial: Das Kurzfilmprogramm „Generation Freiheit“ im Radialsystem V in Berlin

Thomas Claer

futur25-berlinEinen interessanten Ansatz wählte der Kurator des Kurzfilmprogramms „Generation Freiheit“, das gestern im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Futur 25“ der Bundeszentrale für politische Bildung anlässlich der Jubiläen von Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung im Radialsystem V in Berlin-Friedrichshain aufgeführt wurde. Mittels der Darbietung von sechs recht unterschiedlichen Kurzfilmen am Stück – entstanden zwischen 1952 und 2015 – wurde implizit auch immer nach der gesellschaftlichen Rolle des Mediums Film im Deutschland sowohl vor als auch nach der Wende gefragt. Die Antworten bekamen die Zuschauer dank der ausführlichen und erhellenden Kommentierungen des Filmwissenschaftlers Thomas Tode im Anschluss an die Filme auch gleich noch mitgeliefert.

Filme machen ist teuer, an unabhängige Autoren- und Dokumentarfilme war nach dem zweiten Weltkrieg zunächst nicht zu denken. Viel Geld aber wurde in beiden Teilen Deutschlands – schließlich tobte der Kalte Krieg – für Propagandafilme zur Verfügung gestellt. So konnte damals eine Vielzahl solcher Kurzfilme entstehenden, die zumeist im Vorprogramm der eigentlichen Kinofilme in Ost und West gezeigt wurden. Überraschenderweise sind es aber gerade die westlichen Filme dieser Art, die doch eher angestrengt und steif daherkommen, wenn auch nicht ohne Raffinement. Bezahlt von den USA porträtiert der Re-education-Film „Pfeif drauf“ von Eva Kroll aus dem Jahr 1952 einen zunächst unpolitischen jungen Mann, dem unter Hinweis auf die totalitäre deutsche Vergangenheit und ostdeutsche Gegenwart schließlich erfolgreich ein schlechtes Gewissen eingeimpft wird. Dagegen ist der ostdeutsche Film „Träumt von morgen“ (1956) des gebürtigen Österreichers Hugo Hermann (der bald darauf bei den DDR-Oberen in Ungnade fiel) bemerkenswert lebendig und sogar überaus subversiv geraten. Ost-Berliner Kinder verfolgen eine Kaspertheater-Aufführung und berichten von ihren Zukunftswünschen und -träumen. Da scheint dann mitunter mehr unliebsamer Realismus durch, als es den Auftraggebern recht sein konnte… Ein großartiges Zeitdokument! Gleiches lässt sich aber auch vom nun wieder westlichen und diesmal mit europäischen Geldern finanzierten Film „Europa 1978“ von 1958 sagen. Hier ist es vor allem – der Blick richtet sich aus dem Jahr 1958 auf das in ferner Zukunft liegende Jahr 1978 – der überbordende Zukunftsoptimismus, der einem den Atem raubt: Ständiger Pendelverkehr zwischen Erde und Mond, Reisen zwischen den Planeten, private Hubschrauber und hilfreiche Roboter für jedermann – das war die leuchtende Zukunft, die man seinerzeit auch den Westbürgern versprach.

Bereits nach der Wende, 1994, hat die deutsch-türkische Filmemacherin Hatice Ayten den Film „Gülüzar“ über das harte und traurige Leben ihrer Mutter gedreht. Inzwischen sind die Materialien nicht mehr so teuer, mit etwas Glück lassen sich auch Geldgeber finden – so wird der Film allmählich auch zum Medium des sozialen Protestes „von unten“. Ebenfalls eine Protesthaltung nimmt der eher als Videoclip zu bezeichnende 3-min-Film „Arbeit 2.0“ von Clemens Kogler aus dem Jahr 2007 ein. Er bringt die Zumutungen des Berufslebens der – eigentlich privilegierten – Festangestellten (manche nennen sie Lohnsklaven) zu einer Zeit auf den Punkt, als deren heutiges Ausmaß noch gar nicht erreicht war. Und schließlich erzählt „Schicht“ (2015) von Alexandra Gerbaulet eine abgründige Familiengeschichte aus der westdeutschen Provinz. Ein rundum sehenswertes Filmvergnügen!

www.justament.de, 31.8.2015: Interessant, aber fragwürdig

Recht cineastisch, Teil 24: „Gefühlt Mitte zwanzig“ von Noah Baumbach

Thomas Claer

gefühltEin Film über das mittlere Alter und die Jugend, über das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Generationen, das ist „Gefühlt Mitte zwanzig“ (Originaltitel: While We’re Young), der neue Film des amerikanischen Regisseurs und Drehbuchautors Noah Baumbach. So war es zumindest überall zu hören und zu lesen – doch ist damit lediglich ein Teilaspekt dieses Films beschrieben.

Der vierundvierzigjährige Dokumentarfilmer Josh (Ben Stiller) und seine als Produzentin ebenfalls in der Filmbranche tätige dreiundvierzigjährige Frau Cornelia (Naomi Watts) führen ein unaufgeregtes Leben in Brooklyn. Wie viele andere New Yorker „Kreative“ ächzen sie unter den dortigen hohen Lebenshaltungskosten, doch dank zwar notorisch unzuverlässiger, vorläufig aber immerhin noch fließender Fördergelder können sie sich halbwegs über Wasser halten. Nicht ganz unwichtig ist der Umstand, dass Cornelias Vater ein – im Gegensatz zu seinem Schwiegersohn Josh – wirtschaftlich sehr erfolgreicher Filmemacher ist, der standesgemäß in einer großen Villa lebt – eine für Josh denkbar unangenehme Konstellation. Sein Verhältnis zu Cornelias Vater gilt als zerrüttet. Nur ungern lässt sich Josh, der auf seine kommerziell wenig einträglichen, aber dafür anspruchsvollen Filme sehr stolz ist, von seinem Schwiegervater, der über ausgezeichnete Kontakte in die Finanzbranche verfügt, finanziell unter die Arme greifen. Ein weiteres ernstes Problem in der Beziehung zwischen Josh und Cornelia ist es, dass alle ihre Freunde inzwischen Kinder bekommen haben und sich, was ja häufig zu beobachten ist, seitdem für nichts anderes mehr als für ihren Nachwuchs interessieren. So kommt es Josh und Cornelia schließlich so vor, als ob das Problem in ihrer eigenen – unfreiwilligen – Kinderlosigkeit liege. (Und man darf es diesem Film durchaus verübeln, dass er diese optische Täuschung seiner Protagonisten nicht einmal hinterfragt. Was, bitte, soll denn an Kinderlosigkeit so schlimm sein?) Ihre seit zwei Jahrzehnten bestehende Partnerschaft scheint jedenfalls trotz der genannten Widrigkeiten noch recht gut zu funktionieren, abgesehen von den üblichen kleineren Nörgeleien von der weiblichen Seite. (Cornelia vorwurfsvoll: „Früher hast du mich mit romantischen E-Mails umworben!“ Darauf Josh: „Warum sollte ich dir E-Mails schreiben, wo wir doch sowieso jeden Tag zusammen sind?“)

Das ist der Ausgangspunkt, als plötzlich ein junges Paar in Joshs und Cornelias Leben tritt: der junge Dokumentarfilmer Jamie und seine Frau Darby, die als Startup-Unternehmerin in  Bio-Eis macht. Jamie hat sich als Fan von Joshs Filmen zu erkennen gegeben und ihn nach einer von Joshs gelegentlich gehaltenen Vorlesungen in der Filmakademie einfach so angequatscht. Josh ist in seiner Eitelkeit ungemein geschmeichelt von Jamies demonstrativer Bewunderung und findet zunächst auch gar nichts dabei, dass sich Jamie schon bald auch sehr für seinen Schwiegervater, den erfolgreichen Filmemacher mit den guten Kontakten in die Fimanzbranche, interessiert. Die beiden Paare unternehmen fortan eine Menge miteinander, was in Joshs und Cornelias Leben ausgesprochen frischen Wind bringt. Plötzlich fühlen sie sich, indem sie die hippen Aktivitäten von Jamie und Darby teilen, auch noch einmal wie Mitte zwanzig.

Doch das dicke Ende lässt nicht lange auf sich warten. Der junge Jamie erweist sich als skrupelloser Intrigant, der die Nähe von Josh in Wahrheit nur gesucht hat, um an dessen Schwiegervater heranzukommen und über diesen Geldgeber für seine eigenen Filmprojekte zu akquirieren. Darüber hinaus verstößt er mit seinem neuen Film, der sich auf eine gefakte Geschichte stützt, gegen den Ehrenkodex der Dokumentarfilmer, was aber außer Josh niemand wirklich schlimm findet. Dessen Schwiegervater bemerkt sogar irgendwann gegenüber seiner Tochter, dass man, um in der Filmbranche voranzukommen, manchmal einfach „ein egoistisches Arschloch“ sein müsse, was aber sein Schwiegersohn noch immer nicht verstanden habe…Hier hat der Film seine stärksten Momente: Er entlarvt ein Stück weit die Verlogenheit im Kreativkunstbetrieb, dessen erfolgreiche Vertreter nicht selten hohe moralische Ambitionen vor sich hertragen, aber tatsächlich mindestens so rücksichtslos und karrierebesessenen sind wie, sagen wir, die Anzugtypen aus der Finanzwelt. Josh ist hier natürlich der positive Gegentypus und avanciert als solcher zum großen Sympathieträger im Film.

Enttäuschend ist dann aber vor allem dessen Ende: In einer sentimentalen Versöhnungsszene finden die zwischenzeitlich zerstrittenen Josh und Cornelia wieder zueinander, und Josh vergibt dem hinterhältigen Jamie mit den Worten: „Jamie ist nicht böse, sondern einfach nur jung.“ Na so ein Unsinn, als ob das eine Frage des Alters wäre! Hätte er so etwas gesagt wie: „Man kann ihn aber auch nicht völlig verurteilen. Jeder macht es eben so, wie er es am besten kann…“, dann wäre das ja noch in Ordnung gegangen. Aber es kommt noch schlimmer. Am Ende sitzen Josh und Cornelia in einem Flugzeug in ein fernes Land, um dort ein exotisches Kind zu adoptieren. Das kann natürlich jeder machen, wie er will, aber im Kontext des Films soll es wohl bedeuten: Die beiden sind endlich auf einem ihrem Alter entsprechenden Level angekommen. Die Episode mit den jungen Leuten war eine Verirrung, und jetzt werden sie Eltern, so wie es sich mit Mitte vierzig nun einmal gehört. Ein schlimmer Film!

Gefühlt Mitte zwanzig
USA 2014
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach
98 min, FSK: —
Darsteller: Ben Stiller, Naomi Watts, Adam Driver u.a.

www.justament.de, 22.6.2015: Dogma 2.0

Recht cineastisch, Teil 23: „Victoria“ von Sebastian Schipper

Thomas Claer

victoriaSchon auf der Berlinale hat dieser Film für Furore gesorgt. Nun lässt sich „Victoria“, dieses atemlose und verwegene Filmexperiment, auch deutschlandweit in den Kinos bewundern. Wohl zum ersten Mal in der (Spiel-) Filmgeschichte wurde hier 140 Minuten lang alles von vorne bis hinten in einem Zug ohne einen einzigen Schnitt gedreht, womit sich Regisseur Sebastian Schipper ein mindestens ebensolches Denkmal gesetzt hat wie vor zwei Jahrzehnten sein dänischer Kollege Lars von Trier mit seinem damals ebenfalls aufsehenerregenden Konzept des “Dogma-Films”. Nur dass sich in Schippers Fall wohl nicht so leicht ein Nachahmer für diesen Wahnsinn finden wird…
Über die revolutionäre Form hinaus kann der Film aber auch erzähltechnisch überzeugen: Die junge Spanierin Victoria (hinreißend gespielt von Laia Costa) ist erst seit drei Monaten in Berlin und schlägt sich die Nacht in einem coolen Club irgendwo zwischen Mitte und Kreuzberg um die Ohren. Wie so viele andere junge Südeuropäer sieht sie keine Perspektive mehr in ihrer von Jugendarbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit gezeichneten Heimat und hat sich in die allerorts gelobte Stadt an der Spree aufgemacht. Dort jobbt sie für vier Euro Stundenlohn in einem Café und fühlt sich, da sie noch nicht so recht Anschluss gefunden hat, zunächst einmal ziemlich einsam. Doch in jener Nacht vor dem besagten Club lernt sie endlich jemanden kennen – es sind aber genau die falschen Leute, nämlich Sonne (gespielt von Frederick Lau, dem Herr Lehmann aus „Neue Vahr Süd“) und seine Gang. Sie sind die Repräsentanten einer noch nicht vollständig weggentrifizierten kriminellen Unterschicht und werden auch gar nicht erst in den Club hineingelassen; der Türsteher kennt schon seine Pappenheimer… Die vier Mittzwanziger brechen Autos auf, begehen Ladendiebstähle, einer von ihnen hat schon eine Knastvergangenheit. All das kriegt Victoria, die sich den jungen Männern leichtsinnigerweise anschließt, erst nach und nach mit und will es auch eigentlich gar nicht wahrhaben, denn längst hat sie sich in Sonne verguckt, der seinerseits schon mächtig für sie entflammt ist. Fast ist es rührend, wie ritterlich sich diese zwielichtigen Typen gegenüber der erkennbar „aus gutem Hause“ stammenden Victoria verhalten. Doch dann sollen die vier, um eine alte Schuld zu begleichen, noch in dieser Nacht eine Bank ausrauben. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf…  Was für ein Film!

Victoria
Deutschland 2015
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Schulz
140 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yiğit, Max Mauff u.a.

www.justament.de, 20.4.2015: Schrilles Vergnügen

Recht cineastisch, Teil 22: Oskar Roehlers Berlin-Groteske „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!”

Thomas Claer

ddp_4.07425864Die Berlinale hat diesen Film abgelehnt. Sie hätte ihn nehmen sollen, denn „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ ist ein großer Spaß. Auch wenn er, wie alle Werke von Oskar Roehler, reichlich überkandidelt ist. Es beginnt in der westdeutschen Provinz in den frühen Achtzigern. Der junge Robert (Tom Schilling) hält es in Schule und Internat mit all den Friedensbewegungs- und Ökospießern nicht mehr aus. Er wird, na was schon?, Punk natürlich! Und er zieht, wohin schon? Klar, nach West-Berlin! Dort lebt sein Vater (Samuel Finzi), der frühere „Kassenwart der RAF“, als Lektor und Schriftsteller und hütet den Schatz der Terroristen, gut hunderttausend DM in Banknoten, die noch von einem Banküberfall mit Gudrun Ensslin stammen. Doch Robert, dem eine Laufbahn als Schriftsteller und Punkmusiker vorschwebt, sieht vom Vater zunächst keinen Pfennig. Stattdessen helfen ihm seine einzigen beiden Bekannten in Berlin auf die Sprünge: der Peepshow-Conférencier Schwarz (Wilson Gonzales Ochsenknecht) und der schwule Nazi und Bandleader Gries (Frederick Lau). Schwarz verschafft Robert seinen ersten Job im Erotik-Club am Bahnhof Zoo: Er muss die von den Kunden vollgespritzten Glasscheiben putzen und für die Striptease-Damen etwas zu essen herbeischaffen. Dabei macht er die intime Bekanntschaft gleich zweier blonder Sexbomben (Emilia Schüle und Anna-Maria Hirsch), die beide ungeheuer scharf auf ihn und später aufeinander eifersüchtig sind. Außerdem lässt Gries ihn noch in seiner Band Gitarre spielen. Als Wohnung dient Robert eine Art Kellerverschlag, an dessen Wand „No Future!“ gesprüht ist. Gemeinsam mit seinen Freunden stürzt er sich ins Berliner Nachtleben und begegnet dort neben anderen lebendigen Speed-Leichen den leibhaftigen Blixa Bargeld und Nick Cave, die hier als bizarre Witzfiguren auftreten. Und es passiert dann noch so viel Verrücktes, dass es hier nicht einmal ansatzweise wiedergegeben werden kann. Während man bei anderen Filmemachern mitunter einen Mangel an Ideen beklagen muss, leidet Oskar Roehler ganz eindeutig am Gegenteil davon: Über weite Strecken ist es bei ihm einfach zu viel des Guten! Doch Roehler kann nun einmal nicht anders. Bei ihm geht nur: schrill oder gar nicht. Amüsant ist das ganze aber allemal.

Tod den Hippies – Es lebe der Punk!
Deutschland 2015
Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Oskar Roehler
104 Minuten, FSK: 16
Darsteller: Tom Schilling, Frederick Lau, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Emilia Schüle, Anna-Maria Hirsch, Alexander Scheer u.v.a.

www.justament.de, 30.3.2015: Fünf Freunde

Recht cineastisch, Teil 21: „Als wir träumten“ von Andreas Dresen

Thomas Claer

als-wir-traeumtenSchon zweimal hat sich die Zusammenarbeit von Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase als Glücksfall erwiesen: in der Künstlerkomödie „Whisky, Wodka und Tango im Gesicht“ (2009) und im wunderbaren Prenzlauer Berg-Film „Sommer vorm Balkon“ (2006), vielleicht einem der schönsten Berlin-Filme überhaupt. Der 51-jährige Dresen und der 32 Jahre ältere Kohlhaase, haben, wie sie einmal selbst erklärten, „dieselbe Sicht auf die Welt“. Vielleicht liegt es ja an der Sozialisation beider im Osten, an der frühen Desillusionierung und an der doch strengen ästhetischen Schule. Kohlhaase: „Von Kunst wurde in der DDR viel erhofft – und zugleich viel befürchtet.” Typisch für beide ist der zarte Blick auf die kleinen Leute, die ewigen Verlierer. Nun haben sich Dresen und Kohlhaase also der Romanvorlage „Als wir träumten“ des gefeierten Leipziger Krawall-Poeten Clemens Meyer, 37, angenommen, in der dieser von seiner eigenen chaotischen Jugend in den Nachwendejahren berichtet. Man durfte gespannt sein, wie die beiden erprobten Leisetreter wohl mit diesem harten Action-Stoff zurechtkommen würden.
Die Geschichte geht so: Fünf Freunde, die schon seit Jahren gemeinsam die Schulbank gedrückt haben, werden als Jugendliche im Nachwende-Leipzig, das damals noch weit davon entfernt war, zum Hypezig, ja zum besseren Berlin geadelt zu werden, eine Straßengang, deren Leben sich vornehmlich um Kleinkriminalität, Alkohol, Drogen und Gewalt dreht. Mit großer Selbstverständlichkeit knacken sie Autos, rauben Supermärkte aus und zertrümmern reihenweise Schaufensterscheiben. Wie schon viele andere junge Leute vor ihnen fühlen sie sich als „die Größten“, doch gibt es in den Nachwende-Wirren kaum noch Autoritäten, die ihnen Grenzen setzen könnten. Besonders verstörend wirken die immer wieder eingeschobenen Rückblenden auf den einst gemeinsam erlebten sozialistischen Schulalltag. Welch ein Kontrast zur Zeit danach! (Unterschwellig klingt immer auch die Frage an, was eine autoritäre Erziehung mit jungen Menschen macht.) Doch ist nicht alles, was die Freunde tun, nur destruktiv. Sie gründen einen Underground-Techno-Club, es sind halt die frühen Neunziger, und bringen so einen kräftigen Schuss Hippness in ihre Metropole, die immerhin die zweitgrößte Stadt der DDR war. Doch es kommt, wie es kommen muss: Rivalisierende Neonazi-Schläger, die die fünf Freunde ohnehin von Anbeginn in ausgedehnte und brutale Revierkämpfe verwickelt haben, zertrümmern die coole Keller-Disco und machen dem Party-Spaß ein Ende. Natürlich kommt es noch viel schlimmer: Einer der Jungen krepiert an seinen Drogen. Sein dealender Freund, der ihm das Zeug verkauft hat, muss sich schuldig fühlen. Wiederum zwei andere der Freunde kommen wegen ihrer unzähligen Delikte ins Gefängnis. Erst im traurigen letzten Drittel des Films offenbart sich vollends die Handschrift von Regisseur und Drehbuchautor. Ein wilder und melancholischer Film über das Erwachsenwerden in Umbruchzeiten, über die Freundschaft und den Verrat.

Als wir träumten
Deutschland 2015
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase
Romanvorlage: Clemens Meyer
117 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Marcel Heuperman, Frederic Haselon, Ruby O. Fee u.v.a.

www.justament.de, 2.2.2015: Mal eben ein Pogrom

Recht cineastisch, Teil 20: „Wir sind jung. Wir sind stark“ von Burhan Qurbani

Thomas Claer

Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen (Foto: Wikipedia)

Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen (Foto: Wikipedia)

Rostock-Lichtenhagen im August 1992: Hunderte rechtsradikale jugendliche Gewalttäter werfen Brandsätze auf eine Aufnahmestelle für Asylbewerber und das benachbarte Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter. Tausende Schaulustige applaudieren ihnen dabei und rufen Parole wie: „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ Im brennenden Wohnheim befinden sich noch über hundert Vietnamesen und ein Kamerateam des ZDF. Zwischenzeitlich zieht sich die Polizei völlig zurück und überlässt die im Haus Eingeschlossenen, die in Todesangst auf das Dach zu flüchten versuchen, ihrem Schicksal… Im Rückblick wirken die Ereignisse eher noch monströser und ungeheuerlicher als aus damaliger Sicht. Hinzu kommt, dass sich seinerzeit auch die deutsche Politik auf allen Ebenen, um es vorsichtig auszudrücken, nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. (Näheres hierzu unter Wikipedia.)

Der afghanischstämmige 34-jährige Filmregisseur Burhan Qurbani hat jenen dunklen 24. August 1992 in einem 128-minütigen Drama eingefangen und geht dabei implizit auch der Frage nach, wie es soweit überhaupt kommen konnte. Am Ende verlässt man das Kino tief erschüttert, aber nicht unbedingt viel klüger als zuvor. Die jugendliche Nazi-Clique, die am Abend die Brandsätze werfen wird, besteht aus zwei bis drei fanatischen Ideologen und mehreren tendenziell gleichgültigen Mitläufern, letzteres trifft vor allem auf die Mädchen in der Gruppe zu. Alle sind von den mächtigen Umwälzungen der letzten Jahre irgendwie frustriert und wissen nicht viel mit sich und der plötzlichen großen Freiheit anzufangen. Zwar hat der Filmtitel, der die jugendliche Stärke der Akteure betont, durchaus seine Berechtigung, aber genauer müsste er eigentlich heißen: „Wir sind jung. Wir sind verwirrt. Wir fühlen uns ohnmächtig und schwach, aber doch noch stark genug, um Jagd auf noch Schwächere zu machen und daraus neues Selbstbewusstsein für uns selbst zu ziehen.“ Noch viel erschreckender als die Ausschreitungen der jungen Leute (Jugend und Randale – das gibt es schließlich häufiger, und es ist Sache der Polizei, sich darum zu kümmern) ist natürlich die klatschende, anreibende und Parolen grölende Menschenmenge um sie herum. Es sind unzufriedene Menschen in einem trostlosen Plattenbaubezirk aus den Siebzigerjahren. Aber wir befinden uns immerhin in Rostock, das zu DDR-Zeiten – anders als etwa Dresden – keineswegs ein „Tal der Ahnungslosen“ gewesen ist. Rostock war immer stolz darauf, eine weltoffene Hansestadt zu sein. Sein Hafen war in der kleinen, engen DDR so etwas wie ein Tor zur großen, weiten Welt.

Was für mich besonders bedrückend ist: Ein paar Jahre zuvor bin ich im 60 km von Rostock entfernten Wismar und in einem Dorf in Nordwestmecklenburg zur Schule gegangen. Die Wende habe ich allerdings bereits im Westen erlebt. Später hörte ich, dass ehemalige Mitschüler von mir, darunter sogar ein früherer guter Freund, den ich noch Anfang 1990 von Bremen aus in Wismar besucht hatte, in die rechte Szene abgedriftet seien. Traurig, aber wahr.

Wir sind jung. Wir sind stark
Deutschland 2015
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Martin Behnke / Burhan Qurbani
Darsteller: Devid Striesow, Jonas Nay, Joel Basman, Le Hong Tran, Saskia Rosendahl, Thorsten Merten, David Schütter u.v.a.

www.justament.de, 8.9.2014: Geschwisterliebe

Recht cineastisch, Teil 19: „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf

Thomas Claer

die-geliebten-schwesternWas ist denn das schon wieder für eine Männerphantasie? Ein noch wenig bekannter und in prekären finanziellen Verhältnissen lebender Dichter um die dreißig wird von zwei bildhübschen adeligen jungen Damen heiß begehrt, die noch dazu Schwestern sind und nicht nur alle ihre Geheimnisse, sondern auch ihre Leidenschaft für den jungen Mann miteinander teilen. Und es bleibt auch keineswegs beim bloßen Begehren, ganz ausdrücklich ist im Film von einer „Vertiefung“ der so vielfach bekundeten Freundschaft beider Mädchen mit dem Dichter die Rede, die dann auch noch jeweils ausgiebig vollzogen wird. Bemerkenswerterweise entsteht dadurch keinerlei Eifersucht zwischen den Beteiligten. Eine gelebte Utopie der freien Liebe gewissermaßen, und das 180 Jahre vor Rainer Langhans, Uschi Obermaier und der Kommune 1! Davon handelt „Die geliebten Schwestern“, der neue Kostümfilm von Dominik Graf, in dem die überaus pikante Menage-a-trois des späteren Großschriftstellers Friedrich Schiller (Florian Stetter) mit Caroline (Hannah Herzsprung) und Charlotte (Henriette Confurius) von Lengefeld geschildert wird. Ob sich die Dinge damals, in den Jahren 1787 ff., tatsächlich so abgespielt haben, ist zwar in der Schiller-Forschung noch nicht restlos geklärt, doch gibt es schwerwiegende Hinweise, die eine Deutung, wie der Film sie suggeriert, sehr nahelegen. Insbesondere existieren spärliche Überbleibsel des anscheinend äußerst regen Briefverkehrs zwischen den drei zentralen Gestalten: Seinerzeit schrieben sie sich, wann immer sie ihre Zeit nicht gemeinsam verbringen konnten, mehrmals täglich und meist ausführlich munter im Dreieck. Was allerdings feststeht, ist der Umstand, dass Friedrich Schiller die jüngere der Schwestern, Charlotte, 1790 ehelichte, wobei aber Grund zur Annahme besteht, dass er doch eigentlich eine Spur mehr Gefallen an der älteren, Caroline, gefunden hatte. Da diese aber ihrerseits bereits unglücklich verheiratet war (eine „Vernunftehe“ mit einem reichen Langweiler), übernahm die jüngere Charlotte den Part der Ehefrau, um ein dauerhaftes Beieinanderbleiben der drei Liebenden zu ermöglichen.
Natürlich konnte das nicht ewig gutgehen. Als nach ein paar Jahren Kinder ins Spiel kommen, deren Urheberschaft – zumindest in Carolines Fall – nicht eindeutig aufzuklären ist, bricht mit der Zeit erbitterte Feindschaft und rasende Eifersucht zwischen den einst so mustergültig miteinander harmonierenden Schwestern aus. Wüste Beschimpfungen werden ausgetauscht, Porzellan durchs Zimmer geworfen und zerbrochen. Kurz, sie verhalten sich dann doch noch wie ganz normale Menschen. Ein sehenswerter Filmgenuss mit einer umwerfenden Hannah Herzsprung.

Die geliebten Schwestern
Deutschland 2014
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Dominik Graf
170 Minuten, FSK: 6
Darsteller: Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius u.v.a.

www.justament.de, 28.7.2014: Die schrecklichen Studies der Jetztzeit

Sehr witzig: Die Generationenkomödie „Wir sind die Neuen“ – Recht cineastisch, Teil 18

Thomas Claer

wir-sind-die-neuenWenn man neu in ein Mietshaus einzieht und dort ausgerechnet eine Studenten-WG über einem wohnt, denkt man vielleicht an ständiges Halli Galli und ausufernde Lärmbelästigung. Eine solche Erwartung haben in Ralf Westhoffs neuer Filmkomödie „Wir sind die Neuen“ jedenfalls Anne (Gisela Schneeberger), Eddi (Heiner Lauterbach) und Johannes (Michael Wittenborn), drei nicht mehr oder nur noch sporadisch berufstätige Münchener, die sich mit Anfang 60 nach 35 Jahren noch einmal zu einer Neuauflage ihrer eigenen früheren Studenten-WG zusammengefunden haben. (Letzteres ist natürlich nicht ganz freiwillig geschehen: Die Biologin Anne muss raus aus ihrer Wohnung und kann sich im teuren München keine Wohnung nur für sich allein mehr leisten. Doch auch der idealistisch-altlinke Anwalt Johannes, der vornehmlich klamme Bürgerbewegungen und sozial Schwache vertritt, und der ewige Schwerenöter Eddi sind finanziell nicht auf Rosen gebettet und lassen sich bereitwillig auf Annes verrückte Idee mit der Senioren-WG ein.) Als die drei also ihre Möbel nach oben tragen, sagt Anne noch mit Blick auf die jungen Leute: „Hoffentlich kiffen die nicht die ganze Zeit, das hab ich ja nun wirklich hinter mir.“ Doch weit gefehlt: Die jungen Leute sind so völlig anders, als es sich die drei Alt-68er vorgestellt haben. In der Studie-WG herrscht Ordnung, absolute Ruhe und disziplinierter Lerneifer. Schon beim Antrittsbesuch der neuen Mieter stellen die Studenten klar: „Um gar nicht erst falsche Erwartungen zu wecken: Wir können euch nicht helfen. Dafür haben wir keine Kapazitäten mehr.“ Katharina (Claudia Eisinger) und Thorsten (Patrick Güldenberg) stehen vor ihrem ersten juristischen Staatsexamen, Barbara (Karoline Schuch) schreibt gerade ihre Magisterarbeit in Kunstwissenschaft. „Wenn ihr damals etwas flotter studiert hättet, dann hätten wir heute nicht solche Probleme mit der Regelstudienzeit“, ergänzt Barbara noch. Während sich die Senioren sodann mit lauter Rockmusik und geräuschvollen Diskussionen in ihrem neuen Zuhause einrichten, kommen von den Studenten ständige Beschwerden wegen Ruhestörung und wird so manche unverschämte Bemerkung auf die neuen Nachbarn losgelassen. Mit der Zeit verhärten sich die Fronten immer weiter. Erst als die jungen Leute in diverse Nöte geraten und die rüstigen Nachbarn ihnen hilfsbereit unter die Arme greifen, kommt es zur überraschenden Annäherung.
Der Film erinnert etwas an „Männer“ von Doris Dörrie (1985), der auch auf heitere und bissige Weise das Leben in einer WG thematisiert, ebenfalls mit (dem damals noch ziemlich jungen) Heiner Lauterbach in einer der  Hauptrollen. Doch ist „Wir sind die Neuen“, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, sogar noch eine Spur witziger. Der Film kommt völlig ohne Längen oder auch nur kleinere Hänger aus. Die Handlung ist von vorne bis hinten genau durchdacht. Ganz entscheidend lebt diese Komödie aber von ihren brillanten Dialogen. Kostprobe: Die drei Senioren befinden sich anfangs auf Wohnungssuche und nehmen an der Gruppenbesichtigung einer hübschen Altbauwohnung teil. Eine junge Frau fragt Eddi (Heiner Lauterbach): „Sind Sie der Vermieter?“ Darauf Eddi: „Nein, sehe ich aus wie ein Vermieter?“ Die junge Frau: „Ich dachte nur wegen des Alters und weil sie so … angezogen sind. Als Vermieter hat man es ja nicht so nötig…“ Der nachlässig gekleidete Eddi lächelnd: „Ich bin ein Konkurrent von Ihnen.“ Die Frau, ihn genau musternd: „Nein, das sind Sie nicht.“ Nur durch persönliche Beziehungen (eine frühere Geliebte von Eddi sitzt in einer Wohnungsverwaltung) kommen die Drei überhaupt an eine Wohnung in München.
Laut Wikipedia hat ein Kritiker dem Film Oberflächlichkeit vorgeworfen, weil er sich nicht tiefgehender mit dem Generationenkonflikt auseinandersetze. Mir scheint eher, dass sich der Film der Problematik sehr wohl bewusst ist, sich aber klugerweise auf deren diskrete Andeutung beschränkt. Abschließend noch ein herausragend komischer Spruch von Eddi: Als er die prall gefüllte Plastiktüte mit den leeren Weinflaschen seiner feierfreudigen Alten-WG zum Glascontainer bringt, trifft er auf die Studentin Barbara mit zwei Weinflaschen in der Hand und fragt sie: „Die sind wohl noch vom letzten Silvester, oder?“

Wir sind die Neuen
Deutschland 2014
Regie: Ralf Westhoff
Drehbuch: Ralf Westhoff
91 Minuten, FSK: 0
Darsteller: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn, Claudia Eisinger u.v.a.