justament.de, 20.11.2023: Aha, aha, aha
Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 40 Jahren hatte die Neue Deutsche Welle ihren Höhepunkt
Thomas Claer
Zu meinen prägendsten kulturellen Kindheitserlebnissen gehörte zweifellos die Rezeption der Neuen Deutschen Welle, die eine grundlegende Neubestimmung aller Hörgewohnheiten in der populären Musik in Deutschland mit sich brachte. Und das längst nicht nur im Geltungsbereich der Freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Auch wir im Osten bekamen übers Westfernsehen und –radio im Wesentlichen alles mit, jedenfalls das von der NDW, was zum Medienhype wurde, was aber, wie ich später erfahren sollte, eigentlich nur die Spitze des Eisbergs war. Tatsächlich war die Neue Deutsche Welle, wie es z.B. in der Dokumentationsreihe zur deutschen Musikgeschichte “Pop 2000” eindrucksvoll herausgearbeitet wurde, ursprünglich ein Underground-Phänomen, als sich Ende der Siebzigerjahre plötzlich in allen Teilen der alten BRD Musikschaffende dazu aufschwangen, anarchische Rock- und Popmusik mit deutschen Texten entstehen zu lassen. Natürlich ist dann alles dort hineingeflossen, was seinerzeit ohnehin schon en vogue war: Das ganze Punk-Ding war noch nicht lange her, da kam auch schon New Wave – und solche Sachen gab es nun plötzlich auch mit deutschen Texten. Auch wenn es stilistisch kaum auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen war, was damals alles unter dem NDW-Label firmierte. Die Gemeinsamkeit war der ungestüme Dilettantismus, mit dem die Protagonisten allesamt zu Werke gingen. Und gerade dadurch waren sie so gut. Doch witterten die Puristen dieser Bewegung spätestens ab 1982/83 den großen Ausverkauf ihrer Ideale, als immer mehr NDW-Bands und –Stars in Unterhaltungssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auftraten und so zusehends um die Gunst eines Massenpublikums buhlten.
Für mich als noch nicht einmal Teenager im abgeschotteten Teil Deutschlands hinter der Mauer war aber genau diese NDW-Präsenz im westdeutschen Unterhaltungsfernsehen ein großer Glücksfall, denn wie sonst hätte ich diese aufregend bunten, schrillen und lauten Musikrevolutionäre sonst kennenlernen sollen? Trio mit “Da Da Da”, Nena mit “99 Luftballons”, Peter Schilling mit “Major Tom”, die Spider Murphy Gang mit “Peep Peep”, Geier Sturzflug mit dem Song vom Bruttosozialprodukt, Hubert Kah mit “Sternenhimmel” – sie alle wurden zu meinen Kindheitshelden, weil ich sie in der “Hitparade im ZDF” bei Dieter Thomas Heck gesehen und mit unserem Kassettenrekorder aus dem Westen aufgenommen hatte. Niemand kann sich heute mehr vorstellen, welche Wirkung eine solche Musik beim Stammpublikum dieser Schlagersendung hatte – und natürlich ebenso bei den Zuschauern am Bildschirm, zumal bei uns im Osten. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sich mein Vater über das Erscheinungsbild von Trio-Sänger Stephan Remmler aufregte. Wie könne man denn nur so rumlaufen, wenn man ins Fernsehen kommt? In solch einem abgewetzten T-Shirt auf der Bühne stehen und dabei auch noch Kaugummi kauen? Der habe ja wohl überhaupt kein Benehmen! Dabei war mein Vater gerade einmal 13 Jahre älter als der NDW-Star. Aber genau hier verlief der Riss zwischen den Generationen, zwischen der Wiederaufbau-Generation auf der einen und den Achtundsechzigern und Postachtundsechzigern auf der anderen Seite. Für meinen Vater jedenfalls war diese ganze NDW-Musik, wie er sich ausdrückte, “der letzte Husten”. Meine Mutter war da schon aufgeschlossener und erst recht unsere Nachbarin, Frau G. Sie sang sogar begeistert im Treppenhaus “Aha, aha, aha, ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht, aha, aha, da, da, da”, während mein Vater darüber nur den Kopf schüttelte…
Ungefähr 1983 erlebte die Neue Deutsche Welle mit zahlreichen Superhits ihren medialen und kommerziellen Höhepunkt. 1984 kamen dann nur noch “Engel 07” von Hubert Kah und “Terra Titanic” von Peter Schilling – dann war aber endgültig die Luft raus. Spätestens 1985 redete niemand mehr von der Neuen Deutschen Welle.
justament.de, 13.11.2023: Mops, Nudel, Badewanne – und früher war mehr Lametta
Zum 100. Geburtstag des großen Humoristen Vicco v. Bülow
Thomas Claer
Die Deutschen und der Humor, das ist zweifellos eine schon von jeher prekäre Beziehung. Doch muss man wohl sagen: So viel Lustiges auf höchstem Niveau wie heute gab es hierzulande noch nie in den Medien – und das in globalpolitisch gruseligen Zeiten wie diesen! Ein maßgeblicher Wegbereiter für alle unsere heutigen Meister des Komischen war einer, der als Offizier in der Deutschen Wehrmacht gewissermaßen selbst durch die Hölle gegangen ist und sich anschließend daranmachte, eine zutiefst erschütterte und traumatisierte Nachkriegsgesellschaft zu bespaßen. Vor allem hat er dabei immer wieder die naturgemäß ernsthafte Attitüde der damals zeittypischen “autoritären Persönlichkeit” aufs Korn genommen und der Lächerlichkeit preisgegeben. Dass ein nicht ganz kleiner Teil der Loriot-Sketche heute nicht mehr so ohne weiteres funktioniert, sollte uns aufatmen lassen, denn die heutige Gesellschaft ist – verglichen mit jener vor einigen Jahrzehnten, der Loriot den Spiegel vorgehalten hat, – erkennbar eine andere geworden: weitaus freier, lockerer und entspannter. Das Standesrenommee der Hotelbadewannen-Männer (“Sie wissen wohl nicht, wen sie vor sich haben?”), der fanatische Ordnungssinn des sich am schiefen Bild störenden Anzugträgers, die umständlich-verdruckste Vorgehensweise des Kavaliers mit der Nudel an der Nase – das alles gibt es in dieser Form wohl mittlerweile nicht mehr. Gleiches gilt vermutlich auch für die beiden Filmkritiker im Fernsehstudio, die sich so verbissen wie wortgewaltig über einen Klamauk-Kurzfilm in die Wolle kriegen.
Doch ist manches in Loriots Werken dann doch auch überzeitlich-universell. Das Auseinanderklaffen von Anspruch und Umsetzbarkeit, von Wunsch und Wirklichkeit, erzeugt nun einmal in jeder Gesellschaft Komik. Besonders Loriots grandiose Doppelbegabung als Zeichen- und Sprachkünstler – auf den Spuren von Wilhelm Busch sozusagen – lässt ihn unter Deutschlands Humoristen als Solitär erscheinen. Und dabei verkörperte er die neue Zeit nicht zuletzt auch in persona: als Angehöriger einer preußischen Adelsfamilie, der statt einer militärischen oder wenigstens gehoben administrativen Laufbahn letztendlich eine solche als Spaßmacher eingeschlagen hat. Gestern wäre Deutschlands witzigster Blaublütiger 100 Jahre alt geworden.
justament.de, 16.10.2023: Er hat das Loch in der Welt geseh’n
Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien die zweite Platte von Fink
Thomas Claer
Dass Element of Crime einzigartig sind und es nichts Vergleichbares unter dem deutschen Musikhimmel gibt, weiß mittlerweile wohl jeder, der es wissen will. Doch ist das längst nicht immer so gewesen, denn es gab einmal, ungefähr von Mitte der Neunziger bis Mitte der Nullerjahre, eine Band aus Hamburg, die den Elements nicht nur in vielfacher Hinsicht das Wasser reichen konnte, sondern auch eine beachtliche stilistische Nähe zu ihnen aufwies. Kenner wissen das alles schon lange. Die Rede ist natürlich von Fink, der etwas schrägen Country-Combo des leider viel zu früh verstorbenen Texters, Sängers und Gitarristen Nils Koppruch (1965-2012). Eine Zeit lang waren Fink passenderweise sogar die Vorgruppe von EoC. Und dann spielte auch noch Sven Regener in mehreren Fink-Stücken Trompete.
Angefangen hatte es mit Fink-Veröffentlichungen 1997, als ihr Debütalbum “Vogelbeobachtung im Winter” erschien, das zwar schon durchaus bemerkenswert war, doch hatte die Band darauf ihren Stil noch nicht endgültig gefunden. Dies geschah dann erst ein Jahr später, 1998, vor 25 Jahren, auf dem Album “Loch in der Welt”, das damals, genau wie seine Interpreten, noch ein echter Geheimtipp war. Wunderbar lakonisch kamen diese Songs daher, voll poetischer Tiefe und schwärzester Romantik: “Werft mich in einen Fluss, und wenn ihr Pech habt, hab ich Glück/ Und komm mit einem Fisch im Maul zurück.” Sven Regeners obligatorischer Trompeten-Einsatz ertönt im vierten Stück der Platte mit dem programmatischen Titel “Als einer einmal nicht kam”. Eine wirklich sehr düstere Stimmung durchzieht beinahe das ganze Album: “Wir werden seh’n, ob das Warten sich lohnt/ Und irgendwann… und irgendwann bin ich tot.” Das mit der Frage, ob das Warten sich lohne, textete Nils Koppruch übrigens drei Jahre vor Regener, der es im Song “Es regnet” auf der EoC-Platte “Romantik” wieder aufgreift, allerdings ohne die buchstäblich tödliche Konsequenz seines Kollegen Koppruch.
Ja, das tragisch frühe Ende des so begabten Songwriters Nils Koppruch kam bei Lichte betrachtet keineswegs aus heiterem Himmel. Immer wieder, wohl mindestens einmal auf jeder Fink-Platte, kreisten seine Texte um Sterben und Tod. Und dass es auch auf fast jeder ihrer Platten ausgerechnet 13 Titel sein mussten, hat sich offenbar auch nicht gerade als Glücksbringer erwiesen… Noch zwei weitere zumindest punktuell sehr starke Alben folgten aufs überragende “Loch in der Welt” (1998), nämlich “Mondscheiner” (1999) und das selbstbetitelte rote Album “Fink” (2001). Dann hellte sich, wohl auch bedingt durch den zunehmenden Ruhm und Verkaufserfolge, die Stimmung auf den beiden darauffolgenden Platten zusehends auf, was denen aber nicht unbedingt gutgetan hat. Auch die Band schien mit “Haiku Ambulanz” (2003) und “Bam Bam Bam” (2005) nicht mehr richtig glücklich gewesen zu sein und löste sich schließlich auf. Es folgten noch zweieinhalb Soloalben von Nils Koppruch, und dann… und dann war er tot. Das Urteil für “Loch in der Welt” lautet: gut (14 Punkte).
Fink
Loch in der Welt
XXS Records/Indigo 1998
justament.de, 2.10.2023: Als die Welt rund war
Recht historisch: Vor 30 Jahren wurde die DDR-Fußballzeitschrift Fuwo eingestellt – nach fast viereinhalb Jahrzehnten
Thomas Claer
Damals, in meiner Kindheit und Jugend in den Achtzigern, hatte ich einen Lieblingswochentag, und das war der Dienstag. Warum gerade Dienstag? Weil Dienstag Fuwo-Tag war. Es erschien, von mir immer aufs Neue heiß ersehnt, die wöchentliche Ausgabe der “Neuen Fußballwoche”, kurz Fuwo. Sie enthielt beinahe alles, was mein kindliches und jugendliches Herz zu jener Zeit begehrte: nämlich die ausführliche Berichterstattung über die maßgeblichen Fußballspiele des zurückliegenden Wochenendes, zumindest über jene in der Deutschen Demokratischen Republik, dazu allerhand Zahlen und Statistik sowie – immerhin – die Ergebnisse und Tabellen aus den anderen Ländern Europas, darunter auch die von drüben aus der Bundesliga. Noch interessanter wären allenfalls Spielberichte über den West-Fußball gewesen, aber an so etwas Ausgefallenes war zu jener Zeit der deutschen Teilung natürlich nicht zu denken.
Für mich war seinerzeit die Fuwo – neben der Comic-Zeitschrift Mosaik – der prägende Lesestoff schlechthin. Seit meiner ersten Ausgabe, Heft 1/1981, habe ich bis zum bitteren Ende kein Heft verpasst. Wobei allerdings die Fuwo, man muss es leider so hart sagen, schon ab Mitte 1990 eigentlich gar nicht mehr sie selbst war. Mit Mauerfall und Wiedervereinigung wurde nämlich die einzige Fußballzeitschrift der DDR einer inhaltlichen, optischen und sprachlichen Modernisierung unterzogen, durch die leider alles von ihrem vormaligen Charme verlorenging. Dass dieses nun vorgeblich marktgängige kunterbunte Machwerk aus fetten Überschriften und reißerischer Aufmachung schließlich eingestellt wurde, war dann auch nicht mehr so schade. Der Verlust der alten DDR-Fuwo dagegen umso mehr.
Was sich heute sicherlich niemand mehr vorstellen kann: Das sprachliche Niveau der Fuwo war zu DDR-Zeiten, zumal aus heutiger Sicht, überragend. Mein schon in den unteren Schulklassen allgemein als bemerkenswert eingeschätztes Ausdrucksvermögen verdankte ich nicht zuletzt meiner ausdauernden und sorgfältigen Fuwo-Lektüre. Die Fußballberichte waren durch die Bank bildungssprachlich verfasst. “Dynamo wahrte den Nimbus”, “ergo: der Sieg war verdient”, “die Zuschauer waren konsterniert”, der Trainer musste konstatieren”, “das hieße Eulen nach Athen tragen”… Beinahe alle meine Fremdwörter und sonstigen Redewendungen hatte ich aus der Fuwo. Möglich war so etwas, weil dort eine Riege von studierten Journalisten und Germanisten in aller Seelenruhe vor sich hin werkeln durfte. Aktualität und Schnelligkeit? War nicht so wichtig. Es genügte völlig, dass die Berichte übers vergangene Fußballwochenende am Dienstag erschienen. Die Leser? Wurden nicht gefragt. Sie hatten ja auch keine Alternative, denn es war in der DDR nur eine Fußballzeitschrift vorgesehen – zum Preis von 50 Pfennigen, unverändert seit 1949 bis 1990, denn im Sozialismus durfte es ja keine Inflation geben. Das Kontingent der gedruckten Hefte dürfte sich über die Jahre auch kaum verändert haben. Stets war es in der DDR das Problem der Leser, noch ein Exemplar der begehrten Zeitschriften, zu denen auch die Fuwo gehörte, abzubekommen. Dafür türmten sich dann in den Zeitungskiosken so unverkäufliche, weil unfassbar langweilige Printerzeugnisse wie “Sowjetfrau” oder “Sputnik”. Jedenfalls bis Gorbatschow in der Sowjetunion das Ruder übernahm und dank Glasnost und Perestroika die übersetzten Sowjet-Magazine plötzlich super interessant und in der DDR somit doch noch zur Bückware wurden…
Natürlich hat es auch etwas sehr Ironisches, dass ausgerechnet in einem durch und durch unfreien Land jahrzehntelang einige besonders niveauvolle Zeitschriften erscheinen konnten (neben Fuwo und Mosaik auch die Wochenpost oder das Magazin), die unter marktwirtschaftlichen Bedingungen kaum überlebensfähig gewesen wären – und es nach der Wende dann ja überwiegend auch nicht waren. Aber so ist es nun einmal gewesen. Manchmal braucht es eben auch Biotope jenseits der Marktlogik, damit Außergewöhnliches entstehen kann. Der Preis, den etwa die Fuwo-Journalisten für ihre vielen Freiheiten zu zahlen hatten, war es, wöchentlich ein bis zwei Seiten des Blattes mit sozialistischem Propaganda-Quatsch zu füllen – um dafür auf den restlichen 22 Seiten von der Obrigkeit in Ruhe gelassen zu werden…
Besonders erfreute ich mich über die Jahre an den in der Fuwo so zahlreichen Statistiken – und an den Auslandsspielergebnissen und –tabellen, die – jedenfalls in der DDR – nur in der Fuwo und nirgends sonst abgedruckt waren. Bald hatte ich in jeder Liga und in jedem Land eine Lieblingsmannschaft, die ich nur aufgrund ihres wohlklingenden Namens ausgesucht hatte. Meine Vorliebe galt dabei besonders zungenbrecherischen Namen wie Videoton Székesfehérvár aus Ungarn oder Dnepr Dnepropetrowsk aus der Sowjetunion. Insofern war die Fuwo für mich immer auch eine Art Tor zur Welt.
Eine ganz andere, überraschende Seite der Fuwo lernte ich allerdings in ihren Silvesterausgaben, d.h. im jeweils letzten Heft eines Jahres, kennen. Während es in der Fuwo nämlich ansonsten eher ernsthaft und betulich zuging, gab es am Jahresende immer vier Seiten mit ausgelassenem Frohsinn und erstaunlich freizügigen Fotos, unter denen dann auch noch anzügliche Sprüche standen. So fragte etwa in der Ausgabe 52/1981 eine splitternackte junge Dame am Strand mit einem Holzpfosten in der Hand: “Hast du noch ‘ne Querlatte, Benno?” Im Heft 52/1986 erklärte eine barbusige Schönheit sogar: “Gleich wird er mit meinen Bällen spielen.” Tja, im Westen gab es Vergleichbares täglich in der BILD-Zeitung, in der DDR hingegen nur einmal im Jahr in der Fuwo.
justament.de, 11.9.2023: Die blaue Reise
Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Shrink“ von The Notwist
Thomas Claer
Es beginnt mit rhythmisch klappernden Geräuschen wie auf einer Zugfahrt, aber gleichzeitig frickelt es auch schon ein wenig im Hintergrund. Dazu ein monoton surrender synthetischer Klang und dabei schleift, kratzt und scheuert es unentwegt. Nach einigen Sekunden dann setzen wiederholte Schläge auf irgendwelche Rohre ein, und noch etwas später mischen sich dezente Gitarrenklänge dazu. Irgendetwas blubbert unterschwellig. Erst nach mehr als zwei Minuten tritt unvermittelt der leise, immer etwas klagende Gesang von Markus Acher hinzu – und der Zuhörer ist angekommen im Kosmos des blauen Albums der bayrischen Band The Notwist mit dem rätselhaften Titel „Shrink“, was soviel wie „Schrumpfen“ bedeutet. Es ist so überaus raffiniert und fein arrangiert, was die Weilheimer Indie-Kapelle auf ihrem vierten Album alles entworfen hat, dass man auch heute noch, 25 Jahre später, aus dem Staunen nicht herauskommt. Im weiteren Verlauf, so ab dem dritten der zehn Stücke, bekommt die Platte dann auch noch eine sehr jazzige, mitunter sogar freejazzige und bläserlastige Note. Keineswegs ratsam wäre es, sich die Tracks einzeln anzuhören. Nein, so unterschiedlich sie auch sein mögen, sie bilden gemeinsam ein künstlerisches Gesamtwerk, wozu auch unbedingt das tiefblaue Album-Cover gehört, das gleichsam die melancholische Grundstimmung vorgibt, von der sich allein der beschwingte zweite Track „Chemicals“ ein wenig abhebt.
Man kann „Shrink“, das einer von vielen Wendepunkten im Schaffen dieser enorm einflussreichen Band gewesen ist, als einen Trip, als eine Art Reise begreifen – durch die (damals) neuen und revolutionären Landschaften multipler technischer Klang- und Geräuscherzeugung einerseits und durch die gedämpften inneren Erregungszustände frustrierter zeitgenössischer Individuen andererseits. Die sich in dieser Musik ausdrückende Haltung könnte in etwa dem alten Tocotronic-Motto: „Ich bin alleine, und ich weiß es, und ich find es sogar cool“ entsprechen. Nur dass es bei The Notwist natürlich unendlich viel subtiler anklingt… Für mich war „Shrink“, das legendäre blaue Album, so etwas wie mein Soundtrack durchs Erste Juristischen Staatsexamen und die bedrückende Zeit danach, wobei sich bald darauf auch noch das nachfolgende, ebenfalls ausgezeichnete, rote Album „Neon Golden (2002) hinzugesellen sollte – um von der Entdeckung des phänomenalen Vorgängers, des bunten Albums „12“ (1995), gar nicht zu reden… Das Urteil für „Shrink“ lautet „sehr gut“ (16 Punkte).
The Notwist
Shrink
Big Store / Cargo 1998
ASIN: B018N37V3Y
justament.de, 4.9.2023: Eduard Zimmermann, du hast mein Leben zerstört!
Recht cineastisch Spezial: Der vieldiskutierte Dokumentarfilm „Diese Sendung ist kein Spiel“ von Regina Schilling
Thomas Claer
Immer freitags um 20.15 Uhr war Krimi-Zeit im ZDF. Neben Derrick, dem „Alten“ und dem „Fall für zwei“ wurde aber seit 1967 auch jeden Monat eine neue Folge von „XY… ungelöst“ ausgestrahlt, dem „ersten True-Crime-Format weltweit“. So jedenfalls wird es in der sehenswerten Fernsehdokumentation „Diese Sendung ist kein Spiel – Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann“ der Grimme-Preis-Trägerin Regina Schilling (Jahrgang 1962) bezeichnet, die sich in Spielfilmlänge an dieser Sendung und insbesondere ihrem langjährigen Moderator abarbeitet. Man merkt schnell, dass die Autorin und Regisseurin hier eine Art persönliches Trauma zu bewältigen versucht, denn sie hat sich offensichtlich in ihrer Kindheit und Jugend enorm vor all dem gefürchtet, was „Ganoven-Ede“ seinen Zuschauern damals so aufzutischen hatte: Die bevorzugte Opfer-Gruppe in Nachkriegs-Westdeutschland, so suggerierte es „XY…ungelöst“, waren Mädchen und junge Frauen, die immer wieder aufs Neue brutalen Lustmördern zum Opfer fielen, vor allem wenn sie alleine in „Gaststätten“ oder gar per Anhalter unterwegs waren oder „zweifelhafte Männerbekanntschaften unterhielten“. Mit einem solchen Lebenswandel, so kommentierte es Zimmermann oft in warnendem Tonfall, lebten junge Damen gefährlich, denn schließlich könnte doch hinter jedem Baum oder Strauch solch ein gemeiner Übeltäter lauern. Dabei hätte das Leben doch so schön sein können, damals, in den wilden Jahren des gesellschaftlichen Aufbruchs und der sexuellen Revolution. Es hätte grenzenlose Freiheit und feurige Abenteuer versprochen, wenn man oder vor allem frau sich nur nicht durch Zimmermann und „XY… ungelöst“ von alldem hätte abhalten lassen und stattdessen brav zu Hause geblieben wäre.
Tja, ein Stück weit muss man der Autorin schon recht geben. Zutreffend zitiert sie kriminalwissenschaftliche Untersuchungen, wonach zu allen Zeiten die größten Gefahren für sexuellen Missbrauch und sogar Tötungsdelikte keineswegs unterwegs in Lokalen oder auf der Straße, sondern vielmehr zu Hause in den eigenen vier Wänden bestanden hätten – und zwar durch nahe Angehörige der jeweiligen Opfer. Doch so etwas kam bei XY niemals vor. Was hat uns Eduard Zimmermann da nur für einen Bären aufgebunden?! Die Regisseurin übertreibt es allerdings dann doch ein wenig mit ihren Unterstellungen an Zimmermanns Adresse. In einem fort werden Sequenzen aus den damaligen Sendungen eingespielt und kritisch kommentiert, die aus heutiger Sicht in mancher Hinsicht bedenklich zu sein scheinen. Dabei spiegeln sie in erster Linie nur den damaligen Zeitgeist. Keine Frage, „XY…ungelöst“, das es auch heute noch gibt, war die längste Zeit von einer biederen konservativ-bürgerlichen Grundhaltung geprägt. Aber die Kriminalfälle, die dort nachgespielt wurden, die waren schon echt und hatten sich genauso zugetragen, weshalb man dem bereits 2009 verstorbenen Zimmermann auch keinen Strick daraus drehen sollte, dass er vor solchen Verbrechen gewarnt hat. Es liegt nur eben in der Natur einer solchen Sendung, dass bei der Auswahl dessen, was gezeigt wird, eher auf die Einschaltquote geschielt als auf eine repräsentative und wirklichkeitsgetreue Abbildung der Kriminalstatistik geachtet wird. Zumal die besagte Kriminalität aus dem häuslichen Umfeld der Opfer seinerzeit auch noch stark tabuisiert war und sich zumeist ungesühnt im Verborgenen abspielte. Dennoch ist Regina Schilling ein bemerkenswerter Film gelungen – über eine Sendung, die trotz all ihrer Schwächen ein großartiges Stück Fernsehgeschichte geschrieben hat.
„Diese Sendung ist kein Spiel – Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann“
Deutschland 2023
Buch und Regie: Regina Schilling
In der ZDF-Mediathek: https://www.zdf.de/kultur/kultur/diese-sendung-ist-kein-spiel-die-unheimliche-welt-des-eduard-zimmermann-100.html
justament.de, 17.7.2023: Die späte Liebe zu den kleinen Silberlingen
Scheiben Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine wachsende Begeisterung für einen inzwischen sehr altmodischen Tonträger
Lange Zeit habe ich keine CDs gemocht. Damals, in meiner Jugend in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, war das für mich eine Grundsatzentscheidung. Es gab nur entweder… oder. So wie in noch früheren Epochen ästhetische Debatten über Alternativen wie “Spitzdach oder Flachdach?” geführt wurden oder über “Geschüttelt oder gerührt?”, so war die Frage zu meiner Zeit: “Platte oder CD?” Und mein Herz schlug ganz klar fürs schwarze Vinyl. In einem Schallplattenladen in unserer Gegend, der jetzt leider dichtgemacht hat, weil der Betreiber in Rente gegangen ist, hing jahrzehntelang an der Fensterscheibe der Spruch “CDs sind Sondermüll”. Das hätte ich vor drei Jahrzehnten sicherlich auch unterschrieben.
Wie wunderschön doch so eine Schallplatte ist, so hübsch verpackt in der großen und kunstvoll gestalteten Hülle… Und wenn man sie dann langsam und genussvoll herauszieht und auf den Plattenteller legt, sich dieser zu drehen beginnt und man darauf wartet, dass die Nadel mit gemütlichem Knistern in den feinen Rillen versinkt… Wie kalt und steril ist doch dagegen die Compact Disc mit ihrem glasklaren Klang, begleitet nur vom feinen Sirren, Klackern und Ticken der nachgeführten Laserlinse. Und wie trostlos nehmen sich die viel zu kleinen CD-Hüllen aus, auf denen sich oftmals selbst mit sehr guten Augen kaum ihre Beschriftung entziffern lässt. Im tiefsten Grunde meines Herzens bin ich noch heute dieser Meinung.
Und doch hat auch die CD ihre unbestreitbaren Vorzüge, so wie die Schallplatte ihre kaum zu leugnenden Nachteile hat. Noch dazu erscheint all das heute, wo Musik zumeist seelenlos aus großen Wolken gestreamt wird, in ganz neuem Licht: Längst sind Vinyl und CD keine Gegensätze mehr, sondern liegen doch, genau besehen, recht eng beieinander als Tonträger der alten Schule, die einer bestimmten Musik ein haptisches und optisches Äquivalent beigeben, woraus dann ein Gesamtkunstwerk entsteht. Welchen Sinn soll es eigentlich haben, Geld dafür zu bezahlen, dass man die Möglichkeit hat, auf Millionen Lieder zuzugreifen? Das ist doch am Ende beinahe so, als ob man gar nichts hätte. Man verhungert dann in der Fülle, wie es bei Goethe heißt. Auch das präziseste Superhirn wird sich ab einer bestimmten Menge angehörter Musik nicht mehr daran erinnern können, was man schon gehört hat und was nicht. Und was man vergessen hat, das hat man nie besessen, solange kein gut bestückter Schallplattenschrank oder CD-Ständer einem zurück ins Gedächtnis ruft, was man bereits besitzt. Na gut, man könnte vielleicht Listen führen über das bereits Angehörte. Aber wozu? Das wäre doch viel zu umständlich und vor allem ohne jeden ästhetischen Reiz. Der Kunstsammler Heinz Berggruen soll gesagt haben, ein schönes Bild brauche auch immer einen schönen Rahmen, so wie eine schöne Frau ein schönes Kleid brauche. Ein gestreamtes Lied aber ist – verglichen mit jenem auf einem Tonträger – noch weniger als eine Postkarte im Vergleich zum gerahmten Bild an der Wand.
Natürlich ist es kein Zufall, dass die Schallplatte in den beiden vergangenen Dekaden eine triumphale Wiederauferstehung gefeiert hat. Doch liegt hierin bereits ein Teil des Problems, denn mittlerweile ist sie zum sündhaft teuren Luxus-Accessoire geworden. Muss das wirklich sein: horrende Summen für Platten ausgeben, die man noch vor ein paar Jahren für wenige Euros auf Flohmärkten finden konnte? Hier bietet sich nun die CD als vergleichsweise spottbillige Alternative zu ihrer großen Schwester, der Schallplatte, an, zumindest wenn man sie aus zweiter Hand erwirbt, wozu es ja dank Medimops, Rebuy und Co. fortwährend erstklassige Gelegenheiten gibt. Auch das Verschicken der CDs kostet kaum zwei Euro, während man fürs Versenden der klobigen schwarzen Vinyl-Scheiben in großen stabilen Plattenkartons weitaus tiefer in die Tasche greifen muss. Und wie bequem ist es doch mit den CDs: rein, raus, vor, zurück. Alles geht schnell und einfach und ist nicht so zeitraubend wie bei den Platten. Außerdem verspringen die CDs einem nicht im Player, auch dann nicht, wenn man beim Musikhören Frühsport treibt (bzw. umgekehrt) und dabei den Fußboden erschüttert. Und fürs Lesen der CD-Beschriftungen liegt schon seit langen Jahren eine Lupe auf unserem Küchentisch.
Wohl über anderthalb Dekaden habe ich mir nun schon zu Tiefstpreisen Unmengen an CDs zusammengekauft, zumeist solche, die ich vor zwanzig oder dreißig Jahren sehr gerne gehabt hätte, aber mir damals nicht leisten konnte. Mittlerweile besitze ich schon weitaus mehr CDs als Schallplatten. Doch das fällt gar nicht auf, weil die CDs viel weniger Platz beanspruchen. Nur meiner Frau ist es inzwischen aufgefallen, dass meine vielen CDs langsam, aber sicher unsere Wohnung vollstellen, weshalb sie ein striktes CD-Ständer-Anschaffungsverbot verhängt hat. (Den größten Teil meiner CD-Ständer habe ich über Ebay Kleinanzeigen geschenkt bekommen von Leuten, die keine Verwendung mehr für sie hatten.) Glücklicherweise ist es mir vor kurzem dennoch gelungen, zwei besonders große CD-Ständer mit reichlich Fassungsvermögen unauffällig in der Speisekammer zu platzieren, womit ich bei meiner Frau so gerade eben noch durchgekommen bin. Doch versuche icn schon nach Kräften, mich bei meinen weiteren CD-Anschaffungen zu bremsen, denn ob der Aufbewahrungsplatz für mein gesamtes restliches Leben ausreichen wird, das steht noch in den Sternen…
justament.de, 10.7.2023: Ruf nach der Feuerwehr
Peter Sloterdijks fulminanter Essay “Die Reue des Prometheus”
Thomas Claer
Gibt es eigentlich nicht schon mehr als genug alarmistische Publikationen zum bevorstehenden Klimawandel? Ist denn nicht längst schon wirklich alles darüber gesagt? Nun, das mag schon sein. Doch so pointiert und originell wie nun von Peter Sloterdijk, dem einstigen Enfant terrible der deutschen Philosophie, haben wir es bislang noch nicht gehört. Dabei schien Sloterdijk als Buchautor, man muss es so sagen, zuletzt schon auf dem absteigenden Ast zu sein. Nach den grandiosen “Schrecklichen Kindern der Neuzeit” (2014) mit dem überaus witzigen Kapitel über Jesus von Nazareth wurden seine Werke zuletzt zusehends verschwurbelter und fremdwortüberladener. Doch nun ist er gottlob wieder zugänglicher geworden, fast schon allgemeinverständlich. Nicht zufällig endet sein schmales Bändchen, das man beinahe ein Manifest nennen könnte, mit den an zwei prominente Kollegen angelehnten Worten: “Fire-Fighters aller Länder, dämmt die Brände ein!”
Er redet nun Tacheles, nimmt kein Blatt vor den Mund und positioniert sich politisch – nach all den Irritationen der vergangenen Jahrzehnte – nunmehr eindeutig im aufgeklärt-demokratisch-ökologischen Lager. Na gut, ein paar ironische Spitzen gegen die immer zu optimistischen Freunde des Fortschritts kann er sich auch diesmal nicht verkneifen. Aber dafür teilt er auch ordentlich aus gegen die in seinen Augen Hauptschuldigen am sich vor unseren Augen vollziehenden Weltenbrand durch Verfeuerung unserer “unterirdischen Wälder”: “Es ist eine brandstifterische Elite von Ingenieuren und interkontinental operierenden Handelsgesellschaften, die – vom Europa des späten 18. Jahrhunderts, danach von den USA ausgehend – ein weltweites Netzwerk von nahezu schicksalhaften, bis auf weiteres fast irreversiblen Energieabhängigkeiten geschaffen hat.” Vor allem adressiert er seinen Vorwurf dabei an die rohstoffreichen Länder, die keinen Millimeter von ihren unheilvollen Geschäftsmodellen abrücken wollen: “Die Vorsprecher der pyromanischen Internationale machen keinen Hehl aus ihrer Absicht, den Sektor der flüssigen und gasförmigen Brennstoffe den wachsenden Anforderungen eines zuverlässig blinden und gierigen Weltmarkts anzupassen.” Und: “Ohne Zweifel wird man die aktuellen Praktiken eines Tages, bei nahender Erschöpfung der Vorkommen, als Extraktionsverbrechen verurteilen, so wie man heute viele Aspekte des Kolonialismus verurteilt… Die Malignität des bestehenden Systems manifestiert sich besonders grell an einem rein fossil-parasitischen System wie Russland, das außer seinen flüssigen und gasförmigen Bodenschätzen nur einen einzigartigen Exportüberschuss an Lügen und gewollter Demoralisierung vorzuweisen hat.” Nimm das, Putin! (Diesen bezeichnet Sloterdijk übrigens en passant sehr treffend als “die momentan evidenteste Personifikation eines Feindes des Menschengeschlechts”.) Hinsichtlich der Araber heißt es: “Die Öl- und Gasdespotien… fürchten die Emanzipation ihrer oft noch in stammesfamiliären, gelegentlich halb sklavischen Mentalitätsverhältnissen fixierten Populationen, besonders was deren weibliche Hälften betrifft.” Und über China schreibt er: “Ein nahezu lückenloses, die Generationen übergreifendes System permanenter Gehirnwäsche generiert bei der Mehrheit der Subjekte forcierter Sinisierung eine Art von Einverständnis, zu dessen Deutung und Prognose man in die Archive einer schwarzen Sozialpsychologie zurückgehen müsste.”
Doch natürlich kriegen auch wir westlichen Wohlstandsmenschen unser Fett weg, und das nicht zu knapp: “Die in die Produktion einschießenden Exzesse an fossilen Energien des 19. und 20. Jahrhunderts trieben den Massenausstoß von Gütern in solchem Maße voran, dass aus den abhängig Beschäftigten der Industriegesellschaftsära mehr und mehr auch eine Population von Konsumenten übernotwendiger Güter werden musste… Oscar Wildes Bonmot ‘Lasst mich in Luxus schwelgen, auf das Notwendige kann ich verzichten!’ ist in den Snobismus der Massen eingegangen.” … “Eine extensive und invasive Gesundheits-, Schönheits- und Wellness-Industrie überflutet die entfalteten Freizeitgesellschaften mit weiteren Angeboten an Mitteln zur Selbstsorge und zum Selbstgenuss… Daher gleichen moderne Gesellschaften eher Konsumvereinen…” “So ergibt sich für jeden erwachsenen Angehörigen der Industriegesellschaften ein Zuschuss an disponibler Kraft, der (je nach seinem oder ihrem Aufwand an Mobilität, Reisetätigkeit, Garderobe, Wohnkultur und Tischkonsum) dem Leistungsvermögen von zwanzig bis fünfzig Haushaltssklaven entspräche, in einzelnen Fällen sehr viel mehr… Die Erwartungen in Bezug auf Teilhabe an den quasi anonym und massenhaft anströmenden Überflussgütern wurden für große Mehrheiten zu einer zweiten Natur. … An zahlreichen Erzeugnissen, auch solchen, die man inzwischen für basal hält, lässt sich ein Aspekt von Abhängigkeiten beobachten, die Analogien zum Drogenkonsum aufweisen… darstellbar an den unterschiedlichen Entzugserscheinungen bei gelegentlichem Fehlen von Nachschub…” Hinzu kommt: “Die fleischproduzierende Industrie hat sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem globalen Gulag der Tiere entwickelt.” Das vierte Kapitel “Moderne Welt. Die Ausbeutungsverschiebung”, aus dem die meisten hier aufgeführten Zitate stammen, kann man als besonderen Höhepunkt von Sloterdijks Formulierungskünsten, nicht nur innerhalb dieses Buches, ansehen.
Doch wie realistisch ist es denn nun, dass die globale Klimakatastrophe noch abgewendet oder zumindest abgemildert oder auch nur ein wenig verzögert werden kann? Laut Sloterdijks Analyse hätte dazu längst den rohstoffreichen Ländern das Eigentum an ihren jeweiligen Vorräten entzogen und in die Zuständigkeit internationaler Organisationen überführt werden müssen. “Was man die Vereinten Nationen nennt, wäre eine weniger farcenhafte Organisation, wenn sie rechtzeitig die Macht gefordert und erlangt hätte, aus dem Gebot der Bewahrung des Weltbodenschatzes geltendes Recht zu schaffen.” Doch da solche radikalen Schritte derzeit kaum umsetzbar erscheinen, bleibt am Ende nur große Skepsis und das Prinzip Hoffnung, auch im Hinblick auf neue Technologien, die mit der Zeit einen sparsameren und effizienteren Energieverbrauch ermöglichen könnten. Im Schlusskapitel untersucht Sloterdijk noch die Positionen der “ökologischen Leninisten” (u.a. “Letzte Generation”) versus der “ökologischen Sozialdemokratie” und ergreift Partei für letztere.
Betrachtet man allerdings aktuell den Aufschrei in unserer ganz überwiegend in absurdem Luxus – siehe oben – schwelgenden Wohlstandsgesellschaft angesichts des von der Ampelkoalition geplanten neuen Heizungsgesetzes, dann gibt es wohl leider nicht viel Anlass zu Optimismus für einen rechtzeitigen und erfolgreichen ökologischen Umbau.
Peter Sloterdijk
Die Reue des Prometheus. Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung
Suhrkamp Verlag 2023
79 Seiten; 12,00 Euro
ISBN: 978-3-518-02985-5









