www.justament.de, 14.11.2016: Für ihn war die Freiheit kein Arschwischpapier

Zum 80. Geburtstag von Wolf Biermann. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

ADN-ZB/Grubitzsch/1.12.89/ Leipzig: Biermann-Konzert/ Der Liedermacher, der nach jahrelangen Auftrittsverboten 1976 während einer BRD-Tournee ausgebürgert worden war, trat zum erstenmal wieder in der DDR auf. In der Messehalle 2 wurde er von den etwa 5.000 Besuchern mit einem Beifallsorkan empfangen. (siehe auch 47N)

Zum ersten Mal sah und hörte ich Wolf Biermann in den späten Achtzigerjahren im Westfernsehen. Es muss wohl in der ZDF-Sendung „Kennzeichen D. Deutsches aus Ost und West“ gewesen sein. Jedenfalls war dieser nur wenige Minuten währende Auftritt des ein Jahrzehnt zuvor aus der DDR ausgebürgerten Liedermachers für mich eine regelrechte Offenbarung. Klar, für einen fünfzehn- oder sechzehnjähriger Jugendlichen im Osten, der dem eigenen Staat sehr misstrauisch gegenüberstand, war es überaus elektrisierend, wenn da einer im Leitmedium des Klassenfeindes sang: „Für mich ist die Freiheit kein Arschwischpapier“.
Vielleicht fehlten mir ja damals in der DDR einfach nur die richtigen Kontakte, jedenfalls ist es mir seinerzeit nicht gelungen, das zu bekommen, worauf ich so scharf war: Musik von Wolf Biermann. Was hätte ich gegeben für ein paar Biermann-Songs, überspielt – wie es damals üblich war – von Kassettenrekorder zu Kassettenrekorder in erbärmlicher Tonqualität, aber keiner, den ich kannte, hatte welche. Und schon gar nicht meine Eltern, deren Freunde manchmal wissend von der Zeit der Biermann-Ausbürgerung erzählten, an die ich als Spätgeborener natürlich keine Erinnerungen hatte. Alle fanden es viiiel zu gefährlich, so etwas wie Biermann-Musik auch nur zu besitzen. Und wie oft hörte ich von ihnen: „Pass bloooß auf, was du in der Schule erzählst!“
Als ich dann ein oder zwei Jahre später – wenige Monate vor dem Mauerfall – im Westen angekommen war, hatte ich allerdings den Eindruck, dass sich dort niemand außer mir für Wolf Biermann interessierte. In einem Second-Hand-Schallplattenladen in der Nähe unserer Wohnung fand ich unter B wie Biermann gut und gerne zehn verschiedene Biermann-Platten, die alle schon etwas angestaubt waren. Ich kaufte sie gleich komplett für acht Mark pro Stück und opferte dafür fast mein ganzes Taschengeld. Später auf einem Flohmarkt erstand ich für ein paar Mark sogar einen ganzen Stapel weiterer Biermann-Platten, die mir noch fehlten.
Als dann kurz darauf die Wende kam und im SPIEGEL ständig Essays von Wolf Biermann zu lesen waren, der nun als Sachverständiger die sich anbahnende deutsche Einheit kommentierte, hörte ich meine Biermann-Platten rauf und runter. Besonders gefiel mir seine kritische Auseinandersetzung auch mit den Zuständen im Westen, in dem er seit 1976 unfreiwillig lebte: „Dort stinkt die Macht – na und, hier stinkt das Geld/ egal, wo es mehr stinkt auf der Welt/ Ich bleib immer der aus’m Osten.“ In einer ähnlichen Rolle muss ich mich damals als frisch im Westen Angekommener wohl auch gefühlt haben, zumal meine westdeutschen Mitschüler und Altersgenossen ganz überwiegend mir und insbesondere meiner Herkunft ein – für mich völlig unbegreifliches – Desinteresse entgegengebrachten. Wie neugierig war ich, wohl meine gesamte Kindheit und Jugend lang, auf echte Westkinder und –jugendliche gewesen. Und wie herzlich egal war ich denen nun, als ich ihnen begegnete. Einen gab es aber doch, der großes Interesse an der DDR hatte und mich sehr genau über alles ausfragte: meinen Mathe-Lehrer auf dem Gymnasium. Er war ein eher untypischer Mathe-Lehrer, mit langen Haaren und Nickelbrille, immer in Jeans und Pullover. Und zwischen den Mathe-Aufgaben erzählte er ständig alte Geschichten von1968. Oh, wie viel Wolf Biermann er damals immer gehört habe. Und wie freute er sich, als ich ihm verriet, dass ich alle Biermann-Platten kannte und besaß, bis auf die Live-LP von 1976 vom Konzert vor seiner Ausbürgerung. Ha, und genau dieses Konzert habe er, mein Mathe-Lehrer, damals, 1976, aus dem Radio mitgeschnitten – und zwar auf Tonbänder, denn damals habe er noch keinen Kassettenrekorder besessen. Und er werde ganz bestimmt irgendwann seine alten Tonbänder alle auf moderne Audio-Kassetten überspielen und dabei auch eine Kassette vom legendären Biermann-Konzert von 1976 für mich aufnehmen. Ich nahm ihn beim Wort und fragte ihn später noch einige Male, ob er es denn schon geschafft habe. Manchmal fing er auch selbst davon an, wenn wir irgendwie auf das Thema kamen, was häufig der Fall war. Doch, er werde das mit den Tonbändern ganz bestimmt irgendwann mal in Angriff nehmen, aber es sei nun einmal ziemlich umständlich… Als ich drei Jahre später mein Abitur ablegte, hatte er es noch immer nicht geschafft. Ein paar Jahre später kaufte ich die Platte mit dem Biermann-Konzert von 1976 für eine Mark auf einem Flohmarkt. Und heute findet man ja eh alles, sogar noch mit bewegten Bildern, im Internet auf YouTube.
Wenn ich mir heute die alten Biermann-Lieder wieder anhöre, und ich habe das, bevor ich nun wieder darauf gekommen bin, schon viele Jahre nicht mehr getan, dann bin ich mir längst nicht mehr sicher, ob mir das alles noch so gut gefällt wie damals. Ist schon ziemlich pathetisch, das Ganze. Und diese ausgestellte ostentative Großmäuligkeit… Früher ist mir das entweder gar nicht aufgefallen oder es störte mich nicht so sehr. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu! Alles Gute, Wolf Biermann, zum Achtzigsten!

www.justament.de, 7.11.2016: Fast wieder die Alten!

Die Pixies auf „Head Carrier“

Thomas Claer

pixiesDie Götter des wohlklingenden Lärms sind vom Olymp hinabgestiegen und beglücken uns mit einem neuen Album. Wenn schon die Rezension in der Süddeutschen mit einem „Hurra!“ beginnt, so denkt man sich, dann muss die neue Pixies-Platte, die erst sechste in mittlerweile 30 Jahren Bandgeschichte, wohl etwas taugen. Und in der Tat: Der erste Song, das Titelstück „Head Carrier“, ist schon mal umwerfend gut. Da krachen die Gitarren und dröhnen die Verstärker, dass es eine Freude ist. Doch leider geht es so nicht weiter. Jedenfalls nicht ganz. „Classic Masher“, das zweite Stück, ist etwas unangenehm süßlich. Und so hängt man die Erwartungen gleich etwas tiefer – um dann beim nächsten Lied regelrecht aus den Latschen zu kippen. „Baal’s Back“ ist eine Schrei-Nummer wie aus alten Zeiten, den seligen 80ern, als die Pixies mit ihrem furiosen Brachial-Rock den Boden für alles bereiteten, was fortan unter Indie und Alternative firmieren sollte. Es ist tröstlich zu erleben, dass solche Temperaments-Explosionen auch mit über fünfzig noch hervorragend funktionieren. Der Rest des Albums ist dann zwar leider nicht mehr ganz so rasant, aber doch leidlich gelungen. Auffällig ist vor allem, wie ausgerechnet die Pixies, die einst alles, was Rang und Namen hat, beeinflusst haben, sich nun ihrerseits erkennbar von anderen Bands inspirieren lassen: Ein Lied („Oona“) klingt verdächtig nach Nirvana, ein anderes („Tenement Song“) nach Weezer und ein drittes („All I Think About Now“) nach den Breeders. Beim drittletzten Stück „Um Chagga Lagga“ explodieren sie sogar noch einmal in beinahe alter Manier! Nur der Abschluss-Track mit dem vielversprechenden Namen „All the Saints“ fällt etwas ab. Alles in allem haben die Bostoner jedoch ein überzeugendes Album abgeliefert, was nach den jüngsten Querelen um Gitarrist Joey Santiago, der sich in eine Suchtklinik einweisen ließ und hierzu von Bandleader Black Francis ausdrücklich beglückwünscht wurde, nicht unbedingt zu erwarten war. Oder vielleicht gerade, denn schon in ihren ruhmreichen Gründerjahren waren die Pixies immer dann am besten, wenn die Bandmitglieder am heftigsten miteinander gestritten hatten… Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Pixies
Head Carrier
Pixies Music 2016
Ca. € 15,-
ASIN: B01I4J1WHS

November 2016: Ahnenforschung Claer, Teil 8

Forschungen zur Geschichte unseres Familiennamens aus den letzten anderthalb Jahren

Gerade noch im alten Jahr 2016 komme ich zur Niederschrift meiner gesammelten Erkenntnisse aus den letzten anderthalb Jahren. Das nun bald vergangene Jahr war für uns kein glückliches, da in ihm gleich drei Claers verstorben sind, wodurch auch der Kreis der Interessenten an unseren Forschungen drastisch geschrumpft ist. Doch dafür konnte ich immerhin zu einer entfernten verwandten Namensträgerin Kontakt aufnehmen, die mir überdies bei der Entzifferung einschlägiger Dokumente sehr geholfen hat…

1. Korrekturen in Ludwigswalde: Weniger Claers als gedacht!
Auch diesmal beginnen wir mit den Claers in Ludwigswalde bei Königsberg, wo unsere ältesten gesicherten Vorfahren, der Unterförster Friedrich Wilhelm Claer (1770-1815) und seine Ehefrau Susanne Hoemke, 1799 eine Familie gründeten, indem mein Urururgroßvater (Christian) Friedrich Claer das Licht der Welt erblickte. Außerdem lebte in Ludwigswalde auch „unseres“ Friedrich Wilhelm Claers mutmaßlicher Bruder Johann Friedrich Claer mit seiner Frau Susanna Dorothea Liedmann (verwitwete Kopfhammer), deren angebliche Heirat mit „unserem“ Friedrich Wilhelm 1796 (so steht es im Kirchenbuch) wir für einen Eintragungsfehler halten; sie muss Johann Friedrich geheiratet haben, mit dem sie ein Jahr später auch einen Sohn bekam, der allerdings kurz nach Geburt wieder verstarb. Darüber hinaus hatten wir in den Kirchenbüchern noch mehrere weitere eventuelle Claers entdeckt, bei denen wir uns durchweg unsicher waren, ob wir richtig gelesen hatten. Nun hat mich dankenswerterweise der Schriftexperte und Genealoge Patrick P. insoweit korrigiert, dass wir uns in allen diesen Fällen geirrt haben. Die einzigen Claers in Ludwigswalde waren die beiden Förster und ihre Familien, die aber auch nur zwischen 1796 und 1803 in den Kirchenbüchern auftreten. Hier zunächst unsere ursprünglichen Entzifferungsversuche und danach die Korrekturen des Experten:

– S. 123 (1752):
Am 1. Oktober ist des Gottfried Klair, iun, militis. Weib, Julia Ruollin mit einer Tochter niedergekommen, selbige wurde Maria 4. … getaufet.
Richtig: den 1 Octobr. ist des Gottfried Kleinen, militis, Weib, geb. Krollin, mit einer Tochter niedergekommen, …
– S.116 (1749):
Am 13. September ist des Gottfried Klair jun., Musquetiers vom Mountenfil … Regiment sein Weib mit einer Tochter niedergekommen, selbda wurde als dann 1.4. getauft nomine Louisa.
Richtig: den 13 Septembr. ist des Gottfried Kleinen, Musqvetiers vom Manteufelschen Regiment, sein Weib mit einer Tochter …
– S.101 (1739):
Am 11. September ist des Johann ??? Schmids Cleer, Schultzen in Altenburg, Ehegattin mit einem jungen Sohn entbunden welcher am 14. Jujus getaufet und Johann Christoph genannt worden.
Richtig: d 11 Septembris ist des Johann Friedrich Wincklers, Schultzen in Altenberg Ehegattin mit einem jungen Sohn entbunden …
– S. 95 links (1736):
3. February wird der (des?) Minhart Mil. (wohl Abkürzung für Miles = Soldat) Claer, Intimus von hier (könnte heißen: er ist hier gut bekannt), sein Töchterchen, welches ?? 30 (20?) January gegen Abend gebohren, zur Kirche gebracht, und ihm den Nahmen Regina gegeben.”
Richtig: d 3 February ward des Michael Möllers, Instmanns von hier, sein Töchterchen, welches d 30. January …

– S. 61 links-2 und rechts-2 (1794):
dem Johann (oder Jochen?) Christian Klaer. Aufquatier (oder Auf quatier?) vom Depots Batallion ist von seiner Ehefrau, Mar. Elisa Prangin, 8 km abge (abgelegen?) ein Töchterlein gebohren, welches achtzehnten April getauft nomina Cath. Elisabeth.
Richtig: Ludwigsw.., dem Christian M…er Musquetier vom Depot Batallion ist von seiner Ehefrau Mar. Elis Prangin d. 8ten Aprill ein Töchterleich gebohren
(„Anyway, der erste Buchstabe des Nachnamens sieht mir sehr nach einem M aus! Der Rest ist schlecht lesbar.“)
– S.198 li 02 (1754):
Am 24. Januar ist gut ??? ?? An (?) Christoff Nin. (?) Claer, Schultz in Altenberg, mit Jungfer Dagmar Dybben (Delten?) für Hrn. (?) Schultz Casse ist gezahlt 30 gu (Gulden?)
Richtig: 198 li 2 ist der Ehrenveste Christoff Winkckler

– S.238 (1715):
Dom. XVII. ? 13 8 h ließ Hanß Claire sein Töchterlein mit Gesang und Klanck begraben.
(Hier ist vor allem fraglich, ob es Claire heißt, der Rest ist gut lesbar. Der erste Buchstabe könnte eher ein T sein, aber danach folgt keinesfalls ein h…)
Richtig: 238 ist Dom. XVII d 13 8b (Oktober) Hanß Thiel sein Töchterchen mit Gesang und Klanck (Klang! = Glöckenläuten) begraben

Auch beim erwähnten Heiratseintrag, der einen für uns bisher nicht zu entziffernden Zusatz mit Bezug zum Amte Karschau hatte, konnte uns der Experte auf die Sprünge helfen:

– S. 216-rechts-01 (1796):
Ludwigswalde. Friedrich Wilhelm Claer königl. Unterförster mit Wittwe Susanna Dorothea Kopfhammelin 25. ten Sept: copuliert 30 H (Heller?) zur Schulstraße bezahlt. aber Zwilinge (?) gebucht (?) vom Amte Karschau vom (am?) 14 ten Sept. beigebracht 30/32

Richtig: Ludwigswalde. ..rich (aber nicht Friedrich!) Wilhelm Klaer königl: Unterförster mit Wittwe Susanne Dorothea …mmelin d 25ten Sept: copulirt 30 H zur Schulkaße (Schulkasse!) bezahlt. Das Theilungs=Attest (zwischen der Witwe und ihren früheren Kindern) vom Amte Karschau vom 14ten Sept: c: beygebracht (30/32 (Jahre alt))

Das heißt für uns, dass alle unsere Spekulationen über weitere (frühere) Claers in Ludwigswalde außer den beiden Unterförstern Johann Friedrich und Friedrich Wilhelm Claer und deren Nachkommen vom Tisch sind. Die beiden müssen also (wohl in den 1790er Jahren) nach Ludwigswalde zugewandert sein.
Das Amt Karschau hat also nur die zur Heirat mit einer Witwe nötige Bescheinigung ausgestellt. Es gibt keine Hinweise auf die Herkunft der beiden Förster. Ihre Geburtsjahre sind vermutlich bei „unserem“ Friedrich Wilhelm 1770 (Datenbankeintrag) und beim im Heiratseintrag nicht mit korrektem Namen eingetragenen Johann Friedrich 1766 (errechnet gem. Altersangabe bei Trauung: 1796 ist er 30 Jahre alt gewesen).
Woher können diese beiden Förster Claer also gekommen sein? Wahrscheinlich sind es Nachkommen der Clercs/Clairs aus der Schweizer Kolonie im Raum Gumbinnen, die 1710/12 aus St. Imier/ französische Schweiz eingewandert sind, siehe hierzu meine früheren Texte, insbesondere den von 2015. Oder es ist doch etwas dran an der vagen Überlieferung einer Verbindung zu den v. Clairs (Hauptmann von Gumbinnen) oder de Claires (in Küstrin). Oder, am unwahrscheinlichsten: eine anglo-normannische Herkunft über Johann Clare (geb. 1344 in Königsberg), den Erbauer des Königsberger Doms und Bischof vom Samland.

 

2. Die Clairs in Juditten und Umgebung

Ferner habe ich bereits im August 2015 das Evangelische Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg besucht, um die Clairs in Juditten aufzuspüren, die mein Großvater Gerhard Claer in seiner von mir schon vielfach zitierten Notiz erwähnt hatte:

„An dieser Stelle ist ergänzend auf die handschriftlichen Aufzeichnungen meines Großvaters Gerhard Claer hinzuweisen, wonach im Kirchenregister der ev. Kirche Judithen bei Neidenburg, Jahrgang 1828, Seite 451 Nr. 61 einige Male Clair mit „ai“ erscheint, nämlich: „Heinrich Clair, Förster; Otto C., Gendarm u.s.w., Franz u.s.w. Postbeamter// Geschwister Amelie (?) geb. Clair“. Er geht offenbar von einer Verwandtschaft aus und wertet die dem Französischen näher stehende Schreibweise als Indiz für die ursprünglich französische Herkunft der Familie.“
Die vollständige Notiz meines Opas Gerhard enthielt außerdem noch den Zusatz: „9 Knaben, 3 Mädchen“ Sollte dies die Anzahl der Kinder von Friedrich Claer und Justine Knaebe sein?

In meinem letzten Forschungsbericht im Juli 2015 schrieb ich:

„Wie ich nun festgestellt habe, gibt es aber gar kein Judithen bei Neidenburg. Es gibt nur ein Juditten mit tt, das ein westlicher Vorort von Königsberg ist. Mein Großvater Gerhard muss also dieses gemeint haben. Und das bedeutet: Sowohl Herrmann August / August Herrmann, der spätere Müller, als auch der Förster Heinrich Clair und der Gendarm Otto Clair sowie ein Postbeamter Franz Clair (Ist das bereits „unser“ Franz, geb. 1841, oder womöglich noch ein namensgebender Onkel?) lebten in oder nahe Juditten, wo (Christian) Friedrich Förster war, bevor er 1841 kurz vor der Geburt meines Ururgroßvaters Franz die Försterstelle in Eichenberg, Kreis Wehlau antrat. Entweder sind alle Genannten Söhne von (Christian) Friedrich (dann hätte er fünf Söhne gehabt: den Förster Wilhelm Friedrich, den Förster Heinrich, den Gendarm Otto, den Müller Herrmann August / August Herrmann und den Postangestellten Franz) oder es gab noch andere Claers in Juditten, die (Christian) Friedrich vielleicht die Försterstelle in Methgeten bei Juditten verschafft haben. In jedem Falle sollte es sich lohnen, einen Blick in die Kirchenbücher von Juditten zu werfen. Sie liegen im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg und reichen bei den Taufen bis 1681 zurück. Ich werde das bald in Angriff nehmen.“
Folgendes fand ich im Archiv heraus: Im Wesentlichen konnte ich nur die Taufen der Jahre 1823 bis 1846 in Juditten u. Umgebung durchsehen, zu mehr hat die Zeit nicht gereicht. Demnach haben meine Urururgroßeltern, der Jäger Friedrich Clair und seine Frau Justina Knaebe, dort (konkret in Abken und Metgethen) zwischen 1826 und 1839 sieben Kinder bekommen:

– 1826 Heinrich Julius (17. Dezember)
– 1828 Amalia Dorothea (??. November)
– 1830 Albert Eduard (14. November)
– 1833 Herrmann August (8. Januar)
– 1835 Justina Wilhelmine (??. Februar)
– 1837 Auguste Ernestine (11. März)
– 1839 Otto Conrad (14. April)

geburtseintrag-1833-herrmann-august-kleinAußerdem wissen wir noch von der Geburt des ältesten Sohnes Wilhelm Friedrich 1824 in Corjeiten. Mein Ururgroßvater Franz, der Postangestellte, kam ja wie gesagt erst 1841 in Eichenberg (Kr. Wehlau) zur Welt, wohin die Familie kurz zuvor abgewandert war, als Friedrich Clair dort eine Försterstelle antrat. Darüber hinaus ist Friedrich Clair in diesem Zeitraum in und bei Juditten auch unzählige Male als Taufpate für andere Kinder in Erscheinung getreten.

Andere Clairs konnte ich in und bei Juditten nicht finden, dafür aber einen Arbeitsmann Gottfried Knaebe mit seiner Frau Maria Franz, die dort schon 1823 ein Kind bekommen haben. Gottfried Knaebe könnte ein Verwandter von Justine Knaebe gewesen sein, der vielleicht den Anlass für Friedrich und Justine gegeben hat, dort hinzuziehen. (Die beiden hatten ja wie erwähnt 1824 in Corjeiten geheiratet und dort ihren ersten Sohn Wilhelm Friedrich bekommen. Bald darauf werden sie wohl nach Abken/Metgethen bei Juditten gezogen sein.)

Weiterhin gibt es in und bei Juditten häufiger den Namen Hoemke. So hieß ja meine Ururururgroßmutter Susanne (Gesine?) Hoemke, die Frau meines Ururururgroßvaters Friedrich Wilhelm Clair (1770-1815). Von ihm konnte ich jedoch in Ludwigswalde 1815 keinen Todeseintrag finden. Überhaupt sind die Clairs dort letztmalig mit der
Geburt “unseres” (Christian) Friedrich 1799 und seines Bruders Johann Wilhelm 1803 in Erscheinung getreten und möglicherweise schon bald darauf aus Ludwigswalde abgewandert.

juditten-kleinAllerdings fand ich einen etwas irritierenden Eintrag zur Geburt des ersten Kindes von Friedrich und Justine im Jahr 1826, Heinrich Julius, nebst einem rätselhaften Zusatz. Dort heißt es anfangs, dass „dem Jäger Johann Friedrich Clair“ und seiner Ehefrau Justine Knaebe ein Sohn geboren worden sei. Dabei war Johann Friedrich doch der andere Unterförster aus Ludwigswalde, also der mutmaßliche Onkel unseres (Christian) Friedrich, der in den Folgejahren nur noch als Friedrich ins Kirchenbuch eingetragen wird. Möglich wäre ein simpler Namensfehler bei der Eintragung. Oder (Christian) Friedrich hat sich aus irgendwelchen Gründen absichtlich nach seinem Onkel benannt, unter Umständen war ihm sein richtiger Taufname auch gar nicht bekannt…Vielleicht war Onkel Johann Friedrich aber auch beim Ortswechsel in die Umgebung von Juditten um 1825 mit dabei, und „unser“ (Christian) Friedrich wurde vom Schriftführer des Kirchenbuches als Neuzugewanderter im Orte noch mit ihm verwechselt. Dafür spricht auch, dass als erster Taufpate (aber auch nur hier bei der Geburt von Heinrich Julius!) ebenfalls ein Clair erwähnt wird, nämlich „Maier Jäger Clair“, was so eigentlich weder ein Name noch eine sinnvolle Berufsbezeichnung ist.

Schriftexperte P. kommentierte diesen Eintrag mit den Worten:

„Das ist ja echt blöd. „Meier Jäger Clair“ kann es wohl nicht sein. Meier als Beruf ist mir in Ostpreußen noch nicht untergekommen und Meirer Jäger ist auch kein Beruf oder Stand. Mit ein wenig Phantasie ist ganz hinten am Meier ein kleines s dran. Dann könnte es „Meiers Jäger“ sein.“

Fragt sich schließlich nur noch, wenn wir die Zahlenangabe meines Großvaters „9 Knaben und 3 Mädchen“ richtig deuten, wo und wann die restlichen drei Kinder von Friedrich und Justine geboren wurden. Vielleicht erst nach meinem Ururgroßvater Franz in Eichenberg/Wehlau? Es fehlen noch genau drei Jungs…

 

3. Neue Funde im Online-Archiv des Kreises Allenstein

Erst vor wenigen Wochen besuchte ich nach längerer Zeit wieder einmal das Online-Archiv des Kreises Allenstein unter http://www.vffow-buchverkauf.de/onlinedb/datenbanken.php. Ich stieß auf zahlreiche neu eingestellte Urkunden mit Trägern unseres Namens seit meinem letzten Zugriff vor fast zwei Jahren. Hier die Auflistung aller Funde, die fett gedruckten sind neu eingestellt worden:
Claer Bertha Martha Neidenburg, Stadt (Nidzica) ∞ 1902 / 26 anzeigen
Claer Bertha Martha Gross Koschlau (Koszelewy) ∗ 1884 / 36 anzeigen
Claer Bruno Saalfeld, Stadt (Zalewie) ∗ 1907 / 24 anzeigen
Claer Emma Hedwig Geierswalde (Gierzwałd) ∗ 1903 / 7 anzeigen
Claer Emma Hedwig Martha Geierswalde (Gierzwałd) † 1903 / 15 anzeigen
Claer Ernst Franz Neidenburg, Stadt (Nidzica) † 1906 / 96 anzeigen
Claer Franz Georg Neidenburg, Stadt (Nidzica) ∞ 1904 / 7 anzeigen
Claer Ida Hedwig Gross Koschlau (Koszelewy) ∗ 1891 / 106 anzeigen
Claer Ida Hedwig Allenstein, Stadt (Olsztynie) ∞ 1914 / 89 anzeigen
Claer Otto Albert Döhringen (Durag) ∞ 1899 / 7 anzeigen
Claer Otto Conrad Albert Rhein (Ryn) ∞ 1894 / 5 anzeigen
Claer Otto Georg Max Geierswalde (Gierzwałd) † 1903 / 16 anzeigen
Claer Otto Max Richard Geierswalde (Gierzwałd) ∗ 1903 / 6 anzeigen
Claer Robert Richard Hohenstein, Land (Olsztynek) ∞ 1908 / 17 anzeigen
Claer Robert Richardt Gross Koschlau (Koszelewy) ∗ 1881 / 121 anzeigen
Claer Wilhelmine Amalie Gross Koschlau (Koszelewy) ∞ 1897 / 9 anzeigen

Die neuen Funde im einzelnen, der Liste folgend von oben nach unten:
– die unverehelichte Postgehilfin Bertha Martha Claer, geb. am 30. März 1884 in Bahnhof Koschlau, Kreis Neidenburg, wohnhaft in Neidenburg, Tochter des Landbriefträgers Franz Claer und seiner Ehefrau Henrietta geb. Stryjewski, wohnhaft in Groß Koschlau, heiratet am 13.11.1902 den Buchhalter Wilhelm Samel
Anmerkung: Wie ihre drei Brüder Otto, Georg und Richard stand also auch Martha in Diensten der Post! Und geboren im Bahnhof Koschlau. Offenbar hatten die Landbriefträger eine Dienstwohnung dort, wo die Briefe ankamen.

– Geburt Bertha Martha Claer in Groß Koschlau – Seitenladefehler. Aber es ist klar, was da stehen wird: Eltern Franz und Henriette Claer

– Sterbeurkunde Ernst Franz Claer:
Neidenburg, 17. Oktober 1906: Beim unterzeichneten Standesbeamten erschien der Restaurationsverwalter (?) Paul Stryjewski, wohnhaft in Neidenburg, und zeigte an, dass der Briefträger außer Dienst, Ernst Franz Claer, 65 Jahre alt, evangelischer Religion, wohnhaft in Neidenburg, Wasserstraße Nr. 100, geboren zu Eichenberg, Kreis Wehlau, verheiratet gewesen mit Henriette Claer geborener Stryjewski, wohnhaft in Neidenburg, Sohn der verstorbenen Förster Karl und Augustina, geb. Knebe, Claer, Eheleute, beide zuletzt wohnhaft in Eichenberg, zu Neidenburg in seiner Wohnung am 16.10.1906 nachmittags um fünfeinhalb Uhr verstorben sei. Der Anwesende erklärte, dass er von dem Sterbefall mit eigener Wissenskraft unterrichtet sei.
Vorgelesen und genehmigt: Paul Stryjewski
(Anmerkung: Die Eltern unseres Franz Claer, die damals wohl schon lange tot waren, waren nach unserem Wissensstand der Förster (Christian) Friedrich Claer und seine Frau Justine (wir habe deren Hochzeitseintrag aus Corjeiten und weitere Belege), also nicht Karl und Augustine, wie es hier heißt. Der mutmaßliche Schwager o.ä. Paul Stryjewski, der diese Angaben machte, wusste es wohl nicht so genau, und es musste eben im Amt etwas hingeschrieben werden, nehme ich an…)

– Heiratsurkunde Franz Georg Claer und Wilhelmine Petschinski – das sind meine Urgroßeltern. Also mein Uropa Georg hieß mit erstem Namen Franz und nicht sein älterer Bruder, der in Wirklichkeit Otto Albert hieß, vielleicht war das der Irrtum meines Großvaters Gerhard in unserem Stammbaum!
Neidenburg, 5. Mai 1904. Es erschienen zum Zwecke der Eheschließung 1. Briefträger Franz Georg Claer, evangelischer Religion, geboren am 6. Mai des Jahres 1877 in Usdau, Kreis Neidenburg, wohnhaft Groß Koschlau Bahnhof, Sohn des Briefträgers Franz Claer und seiner Ehefrau Henrietta, geborene Stryjewski, wohnhaft in Neidenburg, 2. Die unverehelichte Wilhelmina Marta Petschinski, ohne Beruf, katholischer Religion (!) geboren am 14.2.1876 in Neidenburg, wohnhaft zu Neidenburg, Tochter des Maurers Karl Petschinski und seiner Ehefrau Catharina, geborene Kaminski, wohnhaft in Neidenburg

– Geburtsurkunde Ida Hedwig Claer 1891 Groß Koschlau – Seitenladefehler. Auch hier ist es klar: Hedwig ist eine weitere Tochter von Franz Claer und Henriette Claer geb. Stryjewski

– Heiratsurkunde Ida Hedwig Claer 1914 in Allenstein:
1. August 1914: Die Kontoristin Ida Hedwig Claer, geb. 3. Dezember 1891 zu Koschlau, wohnhaft in … Allenstein, Tochter des verstorbenen Briefträgers Ernst Franz Claer, zuletzt wohnhaft in Neidenburg, und seiner Ehefrau Wilhelmine Henriette geb. Stryjewski, wohnhaft in Neidenburg, heiratet den Beamten bei der Arbeiterzentrale Berlin Karl Gustav Zerbrowski
Anmerkung: Also Hedwig Claer, deren drei Brüder und deren Schwester Martha bei der Post waren, war ihrerseits Kontoristin. Hierzu weiß Wikipedia:
Ein Kontorist (weibliche Form: Kontoristin) ist ein Begriff für einen Angestellten, der einfachere Büro- und Verwaltungsarbeiten wie Registraturarbeiten, Karteiführung, Schreiben von Adressen in einem kaufmännischen Betrieb erledigt.

Kontoristen oder Commis 1894 bei ihrer Arbeit
Die Berufsbezeichnung leitet sich von der veralteten Bezeichnung Kontor für Büro her; ein Kontorist ist demnach eine Person, die in einem Büro arbeitet.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kontorist

Und ihr Mann war Beamter bei der „Arbeiterzentrale in Berlin“. Auch über diese gibt Wikipedia Auskunft:
Die Deutsche Arbeiterzentrale (DAZ) (bis 1911 unter dem Namen Deutsche Feldarbeiterzentralstelle) war eine Organisation zur Vermittlung von landwirtschaftlichen Saisonarbeitskräften. Sie hatte lange Zeit eine Monopolstellung inne. Die Organisation bestand von 1905 bis in die 1930er Jahre.
Noch unter der Bezeichnung „Deutsche Feldarbeiter-Zentralstelle“ wurde in der Rechtsform eines Vereines eine Organisation zur Anwerbung, Vermittlung und Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte geschaffen. Die Anregung ging dabei vom preußischen Landwirtschaftsministerium aus, um kommerzielle Anwerber zu verdrängen. … Die Organisation erhielt 1907 das Monopol auf die Anheuerung polnischer Saisonarbeiter. Seit 1911 firmierte die Organisation unter Deutsche Arbeiterzentrale. … Seit 1909 bestand ein Legitimationszwang für ausländische Arbeitskräfte. … Im Jahr 1913 schloss der Verein mit Preußen eine Vereinbarung hinsichtlich des Zulassungsmonopols zunächst für polnische Zuwanderer und später über alle Arbeitskräfte aus dem Ausland.
Während des ersten Weltkrieges war die DAZ auch an der Anwerbung von Arbeitskräften im besetzten Generalgouvernement Warschau und in Oberost beteiligt. Dabei verschwommen bald die Grenzen zwischen freiwilliger Arbeitsaufnahme und Zwangsarbeit. Die DAZ selbst gab an, dass sie während des Krieges etwa 240.000 Arbeiter aus dem früheren Russisch-Polen vermittelt hätte. … Nach Ablauf ihres Arbeitsvertrages konnten die Arbeiter auch durch Androhung von Haft zum Abschluss eines neuen Vertrages gezwungen werden. … Nach dem Krieg wurden landwirtschaftliche Arbeitskräfte aus dem nun unabhängigen Polen angeworben…
Im Jahr 1923 hatte die DAZ unter dem Direktor Freiherr von dem Bussche-Ippenburg eine Hauptverwaltung Berlin mit fünf Abteilungen und siebzig Angestellten.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Arbeiterzentrale
Einer von ihnen war Hedwig Claers Ehemann Karl Gustav Zerbrowski.

– Heiratsurkunde Otto Conrad Albert Claer von 1894 in Rhein, Kreis Lötzen (südliches Ostpreußen) –
Wir kennen nunmehr, siehe oben, einen Otto Conrad Claer, von Beruf vermutlich Gendarm, geboren 1839 in Juditten, er ist ein älterer Bruder von unserem (Ernst) Franz Claer. Wenn er es wäre, hätte er mit 55 Jahren noch einmal geheiratet. Er ist es aber wohl nicht.
Die Urkunde hat eine sehr kleine Schrift, ist auch mit Vergrößerung und Lupe kaum zu entziffern:
„Rhein, Kreis Lötzen, 1894:
Postzöl(l)ner (Postschaffner? Postsekretär? Postemittent? Postillion? Postzusteller?) Otto Konrad Albert Claer, evangelischer Religion, geboren am 24. (?) August des Jahres 1840 (?) in Alt-Löbgau,  Amt Wehlau,  wohnhaft in Tapiau…?
Sohn des zu Steinwalde registrierten … (Berufsbezeichnung? Schmied? Siefgried?) „Arfort“ (Alfred? Arnold? Artur? August?) Wilhelm Claer und dessen zu Steinwalde wohnender Ehefrau ……mine (??)  Ter…? Ferm ..?  ..jetzt wohnhaft zu Steinwalde.
Die Johanne (a), Wilhelmine, Mathilde T(F)euersenger …..- evang. Religion, geb. den 2…Januar 18….in  Krummschken (?), Amt Labiau, wohnhaft zu …, Tochter des zu Rhein (?) angesessenen ………T(F) euersenger und seiner zu Insterburg ……Ehefrau Luise, geb.Klas jetzt wohnhaft zu Insterburg.“
Steinwalde ist laut Wikipedia ein Dorf bei bzw. ein Ortsteil von Rhein, Kreis Lötzen, südliches Ostpreußen.
Wenn nicht alles täuscht, haben wir hier einen weiteren Claer von der Post gefunden. Das Geburtsjahr 1840 ist alles andere als eindeutig zu lesen. Sollte es doch der Otto Konrad Claer, Jahrgang 1839, aus Juditten sein, der sich geringfügig im Geburtsjahr geirrt hat? Aber in seinem Vater dürfte er sich eher nicht geirrt haben. Und dort steht jedenfalls nichts von einem Jäger Friedrich Clair.
Oder soll das Geburtsjahr 1870 heißen, und es ist der junge Otto Albert Claer von der Post, der aus irgendwelchen Gründen noch ein Conrad in den Namen geschmuggelt hat und hier fünf Jahre vor seiner Heirat mit seiner Frau Emma Sakrzewski in Döhringen bereits einmal anderweitig geheiratet hat? Aber auch hier wäre dann der Vatersname falsch, denn dort steht gewiss nichts von einem Ernst Franz Claer von der Post.
Ferner könnte man an eine Verbindung zum Schornsteinfer Otto Franz Claer aus Saalfeld und seine Ehefrau Marta geb. Krajewski denken, deren Sohn Bruno dort 1907 geboren wurde. Aber der Saalfelder Otto Franz könnte nicht einmal der Sohn des Rheiner bzw. Tapiauer Otto conrad Albert sein, weil der Sohn Bruno des ersteren nur 13 Jahre nach der Hochzeit des letzteren geboren wurde.
Denkbar wäre auch noch, dass sich hinter dem im Heiratseintrag angegebenen Vater (… Wilhelm Claer, in Steinwalde registriert) der Jäger Otto Wilhelm Claer, geb. 1859 in Argental, verbirgt, der ältere Bruder „unseres“ Franz Claer von der Post und Vorfahre unseres Verwandten Andreas Z., der später in den 1890er Jahren nach Schlesien ausgewandert ist. Aber der war mit einer Minna Klara Hübner aus Schweidnitz/Schlesien verheiratet, mit der er 1893 eine Tochter bekam, die schon in Schlesien geboren wurde. Er kann also nicht mehr 1894 in Steinwalde registriert gewesen sein.
Schließlich käme als Vater (… Wilhelm Claer, 1894 in Steinwalde registriert) noch der Jäger Johann Wilhelm Claer in Betracht, 1803 in Ludwigswalde geboren, der jüngere Bruder „unseres“ (Christian) Friedrich. Aber der müsste dann im Jahr 1894 schon 91 Jahre alt gewesen sein. Unwahrscheinlich, dass er in diesem Alter noch als irgendetwas in Steinwalde registriert war, nicht einmal als Rentner, denn für Jäger dürfte es auch nach den Bismarckschen Sozialreformen der 1880er Jahre so schnell keine Rentenanwartschaften gegeben haben. Egal, wie man es dreht und wendet: Es passt nicht zusammen!
Es bleibt aber immerhin noch die Möglichkeit, dass der Vater (… Wilhelm Claer, 1894 in Steinwalde registriert) ein Sohn des Jägers Johann Wilhelm ist. Oder es kommen die Vorfahren des Michael Clair aus Köln ins Spiel, der mir vor Jahren seinen Stammbaum geschickt hat. Hier gab es einen Friedrich Wilhelm Clair, geboren 1852 in Klein-Bauma und gestorben 1923 in Schligaten, verheiratet mit Henriette Clair geb. Stascheit, verstorben 1911 in Luschminken. Seine Eltern waren Wilhelm Clair und Justine Clair geb. Naujok.

Aber zurück zu unseren Funden im Allensteiner Online-Archiv. Hier der Rest:
– Eheschließung Robert Richard Claer in Hohenstein, Land 1908: (Richard = ein weiterer Bruder (von Otto und Georg) von der Post) – Seitenladefehler – Wir wissen aus dem Stammbaum, dass er mit Mathilde geb. Putzka verheiratet war und mit ihr die Töchter Charlotte und Hildegard hatte
– Geburt Robert Richard Claer in Groß Koschlau 1881 – Seitenladefehler – wir wissen, dass seine Eltern ebenfalls unser (Ernst) Franz Claer und Henriette Claer geb. Stryjewski waren
– Heirat Wilhelmine Amalie Claer 1897 Groß Koschlau – Seitenladefehler
Es fehlt eigentlich nur noch eine letzte Tochter von Franz und Henriette, die laut dem Stammbaum meines Großvaters eigentlich Amanda heißt und mit Ernst Willig verheiratet war. Sie könnte identisch sein mit dieser Wilhelmine Amalie.

Damit haben wir alle sechs Kinder von Ernst Franz Claer (1841-1906) und Henriette Claer geb. Stryjewski (1845-1931) vollständig:
1. Otto Albert (1872-1931)
2. Franz Georg (1877-1930)
3. Robert Richard (1881-??)
4. Wilhelmine Amelia (Armanda) (??-??)
5. Bertha Martha (1884-??)
6. Ida Hedwig (1891-??) von ihrer Mutter mit 46 Jahren geboren!

Zwei weitere spannende Funde machte ich, als ich unseren Namen in abweichender Schreibweise suchte:
– Heiratsurkunde Fritz Klaer (mit K!) 1913 in Neidenburg!
Neidenburg, 31.12.1913: Der Kaufmann Fritz Klaer, wohnhaft in Neidenburg Jarborstraße, evangelischer Religion, zeigt an, dass er von der Emma Klaer geborenen Olschenski, seiner Ehefrau, wohnhaft bei ihm, zu Neidenburg in der angezeigten Wohnung am 31.12.1913 vormittags um zwölfeinviertel Uhr ein Knabe geboren sei und dass das Kind den Namen Fritz Willy Theodor erhalten habe.
Die Namens-Schreibweisen wurden wohl erst ab Mitte/Ende des 19. Jh. verbindlich. Bis dahin wurde nahezu beliebig geschrieben. Kann also sein, dass unser Vorfahre Franz Claer von der Post (dessen ältere Geschwister sich alle noch Clair schrieben laut deren Geburtseinträgen) irgendwann vor 1877 in die Gegend um Neidenburg kamen, weil es dort schon verwandte Klaers gab, die sich mit K schrieben…

– Heiratseintrag Johann Klehr in Allenstein!
“….Allenstein, 24.06.1916 …der Braumeister Johann Klehr, z.Zt. Landsturmmann der 2.Kompagnie 3.Landsturm-Infanterie – Bataillon Lötzen…der Persönlichkeit nach durch die mit ihm geführte Aufgebotsverhandlung anerkannt….kath.Religion, geb.am 22.6.1871 zu Nassiedel Krs.Leobschütz, wohnhhaft in Allenstein,  Königstr.17…Sohn des Anbauers Josef Klehr, wohnh. in Nassiedel…und seiner verstorbenen Ehefrau Monica geb.Larisch…
…die unverehelichte Köchin Martha Schnarbach…kath….geb. 23.02.1879 zu Schönbrück, Krs. Allenstein,  Hindenburgstraße 6
Tochter des Altsitzers Joachim und Anna geb………..hier ist die Urkunde nicht ganz ausgedruckt.

….Der Kaufmann August Schnarbach, z.Zt. Ersatzreservist der 5. Kompagnie 2.Ersatz-Bataillon 150 ….durch pol.Ausweis anerkannt, 32 Jahre alt,  wohnh. in Allenstein,  Hindenburgstraße 6….
Der Kaufmann Bernhard Majewski…durch den unter 3. genannten Zeugen anerkannt,  29 Jahre…wohnh. Deutsch Eylau, Bahnhofstr.20
Also ein Klehr von der Armee (allerdings während des 1. Weltkriegs) und aus Schlesien (Kreis Leobschütz) ! Es ist schon auffällig, dass dieser Johann Klehr aus Schlesien ausgerechnet in Allenstein, d. h. in unmittelbarer Nähe zu den ostpreußischen Claers, geheiratet hat. An dieser Stelle ist daran zu erinnern, dass der oben bereits erwähnte Jäger Otto Wilhelm Claer, geb. 1859 in Argenthal, Sohn des Jägers Wilhelm Friedrich Claer, geb. 1824 in Corjeiten, des älteren Bruders „unseres“ Franz Claer. In den frühen 1890er Jahren nach Schlesien ausgewandert ist und dort bereits ansässige Claers vorgefunden haben soll. Ferner verweise ich auf den Jäger Clair aus Mellendorf (Schlesien), der dort 1822 im Alter von 61 Jahren mit einem Wildschwein kämpfte, siehe meine früheren Texte. Vielleicht werden da wir irgendwann noch zu weiteren Erkenntnissen kommen…

 

4. Schriftexperte zu den Claers in Mitteldeutschland
Nur eine kleine Ergänzung gibt es zu den Claers in Mitteldeutschland, von denen in meinen früheren Texten ausführlich die Rede war. Als ich dem besagten Schriftexperten Patrick P. die schon viel diskutierte Heiratsurkunde aus Siersleben des Johann Friedrich Klär mit Charlotte Sophie Frantz(in) von 1802 vorlegte – es war die Notheirat wegen fortgeschrittener Schwangerschaft, aus der dann der spätere renommierte überregionale Erfurter Fuhrunternehmer (Christoph) Friedrich Claer hervorging – da korrigierte er unsere bisherigen Entzifferungen wie folgt:
– statt Jgs. Joh. Friedrich Klär liest er HE (also Herr) Joh. Friedrich Klär
– dessen Berufsbezeichnung Feldjäger oder Feldhüter hält er für möglich
– H. (wieder Herrn) Xian (also Christian) Friedrich Klärs Hochlöblichen Gärtners (statt Jägers, Försters oder Storkers) zu Wollin/Wittin (statt Wittiz bei Kamenz!) ehel. jüngster Sohn

Interessant ist vor allem die Möglichkeit Wollin, das an der Ostsee liegt und übrigens nicht weit von Küstrin, wo der schon erwähnte Handelskaufmann Friedrich Wilhelm Claire (1739-1810), Spross der preußisch-hugenottischen Adelsfamilie de Claire aus Brandenburg an der Havel, gestorben ist. Und solche Zuschreibungen wie hochlöblich und die Namenszusätze Herr deuten ja in der Tat in eine solche Richtung… Und schließlich könnte „unser“ (Christian) Friedrich Claer, geb. 1799 in Ludwigswalde, ja seinen Vornamen auch von einem früheren Vorfahren bekommen haben, zumal in seinem Geburtseintrag hinter seinem Namen der Zusatz „filius“ (Sohn) vermerkt ist. Es könnte (oder müsste?) also auch einen älteren Christian Friedrich gegeben haben…

In meinen Aufzeichnungen von 2015 schrieb ich:

„Und rein theoretisch könnte natürlich unser Ludwigswalder Unterförster Friedrich Wilhelm Clair (1770-1815) ein älterer Bruder des Küstriner Johann-Ernest Clair gewesen sein (der ja ausdrücklich als zweiter Sohn des Friedrich-Wilhelm Claire bezeichnet wird), zumal der älteste Sohn damals oft den Vornamen des Vaters erhielt. Und womöglich lag ja in Küstrin das besagte Rittergut, von dem sich „unser“ Friedrich Wilhelm nach einem Streit mit seinem Vater in Richtung Ostpreußen aus dem Staub gemacht haben könnte… Doch das bleibt vorläufig noch wilde Spekulation, es fehlen dafür einfach die Anhaltspunkte.“

Ergänzen ließe sich dieses (wild spekulative) Szenario noch dadurch, dass der ältere Christian Friedrich Klär, der hochlöbliche Gärtner aus Wollin, der Vater des Jägers Johann Friedrich Klär in Siersleben (der ja womöglich seinerseits zuvor Ludwigswalde flüchtend in Richtung Siersleben verlassen hatte, siehe meine früheren Texte), noch ein weiterer (dann wohl jüngerer) Bruder des Handelskaufmanns Friedrich Wilhelm Claire in Küstrin gewesen sein könnte und somit als Großonkel der mögliche Namenspatron „unseres“ (Christian) Friedrich Claer…

 

5. Funde bei Bibliotheksrecherche (Kartei Quassowski u.a.)

Weiterhin fand ich auf der erwähnten Seite http://www.vffow-buchverkauf.de/onlinedb/datenbanken.php zahlreiche Hinweise auf Fundstellen zu unserem Namen in der genealogischen Literatur, insbesondere in der berühmten „Kartei Quassowski“, woraufhin ich mich in die Bibliothek der Freien Universität Berlin begab und Einsicht in diese Literatur nahm. Das Ergebnis ist letztlich enttäuschend, da die Funde kaum über unseren bisherigen Erkenntnisstand hinausgehen. Dennoch halte hier fest, was ich gefunden habe, da es uns für unsere künftigen Forschungen womöglich doch noch nützlich sein könnte.

Kartei Quassowski, Buchstabe C

v. Claer
– Alexander, Obltn. i. 3. (Pr.) I.R., Osterode Opr o Frl. Erika Schäfer … Rittergut Posorken Kr. Saalfeld (Die zugehörige Jahresangabe habe ich leider nicht notiert, aber es war nach meiner Erinnerung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.)

Anmerkung: Hier haben wir also ein Rittergut mit einem adligen v. Claer! Nur dass dieser dort nur eingeheiratet hat. Wie wir wissen, entstammt Alexander v. Claer der rheinischen Adelsfamilie anglonormannischen Ursprungs, und diese hatte nach Aussage des früheren Bundesbankdirektors Wichard v. Claer „niemals Ländereien in Ostpreußen“ gehabt. Aber womöglich konnte durch diese Heirat im Rittergut Posorken die Legende (wenn es denn eine ist) von der Verbindung unserer Familie zur Adelsfamilie vom Rittergut entstehen oder befeuert werden… Interessanterweise liegt das Rittergut im Kreis Saalfeld, wo es – siehe oben – auch Claers gab, nämlich den Schornsteinfeger Otto Franz Claer.

– Wichart, 1914 Ltn. i I.R. 83 – Kassel u. Arolsen

Anmerkung: Das ist wahrscheinlich der spätere Bundesbankdirektor als junger Mann…

– Bernhard v. C., 1914 Ltn. König. Elise Ge Gr R. 3, Charlottenburg
– Helmut, 1914 Ltn. wie vor, gef. B. Normel 8.9.1914
– 2 weit. V.C. im Weltkrieg…
– Alexander v. C. Hauptm. U. Komp. Chef + Marienburg 1934

Claer
vgl. Clair

Clair
– Elis. C., Patin Gb. Ref. K. 12.9.1734 b. Jean Dubiois aus Kailen
– Schütz „Frz. Familiennamen in Ostpr“ S. 15 aus St. Imier Distr. De Cortelary, Schweiz, spätere Änderung z.T. Claer, Klär, Klaer.

Anmerkung: Genau das, was wir bereits wussten, außer dass Elisabeth Clair 1734 als Patin in Gumbinnen fungiert hat. Elisabeth war die Tochter des Jakob Clair, des Losgängers (der kein eigenes Land besaß) in Matzutkehmen. Am 11.11.1734, also zwei Monate, nachdem sie als Patin auftrat, heiratete sie selbst den Fabrikanten („manufactionier“) Jean Hugault in Gumbinnen – sicherlich eine gute Partie! Siehe meine früheren Texte.

Clare
1. Konrad Clare zu Thorn Bürger 1293 (Preuß. Urkundenbuch 2, S.610)
2. Frowein Clare 1297 Zeuge in einer Urkunde, ausgestellt von einem Ritter Albert v. Smolne aus der Gegend von Thorn (Pr. Urkundenbuch 2, S. 683)
3. Frowein Clare 1327 v. s. Oheim, dem Bischof v. Samland, d. Schulzenamt zu Neuendorf bei Fischhausen erhalten (Anmerkung: Das wussten wir bereits von Wikipedia.)
4. Johannes Clare, Neffe des Bischofs v. Samland, aus Thorn 1325 ff. (Anmerkung: Auch er ist bei Wikipedia erwähnt.)
5. Johannes Clare, 1319 Bischof v. Samland, + 5.5.1344 (Anmerkung: Wikipedia kennt sogar sein Geburtsdatum: 5. Mai 1344 in Königsberg)
6. Mit Margarethe Benedika Claren oo auf seinem Gute zu Bradenstein i. Magdeburgischen 25.2.1698 Carl Friedrich Baron v. Krahn. (Pr. Arch. 1791, S. 537) (Anmerkung: Das wussten wir noch nicht. Immerhin hat diese mutmaßliche Nachkommin der Bischofsfamilie einen Baron geheiratet.)

Clericus
– Ober-Steuer-Inspektor, Friedland Sept. 1852 (öff. Anz. Kbg., 1852, S.721)
– L. C. Red. D. „Pallas“, Zeitschr. D. Kunstgewerbe Verl. Z. Magdeburg, Schriften von ihm 1882 angegeben im Apron. 20, S.187
– Gutsbesitzer Oskar C. zu Sausleßowen Kr. Goldap /Adressb. Reg. Bez. Gb. 1913)

Anmerkung: Es wäre natürlich eine charmante Idee in diesem Gutsbesitzer Clericus den Hintergrund unserer beiden Ludwigswalder Förster zu sehen, die 1796 plötzlich auftauchten. Aber dieser Gutsbesitzer Clericus wird über hundert Jahre später erwähnt. Es fällt schwer, hier eine Verbindung annehmen zu wollen…

– Henrietta Friederike Cl. Oo vor Mitte 1814 Karl Gotthilf Kroll

Kartei Quassowski Buhstabe Ka-Ko

Klaer (vgl. Clair)
– Magda Klaer verlobt mit Kurt Karalus Mölle Schweden, Hamburg, Eilbeck, al 34, Hannover, 9.8.1930 (Kbg. – Allg. Zg. 31.8.1930

Klaehr
– Mangelsdorf u. K. Geschäft i. Memel 1852 (öff. Anz. Kbg. 1852 S.204)

Anmerkung: Hier haben wir wieder zweimal Klaer mit K, einmal sogar noch mit Dehnungs-h. Sollte es hier eine Verbindung zum oben erwähnten Kaufmann Fritz Klaer 1913 in Neidenburg geben? Ob hingegen die oben genannte Magda Klaer, die sich mit einem Schweden verlobte, überhaupt aus Ostpreußen stammte, bleibt unklar.

Baranski – Die Taufregister der deutsch-reformierten Gemeinde Sadweitschen, Kr. Gumbinnen 1714 bis 1735

– S. 76 Clair
Nr. 514: 29.11.1722 Hans Gangei
V: Han Gangei (Ganguin)
M: Magdalena Glärin (=Clair)
P: Francois Ludwig, Daniel Brigo, David Mondange (=Montundon), Elisabeth Rusola (Rosselet)

Anmerkung: Wir kennen die Mutter bereits als Magdeleine Clerc, verheiratet mit Jean Ganguin, Kinder: Jacob Ganguin, Abraham Ganguin, Marie Magdeleine Ganguin, Jean Ganguin (1722-1786), David Ganguin (1728-1788), siehe meine Aufzeichnungen von 2015. Sie war vermutlich eine Schwester von David und Jakob Clerc (Clair) aus Matzutkehmen.

Insterburger Bürgerbuch
Familienkundliche und ortsgeschichtliche Beiträge aus „Nadrauen“. Heimatbeilage des „Ostpreußischen Tageblattes“, erschienen Insterburg 1935 bis 1940
– Insterburger „Vorstadt“ u. „Freiheit“
Konkretr „Schloßfreiheit“ 1679-1687 folgende dt. oder eingedeutschte Namen: … Klehr. Zusatz: Die Einwohner sind um 1680(90 v. Beruf Handwerker, Höker, Tagelöhner, Losgänger, einige werden als „arm“ oder „blutarm“ gekennzeichnet.
Adam Klehr 1664/65 Freiheit Insterburg: Grundzins 5 Mark

Anmerkung: Hier haben wir nun den Hinweis, dass es bereits Jahrzehnte vor der Einwanderung der Schweizer 1712 nach Ostpreußen Klehrs (in dieser Schreibweise) in Insterburg gegeben hat, konkret den armen Adam Klehr, der 5 Mark Grundzins zu bezahlten hatte. Vielleicht war er ein verarmter Nachkomme der Familuie des Bischofs von Samland. Oder er kam von ganz woanders…

Raths- und Bürgerbuch (1728-1852) und Seelen-Register (1780-1788) der Stadt Gumbinnen

– Clair, von, geb. Reichardt, verwitw. Frau Hauptmann, … anno 1784 Gumbinnen, G.

Konsequenz: Schon um 1728 waren alle Clercs (Clairs) schweizerischer Herkunft aus Gumbinnen abgewandert. Erst mit dem Hauptmann v. Clair und seiner Frau kamen wieder Träger unseres Namens in diese Stadt, auch wenn es vermutlich keine Verbindung zu ihnen gibt.

Kartei Quassowski Buchstabe H

– Huguenin (frz.-schweiz. Kolonialbauern um 1710 im Bez. Gumbinnen angesiedelt (Allg. Ztg. v. 29.10.1933). Nachkommen z.B. Verbundsdirektor, der Vortrag in Reifeisenbank 1928 hält
– Anne Marie H. oo Jakob Klair + vor Ende 1734

Anmerkung: Auch das war uns schon bekannt.

Patrick Plew – Ortsfamilienbuch Laukischken 1822-1830
(aus den Generalakten des kgl. Kreisgerichts Labiau)
– Herbert Claer geb. 9.2.1918 in Perdollen, + 27.11.1942 Demecki (Demechi) Feldwebel

Anmerkung: Von diesem Herbert Claer aus Perdollen wussten wir noch nichts. Demnach hat es noch im 20. Jahrhundert weitere ostpreußische Claers (in dieser Schreibweise!) außer denen im Raum Neidenburg und in Königsberg gegeben!

Perdollen ist ein kleines Dorf, hat im Jahr 1847 ganze 291 Einwohner (davon 2 Katholiken!). „Am 22.12.1923 erfolgt die Eingliederung des Gutsbezirks Pfeil, Forst, aus dem Amtsbezirk Pfeil in die Landgemeinde Perdollen im Amtsbezirk Geidlauken.“ Der heutige Name ist Petino.

Anmerkung: Geidlauken ist der Herkunftsort des Fuhrmanns Franz Richard Claer, der später ins Rheinland auswanderte, dort hatte dessen Vater, der Müller Hermann August Claer, ein älterer Bruder „unseres“ Franz Claer, seine Mühle. Er hatte in die mutmaßliche Müllerfamilie Metschull eingeheiratet. Den Namen Metschull gibt es in dieser Gegend sehr häufig in den verschiedensten Schreibweisen. Auch der Geburtsort „unseres“ Franz Claer, Eichenberg im Kreis Wehlau, wo sein vater (Christian) Friedrich Claer 1841 eine Försterstelle angetreten hat, liegt sehr nahe an Geidlauken…

 

6. Sonstige Funde

Claers in der Nähe von Osterode
Wie schon eingangs erwähnt, hat eine entfernt verwandte Namensträgerin mit mir Kontakt aufgenommen und mir noch dazu sehr bei der Entzifferung einschlägiger Dokumente geholfen. Es handelt sich um meine Tante dritten Grades Lorelies, die Schwester des legendären Boxers und Skandal-Schriftstellers Moppel Claer, von dem in meinen früheren Texten schon vielfach die Rede war. Sie berichtete mir von weiteren Claers aus der Nähe von Osterode:

„Es gibt einen weiteren Hinweis, dass es Claers in der Nähe von Osterode gegeben hat:
ich machte 1999 mit einer Freundin  eine Fahrt nach Ostpreußen. Wir waren auf Spurensuche und sie suchte auf einem Friedhof in Bieberswalde bei Liebemühl nach Gräbern ihrer Familie.
Meine Freundin fand keines, aber ich: Ruhestätte der Familie Claer stand auf einem schmiedeeisernen Kreuz. Sie können sich vorstellen, dass ich meinen Augen nicht traute. Ich war nun überzeugt davon, dass mein Opa Otto aus diesem Ort stammte, obwohl Bieberswalde in meiner Erinnerung nie erwähnt wurde. Ich habe mir dann die Kirchenbücher von Bieberswalde/Liebemühl bei den Mormonen angesehen, aber darin niemandem mit unserem Namen gefunden.“

Hildegard in Königsberg
Vor mehreren Monaten fand ich im Online-Archiv der Preußischen Allgemeinen den folgenden Artikel:
http://archiv.preussische-allgemeine.de/1955/1955_03_05_10.pdf
In der Sowjetunion
zurückgehalten

Heimkehrernachrichten über Verschleppte und Verstorbene

Wir veröffentlichen im folgenden nunmehr weitere Namen von Zivilverschleppten, die in Rußland zurückgehalten werden oder verstorben sind. Die Namen sind von Heimkehrern aus
ausländischem Gewahrsam aufgegeben worden.
Sollten Sie, liebe Landsleute, über diese Personen ergänzende Angaben machen können, oder den Verbleib von deren Angehörigen wissen, bitten wir Sie, uns diese mitzuteilen.

Liste 8
– Rathjen geb. Clair, Hildegard, geb. etwa 1906. Zuletzt wohnhaft (5b) Königsberg/Ostpr., Hausfrau, gemeldet von: Willig, Martin

Anmerkung: Für mich war klar: Hildegard ist laut unserem Stammbaum eine Tochter von Richard Claer. Martin Willig (ihr Cousin) ist ein Sohn von Amanda Claer (die wohl tatsächlich Amalia hieß, siehe oben), einer Schwester von Richard und meinem Urgroßvater Georg. (Interessant ist, dass Martin Willig in seiner Meldung offenbar die alte Namensschreibweise Clair angegeben hat.)
Doch die erwähnte Tante Lorelies schrieb mir:

„Mein Großvater Otto starb 1935. Meine Oma Emma gilt als verschollen. Sie war bis zum Überfall auf Königsberg im Dezember 1944 bei uns in Groeben. Sie brach auf in Angst um ihre Tochter Hildegard, die allein in Königsberg war, um sie zu “beschützen”. Sie hat Hildegard nicht getroffen. Diese kam in russische  Kriegsgefangenschaft, 1948 wurde sie entlassen.“

Tatsächlich steht auch diese andere Hildegard in unserem Stammbaum: als Tochter des – wie wir nun wissen – fälschlich von meinem Großvater Gerhard als jüngerer Franz Claer deklarierten Otto Albert Claer von der Post. Nebenbei bemerkt: Dass zwei Brüder, Richard und Otto, beide Postangestellte, ihrer Tochter jeweils den gleichen Vornamen geben, lässt nur den Schluss zu, dass sie sehr lange keinen Kontakt zueinander hatten. Andererseits haben wir ja, wie bereits beschrieben, Ähnliches noch viel krasser mit den vielen Ottos erlebt…

Welche Hildegard war also nun also die in der Sowjetunion zurückgehaltene? Die Antwort von Tante Lorelies lautet:

„Klar, das ist meine Tante Hilde. Sie wurde beim Russeneinmarsch in Königsberg nach Russland verschleppt. 1948 wurde sie entlassen. Ich sehe sie bei ihrer Ankunft noch in unserer Küche sitzen. Sie ging dann nach FfM, wo ihr Mann Herrmann Rathjen inzwischen lebte und  1949 etwa kam Ingeborg auf die Welt. In den 60igern ist Hilde  verstorben.“

 

Anzeige Fuhrwerk Friedrich Claer aus Erfurt in Leipziger Zeitung 1828
Dann habe ich noch eine Anzeige des oben erwähnten überregional operierenden Fuhrunternehmers Friedrich Claer aus Erfurt in der Leipziger Zeitung des Jahres 1828 gefunden. Der Text lautet:

fuhrwerk-friedrich-claer-leipziger-zeitung-1828-kleinBekanntmachung: Ein geehrtes kaufmännisches Publikum benachrichtige ich hiermit ergebenst, dass mein Fuhrwerk, welches ich seit ichaelis 1827 betreibe, jetzt wöchentlich einmal bestimmt nach hier kommt. Ich besorge Güter und Bestellungen nach Eckartsberge, Budtstadt, Apolda, Weimar, Erfurt, Arnstadt, Reutietendorf, Gotha, Meiningen, Eisenach und anderen diesen nahe gelegenen Orten und halte mit meinen Geschirren im Goldnen Schiff (Fleischergasse), woselbst Herr Sieland Bestellungen und Güter nach benannten Orten übernimmt. Leipzig, im Februar 1828. Friedrich Claer, Frachtfuhrmann aus Erfurt.
Beinahe Otto-Claer-Straße in Raesfeld

Und zu guter Letzt: Als ob wir noch nicht genug Otto Claers entdeckt hätten, wäre vor ein paar Jahren beinahe eine Straße nach einem Otto Claer benannt worden, und zwar in Raesfeld, Nordrhein-Westfalen, Region Lippe-Issel-Niederrhein. Dort stand der Name Otto Claer 2012 auf einer Liste mit 27 Namen, unter denen der Namenspatron der Straße eines Neubaugebiets ausgesucht werden sollte:

„17. Otto Claer – Heilpraktiker in der Schlossfreiheit“

Meine weitere Recherche ergab, dass dieser Heilpraktiker Otto Claer aus Raesfeld 1807 sogar eine Prüfung als Chirurg ablegte:

https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/5E6YTKOTK6EAK72ZUZCEUDA3VLI7ROD5
Prüfung des Otto Claer aus Raesfeld als Chirurg.
Kontext:
Fürstentum Salm – Kanzlei, Akten >> 19 Medicinalia >> 19.2 Specialia
Laufzeit:
1805-1807
Bemerkungen:
b) Spezialia
Digitalisat im Angebot des Archivs:
kein Digitalisat verfügbar
Bestand:
B 008 Fürstentum Salm – Kanzlei, Akten
Online-Findbuch im Angebot des Archivs:
http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?guid=Fb_b2928c13-1a23-4c25-82dd-925028d94b53&archivNr=1

Allerdings gibt es bei ihm keinerlei Hinweise auf eine Verbindung zu
„unseren“ ostpreußischen Claers. Die Straße in Raesfeld wurde schließlich auch nicht nach ihm benannt.

Hier enden nun meine Ausführungen – zumindest in diesem Jahr. Meine Forschungen zur Namens- und Familiengeschichte werde ich weiter fortsetzen und die Ergebnisse an gewohnter Stelle posten.

 

Okt. 2016: Beitrag in “Die schwierige Einheit” (Leseprobe)

einheitIm Sammelband von Martin Sabrow (Hg.), “Die schwierige Einheit” (Leipzig 2016), basierend auf den Vorträgen bei den Helmstedter Universitätstagen 2015, findet sich auf S. 133-155 der Beitrag:

Thomas Claer – “War die DDR ein Unrechtsstaat?”

Es handelt sich um eine aktualisierte Version des gleichnamigen Justament-Textes (2011), der sich wiederum an “Negative Staatlichkeit” (Diss., 2003) orientiert.

Den vollständigen Text im Sammelband von Martin Sabrow (Hg.) – “Die schwierige Einheit” gibt es hier. Mit Beiträgen von Martin Sabrow, Andreas Rödder, Gerhard A. Ridder, Winfried Süß, Werner Abelshauser, Lothar Probst, Karl-Siegbert Rehberg, Thomas Claer, Lothar de Maiziere, Richard Schröder und Ulrike Poppe.

 

Gliederungspunkte in “War die DDR ein Unrechtsstaat?”:

  • Demoskopie
  • Politische Debatte
  • Was ist denn überhaupt ein Unrechtsstaat?
  • Definition
  • Die DDR – ein Unrechtsstaat?
  • Was war die DDR?
  • Die DDR – ein Verbrecherstaat?
  • Gerechtigkeit für die DDR?

Leseprobe:

Demoskopie
Die öffentliche Meinung, jedenfalls auf gesamtdeutscher Ebene, hat ihre Entscheidung längst getroffen: In einer Umfrage von Infratest dimap für den ARD-Deutschlandtrend im November 2009 erklärten 72 Prozent der Befragten, die DDR sei ein „Unrechtsstaat“ gewesen, nur 19 Prozent hielten sie für keinen „Unrechtsstaat“, weitere 9 Prozent wussten auf diese Frage keine Antwort. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Emnid-Umfrage für das Nachrichtenmagazin “Focus” im Oktober 2014, bei welchem 1003 repräsentativ ausgewählten Personen befragt wurden. Demnach sagten 64 Prozent der Bundesbürger, der Begriff „Unrechtsstaat“ treffe auf die Deutsche Demokratische Republik zu, 28 Prozent waren gegenteiliger Ansicht. Die Umfrage untersuchte übrigens auch die Abhängigkeit der Positionierung in der Unrechtsstaats-Debatte von der parteipolitischen Präferenz der Befragten: Nahezu alle Anhänger der Grünen (98 Prozent) sind der Auffassung, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Im SPD-Lager vertreten diese Ansicht 77 Prozent, in dem der Union 73 Prozent. Bei Anhängern der Linkspartei sind allerdings nur 28 Prozent dieser Auffassung.
Interessant an diesen Umfragewerten ist, dass bei gesonderten Umfragen unter Ost- und Westdeutschen die Frage nach dem „Unrechtsstaat“ in Abhängigkeit vom Wohnort der Befragten sehr unterschiedlich beantwortet wurde, wobei die Ost-West-Asymmetrie sich in den vergangenen Jahren noch verschärfte: Schon in der erwähnten Infratest dimap-Umfrage von 2009 lehnten zum damaligen Zeitpunkt 41% der befragten Ostdeutschen den Begriff Unrechtsstaat ab, während nur 28% ihn als Bezeichnung der DDR für zutreffend hielten.

Nahezu identische Zahlen präsentierte im Herbst 2009 das Leipziger »Institut für Marktforschung« im Auftrag der Zeitschrift SUPERillu. Zusätzlich fanden die Leipziger Forscher aber noch heraus, dass der Blick auf die DDR auch mit dem Alter der Befragten zusammenhängt. Am DDR-kritischsten fällt das Urteil bei den 18- bis 29-Jährigen Ostdeutschen aus, die den Staat nur noch als Kind oder gar nicht mehr erlebt haben. Wer hingegen relevante Teile seines Lebens selbst in der DDR verbracht hat, ist offenbar weniger dazu geneigt, die DDR als einen Unrechtsstaat anzusehen.
Die nach meiner Kenntnis aktuellste Umfrage zu dieser Frage, die ebenfalls schon erwähnte Emnid-Untersuchung für das Magazin Focus aus dem Oktober 2014, kam sogar zu dem Ergebnis, dass im Osten lediglich 30 Prozent die DDR für einen Unrechtsstaat halten, im Westen hingegen 72 Prozent der Bevölkerung. Für bemerkenswerte 57 Prozent der Befragten in den neuen Bundesländern war die DDR demnach kein Unrechtsstaat. Darüber hinaus kamen die Emnid-Forscher zu der Erkenntnis, dass der heutige materielle Wohlstand der befragten Ostdeutschen eine wesentliche Rolle für die Beantwortung dieser Frage spiele: Je höher das Einkommen, desto eher werde die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet.
Anzumerken ist allerdings, dass diese Umfrage im Herbst 2014 vor dem Hintergrund der laufenden Koalitionsverhandlungen in Thüringen stattfand. Damals verhandelten Linkspartei, SPD und Bündnis 90/Grüne – am Ende erfolgreich – über die erstmalige Bildung einer gemeinsamen rot-rot-grünen Koalitionsregierung auf Landesebene. Die Thüringer SPD und insbesondere die Thüringer Grünen verlangten als Bedingung für ihre Wahl des Linken Bodo Ramelow zum neuen Ministerpräsidenten, dass die Linkspartei sich deutlich dazu bekennen müsse, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Dies hat die Linkspartei am Ende zähneknirschend getan, ihre abschließende Formulierung lautete, die DDR sei „in der Konsequenz ein Unrechtsstaat“ gewesen. So bleibt festzuhalten, dass es nach diesem machtpolitisch motivierten „Umfallen“ der Linkspartei derzeit keine relevante politische Kraft mehr gibt, die in ihren offiziellen Verlautbarungen mehrheitlich bezweifeln würde, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Dies steht allerdings, wie wir sehen, im Widerspruch zur Mehrheitsmeinung in der ostdeutschen Bevölkerung.
Auch der „Sachsen-Anhalt-Monitor“, eine groß angelegte politische Umfrage, welche die Landesregierung alle zwei Jahre erstellen lässt, ist hier interessant. Den Zahlen von 2014 zufolge war die untergegangene DDR für die große Mehrheit der 1050 Befragten in Sachsen-Anhalt zwar eine Diktatur – aber nur für eine Minderheit war die DDR ein Unrechtsstaat. An dieser Haltung hat sich seit Jahren kaum etwas geändert. Die größte Zustimmung erfährt in dieser Umfrage der Satz, dass in der DDR “nicht alles schlecht” gewesen sei. Acht von zehn Befragten sehen das so.

(…)

www.justament.de, 10.10.2016: Ein Hoch auf die Walachei!

Recht cineastisch, Teil 28: „Tschick“ von Fatih Akin

Thomas Claer

tschickWelcher 14-Jährige würde sich schon so etwas trauen: einen alten Lada zu klauen und damit einfach abzuhauen, ohne genau zu wissen wohin, außer dass es von Berlin-Marzahn aus in die Walachei gehen soll, die in diesem Fall irgendwo südlich von Berlin liegt und zu einem unbestimmten Sehnsuchtsort wird. Maik Klingenberg jedenfalls, der Held in Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick, hätte sich das normalerweise eher nicht getraut. Aber es gibt ja noch seinen neuen Mitschüler Andrej, den russischen Spätaussiedler, der wegen seines zungenbrecherischen Familiennamens nur Tschick genannt wird. Und als dieser zu Beginn der Sommerferien mit einem geklauten Lada bei Maik aufkreuzt, fahren die beiden einfach los, und es beginnt eine märchenhafte Odyssee, denn Landkarten sind laut Tschick „was für Muschis“.
Klar, dieser Stoff aus Herrndorfs mittlerweile sechs Jahre altem Bestseller schrie regelrecht nach seiner Verfilmung. Und Fatih Akin kam, sah – und hat geliefert. Vor allem in der Auswahl der Schauspieler beweist der zu Recht gefeierte deutsch-türkische Regisseur mal wieder ein exzellentes Händchen. Es genügt vollkommen, dass Tristan Göbel und Anand Batbileg sich selbst spielen, alles andere fügt sich hier gleichsam von allein. Auch dass einem die von Maik so verzweifelt angebetete Klassenschönheit Tatjana Cosic (Aniya Wendel) doch eigentlich recht banal vorkommt, passt ins Bild. So ist das in der Pubertät, wenn die erwachenden Hormone zu tanzen beginnen und den Verstand benebeln… Blendend rüber kommen auch die erfrischenden Dialoge zwischen den beiden jungen Abenteurern. Tschick hat die lustige Eigenheit, dass er stets ein immenses Halbwissen parat hat und mit seinen sehr bestimmt vorgebrachten Behauptungen immer wieder deutlich neben der jeweiligen Sache liegt. Unterwegs treffen die beiden auf die merkwürdigsten Typen und kommen in die aberwitzigsten Situationen. Und am Ende ist zwischen den beiden Protagonisten dann eine wunderbare Freundschaft entstanden, wie sie so wohl nur Teenager schließen können. Ein großer Kino-Spaß.

Tschick
Deutschland 2016
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Darsteller: Tristan Göbel, Anand Batbileg, Mercedes Müller, Aniya Wendel u.v.a.

P.S.: Wer es den Helden dieses Filmes gleichtun, dabei aber juristisch sauber bleiben will, kann hier einen Lada (Baujahr 1981) mieten, um von Berlin aus die Walachei zu erkunden. Ab 30 Euro pro Stunde.

www.ladamieten.de

www.justament.de, 26.9.2016: Zwiespältig schön

Reinkarnation von Nico? Tocotronic für Mädchen? „Die Heiterkeit“ auf „Pop & Tod I+II“

Thomas Claer

die-heiterkeit„Du hörst und besprichst immer nur dieselben Sachen. Das ganze Zeug, das du noch von früher kennst. Jetzt probier doch endlich mal was anderes, das wirklich aus der Gegenwart kommt, du antriebsloser alter Sack!“ Wie oft ich diese Vorwürfe schon gehört habe – von meiner inneren Stimme. Also gut, dann widmen wir uns nun: der Band „Die Heiterkeit“. Zunächst einmal ist das ja grandios: Eine schöne junge Dame mit einer absolut ungewöhnlichen, tiefen, durchdringenden Stimme nennt ihre Band „Die Heiterkeit“ und trägt ihre Lieder mit einem ernsten, ja mürrischen Gesichtsausdruck vor, dabei niemals lächelnd. Natürlich denkt man bei dieser Stimme gleich an Nico von Velvet Underground, vielleicht noch an Christiane Rösinger. Aber auch an Hildegard Knef. Doch, doch! „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ ist gar nicht so weit weg von dieser Musik, die sich zwar als irgendwie Indie präsentiert, ihre Schlagerhaftigkeit dabei aber kaum verleugnen kann. Nach zwei Alben, einer programmatischen Ortsveränderung von Hamburg nach Berlin und mehreren Besetzungswechseln hat Bandleaderin Stella Sommer, zugleich einzig verbliebenes Gründungsmitglied von „Die Heiterkeit“, die Wurzeln zum Gitarrenpop zwar noch nicht völlig gekappt, aber ihr Spektrum auf „Pop & Tod I+II“ doch markant in Richtung, ja in welche Richtung bloß?, geöffnet. Seichtheit trifft es nicht ganz, sagen wir lieber: Unbestimmtheit. Einige veritable Popsongs sind herausgekommen, wenn auch solche der ungewöhnlichen Sorte. Besonders „Im Zwiespalt“ hat wirklich Klasse. Doch bringt gerade dieser Titel auch die Haltung des Rezensenten zum gesamten Album auf den Punkt. Vielleicht ist es ja etwas ungerecht, deutschen Songtexten eine so große Bedeutung zuzumessen, denn sobald Englisch gesungen wird, hört schließlich auch niemand mehr so genau auf den Inhalt. Doch wer nun mal auf Deutsch singt, so dass es hierzulande jeder verstehen kann, der sollte schon etwas zu sagen haben. Hat „Die Heiterkeit“ aber nicht. Zumindest versteht man es nur selten. Die gelegentlich angestellten Vergleiche mit Tocotronic können sich insofern auch nur auf deren Spätwerk beziehen, was somit alles andere als ein Kompliment ist. In ihren Interviews auf YouTube bekennt sich Stella Sommer, während ihr versehentlich ein Lächeln unterläuft, vehement zum Ideal der Anstrengungslosigkeit. „Dahingerotzt soll es klingen, und dahingerotzt ist es auch.“ Doch nicht nur jeder Musiker weiß, welche Anstrengung es oftmals kostet, damit es sich unangestrengt anhört. Wie sagte einst Rudi Carrell: „Man kann nur ein As aus dem Ärmel ziehen, wenn man vorher eins hineingesteckt hat.“ Was ich sagen will: Stella Sommer könnte noch deutlich mehr aus sich und ihrer Stimme und ihrer Band herausholen. Ein paar sehr hübsche Anfänge hat sie aber schon gemacht. Das Urteil lautet: mit Bedenken noch voll befriedigend (10 Punkte).

Die Heiterkeit
Pop & Tod I + II
Buback Tonträger 2016
Ca. € 17,-
INDIGO CD 126062

www.justament.de, 26.9.2016: Aus erster Hand

„Der intelligente Investor“ von Value-Legende Benjamin Graham in Neuauflage

Thomas Claer

9783898799768-mainSeit mehr als 16 Jahren beschäftige ich mich mit der Börse, ohne dass ich bisher auch nur eine Zeile von Benjamin Graham (1894-1976), dem Begründer des Value Investings, gelesen hätte. Nun habe ich endlich dieses Versäumnis nachgeholt, doch konnte ich im „Intelligenten Investor“, Grahams über 600 Seiten dickem Hauptwerk, nicht viel entdecken, was sich wesentlich von meiner eigenen Strategie enterscheiden würde (abgesehen von den Passagen, die heute aufgrund der fortgeschrittenen technischen Entwicklung historisch überholt sind). Das liegt ganz offensichtlich daran, dass die Gedanken Grahams in zahlreichen anderen Investoren fortleben und dass gewissermaßen alles, was an der Börse Rang und Namen hat, entweder seinen Graham gelesen hat oder von Personen beeinflusst worden ist, die ihrerseits ihren Graham gelesen haben. Kein Wunder, ist doch der berühmteste Graham-Schüler kein Geringerer als Warren Buffett, der mutmaßlich erfolgreichste Investor aller Zeiten, an dem sich nicht wenige Anleger orientieren.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wer nur ein vordergründiges Interesse an Geld, Aktien und Börse hat, der muss nicht unbedingt Graham lesen. Allerhand Einführungs-Bücher anderer Autoren fassen Grahams Grundsätze recht gut zusammen. Außerdem ist Grahams Klassiker, den der Börsenverlag nun als Neuauflage in einer originellen Geschenkbox mit Poster, Begleitbüchlein und beschrifteter Tasse herausbringt, auf dem Stand von 1972 (die Erstauflage erschien bereits 1949), wobei die zweifellos nützlichen Kommentierungen von Jason Zweig aus dem Jahr 2002 stammen, also auch nicht mehr so ganz taufrisch sind. Man muss also schon ein gehöriges Maß an wirtschaftshistorischem Wissensdurst mitbringen, um hier auf seine Kosten zu kommen.

Und doch hat es seinen Reiz, die Ideen des Value Investings einmal aus erster Hand kennenzulernen. Vieles wird man, zumal als Nachgeborener, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, deren Börsengeschehen im Buch ausführlich beschrieben wird, noch gar nicht auf der Welt war, nur überfliegen. Aber immer wieder stößt man auf Überlegungen des Meisters, die die Lektüre zu einem Vergnügen machen.

Besonderen Wert legt Graham auf die scharfe Abgrenzung zwischen Investition und Spekulation. „Ein Investment verspricht, nach einer gründlichen Analyse, die Sicherheit des eingesetzten Kapitals und eine angemessene Rendite. Engagements, die diese Erfordernisse nicht erfüllen, sind spekulativ.“ Und an anderer Stelle sagt er: „Ein Investor berechnet den Wert einer Aktie auf der Grundlage der Geschäfte des Unternehmens. Ein Spekulant wettet darauf, dass der Kurs steigt, weil irgendjemand bereit ist, mehr für die Aktie zu bezahlen.“
Dabei verflucht selbst Graham das Spekulieren nicht per se. Der Spieltrieb sei im Menschen tief verankert, und mit einem kleinen Anteil „Spielgeld“ (Graham denkt hier an etwa zehn Prozent der zur Verfügung stehenden Summen) könne man auch ruhig spekulieren, also Traden um des schnellen Gewinns willen. Doch sei es unabdingbar, Investment und Spekulation bereits gedanklich streng voneinander zu trennen. Er empfiehlt sogar, unterschiedliche Konten für Investments und Spekulationen zu unterhalten. Ich muss zugeben, dass ich mich beim Lesen dieser Stelle ein wenig geschmeichelt fühlte, denn ich selbst rate schon seit Jahren dazu, zwei getrennte Depots zu führen, ein größeres Investment-Depot und ein kleineres für etwaige Kurzfrist-Spekulationen (welche aber nur sehr fortgeschrittenen Anlegern zu empfehlen sind), ohne dass ich bisher wusste, dass schon Graham diese Idee hatte. Ich hielt sie bislang für meine eigene…
Nüchtern stellt Graham fest, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den langfristigen Erfolgen der Investoren und dem hastigen Rein und Raus der Börsen-Zocker: „Wenn Sie, liebe Leser, spekulieren und nicht investieren, dann verringern Sie Ihre eigenen Chancen, Vermögen aufzubauen, und vergrößern die eines anderen.“ Hier werden sicherlich viele an Kostolany denken, der davon sprach, dass die Aktien in Krisenzeiten aus den „zittrigen Händen“ in die „festen Hände“ übergehen.
Hervorzuheben ist ferner, dass Graham trotz seiner Fokussierung auf die hinter den Aktien stehenden Unternehmen auch ein sehr realistisches (und auch heute noch absolut zeitgemäßes) Bild von der Rolle der Börsenpsychologie oder besser der Anlegerpsychologie hatte. „Denn tatsächlich ist das größte Problem eines Investors – und auch sein schlimmster Feind – wahrscheinlich er selbst.“ Und es ist köstlich, wenn er hierzu Blaise Pascal zitiert: „Alles Unheil dieser Welt geht davon aus, dass die Menschen nicht still in ihrer Kammer sitzen können.“ In der Tat haben bis heute nur wenige die in den allermeisten Fällen unheilvolle Wirkung des Aktionismus an der Börse voll erkannt.
Auch das, was ich in meinem Buch als Liquiditäts-Management bezeichnet habe, findet sich bei Graham schon in ähnlicher Form, nur dass er eine situationsbedingt flexible Quote von Aktien und Anleihen im Depot empfiehlt. Mindestens ein Viertel der verfügbaren Mittel sollte man in Aktien und mindestens ein Viertel in sicheren Anleihen investiert haben, der Rest wäre je nach aktuellem Bewertungsniveau am Aktienmarkt auf diese beiden Anlageklassen zu verteilen: bei hohen Börsenständen müsste man den Aktienanteil runter- und den Anleiheanteil hochfahren, bei niedrigen Börsenständen das Gegenteil tun. Nun räumt schon Jason Zweig in seinen Kommentierungen von 2002 ein, dass man statt defensiver Anleihen inzwischen auch ebenso gut Termingelder nutzen könne. Aus heutiger Sicht würde ich ergänzen: Noch besser sind Tagesgeldkonten (die gab es damals noch nicht). Nur rate ich dazu, es sogar noch ruhiger angehen zu lassen, als Graham es empfiehlt, und gute Aktien nur bei krassen Überbewertungen (und auch dann nur Teile des Bestandes) zu verkaufen, ansonsten aber ihre Kursschwankungen auszusitzen und in aller Ruhe die Dividenden zu kassieren. Bei ausgemachter signifikanter Unterbewertung des Marktes hingegen würde ich die Liquiditätsquote sogar tendenziell auf Null herunterfahren, also (ganz ausnahmsweise!) voll investiert sein. Aber das sind Feinheiten, die jeder Anleger letztlich für sich selber herausfinden muss.

Faszinierend ist ferner Grahams Beobachtung, dass oft nicht diejenigen den größten Erfolg an der Börse hatten, die „von Finanzen, Rechnungslegung und dem Geschehen an den Aktienbörsen viel verstanden“, sondern jene, die „vom Temperament her gut für die Kapitalanlage gerüstet waren“. Hier würde ich sogar noch über Graham hinausgehen, der fest davon ausging, dass „aggressive Investoren“ mit viel Know-how prinzipiell eine höhere Performance erzielen können als „defensive Investoren“, die einfach nur geduldig abwarten, grobe Fehler vermeiden, breit streuen und ansonsten die Dinge laufen lassen. Wenn ich mir etwa die seit Jahren erstaunlich schwach performenden Fonds von Value-Investor Prof. Max Otte ansehe (der ganz ausdrücklich im Sinne Grahams operiert!), dann habe ich den Eindruck, dass selbst die größten Koryphäen durch häufiges Umschichten erheblichen Schaden anrichten können. Hätte Max Otte etwa vor einem Jahr seine Ölwerte nicht im ungünstigsten Moment (offenbar unter dem Druck unzufriedener Investoren) verkauft, sondern deren Durststrecke einfach ausgesessen, dann stünde er jetzt weitaus besser da. Dies zeigt aber auch, dass es natürlich viel schwerer ist, einen Fonds zu managen (während ungeduldige Anleger mit den Hufen scharren) als einfach nur auf eigene Rechnung zu agieren und dabei niemandem außer sich selbst verantwortlich zu sein. Ich bin sicher, dass sich so – gerade auch als kleiner Privatanleger, wenn man nur etwas Mühe und Zeit aufwendet – die beste Performance erzielen lässt.

Fazit: Grahams „Intelligenter Investor“ ist ein Vertiefungsbuch, das nicht jeder Anleger brauchen wird, das seinen Lesern aber großes Vergnügen bereiten kann.

 
Benjamin Graham
Die große Value-Investing-Box
Der Bestseller über die richtige Anlagestrategie:„Intelligent Investieren“ in edler Metallbox
Enthält außerdem eine hochwertige Tasse, ein Poster und ein Plakat sowie ein Büchlein mit Gastbeiträgen von Hendrik Leber, Max Otte, Eckart Langen v. d. Goltz und John Mihaljevic.
9. Auflage der deutschen Ausgabe
Finanzbuchverlag 2016
640 Seiten | Broschur
59,99 €(D); 61,70 €(A)
ISBN 978-3-89879-976-8

Justament-Rezensent Dr. Thomas Claer ist Autor des Börsen-Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.

www.justament.de, 5.9.2016: Leider erfolglos

Jennifer Rostocks ironischer Protestsong „Dann wähl die AfD!“

Thomas Claer

Jennifer_Rostock (wikipedia)Die Berliner Spaßpunk-Band „Jennifer Rostock“ gehört hierzulande schon seit Jahren zu den richtig angesagten Acts. Der kuriose Bandname verweist auf ihre charismatische Frontfrau Jennifer Weist (30) und auf deren ursprüngliche Herkunft (sowie die aller übrigen – ausschließlich männlichen – Bandmitglieder) von der Ostseeküste. Neben dem enormen kommerziellen Erfolg ist vor allem auch die immer wieder ausgestellte Haltung der Band zu allerhand gesellschaftlichen Fragen erwähnenswert. Kurzum, „Jennifer Rostock“ sind Popstars mit Leitbildfunktion für ihr überwiegend junges Publikum. Der künstlerische Wert ihrer Darbietungen liegt beständig zwischen „nicht schlecht“ und „aber auch nicht richtig gut“. Durchaus sympathisch ist dabei die unverkennbare stilistische Orientierung an der Neuen Deutschen Welle und insbesondere an der Band „Ideal“ aus den seligen Achtzigern. Auch die “Ärzte” und die “Toten Hosen” lassen grüßen, an letztere erinnern allerdings besonders die mitunter sehr abschreckenden bombastischen Refrains. Hingegen muss man an die junge Nina Hagen denken, wenn sich Sängerin Jennifer Weist – vielfach gepierct und ganzkörpertätowiert – auf der Bühne zwischen den Songs unter dem Johlen der Zuschauer genüsslich ihr Geschlecht reibt. Und schließlich gehört zu „Jennifer Rostocks“ Bühnenshow auch noch die regelmäßige Präsentation von Jennifers nackten Brüsten, verbunden mit der Aufforderung an die Mädchen im Publikum, ebenfalls ihre Möpse freizulegen. Umstritten ist, ob dies tatsächlich – wie von der Band behauptet – als feministische Demonstration für die Gleichstellung der Frau durchgehen kann, oder ob hier nicht ein bloßer geschäftstüchtiger Exhibitionismus a la Kim Kardashian am Werk ist. Doch warum soll Jennifer ihren männlichen Testosteronrock-Kollegen nicht etwas Pussy-Power entgegensetzen? Gut singen kann sie übrigens auch noch…

Nun haben „Jennifer Rostock“ also anlässlich der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin einen Anti-AfD-Song aufgenommen, der schon nach wenigen Tagen im Netz abermillionenfach geklickt worden ist. Man kann sie dazu nur beglückwünschen, doch wissen wir seit gestern Abend, dass alle agitatorische Mühe leider nicht viel gebracht hat. Das Wahlergebnis im Nordosten hat dieser Song offensichtlich kaum beeinflussen können, dennoch können wir froh sein, dass es ihn gibt. Denn nichts spricht dagegen, die altehrwürdige Gattung des politischen Protestsongs gelegentlich – und wann war es nötiger als jetzt? – wiederzubeleben, und noch dazu, wenn dies auf so gelungene Weise geschieht. Und schließlich: Es kommt ja auch noch die Wahl in Berlin am 17. September. Also wählt dort, liebe Leser, sofern ihr dort wahlberechtigt seid, unbedingt! „Nur bitte diesen Scheiß nicht!“ Das Urteil über Jennifer Rostocks AfD-Song lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

www.justament.de, 22.8.2016: Kinder, Kinder

Der Erzählungsband „Lettipark“ von Judith Hermann

Thomas Claer

LettiparkNeue Kurzgeschichten von Judith Hermann? Sieben Jahre nach ihrem letzten Erzählungsband und zwei Jahre nach ihrem verunglückten Roman-Debüt, das wir ihr längst verziehen haben? Da freut man sich doch gleich und beginnt erwartungsvoll zu lesen. Aber schnell merkt man, dass die Judith Hermann von 2016 nicht mehr jene von 1998 ist, die uns seinerzeit in „Sommerhaus, später“ mit dem „Sound einer neuen Generation“ betörte. (Womöglich ließe sich in diesem Zusammenhang auch von der „Generation Berlin“ sprechen, denn nicht wenige von uns sind damals sozusagen mit diesem Buch im Gepäck – gleich neben Sven Regeners „Herr Lehmann“ und Wladimir Kaminers „Russendisko –  in die Hauptstadt gezogen, auf der Suche nach dem wilden Leben in der noch unfertigen Metropole.) Inzwischen jedoch ist mit der Autorin auch das Personal ihrer Erzählungen um fast zwei Jahrzehnte gealtert, was nicht unbeträchtliche Spuren hinterlassen hat.
Nun sind die insgesamt 17, allesamt recht kurzen Geschichten dieses Buches sowohl inhaltlich als auch personell sehr heterogen. (Stilistisch sind sie es nicht unbedingt, dafür aber qualitativ.) Judith Hermanns Ich-Erzähler schlüpfen in die unterschiedlichsten Charaktere, sind mal männlich, mal weiblich, mal arm, mal gut situiert. Doch sind sie fast alle verheiratet und haben Kinder, manche sind geschieden und leben in Patchwork-Familien. Überhaupt dreht sich bei ihnen fast alles um den Nachwuchs. Wo bleiben da, so fragt man sich, die vielen Singles, die fast 50 Prozent kinderlosen Akademiker? Nun, auch sie treten vereinzelt auf, etwa als besessene Frau mit fanatischem Kinderwunsch, die schließlich ein russisches Kind adoptiert, woraufhin ihr Lebensgefährte sich fragt, ob er nicht besser die Reißleine ziehen sollte. Es liegt wohl auch daran, dass Leute mit Kindern meistens nur Leute mit Kindern kennen und Kinderlose meistens nur Kinderlose. Problematisch daran ist allein, dass die häufige Fixierung auf Kinder und Jugendliche diesen Geschichten nicht unbedingt guttut. Marcel Reich Ranicki muss es wohl geahnt haben, als er Judith Hermann nach ihren ersten Erfolgen mit den Worten warnte: „Bekommen Sie bloß kein Kind. Dann werden Sie nie wieder ein gutes Buch schreiben!“
Eine Geschichte, „Papierflieger“, die von einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Freund handelt, den sie aber nur zum Aufpassen auf den Kleinen gebrauchen kann und will, ist trotzdem richtig gut geworden. Die kleinen poetischen Momente des Lebens vermag diese Autorin manchmal sehr gut einzufangen, mitunter auch die großen existentiellen wie in der Titel-Erzählung „Lettipark“, wo die Protagonistin zufällig an der Supermarktkasse eine alte Bekannte trifft – und alles, was früher einmal gewesen ist, kommt wieder in ihr hoch. Was Judith Hermann nicht so gut kann, ist das Setzen von Schluss-Pointen, mit denen sie jedenfalls in diesem Band regelrecht auf Kriegsfuß steht. Manche Geschichten werden durch ihr schwaches Ende regelrecht ruiniert. Ansonsten wird in diesen Erzählungen viel gereist, dafür aber – in krassem Gegensatz zu früher – fast gar nicht mehr geraucht. Geblieben jedoch ist die Melancholie, die über allen Geschichten liegt. Lachen musste ich beim Lesen nur ein einziges Mal, als die Ich-Erzählerin von einem gesprächigen Freund berichtete. Beim Telefonat mit diesem legte sie zwischenzeitlich den Hörer beiseite, um den Geschirr-Abwasch zu erledigen. Als sie ihn wieder aufnahm, redete ihr Freund noch immer munter weiter und hatte die längere Abwesenheit des Gegenübers gar nicht bemerkt. Kam mir irgendwie bekannt vor.

Judith Hermann
Lettipark. Erzählungen
Fischer Verlag Frankfurt a. M. 2016
187 Seiten, 18,99 EUR
ISBN: 978-3-10-002493-0

www.justament.de, 8.8.2016: Nichts zu retten

Recht cineastisch, Teil 27: „Toni Erdmann“ von Maren Ade

Thomas Claer

toni erdmannDas Verhältnis von Eltern zu ihren erwachsenen Kindern ist oftmals heikel, was wohl bereits in der Grundkonstellation angelegt ist. Einerseits die Altvorderen, die ihre Zöglinge in jahrelanger engagierter pädagogischer Arbeit dem eigenen Bilde entsprechend geformt zu haben glauben, andererseits die mitunter völlig missratenen Produkte dieser Erziehung, die irgendwann eine eigene Persönlichkeit und einen eigenen – dem elterlichen nicht selten diametral entgegengesetzten – Willen entwickeln. Die große Kunst der Elterngeneration besteht dann darin, sich mit dem abweichenden Lebensweg ihrer Kinder abzufinden, ihren Frieden damit zu machen. Doch gibt es nun einmal für alles Grenzen, denn wie schlimm muss es für einen gestandenen Achtundsechziger-Vater, einen antiautoritären, friedens- und umweltbewegten Gymnasiallehrer, sein, wenn seine einzige Tochter so völlig auf die schiefe Bahn geraten ist und etwas geworden ist, was seine schlimmsten Befürchtungen noch weit übertroffen hat: Unternehmensberaterin in einer internationalen Consulting-Gesellschaft. Dies ist die Ausgangssituation in Maren Ades vielgerühmtem Film „Toni Erdmann“, der nach seinem triumphalen Auftritt in Cannes nun auch in den deutschen Kinos zu sehen ist.

Vielleicht hat man mit all den medialen Jubelorgien den Beteiligten gar keinen so großen Gefallen getan, denn es handelt sich letztlich doch nur um eine im Grunde harmlose Komödie, die allerdings hier und da ein paar sehr gelungene ironische Spitzen und darüber hinaus auch einige anrührende Momente enthält. Hier von einer „Rettung des deutschen Kinos“ zu sprechen ist aber schon deshalb übertrieben, weil es in den vergangenen Jahren nun wirklich eine ganze Reihe an hochwertigen deutschen Filmen gegeben hat, von denen wir auch in dieser Rubrik mehrere  vorgestellt haben.

Was „Toni Erdmann“ dennoch besonders reizvoll macht, sind die tiefen Einblicke in das weitgehend freudlose Leben der „High Potentials“. Wer sich schon immer gefragt hat, was diese Spitzenverdiener in jenen obskuren Consulting-Firmen wohl den ganzen Tag so machen, der bekommt dies in Person der vom Ehrgeiz zerfressenen Ines (großartig gespielt von Sandra Hüller) nebst ihren Kolleginnen und Kollegen sehr anschaulich illustriert. Im Verlaufe des Filmes zeigt sich dann aber, dass Ines doch etwas vom Witz ihres Vaters mitbekommen hat – und beide kommen sich auf überraschende Weise menschlich näher.

Toni Erdmann
Deutschland 2016
Regie: Maren Ade
Drehbuch: Maren Ade
Darsteller: Sandra Hüller, Peter Simonischek, Thomas Loibl, Michael Wottenborn u.v.a.