“der stacheldraht”, Nr. 9/2011: Kritik: Keine Unrechtsideologie?

Bericht über meinen Vortrag im „Roten Ochsen“ auf dem Halle-Forum 2011 zum Thema „War die DDR ein Unrechtsstaat? Diskursive Forschung versus ostalgische Verklärung“ in der Zeitschrift „der stacheldraht“, Nr. 9/2011:

http://www.uokg.de/download/20280

Gefährliche Tendenzen deutscher Geschichtsdarstellung

Das Halle-Forum 2011 beschäftigte sich mit dem Thema „War die DDR ein Unrechtsstaat? Diskursive Forschung versus ostalgische Verklärung“. Den Eröffnungsvortrag hielt der Berliner Jurist und Herausgeber der Zeitschrift „Justament“, Dr. Thomas Claer. Nach eigener Auskunft selbst ein Kind der DDR, reiste er später in die Bundesrepublik aus und schlug dort eine akademische Laufbahn als Rechtstheoretiker ein.

Dr. Claer erwies sich als einer derjenigen „diskursiven Forscher“, die auf die Hauptfrage der Veranstaltung eine negative Antwort geben und entsprechend argumentieren. Nein, so Claers grundlegendes Fazit, die DDR war kein Unrechtsstaat! Diese Charakteristik treffe nur für eine bislang bekannte Diktatur zu, nämlich für Nazi-Deutschland, für die damit verbundenen Verbrechen, die singulär seien und für die es nichts Vergleichbares gäbe. Vor Beginn seines Vortrages ließ der Jurist für jeden Teilnehmer der Tagung ein Thesenpapier zur Verfügung stellen: „Warum eine differenzierende Betrachtung weder die DDR verharmlost noch die Würde der Opfer verletzt“. Claer verliert sich dort in einer Reihe rechtstheoretischer Betrachtungen, die schließlich in zwei ausschlaggebenden Thesen gipfeln: 1. Das letztlich entscheidende Merkmal eines „Unrechtsstaates“ ist eine „Unrechtsideologie“; der „Unrechtsstaat“ sei mehr als nur „Nicht-Rechtsstaat“. 2. Ein „Unrechtsstaat“ müsse Unrecht im Sinne der Radbruchschen Formel zielgerichtet produzieren.

Doch was heißt das konkret? Eigenartigerweise blieb der Referent diesbezüglich eine Erklärung schuldig, gab aber den lapidaren Hinweis, daß genau das, was nach Radbruch „unerträgliches Unrecht“ sein soll, „hier leider ausgespart bleiben“ muß. Dennoch: Durch die Hintertür formuliert Claer eine klare und unmißverständliche Antwort, die aufhorchen und zugleich erschaudern läßt.

Er sieht im Marxismus als politikbestimmende und etablierte Weltanschauungsdoktrin in der DDR eben keine Unrechtsideologie als Grundlage für eine machtbesessene Parteinomenklatur. Im Gegenteil: Claer behauptet allen Ernstes die Gleichartigkeit der Zielsetzungen des westlichen Liberalismus und des Marxismus als angeblicher „Weltbefreiungsideologie“. Die DDR wird somit als „fehlgeschlagenes Experiment“ verklärt – zugegeben mit „viel Leid“ für die Opfer des Systems (unermeßliches Leid, das also in einer Werteskala offenbar nur von minderwertigem Range ist). Denn schließlich war und ist es eine gute Idee, die dem Ganzen zugrunde lag, folgt man der erschreckenden Logik Claers, der den zahlreichen Meinungsbekundungen und Entgegnungen der Teilnehmer des Halle-Forums wohl kaum zu folgen in der Lage war.

Claer beruft sich in seinem Vortrag auf die Traditionen der Aufklärung und der Moderne – und damit auch auf Karl Marx, den er hier verwurzelt sieht. Natürlich – Marx war ein Kind seiner Zeit, doch er war zugleich visionärer Machtmensch, der die Utopie des neuen Menschen hervorbrachte. Der Marxismus zielte auf alles andere als auf Rechtsstaatlichkeit oder Aufklärung. Der „bürgerliche Rechtsboden“ war ihm suspekt, Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie galt es zu überwinden – nicht herzustellen, wie es Claer suggeriert. Und dafür definierte Marx völlig andere Bezüge, sein Denken und Handeln galt nicht dem „Diskurs der Moderne“, auf den sich Claer immer wieder beruft, sondern auf deren Überwindung und schließlich Vernichtung, denn Diskurs heißt auch Offenheit. Doch von einer offenen Gesellschaft kann man in Anlehnung an den großen Geisteswissenschaftler Karl Popper weder im Marxismusbild des 19. Jahrhunderts noch in dem des realen Sozialismus in der DDR sprechen. Nicht liberale Individualität, sondern das kollektive Diktat bestimmte den Marxismus, und das auch mit strafrechtlichen Mitteln. Ein Gespür für die politische Strafjustiz in der DDR war indes den Ausführungen Claers nicht zu entnehmen. Das kommt wohl auch nicht von ungefähr. Schließlich war es der Bundesgerichtshof selbst, der nach 1990
DDR-Unrecht quasi im Nachhinein legalisierte.
Man fühlt sich fast an die Worte eines bekannten Politikers erinnert, der einmal sagte: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Und in diesem Kontext verweist nun Claer auf Radbruch: Unrecht ja, wenn es „unerträglich“ ist. Was das konkret heißt, ist bis heute umstritten. Nur eines scheint klar und politisch korrekt zu sein: der Unrechtsstaat ist aus diesem Verständnis oder vielleicht besser Unverständnis heraus gesehen einmalig präsent und kann nur am Dritten Reich festgemacht werden, also, was nicht sein kann, das nicht sein darf…

Der Einblick in die Denkweise und in den akademischen Diskurs an deutschen Universitäten und Hochschulen, namentlich durch den Vortrag Dr. Thomas Claers, der sich auf zahlreiche seiner Zunftkollegen beruft und mit diesen in Einklang steht, mag für die Teilnehmer des Halle-Forums – die wie ich selbst Opfer der Willkürjustiz der SED waren – sowohl ernüchternd als auch erschreckend und äußerst befremdlich gewesen sein. Für die deutsche Geschichtsdeutung ist dieses Statement fatal!

Dr. Claer möchte ich auffordern, einerseits die „Würde der Opfer“ mit derartigen Verlautbarungen, wie vorgetragen, nicht in Frage zu stellen, denn es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse. Andererseits möge er den breiteren Diskurs zur Thematik ernst nehmen. Eine „differenzierende“ Betrachtung ist nötig und erschöpft sich keineswegs in einem politischen Schlagabtausch, sie ist aber auch wichtig und erforderlich, um die verbrecherischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Deutschland und ausgehend von deutschem Boden zu verstehen, namentlich die Verwurzelung der ideologischen Vordenker der Linkspartei.

Doch den Anfängen zu wehren hat die deutsch-deutsche Zivilgesellschaft nach dem Untergang des Kommunismus als Staatsgebilde vor über zwanzig Jahren offenbar längst verpaßt.

Dr. Georg Beyer, Gevelsberg
(Roter Ochse 1974/75, Cottbus bis 1976)

 

Richtigstellungen:

Ich bin nicht Herausgeber, sondern verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Justament. Von einer “akademischen Laufbahn als Rechtstheoretiker” kann nicht unbedingt die Rede sein. Ich habe nie behauptet, dass es keine weiteren “Unrechtsstaaten” außer dem Dritten Reich gebe oder gegeben habe; nur für Deutschland habe ich diese Aussage getroffen. Die absolute Singularität der Nazi-Verbrechen, für die es nichts Vergleichbares gebe, habe ich ebenfalls nicht behauptet. Die “Unrechtsideologie” ist für mich keineswegs das entscheidende Merkmal eines “Unrechtsstaates”, sondern nur eins unter vielen. Entscheidend (wenn auch nicht alleinentscheidend) ist sie bei mir nur für die Kategorisierung der DDR als kein “Unrechtsstaat”. Was “unerträgliches Unrecht” bei Radbruch im einzelnen bedeutet, musste ich im Vortrag aussparen, weil es zeitlich völlig den Rahmen gesprengt hätte. Wer mag, kann es in meinem Buch “Negative Staatlichkeit” (Hamburg 2003) sehr detailliert nachlesen. Die These der Gleichartigkeit zentraler Zielsetzungen des Marxismus und westlichen Liberalismus stammt übrigens vom dezidiert konservativen Kulturphilosophen Günther Rohrmoser, der alles andere als ein Marxist oder DDR-Versteher war. Dass der Marxismus eine Art Weltbefreiungsideologie ist, lässt sich m.E. kaum vernünftig bestreiten. Dass er praktisch auch als Unterdrückungsideologie gewirkt hat, ebensowenig. Eine Verklärung der DDR liegt mir völlig fern, was auch ihre Kategorisierung in meinem Vortrag als Nicht-Rechtsstaat, Diktatur und totalitärer Staat beweist. Dass der Marxismus von Anfang an bereits den Keim des Totalitären in sich trug, bestreite ich ebenfalls nicht. Wohl aber, dass er sich darauf reduzieren lässt. Dass der Marxismus von Anbeginn keine “offene Gesellschaft” im Sinne Karl Poppers (den ich ganz besonders schätze) im Sinn hatte, würde ich auch unterschreiben. Daraus folgt aber nur, wenig überraschend, dass er kein Liberalismus war. Der Konservatismus des 19. Jh. strebte sicherlich noch weniger eine “offene Gesellschaft” an als der Marxismus. Mir ist nicht klar, warum es die Würde der Opfer verletzen soll, wenn man die DDR “nur” als Nicht-Rechtsstaat, Diktatur und totalitären Staat, aber nicht als Unrechtsstaat ansieht. Nach meiner Meinung folgt daraus auch keineswegs eine Unterscheidung von “Opfern erster und zweiter Klasse”.

Thomas Claer, Berlin, 1.7.2018 

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www.justament.de, 18.6.2018: Die im Dunkeln sieht man hier

Recht cineastisch, Teil 31: „In den Gängen“ von Thomas Stuber

Thomas Claer

Irgendwo in Ostdeutschland. Christian (Franz Rogowski), ein schüchterner junger Mann, ist neu im Logistikzentrum eines Großmarktes. Die Kollegen sind am Anfang nicht besonders nett zu ihm, werden es mit der Zeit aber dann doch. Und Christian, der sich zunächst nicht sonderlich geschickt anstellt, lernt eine Menge über die Arbeitsabläufe in den riesigen, tristen Hallen, wie man Paletten bewegt und Regale einräumt. Schließlich macht er sogar die Gabelstaplerprüfung. Die hier arbeiten, angestrengt und schlecht bezahlt, gehören in unserer glitzernden Konsumwelt nicht so recht dazu, gewährleisten mit ihrer unverzichtbaren Tätigkeit aber zuverlässig, dass alles so weiter funktioniert. Nach und nach lernen wir in Thomas Stubers Sozialdrama „In den Gängen“ auch die Vorgeschichte jener niedergedrückten Existenzen kennen. Alle tragen sie biographische Brüche, Frustrationen, Verletzungen mit sich herum.

Nun kann man Christians Job für öde und eintönig halten, und das ist er auch unzweifelhaft, doch schon bald ändert sich alles, als seine einige Jahre ältere Kollegin Marion (Sandra Hüller) aus der benachbarten Süßwarenabteilung in Christians Leben tritt. Zwar ist Marion anderweitig verheiratet, doch hält sie das nicht davon ab, sich dem konsternierten Christian auf recht eindeutige Weise zu nähern, ohne dabei jedoch gewisse Grenzen zu überschreiten. Der binnen kurzem völlig entflammte Christian zeigt daraufhin Marion auf anrührende Weise seine Liebe, etwa indem er ihr zum Geburtstag ein Yes-Torty mit Kerze überreicht. Von nun an ist für Christian jeder Arbeitstag ein Festtag, vorausgesetzt seine und Marions Schicht überschneiden sich, was längst nicht immer der Fall ist. Aber auch das geduldige Warten aufeinander versüßt den beiden Kollegen ihren Alltag nicht unbeträchtlich. Beinahe Tabu bleibt allerdings jeglicher Körperkontakt zwischen ihnen. Lediglich auf einer Betriebsfeier berühren sich einmal ihre Hände, und sie lehnen ihre Köpfe aneinander. Zu einem Kuss kommt es gar nicht; nicht einmal Begrüßungs- oder Verabschiedungs-Küsschen und/oder –Umarmungen sind drin, da die eher süd- und westdeutsch geprägte „Bussi-Kultur“ in Ostdeutschland abseits der Großstädte noch immer verpönt ist…

Dieser kleine, feine, am Ende sehr traurige Film erzählt so etwas wie das wahre Leben jenseits der glamourösen Welt der Schönen und Erfolgreichen. Und er zeigt uns nicht zuletzt, dass hier die zwischenmenschlichen Dramen nicht weniger interessant sind als etwa in Hollywood. Ganz im Gegenteil…

In den Gängen
Deutschland 2017
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Thomas Stuber, Clemens Meyer
120 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth, Andreas Leupold, Michael Specht u.v.a.

www.justament.de, 11.6.2018: Wider den zerebralen Chauvinismus

In „Die Wurzeln der Welt“ präsentiert Emanuele Coccia eine „Philosophie der Pflanzen“

Thomas Claer

„Ach, was kümmern mich die Pflanzen?“ Wer so spricht, der weiß nicht, wovon er redet. Auch der Rezensent muss einräumen, in seinem bisherigen Leben der Pflanzenwelt eher mit Gleichgültigkeit begegnet zu sein. Doch es ist nie zu spät zur Umkehr. Wer „Die Wurzeln der Welt“ des französischen Philosophie-Professors Emanuele Coccia, Jahrgang 1976, gelesen hat, blickt gleichsam mit neuen Augen auf alles um sich herum. Dieses Buch ist nicht nur die Rehabilitierung der grünen Mitbewohner unseres Planeten für eine mehrere Jahrtausende währende Ignoranz durch den Menschen, sondern es eröffnet dem Leser zugleich auch einen völlig anderen Blick auf das große Ganze. Doch wirklich neu ist dieser Blick eigentlich gar nicht. Schon in der Antike, aber durchaus auch noch später gab es Anhänger einer „organischen“ Weltsicht, denen die moderne Aufspaltung aller Wissenschaften in immer detailliertere Unterdisziplinen zutiefst suspekt gewesen ist. (Ihr prominentester Vertreter war zweifellos Johann Wolfgang von Goethe.) Jedoch wurden sie allmählich, über die Jahrhunderte, verdrängt von den Fachidioten aller Disziplinen, denen es nur auf Spezialwissen und nicht mehr auf Welterkenntnis ankam.

Inzwischen befinden wir uns aber vermutlich bereits in einem Prozess der Kehrtwende. Man denke nur an den Boom der traditionellen asiatischen Medizin hierzulande, welche nicht die jeweiligen Krankheitssymptome, sondern stets den kranken Menschen als Ganzen vor Augen hat. Und diese ihrerseits beruht schließlich auf der antiken chinesischen Philosophie, die ebenfalls nie etwas anderes als ganzheitlich orientiert gewesen ist. Und wie der diesem Buch angehängte immense Apparat aus Fußnoten beweist, gibt es mittlerweile auch eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur (vor allem aus dem Überschneidungsbereich von Biologie und Philosophie), die emsig daran arbeitet, das ganzheitlich-organische Denken der unverbindlichen Esoterik zu entreißen und in die Fachwissenschaften zurückzuholen.

Es war klar, dass dieses Buch etwas taugen musste, wenn Koryphäen wie Denis Scheck (ARD) und Burkhard Müller (Süddeutsche Zeitung) es empfehlen. Doch es ist trotz seines schmalen Umfangs (der eigentliche Text besteht aus gerade einmal 150 Seiten) alles andere als leichte oder auch nur leicht verdauliche Kost. Es verlangt seinem Leser so einiges ab. Auch bei konzentrierter Lektüre bleiben immer wieder dunkle Stellen zurück, die sich dem Verständnis widersetzen. Doch das Entscheidende wird klar gesagt: Die Pflanzen sind die Grundlage allen Lebens. Ohne sie gäbe es uns Tiere nicht – und uns Menschen schon gar nicht. Keiner von uns könnte auch nur kurze Zeit ohne die Luft existieren, die allein die Pflanzen für uns bereitstellen. Es sind die Pflanzen, die mit der Photosynthese das Sonnenlicht für sich und alle anderen Lebewesen in Energie umzuwandeln verstehen. Durch unsere Atmung stehen wir in einem ständigen Austausch mit der Pflanzenwelt, ja wir sind mit ihr weitaus enger verbunden, als es uns vielleicht je bewusst geworden ist. Und nicht nur das: Die Pflanzen waren es, die erst für die Entstehung einer Atmosphäre gesorgt haben. Sie haben die Erde weitaus intensiver umgestaltet als alle Tierarten zusammen. (Und erst wir Menschen können sie heute, im Anthropozän, auf schreckliche Weise übertreffen, indem wir in unserer Hybris alle unsere Lebensgrundlagen vernichten.) Mit welcher Kraft sich die Wurzeln der Pflanzen in tiefste Schichten der Erde schieben, mit welcher Anmut sich ihre Blätter in den Lüften wiegen! Die Pflanzen verkörpern die denkbar intensivste Form der Weltaneignung. Und ihre Blüten und Samen, der Urtypus aller Sexualität, sind nichts anderes als pure Rationalität.

Schon als Jugendlicher hat mich bei der Lektüre von „Im Anfang war der Wasserstoff“ des unvergesslichen Pioniers des Wissenschaftsjournalismus Hoimar v. Ditfurth ein Satz nicht losgelassen: „Es gibt Verstand auch ohne Gehirne.“ Ditfurth konstatierte dies im Hinblick auf Strategien der Evolution. Emanuele Coccia sieht das genauso. Er zitiert sogar zustimmend einen Kollegen, der sich dem „zerebralen Chauvinismus“ widersetzt, wonach die Vernunft erst mit den Gehirnen in die Welt gekommen sei. Die Gehirne nehmen, so gesehen, nur etwas in sich auf, das womöglich bereits von Anfang an in der Welt vorhanden war. Für Coccia bedeutet Leben das Sich-Mischen mit der Welt. Jeder ist Teil der Welt und trägt weite Teile der Welt in seinem Inneren. Wer sich zunächst einmal für ein Individuum hält, hat wenig verstanden. Die Welt steht niemals still, sondern sie fließt in erster Linie. Wer lebt, taucht in die Welt ein (und die Welt in ihn). Es ist kein Zufall, dass uns zumeist jene Kunst am heftigsten ergreift, in die sich am tiefsten eintauchen lässt: die Musik.

Was folgt nun aber aus all dem?, fragt man sich abschließend. Eine ganze Menge. Wer etwa die Darwinsche Evolutionstheorie, wonach zufällige Mutationen und anschließende Selektionsprozesse die Haupttriebkräfte aller Entwicklung des Lebens auf der Erde gewesen sein sollen, schon immer für sehr unplausibel gehalten hat, kann sich bestätigt sehen. Es sind wohl in der Tat ganz andere Kräfte am Werk. Doch genau hier liegt das Problem. Leider haben wir noch keine nüchterne, sachliche Sprache für diese Dinge. Diese zu erahnen, blieb lange Zeit nur Metaphysikern und Literaten vorbehalten. Und auch Coccias fulminantes Buch ist wohl nur als einer der ersten fachwissenschaftlichen Versuche anzusehen, denn es steht ganz sicher bei der übergroßen Mehrzahl seiner Kollegen längst unter stärkstem Esoterikverdacht…
Als letztes noch eine kleine Anekdote: Als ich vor Jahren mit einem Nachhilfeschüler aus der Oberstufe während der Sommerferien u.a. Goethes „Faust“ las (seine Mutter bezahlte mich dafür, ihren Sohn dreimal wöchentlich auf lehrreiche Weise zu bespaßen, da er ansonsten ohnehin nur Blödsinn triebe), zeigte sich mein Schüler vom Handlungsverlauf des Dramas tief enttäuscht. „Mephisto sollte Faust doch zeigen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber was hat er ihm stattdessen gezeigt? Doch nur die erotische Liebe.“ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen… „Vielleicht ist es das ja gerade?“, gab ich zu bedenken. Doch überzeugte dies meinen Schüler keineswegs: „Also das kann es ja wohl nicht sein.“ „Vielleicht ja doch“, bleib ich hartnäckig. Ein weiterer Anwärter auf jene Urkraft-Rolle ist nun Coccias Durchmischungs- und Eintauch-Prinzip.

Emanuele Coccia
Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen
Hanser Verlag München, 3. Auflage 2018
188 Seiten; 20,00 Euro
ISBN 978-3-446-25834-1

www.justament.de, 4.6.2018: Schwere See ein Vierteljahrhundert

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 25 Jahren erschien „Weißes Papier“ von Element of Crime

Thomas Claer

Es war ein neuer Lebensabschnitt, den dieses außergewöhnliche Album einer mir bis dahin völlig unbekannten Band für mich einläutete. Damals, 1993, absolvierte ich meinen Zivildienst in einem Bremer Krankenhaus und bekam dort, genauer gesagt in der Teestube, wo ich den Patienten heiße Getränke zubereitete und servierte, eine Indie-Musikzeitschrift in die Finger, die einen Text enthielt, der mich neugierig machte: Das zweite deutschsprachige Album von Element of Crime wurde dort besprochen. Und ein Sänger und Texter namens Sven Regener erging sich in grundlegenden Betrachtungen über die Kulturindustrie, über Basis und Überbau, über die deutsche Musiklandschaft und die politische Relevanz von Liedern über die Liebe. Immer wieder las ich diese brillant geschriebene Rezension, bis ich schließlich einige Wochen später den Weg zum CD-Verleih fand (Ja, zum CD-Verleih! Heute weiß keiner mehr, dass es so etwas einmal gegeben hat!) und mir „Weißes Papier“ besorgte. Seinerzeit waren die Elements noch ein absoluter Geheimtipp, und ich kannte niemanden in ganz Bremen, mit dem ich mich über sie hätte austauschen können. Das sollte sich auch erst ein Jahr später im zweiten Semester meines Studiums in Bielefeld ändern. Bis dahin war „Weißes Papier“, die ich mittlerweile auch als rares Vinyl besaß, natürlich längst zu einer meiner Lieblingsplatten geworden.

Nun sollte man ja eigentlich, wie es ein alter lateinischer Spruch so treffend sagt, zuerst leben und erst anschließend darüber philosophieren. Doch bei mir war es, wie bei vielen anderen eher in der Theorie als deren praktischer Umsetzung begabten Zeitgenossen, umgekehrt. War ich bis weit nach dem Abitur sozusagen noch ein „unbeschriebenes Blatt“ auf dem Feld der (praktizierten) Liebe gewesen, so weckte „Weißes Papier“ in mir die Sehnsucht nach einschlägigen Erfahrungen, die sich bald darauf auch auf dramatische Weise einstellen sollten… Eine bessere Vorbereitung auf diese bittersüßen und schmerzhaft-schönen Erschütterungen, die mich für mindestens vier Semester völlig aus der Bahn warfen (und mich schließlich schon nach vier weiteren Semestern in den sicheren Hafen der Ehe führen sollten), hätte ich mir nicht wünschen können. „Weißes Papier“ ist, wenn man so will, ein großes Konzeptalbum über Liebe und Vergänglichkeit. Mit jederzeit absturzgefährdetem Pathos werden in Regeners Texten, die am Ende aber traumwandlerisch alle Klippen des Schwulstes und Kitsches souverän umfahren, beinahe alle Facetten der damit verbundenen Leidenschaften verhandelt, von der zarten Anbahnung („Draußen hinterm Fenster“) über die Feier des beglückten Augenblicks („Alten Resten eine Chance“), den Krieg der Geschlechter („Mehr als sie erlaubt“), den existentiellen Kampf mit dem Nebenbuhler („Du hast die Wahl“) bis zur tieftraurigen Ernüchterung (im Titelstück „Weißes Papier“) sowie der finalen Resignation („Und du wartest“). Und wie das Motto dieser Platte insgesamt liest sich die Titelzeile jenes Stücks, das auf atemberaubende Weise eine Brücke zwischen See- und Liebeskrankheit schlägt: „Schwere See, mein Herz“. Lange Jahre konnte ich mir dieses Album gar nicht mehr anhören, weil ich es vor seelischen Schmerzen nicht ertragen hätte. So richtig erholt habe ich mich davon wohl bis heute nicht. Das Urteil lautet: sehr gut (17 Punkte).

Element of Crime
Weißes Papier
Polydor (Universal Music) 1993
ASIN: B000025NBYv

www.justament.de, 28.5.2018: Schmutzige alte Liebe

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer über seine wilden Nullerjahre im Berliner Wedding vor der Gentrifizierung

Wedding, 2005

Es war Sommer 2002. Wir standen gewissermaßen vor dem Nichts. Meine Promotion hatte ich abgegeben und wartete nur noch auf die mündliche Prüfung, die dann schließlich erst acht Monate später endlich stattfinden sollte. Das Stipendium, das ich durch glückliche Umstände nach dem Referendariat zur Fertigstellung meiner Dissertation bekommen hatte, war ausgelaufen. Meine Frau war auch gerade mit ihrem Studium fertiggeworden. Nichts hielt uns mehr in Bielefeld, der vielleicht nicht in jeder Hinsicht schönen, aber zum Studieren doch sehr praktischen Stadt am Teutoburger Wald, wo wir uns sieben Jahre zuvor kennengelernt hatten. Während ich hinsichtlich unseres weiteren Lebensweges noch sehr unentschlossen war und mir angesichts meiner schwachen Examensnoten große Sorgen über unsere Zukunft machte, wusste meine Frau bereits genau, was sie wollte: Weg aus Bielefeld! In eine möglichst große Stadt ziehen!! Und, wenn es irgendwie geht, nach Berlin!!! Dort waren wir bereits 1996 auf einem von unserer Uni organisierten Ausflug gewesen. Die Stadt hatte uns sofort gepackt. Und dann hatte ich auch noch alle diese Bücher gelesen, die in Berlin spielten und ein abenteuerliches Leben an der Spree versprachen: „Paarungen“ von Peter Schneider, „Sommerhaus, später“ von Judith Herrmann und „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Dennoch konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen, wirklich dort zu leben. Beinahe alle rieten uns ab. „Da gibt es doch keine Jobs“, meinten meine Kommilitonen. „Ihr werdet dort untergehen!“, warnten meine Verwandten. Meine Eltern fanden schon die Idee unmöglich. „Man geht dorthin, wo man Arbeit findet. Und man kann auch sehr gut in kleineren Orten leben“, belehrte uns meine Mutter. Und doch hörten wir damals von so einigen, die nach Berlin zogen. Das waren aber alles keine Juristen, sondern Geistes- und Sozialwissenschaftler und ein Architekt. Ich hatte fünfzig und später über hundert Bewerbungen geschrieben, überall hin. Ich bekam nur eine einzige Einladung zu einem Bewerbungsgespräch für ein Praktikum in einem winzig kleinen Verlag – aber der war in Berlin! Und ich wurde prompt genommen, für ein halbes Jahr, das später noch einmal um weitere sechs Monate verlängert wurde.

Mehr hatten wir nicht in Aussicht, als wir im Sommer 2002 nach Berlin aufbrachen. Es war klar, dass die kümmerliche Praktikantenentlohnung für uns niemals zum Leben ausreichen würde. Und meine Frau hatte mit ihrem Literatur-Abschluss ebenso schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt wie ich. Aber es gab ja noch meine Eltern, die uns jeden Monat mit ein paar hundert Euro bezuschussten, uns aber gleichzeitig mit dem ständigen Vorwurf im Nacken saßen, doch nun aber wirklich bald einmal für uns selbst zu sorgen, schließlich waren wir schon über dreißig. In welchen Berliner Stadtbezirk sollten wir also unter diesen Voraussetzungen ziehen? Natürlich dorthin, wo die Mieten am billigsten und dennoch die Wege zur Praktikumsstelle kurz waren. So landeten wir also im sprichwörtlich roten Wedding, dem damaligen Problembezirk, wo wir einen regelrechten Kulturschock erlebten.

Schon früher hatten uns Bekannte, die Berlin besucht hatten, darüber berichtet, dass es dort so „schmutzig“ sei. Ich konnte mir zunächst nichts darunter vorstellen. Wie kann eine Stadt schmutzig sein?, fragte ich mich. Da muss es doch eine Stadtreinigung geben wie woanders auch, dachte ich in meiner naiven Ahnungslosigkeit. Niemals hätte ich geglaubt, dass gar nicht so wenige Menschen dort gewohnheitsmäßig ihren Müll nicht in den Abfalleimer, sondern aus dem Fenster auf die Straße werfen würden. Noch weniger vorstellbar war für mich, dass Leute einfach mal so ins Treppenhaus pinkeln könnten. Und sich überall in den Straßen und Treppenhäusern wild entsorgter Sperrmüll stapelte. Und dass man auf den Gehwegen ständig in Hundekacke trat, auch das war für uns zunächst gewöhnungsbedürftig. In anderen Orten sind Menschen auf der Straße, um sich von hier nach dort zu bewegen. In Berlin-Wedding dagegen hingen damals sehr viele Menschen offenbar einfach nur so auf der Straße rum, ohne einer irgendwie zielgerichteten Tätigkeit nachzugehen. Na gut, manche von ihnen dealten wohl mit Drogen. Und noch viel unangenehmer konnte es werden, wenn man es mit einer der Jugendbanden zu tun bekam, die hier ihr Unwesen trieben. Dennoch fühlten wir uns nicht besonders unsicher. Wer sich um die anderen nicht kümmerte, dem passierte auch in aller Regel nichts. Es war nur alles am Anfang reichlich ungewohnt.

Wedding, 2004

Schon am ersten Tag nach dem Einzug in unsere neue Wohnung, eine schöne Altbauwohnung aus den 1920er Jahren mit Holzdielenboden und hohen Decken, wollte mir vor dem nahe gelegenen Gesundbrunnen-Center jemand auf offener Straße Munition für Schusswaffen verkaufen. Auf dem Weg zwischen dem Bahnhof Gesundbrunnen und unserer Wohnung kamen wir in der Jülicher Straße an einer Art riesiger Mondlandschaft vorbei, oder sollte man lieber Trümmerwüste dazu sagen? Gewaltige unförmige Betonblöcke ragten aus der Erde, aus denen schwarze und metallene Drähte hervortraten. Zwischen ihnen taten sich tiefe Abgründe auf. Gesichert war diese gewaltige Bauruine durch einen ständig defekten Bauzaun, der nicht verhindern konnte, dass dort fortwährend Müll abgeladen wurde. Am Rande dieser vermüllten Betonlandschaft standen die kümmerlichen Reste einer alten Villa, die wohl einstmals sehr prächtig gewesen sein musste. Im Internet recherchierte ich, dass hier in den Neunzigerjahren während der Nachwende-Euphorie ein großes Sportzentrum errichtet werden sollte, aber der Investor bereits nach den ersten Bauetappen Pleite ging. Seitdem blieb die Bauruine sich selbst überlassen, da ein neuer Investor wohl zunächst für die Beseitigung der Hinterlassenschaften des Vorgängers hätte sorgen müssen, wozu aber niemand bereit war. Die alte verfallene Villa war die frühere Geschäftsstelle des Fußballclubs Hertha BSC gewesen, der gegenüber an der Behmstraße bis in die Siebzigerjahre noch sein altes Stadion am Gesundbrunnen hatte, bevor dieses neu errichteten Hochhäusern weichen musste. Der regelmäßige Anblick der Betonwüste, dieses Schandflecks unserer Wohngegend, hatte eine besonders deprimierende Wirkung auf uns, stand er doch symbolisch für die Hoffnungslosigkeit, dass es mit den problembeladenen Berliner Innenstadtbezirken jemals wieder etwas werden würde.

Manchmal kam ich mit einem alten Mann ins Gespräch, der ein paar Aufgänge weiter in unserem Haus immer aus seiner Erdgeschosswohnung aus dem Fenster auf die Straße blickte. Als ich eines Morgens mit meiner Tasche zu meiner Praktikumsstelle aufbrach, fragte er mich, wohin ich denn ginge. Als ich antwortete „Zur Arbeit“, kommentierte er das mit den Worten: “Arbeiten?! Du bist verrückt!“ Wir hatten schon gemerkt, dass ein großer Teil der Bewohner unserer Gegend, wenn nicht sogar die Mehrheit, von staatlichen Transferleistungen lebte.

Durch unseren Wohnsitz im Wedding waren wir in bestimmten Kreisen von Anfang an unten durch. Eine Freundin meiner Frau, die schon einige Zeit in Berlin (allerdings im vornehmen Wilmersdorf) gelebt und uns beim Umzug geholfen hatte, erklärte uns im Anschluss daran, dass sie diese unmögliche Gegend nur ganz ausnahmsweise und nur dieses eine Mal für uns betreten habe und dies ganz bestimmt nie wieder tun werde. Unsere Einladung zur Einweihungsparty schlug sie aus diesem Grunde aus. Wenn ich irgendjemandem erzählte, dass wir im Wedding wohnen, dann erntete ich mitleidige Blicke. Manche murmelten ein „Oh je“. Eine Kollegin aus dem Verlag, die aus Baden-Württemberg stammte, erzählte in der Mittags-Runde, sie sei mal im Gesundbrunnen-Center gewesen. Dort sei es aber „ganz, ganz schlimm“ gewesen, eine „ganz furchtbare Ecke von Berlin“ sei das. Wahrscheinlich meinte sie die vielen ärmlich gekleideten, zumeist südländisch aussehenden Menschen und die vielen Frauen mit Kopftüchern.

Wedding, 2004

Dabei hatte das Leben im Wedding auch seine angenehmen Seiten. In der sehr lebendigen Bad-Straße gab es spottbillige und dabei ausgezeichnete Imbiss-Läden. Wir aßen köstliche türkische Gözleme für einen Euro (mitunter auch ganze Döner Kebabs zu diesem Preis) und große Asia-Pfannen für 2,10 Euro, von denen wir beide satt wurden. Und wenn man ein paar hundert Meter weiter in Richtung Osten lief, war man in einer völlig anderen Welt: im schon damals sehr angesagten Prenzlauer Berg. Immer wieder unternahmen wir ausgedehnte Spaziergänge ins Skandinavische Viertel und in den Mauerpark, zogen durch die Kneipen in der Kastanien-Allee und die Oderberger Straße. Aber auch in unserem unmittelbaren Umfeld im Wedding gab es schon erste Anzeichen eines Wandels. Mehrere Künstler hatten sich unter dem Namen „Kolonie Wedding“ in der Prinzenallee niedergelassen. In einem kleinen Kellerraum-Club namens „Holz & Farbe“, der aber leider nach ein paar Jahren schon wieder verschwunden war, gab es regelmäßig Konzerte mit unbekannten Bands. Wir erlebten dort zum Beispiel einen unglaublichen Auftritt der englischen Band „Florida“. Der Eintrittspreis lag bei zwei Euro. Zwischendurch ging noch jemand mit seinem Hut herum, um weiteres Geld für die Bandmitglieder zu sammeln. Ich kaufte mir eine CD von „Florida“ mit dieser ganz wunderbaren elektronischen Musik. Doch leider kann man sie heute nicht mehr abspielen, noch lässt sich irgendwelche Musik dieser großartigen Band im Internet finden… Ich vertrat damals die Meinung, dass der Wedding eine große Zukunft vor sich habe. Wenn ich das sagte, meinten aber alle anderen, das werde doch schon seit dem Mauerfall herbeigeredet, und es habe sich im Grunde nie etwas geändert. Es sei alles nur noch schlimmer geworden. Mit dem Wedding werde es nie etwas, das war die einhellige Meinung.

Nach ein oder zwei Jahren gab ich es auf, noch weitere Bewerbungen zu schreiben. Ich hatte gemerkt, dass ich auch mit Promotion beruflich nichts Großartiges reißen konnte. Wir waren in Berlin angekommen und entschlossen, hier zu bleiben. Nach und nach hatten wir uns als kleine Freiberufler vielfältige berufliche Standbeine organisiert. Eine feste Anstellung strebten wir ausdrücklich nicht mehr an. Drei Jahre lang bezog ich sogar noch einen sogenannten Existenzgründerzuschuss als freier Journalist. Klar, auch solches Glück gehört dazu. Als dieser Zuschuss Ende 2006 auslief, war es für uns aber eine grundsätzliche strategische Frage, uns Wohneigentum anzuschaffen, um angesichts unseres unsicheren beruflichen Status nicht länger durch monatliche Mietzahlungen belastet zu werden, auch wenn sie relativ noch so günstig waren. Es hätte uns ja auch einmal was passieren können, Unfälle oder Krankheiten. Da musste man natürlich vorsorgen. Die Ich-AG-Zuschüsse der letzten drei Jahre hatten wir komplett auf die hohe Kante gelegt. Unser Aktien-Depot hatte sich nach damaligen Maßstäben sensationell entwickelt und war reif für Gewinnmitnahmen. Und schon während des Studiums hatte ich ja ohnehin immer jede Menge Geld zur Seite gelegt, da ich im Studenten-Wohnheim nur Geringst-Mieten gezahlt und auch sonst fast kein Geld ausgegeben hatte. Als dann noch meine Eltern, die uns trotz aller Bemühungen nicht von unserem Entschluss, langfristig in Berlin zu bleiben, abbringen konnten, zähneknirschend einen Zuschuss zum Kauf einer Eigentumswohnung in Aussicht stellten, gingen wir auf Immobilienjagd. Ich wollte am liebsten im Wedding bleiben. Und das, obwohl alle Experten davon abrieten. In einer Gerichts-Geschäftsstelle kam ich beim Lesen von Zwangsversteigerungs-Gutachten mit einer freien Immobilien-Beraterin ins Gespräch. Anschließend erklärte sie mir, dass nun eigentlich für mich eine Beratungsgebühr von 400 Euro fällig wäre, aber sie würde mal ausnahmsweise davon absehen und gab mir ihre Visitenkarte. Diese Dame um die vierzig hatte ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Auf meine Frage, ob Wedding und insbesondere Gesundbrunnen nicht angesichts der zentralen Lage, der teilweise ansprechenden Bausubstanz und der fantastischen Verkehrsanbindung ganz aussichtsreiche Standorte für Immobilien-Investments wären, zumal dort seinerzeit Spottpreise von zum Teil weit unter 1.000 Euro pro Quadratmeter bezahlt wurden, winkte sie ab. Solche Gegenden, das wisse sie ganz genau, würden niemals besser werden. Sie empfehle solche Lagen, die früher sehr gut waren, inzwischen etwas aus der Mode gekommen seien, aber in der Zukunft bestimmt wieder sehr gut werden würden. Konkret pries sie mir Charlottenburg an, aber das richtig gute, z.B. in der Kantstraße…

Prenzlauer Berg, 2005

Immerhin mit dem zweiten Teil ihrer Analyse sollte sie Recht behalten. Was allerdings kein so großes Kunststück war, da seitdem ausnahmslos alle Lagen von Berlin steil im Wert gestiegen sind. Ich muss zugeben, dass ich schon seit unserer Ankunft in Berlin die Immobilienseiten sondiert und ungläubig feststellt hatte, dass wir mit unseren damaligen kleinen Ersparnissen gar nicht mehr weit entfernt von den Kaufpreisen für eine 3-Zimmer-Eigentumswohnung im Wedding waren. Manchmal wurden 70 qm-Wohnungen schon für 40.000 Euro angeboten. Das waren dann aber auch die schlimmsten Ecken vom Wedding, in denen Gewalt und Kriminalität herrschten. Leider wollte meine Frau keine Wohnung im Wedding kaufen. Sie war es leid, sich jahrelang solche Sprüche über ihre Wohnadresse anhören zu müssen. Auch Neukölln, das ich alternativ ins Spiel brachte, lehnte sie aus dem gleichen Grunde ab. Sie wollte am liebsten nach Prenzlauer Berg, aber das dortige Preisniveau kam für uns eigentlich nicht in Frage. Dennoch waren wir an einer Wohnung nahe dem S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee in der Dänenstraße dran. Erdgeschoss, 3 Zimmer, 73 qm, ohne Balkon. Sie sollte weniger als die Hälfte der Wohnungen in den oberen Etagen kosten, die ebenfalls zu haben waren. Ich glaube, es waren 79.000 Euro, das Angebot war ohne Maklerprovision. Bei der Besichtigung stieg uns allerdings von überall her ein markanter Schimmelgeruch in die Nase. Und Schimmel in den Wänden kriegt man bekanntlich nicht so leicht weg. Letztlich entschieden wir uns also gegen diese Wohnung und kauften im ärmlichen Charlottenburger Norden eine Wohnung am Schlosspark. Es ist nicht so, dass wir dies jemals bereut hätten, denn die Preise dort haben sich seitdem vervierfacht. Aber manchmal trauere ich dann doch noch dem Wedding hinterher, der immobilientechnisch bis heute meine verhinderte alte Liebe geblieben ist. Hier hätte sogar eine Verfünf- bis Versechsfachung des eingesetzten Kapitals gewunken (und vom nördlichen Neukölln wollen wir gar nicht erst reden). Manchmal muss man einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Und was alle anderen einem so raten, muss deshalb noch lange nicht richtig sein.

Neulich unternahmen wir aus Nostalgie und alter Verbundenheit nach längerer Zeit wieder einen Spaziergang durch unsere alte Wohngegend. Wir erkannten sie kaum wieder. Wo sich früher die riesige vermüllte Bauruine befand, stehen jetzt mehrere exklusive Studentenwohnheime. Die einst verfallene frühere Hertha-Villa ist jetzt ein gefragtes Motel. In der Umgebung wimmelt es von trendigen Cafés und Spätkaufs. Auf der Straße sieht man vornehmlich junge Leute, offensichtlich Studenten, und deutlich weniger Frauen mit Kopftüchern. Dringt man aber etwas tiefer in den Wedding ein, ist das Bild gemischt. In der früher schäbigen und vermüllten Prinzenallee befinden sich schicke Restaurants und Künstler-Ateliers. Doch in manchen Nebenstraßen sieht es nicht viel besser aus als früher. In der Koloniestraße etwa stapelt sich der Müll eher noch schlimmer als seinerzeit, und die Menschen auf der Straße wirken unverändert ärmlich und kriminell. Der eigentlich idyllische Spazierweg am Flüsschen Panke ist ebenfalls mit Müllbergen und umgeworfenen Einkaufswagen verunstaltet. Noch immer besteht ein scharfer Kontrast zum inzwischen sehr gepflegt wirkenden Prenzlauer Berg, wo wir den Abend ausklingen ließen.

Dennoch gilt der Wedding mittlerweile längst nicht mehr als schlechte Adresse, sondern zählt zu jenen inzwischen sündhaft teuren Innenstadtlagen, in denen wegen ihrer Problembezirks-Historie noch manchmal ein kleiner Preisnachlass gegenüber den anderen Gebieten drin ist. Fünf Jahre haben wir im roten Wedding gelebt, nicht einmal halb so lange wie bis heute in Charlottenburg, doch diese frühen Jahre in Berlin, in denen wir damals die Weichen gestellt haben für alles, was später noch kommen sollte, werden mir für immer unvergesslich bleiben. (Fotos: TC)

www.justament.de, 7.5.2018: 40 Jahre “Western von gestern”

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an Sternstunden seiner Kindheit

Immer freitags um zehn vor halb sieben erschien plötzlich, begleitet von leise drohender Musik, ein schwarz gekleideter Mann mit Schnurrbart und breitkrempigem Hut auf dem Fernsehschirm, richtete mit finsterer, entschlossener Miene seine Pistole direkt auf den Zuschauer – und drückte eiskalt ab. Jedes Mal zersplitterte der Bildschirm, so wirkte es zumindest auf den kindlichen Betrachter, in tausend Scherben. Und dann setzte die mitreißende Titelmelodie ein, und mit ihr galoppierten tollkühne Cowboys und wild kreischende Indianer auf Pferden durch die Prärie, es knallen die Peitschen, ein Reiter springt über einen Abgrund, Tänzerinnen schwingen die Beine im Saloon, Fäuste fliegen in Gesichter, untermalt von klatschenden Geräuschen, ein einsamer Held in Aktion läuft auf einem fahrenden Zug entlang, ein Schuss mit dem Katapult verursacht eine Explosion, und das alles – ganz wichtig! – in schwarz-weiß von den schon rissigen, zerschlissenen uralten Filmrollen. Vielleicht hatte „Western von gestern“ den rasantesten Vorspann der deutschen Fernsehgeschichte, vergleichbar wohl nur noch mit „Ein Colt für alle Fälle“, bei dem Autos durch die Luft fliegen, ein Zug mit einem PkW kollidiert und ein Flugzeug eine Häusermauer durchbricht. Doch „Western von gestern“ war natürlich noch viel besser, viel düsterer, viel gruseliger. Ein wohliger Schauer lief einem mindestens viermal pro Sendung eiskalt den Rücken herunter, wenn der finstere Mann mit dem breitkrempigen Hut nicht nur im Vorspann, sondern auch noch am Ende sowie vor und nach dem Werbeblock in der Mitte der Sendung auftrat. Was für ein Kontrast zu den bunten Reklamefilmchen zwischendurch und den harmlos kichernden Mainzelmännchen! „Western von gestern“, das erstmals im Mai 1978, einige Monate vor meiner Einschulung, auf Sendung ging, bestand eigentlich nur aus zusammengeschnittenen amerikanischen B-Movies aus den 30er und 40er Jahren. Die eigentlich jeweils etwa 60 Minuten dauernden Folgen waren für die Fernsehausstrahlung auf je eine gute halbe Stunde eingedampft worden, wohl damit die Handlung nicht ganz so lahm wirken sollte. Die Folge war, dass man die inhaltlichen Zusammenhänge oft kaum nachvollziehen konnte, aber das machte überhaupt nichts. Entscheidend war die Stimmung, die Atmosphäre. Da waren ganze Kerle im wilden Westen unterwegs, rau und ungehobelt, und immer im Kampf gegen das Böse. Die Guten waren zur besseren Übersichtlichkeit meist hell gekleidet, die Bösen dunkel. Es herrschten stets klare Verhältnisse. Für gelegentliche humoristische Anklänge war ausschließlich eine Nebenfigur namens Fuzzy zuständig. Zugegeben, „Western von gestern“ war schon recht einfach gestrickt. Und doch: Was waren die Karl-May-Verfilmungen dagegen für weichgespülter Mist!

Für mich war „Western von gestern“ jahrelang der Höhepunkt meiner Fernsehwoche. Irgendwann in den unteren Schulklassen wurde ich von den olympiamedaillengeilen DDR-Sport-Talentejägern aufgrund meiner zarten Figur für eine Laufbahn als Turner ausgesucht. Da halfen keine Proteste. Meine Eltern meinten, ich solle ruhig viel Sport treiben, und schickten mich dreimal die Woche zum entsprechenden Training, auch am Freitagabend, sodass ich jede Woche „Western von gestern“ verpasste. Es war furchtbar. Ich empfand es auch einfach nur als zynisch, dass der sportliche Leiter das Training am liebsten mit den Worten beendete: „Und nun machen wir aber Schluss, damit ihr das Sandmännchen nicht verpasst.“ Mein Gott, das Sandmännchen! Das begann um 18:50 Uhr, just als „Western von gestern“ schon zu Ende war. Erst nach quälend langen Monaten gelang es mir, meine Eltern davon zu überzeugen, mich vom ungeliebten Training wieder abzumelden. Und endlich, endlich hatte ich wieder mein „Western von gestern“.

Für mich waren diese Cowboys, und ganz besonders der finstere Mann aus dem Vorspann, der Inbegriff der Coolness, auch wenn ich damals dieses Wort noch nicht kannte. Immer wieder spielte ich diese Anfangsszene mit meiner Plastik-Spielzeugpistole nach, summte dabei laut die drohende Begleitmusik und imitierte dann das zischende Schussgeräusch. Ganz besonders hatte es mir auch die Prügelszene aus dem Vorspann angetan. Mir gefiel darin vor allem der „Überwurftrick“, wie ich ihn damals nannte: Der Held wird von mehreren Gegnern attackiert, die er im Multi-Tasking durch gezielte Hiebe in alle Richtungen zurückdrängt, woraufhin seine Gegner auch alle prompt zu Boden sinken. Einer aber bedrängt ihn von hinten. Da packt der Held mit seinen Händen dessen Kopf, zieht mit dem Kopf auch gleich den ganzen Mann über sich selbst hinüber in die Luft und wirft ihn zu Boden. Unzählige Male habe ich bei den obligatorischen Rangeleien unter uns Jungs versucht, diesen „Trick“ anzuwenden. Natürlich ist es mir nie gelungen, nicht einmal ansatzweise. Niemanden, der mich von hinten gepackt hatte, konnte ich an dessen Kopf auch nur einen Zentimeter in die Luft ziehen. Manches funktioniert wohl einfach nur im Film…

An die letzte Folge von „Western von gestern“, die im Juli 1986 ausgestrahlt wurde, kann ich mich allerdings gar nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich waren für mich in der Pubertät andere Dinge wichtiger geworden. Aber heute lässt sich ja, was für ein Glück!, dank YouTube alles wieder neu erleben. Täät-täät-täät-täät-täät. Klirrrr.

www.justament.de, 30.4.2018: Heiße Feger rosten nicht

Nach zehn Jahren wieder ein Album von den Breeders: „All Nerve“

Thomas Claer

Genau so wünscht man sich ein neues Album von den Breeders, erst das fünfte übrigens in fast 30 Jahren Bandgeschichte: Es geht gleich richtig hart und schnell zur Sache. 11 Songs auf gerade einmal 33:50 min sprechen für sich. Und warum auch nicht? Was sollte Lead-Sängerin und Bassistin Kim Deal, mittlerweile 56 Jahre alt, und ihre zu zwei Dritteln weiblichen Mitstreiter daran hindern, es genauso feurig krachen zu lassen wie seinerzeit in den späten Achtzigern, als dieses Nebenprojekt der damals noch weitgehend solitären Pixies das Licht der Musikwelt erblickte. Bei den wiedervereinigten Pixies hat Kim Deal vor fünf Jahren ihren Hut genommen. Die ewigen Differenzen mit Black Francis… Und nun hat sie mit ihrer Schwester Kelley Deal, ihrer Schwester im Geiste Josephine Wiggs sowie dem Drummer Jim MacPherson (was im übrigen exakt der Besetzung ihrer Platte „Last Splash“ von 1993 entspricht) mal eben ein neues Werk eingespielt. Man durfte also gespannt sein, zumal die beiden letzten Breeders-Alben, Mountain Battles (2008) und Title TK (2002) ziemlich überragend waren.
Nun, ganz so grandios wie die besagten schon lange zurückliegenden Vorgänger ist „All Nerve“ nicht. Aber doch voller Höhepunkte wie den Opener „Nervous Mary“, „Metagoth“ oder „Archangel’s Thunderbird“. „Wait in the Car“ klingt sehr nach der Last Splash-Platte, der Titelsong „All Nerve“ erinnert wiederum ans „Title Tk-Album. Stilistisch hat sich bei den Breeders in all den Jahren eigentlich gar nichts geändert. Und das ist auch gut so. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Breeders
All Nerve
4AD 2018
Ca. € 17,-
ASIN: B07876PWNW

www.justament.de, 16.4.2018: Wie geht es weiter?

Der aktuelle Berliner Wohnmarktreport lässt die entscheidende Frage offen

Thomas Claer

Wohnhaus in Berlin-Marzahn (Foto: TC)

Schon seit fast einem Jahrzehnt geht es aufwärts mit den Berliner Mieten und Immobilienpreisen. Wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit wirkt es da, wenn noch manchmal erzählt wird, wie es früher so war in Berlin, damals in den Nullerjahren, als die Stadt noch „arm, aber sexy“ war. In gewissen Kreisen wurde man da streng nach seinem Wohnbezirk beurteilt: Moabit? Voll assi. Wedding? Das ging ja gar nicht. Und erst Neukölln: Oh mein Gott, wie uncool. Da konnte man ja gleich in die bürgerlichen Spießer-Gegenden am Stadtrand ziehen. Oder noch schlimmer: in die Plattenbau-Wüsten in Marzahn oder Hellersdorf. Es gab eigentlich jede Menge unmögliche Gegenden, wo man seinerzeit auf gar keinen Fall wohnen durfte. Neutral waren vielleicht noch Schöneberg oder Charlottenburg. Aber so richtig angesagt, das waren eigentlich nur Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte und Teile von Kreuzberg. Dort pulsierte das Leben. Wenn man heute an jene Zeiten erinnert, in der die Wohnungssuche kein Problem und der Distinktionsgewinn alles war, dann wird man mittlerweile angeguckt, wie früher Opa, wenn er aus den Schützengräben und von der Ostfront erzählte. Wer heute eine bezahlbare 1-Zimmer-Mietwohnung in Marzahn, Spandau oder, sagen wir, Alt-Mariendorf gefunden hat, kann sich mehr als glücklich schätzen – und niemand reißt mehr dumme Sprüche über ihn. Die früheren sozialen Brennpunkte in Wedding und Nord-Neukölln sind längst zu heiß begehrten und sündhaft teuren City-Lagen mutiert. So liest sich denn auch der aktuelle Berliner Wohnmarktreport, der die Entwicklung der Angebotsmieten bis Ende 2017 abbildet, wie ein Stück lokale Wirtschafts- und Sozialgeschichte, besonders wenn man sich die Entwicklung der letzten neun Jahre ansieht (siehe Grafik). So zahlt man heute als Mieter im Norden von Neukölln schon bald das Zweieinhalbfache der Angebotsmieten von 2008, im Wedding beinahe das Doppelte!

Nein, die alten Zeiten, die doch eigentlich noch gar nicht so lange her sind, werden wohl nicht mehr wieder zurückkommen. Wer heut kein Haus hat, um es mit Rilke zu sagen, kauft sich keines mehr, jedenfalls nicht in Berlin, wo die Kaufpreise für bezugsfreie Immobilien in den letzten Jahren noch weitaus stärker explodiert sind als die Mieten. Oder sollte man es vielleicht doch noch wagen? Das fragen sich zumindest alle, die bisher noch nicht zum Zuge gekommen sind, und die sich nun überlegen, ob sie lieber schnell zugreifen, bevor es noch teurer wird, oder nicht doch besser noch das Platzen der aktuellen Blase abwarten sollten. Fragt man die Experten, so geben sie hierauf Antworten, wie sie entgegengesetzter kaum sein könnten: Das Meinungsspektrum reicht von „bis zu 35 Prozent Überbewertung“ bis zu „noch reichlich Luft nach oben“. So bleibt am Ende nur die Erkenntnis: Hinterher ist man klüger. Aber erst dann.

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. Wohnmarktreport 2017 (2008) nach Alt-Bezirken

1. Mitte (Alt) 14,43 (9,54) +51,3% alternativ/repräsentativ
2. Prenzlauer Berg 11,84 (7,32) +61,7% alternativ/neubürgerlich
3. Friedrichshain 11,83 (6,60) +79,2% alternativ/lebendig
4. Kreuzberg 11,73 (6,37) +68,6% alternativ/lebendig
5. Wilmersdorf 11,50 (8,06) +42,7% großbürgerlich/bürgerlich
6. Tiergarten 11,39 (6,33) +79,9% gemischt/lebendig
7. Charlottenburg 11,03 (7,24) +52,3% großbürgerlich/lebendig
8. Schöneberg 10,85 (7,24) +49,9% bürgerlich/lebendig
9. Zehlendorf 10,60 (7,94) +33,5% großbürgerlich/bürgerlich
10. Wedding 10,05 (5,26) +91,1% proletarisch/neualternativ
11. Neukölln 9,92 (5,23) +89,7% neualternativ/proletarisch
12. Pankow 9,48 (6,28) +51,0% bürgerlich/lebendig
13. Steglitz 9,48 (6,45) +47,0% bürgerlich/kleinbürgerlich
14. Treptow 9,39 (5,53) +69,8% proletarisch/lebendig
15. Lichtenberg 9,33 (5,50) +56,5% proletarisch/kleinbürgerl.
16. Weißensee 8,96 (5,50) +62,9% bürgerlich
17. Köpenick 8,77 (6,14) +42,8% bürgerlich/proletarisch
18. Tempelhof 8,71 (5,82) +49,7% kleinbürgerlich/bürgerlich
19. Reinickendorf 8,47 (5,76) +47,0% kleinbürgerlich/bürgerlich
20. Hohenschönhausen 8,46 (5,96) +41,9% proletarisch/gemischt
21. Spandau 7,96 (5,43) +46,6% kleinbürgerlich/lebendig
22. Hellersdorf 7,70 (5,30) +35,9% proletarisch/gemischt
23. Marzahn 7,22 (4,85) +48,9% proletarisch/gemischt

Top 30 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2017 (2008)

1. 10115 Chausseestraße (Mitte) 15,00 (8,40) +78,6%
2. 10117 Unter den Linden (Mitte) 14,98 (12,60) +18,9%
3. 10785 Potsdamer Platz / Lützowstr. (Tiergarten) 14,50 (7,80) +85,9%
4. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 14,18 (7,40) +91,6%
5. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte) 14,00 (9,00) +55,6%
6. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte) 14,00 (10,30) +35,9%
7. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg) 12,95 (9,00) +43,9%
8. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 12,94 (6,70) +93,1%
9. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg) 12,87 (7,60) +69,3%
10. 14193 Grunewald (Wilmersdorf) 12,71 (10,60) +19,9%
11. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg) 12,67 (8,60 ) +47,3%
12. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg) 12,51 (7,80) +60,4%
13. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 12,50 (8,40) +48,8%
14. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 12,50 (9,70) +28,8 %
15. 10245 Ostkreuz / Boxhagener Platz (Friedrichshain) 12,48 (6,80) +83,5%
16. 14195 Dahlem (Zehlendorf) 12,40 (9,40) +31,9%
17. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg) 12,25 (7,70) +59,1%
18. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,22 (5,00) +144,4%
19. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg) 12,04 (6,60) +82,4%
20. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg) 12,03 (9,00) +33,7%
21. 10711 Halensee (Wilmersdorf) 12,02 (7,70) +56,1%
22.10967 Graefestraße (Kreuzberg) 12,00 (6,30) +90,5%
23. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 12,00 (6,40) +87,5%
24. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg) 12,00 (6,80) +76,5%
25. 14057 Lietzensee (Charlottenburg) 12,00 (7,60) +57,9%
26. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg) 11,99 (6,50) +84,5%
27. 10787 Bahnhof Zoo/ Kurfürstenstraße (Tiergarten) 11,94 (8,30) +43,9%
28. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 11,88 (5,20) +128,5%
29. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf) 11,88 (9,10) +30,5%
30. 10625 Karl-August-Platz / Wilmersdorfer Str. (Charlottenburg) 11,81 (7,50) +57,5%

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Neunjahreszeitraum

1. 12055 Richardplatz (Neukölln) 12,22 (5,00) +144,4%
2. 12053 Rollbergstraße (Neukölln) 11,64 (4,90) +137,6%
3. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln) 11,70 (5,10) +129,4%
4. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln) 11,88 (5,20) +128,5%
5. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln) 11,22 (5,00) +124,4%
6. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln) 11,10 (5,00) +122,0%
7. 12059 Weigandufer (Neukölln) 10,92 (5,00) +118,4%
8. 13355 Humboldthain/ Brunnenviertel (Wedding) 10,92 (5,00) +118,4%
9. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln) 11,72 (5,50) +113,1%
10. 13347 Nauener Platz (Wedding) 10,50 (5,10) +105,9%
11. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten) 10,21 (5,10) +100,2%
12. 13359 Soldiner Straße (Wedding) 9,41 (4,70) +100,2%
13. 13351 Rehberge (Wedding) 10,00 (5,00) +100,0%
14. 13351 Rehberge (Wedding) 10,00 (5,00) +100,0%
15. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten) 10,75 (5,40) +99,1%
16. 13357 Gesundbrunnen (Wedding) 10,03 (5,10) +96,7%
17. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg) 12,94 (6,70) +93,1%
18. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte) 14,18 (7,40) +91,6%
19. 10967 Graefestraße (Kreuzberg) 12,00 (6,30) +90,5%
20. 12439 Niederschöneweide (Treptow) 9,70 (5,10) +90,2%
21. 12526 Bohnsdorf (Treptow) 10,00 (5,30) +88,7%
22. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg) 11,69 (6,20) +88,5 %
23. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain) 12,00 (6,40) +87,5%
24. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten) 9,91 (5,30) +87,0%
25. 12347 Britz-West (Neukölln) 8,53 (5,10) +86,9%
26. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg) 11,00 (5,90) +86,4%
27. 10315 Friedrichsfelde-Nord (Lichtenberg) 9,50 (5,10) +86,3%
28. 10785 Potsdamer Platz/ Lützowstr. (Tiergarten) 14,50 (7,80) +85,9%
29. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten) 10,96 (5,90) +85,8%
30. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg) 11,99 (6,50) +84,5%
31. 12057 Sonnenallee Süd/ Grenzallee (Neukölln) 9,22 (5,00) +84,4%
32. 10367 Am Stadtpark (Frankfurter Allee/Lichtenberg) 9,92 (5,40) +83,7%
33. 10245 Ostkreuz Boxhagener Platz (Friedrichshain) 12,48 (6,80) +83,5%
34. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg) 11,00 (6,00) +83,3%
35. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg) 11,50 (6,30) +82,5%

Quelle: Wohnmarktreport Berlin (Berlin Hyp & CBRE) / eigene Berechnungen

www.justament.de, 26.3.2018: Weltretten in 45 Minuten

Maike Rosa Vogel auf ihrem fünften Album „Alles was ich will“

Thomas Claer

Bei Maike Rosa Vogel ist eigentlich alles wie immer. Mit dem ersten Song ihres neuen Albums, „Es ist ganz leicht“, geht es ja schon los… Wieder einmal werden Behauptungen fern jeder Empirie losgetreten, wonach alle Menschen einfach nur möglichst viel miteinander teilen müssten, um glücklich zu sein, und zur Erfüllung einfach nur mehr lieben sollten, statt einander zu hassen. (Warum tun die Menschen dann aber so oft genau das Gegenteil, wenn es angeblich so einfach ist?) Wohl jedem und jeder anderen, der oder die so etwas sänge oder sagte, würde man ein beträchtliches Maß an Naivität oder, schlimmer noch, an Verlogenheit bescheinigen. Doch es ist seltsam: Kommen solche Worte aus Maike Rosa Vogels schönem Mund, werden sie von ihrer warmen, trotzigen Mädchenstimme mit Inbrunst in die Welt geschleudert, wird auf der Stelle all das Fragwürdige und Bedenkliche wahr und richtig. Und es besteht ja auch kein Zweifel daran: In einer Welt aus lauter Maike Rosa Vogels gäbe es alle diese schrecklichen Dinge nicht mehr, die uns tagtäglich das Leben zur Hölle machen. Kurz gesagt, auf einer intellektuellen Ebene ist dieser Songwriterin also keineswegs beizukommen. Vielmehr ist auch „Alles was ich will“, ihr mittlerweile fünftes Album, das wie die Vorgänger-CD im Eigenverlag erschienen ist, eine Ausgeburt an feuriger Emotionalität. Man wird sie dafür lieben oder hassen. Wir haben uns natürlich längst entschieden… Auch musikalisch kann das neue Album trotz seines erkennbar spartanischen Herstellungsverfahrens (auf eine Band wird ganz verzichtet) ohne weiteres mit den vorzüglichen Maike-Scheiben der vergangenen Jahre mithalten. Im weiteren Verlauf der Platte finden sich auch diesmal wieder grandiose Popsongs wie „Liebe geht nie“ oder die Lokal-Hymne „Wirklich in Berlin“. Und besonders gelungen sind nicht zuletzt einige sehr melancholische Stücke. Auch wie Maikes lyrisches Alter Ego über seine Ängste und Paranoia berichtet, ist großartig.
Nun könnte man sich allerdings die Frage stellen, wie lange diese, wie soll man sagen?, diese Masche mit dem doch sehr jugendlich anmutenden Charme dieser Künstlerin so noch funktionieren wird. Immerhin tritt sie demnächst schon in ihr viertes Lebensjahrzehnt ein, was zwar noch kein Alter ist, und andere sind in noch weit fortgeschritteneren Jahren noch viel infantiler. Aber wird nicht diese Mädchen-Nummer irgendwann doch an ihre Grenzen stoßen? Doch auch darauf hat Maike Rosa Vogel auf dieser Platte eine überzeugende Antwort: „Jedes Mädchen kann sein wie Yoko Ono“ heißt ein Song, der schon mal klarstellt, wer die Vorbilder sind. Und der Umkehrschluss gilt hier natürlich erst recht: Jede Künstlerin (und warum nicht gleich jeder Mensch?) darf und soll so naiv und kindisch sein, wie sie oder er es für richtig hält, notfalls auch noch mit weit über 80 wie Yoko Ono. Unser Urteil lautet auch diesmal: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Alles was ich will
Eigenvertrieb 2017
www.maikerosavogel.com

www.justament.de, 19.2.2018: Der aus dem Reihenhaus

Tocotronic auf ihrer zwölften Platte „Die Unendlichkeit“

Thomas Claer

Das Problem bei Tocotronic ist: Ihr Sänger Dirk v. Lowtzow hat einen weichen, mitunter larmoyanten Gesangsstil. Das passt sehr gut (kontrapunktisch) inmitten eines lärmenden Gitarrensounds, und noch besser passte es in Verbindung mit jugendlicher Unbekümmertheit (oder auch jugendbedingter Bekümmertheit) und sehr direkten, griffigen, parolenhaften Texten wie auf den ersten Tocotronic-Alben vor zwei Jahrzehnten. Weit weniger gut passt dieser Gesangsstil allerdings zu glatten, überproduzierten Songs mit abstrakten Texten. Und hier war bereits das weiße Album aus dem Jahr 2000 mit Songzeilen wie „Eines ist jetzt sicher/ Eins zu eins ist jetzt vorbei“ eine Art Sündenfall, von dem sich die Band bis heute nicht erholt hat. Denn das textliche „Eins zu eins“ konnten und können sie entschieden besser. Zwar gab es auch in den Jahren danach immer mal wieder Höhepunkte: „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005) war nicht ganz schlecht, sogar recht ansprechend war das Album „Kapitulation“ (2007) mit musikalischen Anklängen an The Smiths / Morrissey (wobei sich letzterer längst in einer ähnlichen künstlerischen Falle wie Tocotronic befindet, um von seinen aktuellen politischen Verirrungen gar nicht erst zu reden). Auch „Wie wir leben wollen“ (2013) hatte gelungene Momente. Doch hätten diese Platten – wie eigentlich alle Tocotronic-Veröffentlichungen seit dem Jahr 2000 – weitaus mehr überzeugt, wären sie ohne all den überflüssigen Zuckerguss, gleichsam in der Garage eingespielt worden. Mit Tocotronic ist es wie mit einer alten Geliebten, die man gelegentlich noch trifft und die einem in immer neuen und aufwendigeren Outfits und Zurechtmachungen begegnet; dabei hätte man sie doch viel lieber pur und ungeschminkt.

Das neue, inzwischen zwölfte Album der Band, „Die Unendlichkeit“, stellt nun immerhin einen Schritt in die richtige Richtung dar. In jedem Falle gilt dies inhaltlich, denn diese Platte ist eine Art gesungene Autobiographie des Sängers Dirk v. Lowtzow. In chronologischer Reihenfolge erzählen die Songs dieser Platte von Lowtzows Werdegang, und das fast so direkt und unverblümt wie früher, wenn auch (natürlich) leider nicht mehr so unbekümmert wie im Frühwerk der Band. Und die Texte lassen tief blicken, berichten von den schweren Anfängen dieser Künstlerexistenz. Nicht etwa in einem Schloss, wie man glauben könnte, oder wenigstens in einem angesagten Szeneviertel einer Großstadt ist dieser spätere Coolness-Trendsetter aufgewachsen, nein – horribile dictu – in einem Reihenhaus in einer süddeutschen Kleinstadt. Auch der anschließende Studienort Freiburg kommt auf dem Album nicht gut weg und wird als „Schwarzwaldhölle“ geschmäht. Die Erlösung wird dann im Song „1993“ beschrieben bzw. besungen: das Ankommen in Hamburg – und in der dortigen „Schule“, versteht sich. Der spätere Ortswechsel nach Berlin war dann nur noch das Sahnehäubchen.
Musikalisch lässt „Die Unendlichkeit“ ebenfalls einen Aufwärtstrend erkennen. Solides Songwriting, eingängige Melodien. Nur leider haben sie sich auch diesmal in der Produktion verhoben und dadurch einmal mehr ihre Musik verschlimmbesssert. „Alles, was ich immer wollte, war alles“ heißt es im letzten Song. Dabei wäre weniger wirklich mehr gewesen. Jeder Albumtitel soll im musikalischen Gewand seiner jeweiligen Zeit erscheinen und ist zu diesem Zwecke endlos durch diverse Studio-Klangmühlen gedreht worden. Nun ja, irgendwie müssen sie die Millionen-Einnahmen aus ihren Plattenverkäufen wohl auch wieder unter das Volk bringen…

Was allerdings unerträglich ist, ist das ausufernde Geschwätz der Musikpresse und der Feuilletons über diese angeblich so kluge Band und ihren „Diskursrock“. Man tut den Tocos sicherlich keinen Gefallen damit, sie zu tiefsinnigen Intellektuellen aufzublasen. „Es ist einfach Rockmusik“ heißt ein Songtitel aus den frühen Jahren. Das trifft es besser. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Tocotronic
Die Unendlichkeit
Vertigo Berlin 2017
ASIN: B0775ZP3VC