justament.de, 24.1.2022: Durchbruch einer Diva

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor zehn Jahren erschien „Born to Die“ von Lana del Rey

Thomas Claer

Irgendwie dunkel und melancholisch, morbide und mysteriös. So wirkte vor genau zehn Jahren, Ende Januar 2012, die Musik von „Born to Die“, dem zweiten Album der damals erst 26-jährigen Lana del Rey, auf die Zuhörer, das der wundersamen Amerikanerin ihren ganz großen kommerziellen Durchbruch bescherte. Doch ist diese viel beachtete Platte seinerzeit auch äußerst umstritten gewesen: Die hat doch aufgespritzte Lippen, ist nicht womöglich alles bloß Fake an ihr?, fragten misstrauisch ihre Kritiker. Und dann standen ihr auch noch bei jedem Song diverse Co-Autoren zur Seite. Hatte sie denn überhaupt etwas von diesen Liedern selbst komponiert? Ebenso vorgehalten wurde ihr schließlich das unüberhörbare qualitative Gefälle zwischen den einzelnen Tracks auf dem Album.

Vielleicht wird ein schärferer Blick auf „Born to Die“ ja erst mit dem gebührenden zeitlichen Abstand möglich. Denn obschon einige Füllstücke, ein paar wirklich billige Disko-Nummern, den guten Gesamteindruck etwas trüben, ist doch das meiste auf dieser Platte überaus grandios. Hier hat Lana del Rey ihren ganz eigenen Stil ausgebildet, mit starken Bezügen auf die Sechziger, den sie in den darauffolgenden Jahren auf mittlerweile sechs weiteren Veröffentlichungen immer mehr perfektioniert hat. Dabei ist ihre Stimme keineswegs überragend, und ihre Songs reichen auch nicht durchgängig an die stilistisch verwandten Mazzy Star und Hope Sandoval heran. Und dennoch, sie sind schon verdammt gut, wobei die medialen Selbstinszenierungen, die Lana del Reys sehr spezifischen Ruhm vor allem begründet haben, sich zumindest nicht unmittelbar störend auswirken… Neben der Hit-Single „Video Games“, “Summertime Sadness” und dem Titelstück „Born to Die“ ist besonders „Blue Jeans“ hervorzuheben, ein ganz unglaublicher Song! So steht es also ganz außer Frage, dass sich Lana del Rey auf „Born to Die“ ihren Glamour-Girl-Status redlich verdient hat.

Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Lana del Rey
Born to Die
Universal Music 2012
ASIN: B0064IPOSE

justament.de, 10.1.2021: Graphic Novel 1.0

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Vor 150 Jahren erschien „Die fromme Helene“ von Wilhelm Busch

Wer hat heutzutage eigentlich noch Zeit dazu, dicke Romane zu lesen? Wohl kaum jemand, und so überrascht es nicht, dass die Graphic Novel, die längere und thematisch anspruchsvolle Bildgeschichte im Buchformat, sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Was allerdings weniger bekannt ist: So etwas hat es auch schon zur Kaiserzeit gegeben, wenn auch im deutschen Sprachraum nur von einem Solitär hervorgebracht, der mit einer außergewöhnlichen Doppelbegabung als Zeichner und Versdichter aufwarten konnte. Die Rede ist natürlich von niemand anderem als Wilhelm Busch (1832-1908), dem Godfather des deutschen Comics (gemeinsam mit dem noch früheren Struwwelpeter-Schöpfer Heinrich Hoffmann, versteht sich), dessen Werk sich freilich keineswegs in lustigen (wenngleich keineswegs harmlosen!) Kindergeschichtchen a la „Max und Moritz“ erschöpfte. Sieben Jahre nach dieser bis heute enorm populären „Bubengeschichte in sieben Streichen“ wagte sich Busch im Jahr nach der deutschen Reichsgründung, vor 150 Jahren, erstmals an die ganz große Form – und lieferte einen ganzen Roman in Reimen und Bildern.

„Die fromme Helene“ orientiert sich ganz am bürgerlichen Roman des 19. Jahrhunderts, den sie aber zugleich auf satirische Weise verfremdet. In 17 Kapiteln samt einem Epilog wird die Lebensgeschichte einer elternlosen Frau erzählt, die als junges Mädchen von ihrem Vormund zu Onkel und Tante aufs Land geschickt wird, um sie vor dem angeblich sündigen Großstadtleben zu bewahren. Ihr weiterer Lebensweg liest sich dann allerdings wie eine Aufeinanderfolge sündiger Versuchungen, denen sie oft genug nicht widerstehen kann, obwohl sie sich immer wieder mit Nachdruck an Religion, Sitte und Moral auszurichteten versucht. Der Plot bietet das volle Programm: Schon als Jugendliche eine amouröse Affäre mit ihrem Vetter, später dann die Heirat mit einem schwerreichen Industriellen, eine glänzende Partie. Es folgt – wie kann es in einem Quasi-Roman aus dem 19. Jahrhundert auch anders sein – der unvermeidliche Ehebruch, der jedoch gottlob unentdeckt bleibt. Nachdem ihr Ehemann an einer Fischgräte erstickt ist, wendet sich Helene ihrer langjährigen Liebschaft zu, wird aber nun ihrerseits von dieser hintergangen und bekommt schließlich ein ernstes Alkoholproblem. Und natürlich landet die „fromme Helene“ am Lebensende mit viel Trara in der Hölle, wo sie aber immerhin ihren Geliebten wieder trifft…

Das große Thema dieser Bildgeschichte ist also die religiös überhöhte Doppelmoral, wie sie sich im übrigen ganz ähnlich auch heute noch in weiten Teilen der Welt und nicht zuletzt auch in manchen Zuwanderermilieus unserer Großstädte zeigt. Und es ist nun einmal auch von immenser Komik, wie ein Mensch immer und immer wieder daran scheitert, ein vorgeblich gottgefälliges Leben zu führen. Besonders überzeugend gezeichnet sind auch die selbstgerechten Nebenfiguren, allen voran der stets mit erhobenem Zeigefinger auftretende Onkel Nolte.

Nun ist „Die fromme Helene“ allerdings in den letzten Jahrzehnten etwas ins Gerede gekommen angesichts des gegen ihren Verfasser oftmals erhobenen Antisemitismus-Vorwurfs. Denn es heißt im ersten Kapitel, in dem vor den vorgeblichen Gefahren des sündigen Großstadtlebens gewarnt wird:

„Und der Jud mit krummer Ferse,
Krummer Nas‘ und krummer Hos‘
Schlängelt sich zur hohen Börse
Tief verderbt und seelenlos.“

Doch hat schon der fabelhafte Robert Gernhardt seinen großen Lehrmeister gegen diesen Vorwurf (zumindest an dieser Stelle) in Schutz genommen, da es sich ganz offensichtlich um ein Rollengedicht handelt. Nicht der Verfasser der „Frommen Helene“ spricht im ersten Kapitel, sondern ein „frommer Sänger“, ein Feind vornehmlich aller Vergnügungen des Großstadtlebens:

„Wie der Wind in Trauerweiden
Tönt des frommen Sängers Lied,
Wenn er auf die Lasterfreuden
In den großen Städten sieht.

Ach die sittenlose Presse!
Tut sie nicht in früher Stund
All die sündlichen Exzesse
Schon den Bürgersleuten kund?!

Offenbach ist im Thalia,
Hier sind Bälle, da Konzerts.
Annchen, Hannchen und Maria
Hüpft vor Freude schon das Herz.

Kaum trank man die letzte Tasse,
Putzt man schon den ird’schen Leib.
Auf dem Walle, auf der Gasse
Wimmelt man zum Zeitvertreib.“

In diesem Zusammenhang steht der als krumm in jeder Hinsicht diffamierte Jude, der sich schlängelnd, also auf krummem Wege, zur Börse begibt (wo er vermutlich entsprechend krumme Geschäfte machen wird), also in einer Reihe mit all den anderen Phänomenen des bunten Großstadtlebens, die beim „frommen Sänger“ solchen Abscheu hervorrufen. Nimmt man noch die satirische Zuspitzung hinzu, so folgt daraus, dass Wilhelm Busch hier keineswegs antisemitische Klischees verbreitet, sondern sich im Gegenteil über das reaktionäre Weltbild der konservativ-bäuerlichen Landbevölkerung mitsamt ihrem Antisemitismus lustig macht. Im übrigen hat sich der Verfasser im weiteren Verlauf des ersten Kapitels – erneut auf indirekte Weise – sogar recht eindeutig selbst politisch positioniert:

„Schweigen will ich von Lokalen,
Wo der Böse nächtlich prasst,
Wo im Kreis der Liberalen
Man den Heil’gen Vater hasst.“

Indem er den „frommen Sänger“ auf solche Weise überzeichnet und der Lächerlichkeit preisgibt, macht Wilhelm Busch doch mehr als deutlich, wo seine eigenen Sympathien liegen.

Problematischer sind da schon andere Stellen im Werk dieses Künstlers: In der Figur Schmulchen Schievelbeiner im fünften Kapitel seiner grandiosen Geschichte „Plisch und Plum“ (1882) verwendet er zweifellos antisemitische Stereotypen, ohne sich eindeutig von ihnen zu distanzieren, was auch Robert Gernhardt einräumen musste. Ähnlich fatal aus heutiger Sicht mutet die Figur des „schwarzen Mannes“ im ersten Kapitel der ebenfalls ausgezeichneten Geschichte „Fipps der Affe“ (1879) an, die wohl nur zufällig ohne das N-Wort auskommt. Doch zeigt nicht zuletzt der ganz ähnlich gelagerte Fall Astrid Lindgrens hundert Jahre danach, dass auch eine grundsätzlich progressive Gesinnung niemanden zuverlässig davor schützt, mitunter zeitgebundenen abwertenden Klischees auf den Leim zu gehen. Und es empfiehlt sich für uns Nachgeborene, dies mit der gebotenen Milde und Nachsicht zu kontextualisieren, auf dass nicht eines Tages auch uns die Rechnung über unsere Verfehlungen und Versäumnisse präsentiert wird, von denen wir heute womöglich noch gar nichts ahnen…

Jahresende 2021: Ahnenforschung Claer, Teil 13

Mittlereise ist es ja schon zur Tradition geworden, dass ich jeweils zu Beginn meiner „Forschungsberichte“ am Jahresende um Nachsicht für ihren leider immer wieder nur geringen Umfang bitte. Und so ist es auch diesmal. Aber immerhin sind dann doch wieder ein paar hoffentlich interessante Neuigkeiten, Entdeckungen, Erkenntnisse und Betrachtungen zusammengekommen…

1. Die Claers von der Post in Usdau

Im April dieses Jahres schrieb mir eine Frau Pola B. aus Olsztyn (Allenstein) in Masuren, dass sie auf meiner Website die Texte zu unserer ostpreußischen Familiengeschichte gelesen habe. Und weiter schreibt sie „Ich habe herausgefunden, dass Franz und Georg Claer Postbeamte in Usdau waren. Usdau ist meine Heimatstadt. Ich wohne derzeit in Allenstein.“

Ja, tatsächlich, der Ort Usdau taucht einige Male in meinen Forschungen auf, insbesondere als Geburtsort meines Urgroßvaters Georg Claer (1877-1930), von dessen Teilnahme am Boxeraufstand in China im Jahr 1900 in meinem vorigen Bericht ausführlich die Rede war.

Laut Wikipedia liegt Uzdowo, das frühere Usdau, 13 Kilometer nordwestlich der heutigen Kreisstadt Działdowo (deutsch Soldau) und 21 Kilometer westlich der einstigen Kreismetropole Neidenburg (polnisch Nidzica). Usdaus Einwohnerzahl betrug im Jahr 1905 gerade einmal 645. Im Jahr 1931 waren es dann 886, im Jahr 2007 sogar 1000, jedoch 2011 nur noch 784. Heute ist das Dorf immerhin Sitz eines Schulzenamts (polnisch Sołectwo). Während des 1.Weltkriegs war es im am 27. August 1914 im Verlauf der „Schlacht bei Tannenberg“ beim „Gefecht von Usdau“ fast vollständig zerstört worden. Noch im Ersten Weltkrieg begann der Wiederaufbau.

Eine dem Wikipedia-Beitrag beigefügte alte Fotografie zeigt die Bergung im Gefecht von Usdau gefallener russischer Soldaten in Usdau – August 1914:

Ein weiteres Bild einen Gedenkstein an die Kriegstoten mit erklärender Schrifttafel auf Deutsch und Polnisch:

(Quelle jeweils: https://de.wikipedia.org/wiki/Uzdowo)

Frau Pola B., die sich als Hobby-Heimatforscherin zu erkennen gab, fragte mich, ob ich vielleicht weitere alte Bilder oder Materialien von Usdau hätte. Da musste ich sie leider enttäuschen, woraufhin sie mir aber dankenswerterweise umgekehrt interessantes Bildmaterial vom heute noch erhaltenen früheren Postamt Usdau zur Verfügung stellte. Hier haben die Claers von der Post in Usdau also wahrscheinlich einst gearbeitet:

Darüber hinaus schlug Frau Pola B. mir vor, dass ich an die Poczta Polska SA in Warschau schreiben könne, um Archivunterlagen und vielleicht auch nähere Dokumente über die Post in Usdau zu erhalten, was ich bisher aber noch nicht getan habe.

Nun ist Usdau aber nicht nur der Geburtsort meines Urgroßvaters Georg Claer (1877-1930), sondern außerdem – im Fragebogen der „Reichsstelle für Sippenforschung“ von meinem Großvater Gerhard noch nachträglich handschriftlich hinzugefügt – der Hochzeitsort seiner Eltern, meines Ururgroßvaters Franz Claer (1841-1906) und meiner Ururgroßmutter Henriette Claer, geb. Stryjewski (1845-1931), als deren Geburtsort dort ebenfalls Usdau angegeben ist. Leider fehlt zu ihrer Hochzeit eine Jahresangabe, es sollte aber einige Jahre vor der Geburt meines Urgroßvaters Georg 1877 gewesen sein, denn zuvor ist im Jahr 1872 auch noch sein älterer Bruder Otto Albert Claer, der später Postsekretär in Königsberg wurde, zur Welt gekommen. Von letzterem fehlt uns, soweit ich in meinen Unterlagen sehe, zwar die Geburtsurkunde, aber aus dem späteren Hochzeitseintrag von Otto Albert Claer und Emma Sakreszewski von 1899 geht hervor, dass Otto Albert Claer am 13. November 1872 ebenfalls in Usdau geboren ist (als „Sohn des früheren Schneidermeisters und jetzigen Landbriefträgers Franz Claer“ steht dort). Bingo! Daraus folgt nun also, dass mein Ururgroßvater Franz Claer vor November 1872 in Usdau meine Ururgroßmutter, die dort geborene Henriette Stryjewski geheiratet hat. Franz war damals also höchstens 31 Jahre alt, Henriette höchstens 27. Aber wie ist Franz, der als jüngster Sohn meines Urururgroßvaters, des Jägers Friedrich Claer (1799-18??) in Eichenberg/Drusken, Amt Wehlau (gelegen einige Kilometer östlich von Königsberg) geboren wurde, ins relativ weit entfernte Usdau gekommen bzw. wie konnte er meine dort lebende Ururgroßmutter Henriette überhaupt kennenlernen?

Laut Google Maps beträgt die Entfernung zwischen dem heute russischen Snamensk (dem früheren Wehlau) und Uzdowo (Usdau) mindestens 224 Kilometer, was einer heutigen Fahrzeit mit dem Auto von mehr als drei Stunden entspricht.

Die wahrscheinlichste Antwort auf diese Frage ergibt sich wiederum aus den Eintragungen meines Großvaters Gerhard in den Fragebogen der Reichsstelle für die Sippenforschung. Als Beruf seines Großvaters Franz hat er dort nicht Postangestellter und nicht Landbriefträger angegeben, sondern: Postschaffner.

Bevor Franz Claer sich also mit Anfang dreißig in Usdau niedergelassen und als Landbriefträger verdingt hat, seine Frau Henriette geheiratet und mit ihr seine ersten beiden Söhne Otto und Georg bekommen hat (denen später noch der dritte Sohn Richard sowie die Töchter Amelia/Armanda, Martha und Hedwig folgen sollten), war er als Postschaffner tätig und ist als solcher vermutlich viel herumgereist. Und das, obgleich er – wie oben erwähnt – bereits eine Umschulung vom Schneidermeister (!) zum Postangestellten hinter sich hatte, über deren Gründe wir auch nur spekulieren können. (Vielleicht hatte er einen Arbeitsunfall und konnte fortan nicht mehr nähen. Oder lockte ihn womöglich die Aussicht auf das Herumreisen als Postschaffner?)
Wie auch immer: Mit meinem Ururgroßvater Franz Claer (1841-1906) hat die kleine Dynastie der Claers von der Post zumindest in unserem Familienzweig begonnen. Und diese Anfänge waren mit dem Ort Usdau verbunden. Wenngleich es, wie wir früher schon entdeckt haben, auch noch weitere Claers und Klaers von der Post gegeben hat, dazu gleich mehr im folgenden Kapitel.

2. Das i-Tüpfelchen. Überlegungen und Spekulationen zur Schreibweise unseres Namens

Ich erinnere mich noch daran, wie mein Vater Joachim (1933-2016) mich irgendwann einmal darauf hingewiesen hat, dass sein Vater, mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974), in seiner Unterschrift immer einen Punkt oder kleinen Strich über dem Namen gemacht habe. Das komme daher, dass die Schreibweise unseres Namens früher Clair mit ai gewesen sei, das habe er in der Unterschrift so beibehalten. Sein Bruder Gerd (1943-2016), mein Onkel, mache es auch, und mein Vater habe es ganz früher ebenso gemacht, es dann aber irgendwann weggelassen, weil er es umständlich gefunden habe.

In der Tat lässt sich in den Unterschriften meines Großvaters Gerhard und meines Onkels Gerd jeweils deutlich das i-Tüpfelchen erkennen, bei ersterem eher ein Strich, bei letzterem eher ein Punkt.

Nun stellt sich die Frage: Wo haben sie das her? Mein bereits erwähnter Urgroßvater Georg Claer von der Post (1877-1930) wurde laut Geburtsurkunde immer mit ae geschrieben. Dessen Vater, der ebenso bereits erwähnte Franz Claer von der Post (1841-1906) steht auch mit ae in allen uns vorliegenden Dokumenten. Allerdings haben wir von ihm (noch) keine Geburtsurkunde aus Eichenberg/Drusken, Amt Wehlau. Wir wissen nur, dass sein Vater Friedrich Clair (1799-18??), als er 1840 als „invalider Jäger“ seine neue Stelle in Eichenberg/Drusken antrat, in den offiziellen Bekanntmachungen einmal Clair und einmal Clär geschrieben wurde, was alle Möglichkeiten offen lässt. Wir wissen außerdem, dass alle älteren Geschwister von Franz in ihren Geburtsurkunden mit ai geschrieben wurden, nämlich in Corjeiten 1824 Wilhelm Friedrich sowie in Juditten bei Königsberg 1826 Heinrich Julius, 1828 Amalia Dorothea, 1830 Albert Eduard, 1833 Herrmann August, 1835 Justina Wilhelmine, 1837 Auguste Ernestine und 1839 Otto Conrad.

Auch wenn es unklar ist, ob Franz Claer bei seiner Geburt noch mit ai oder schon mit ae geschrieben wurde: Die Marotte mit dem i-Tüpfelchen in der Unterschrift trotz anderslautender amtlicher Namensschreibweise dürfte auf ihn zurückgehen. Denn während seine Eltern und alle seine Geschwister sich noch mit ai schrieben, wurden seine Kinder ab 1872 allesamt schon als Claers mit ae geboren.

Der Vater des Franz Claer von der Post, der erwähnte Jäger Friedrich Clair wurde vor 1840 ebenfalls in allen Dokumenten mit ai geschrieben, in seinem Geburtseintrag im Kirchenbuch von Ludwigswalde steht sogar Klair mit K. Auch dessen Vater, der vermutlich 1770 geborene Unterförster Friedrich Wilhelm Klair wird dort so geschrieben, allerdings dessen anderer Sohn, Friedrichs Bruder Johann Wilhelm Clair (1803-1880) sowie Friedrich Wilhelm Klairs mutmaßlicher Bruder, der königliche Förster Johann Friedrich Clair, wiederum mit C. Davor tut sich eine Lücke auf, die wir noch nicht schließen konnten. Die aus St. Imier im Berner Land eingewanderten ersten ostpreußischen Clairs in der Schweizer Kolonie in Gumbinnen um 1712 wurden in den Dokumenten teilweise Clerc und teilweise Clair geschrieben.

Klar ist, dass die Schreibweisen in den Kirchenämtern zunächst willkürlich waren. Hinzu kommt, dass bis weit ins 18. Jahrhundert hinein längst nicht jeder lesen und schreiben konnte. Die allgemeine Schulpflicht in Preußen geht auf das Edikt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. vom 28. September 1717 zurück. Allerdings verlief dessen Umsetzung längere Zeit nur schleppend. Es fehlte an Lehrkräften und Schulen, die Kinder wurden oft als Arbeitskräfte gebraucht. So blieb die Schreibweise der Namen zu dieser Zeit vornehmlich dem Gutdünken der Kirchenbuchschreiber überlassen. Allerdings heißt es auf der Seite
https://kreis-gumbinnen.de/historie/neue-buerger/schweizer/, die eine Liste mit Familiennamen aus der Schweizer Kolonie enthält, in der unsere Clercs/Clairs jedoch fehlen (sie stehen nur im Heiratsregister des Kirchenamts Judtschen und beziehen sich auf 1712, siehe meine früheren Texte):

„Als Schreibweise wurde bei solchen Namen, die im Laufe der Zeit Änderungen erfahren haben, die nach Daten älteste gewählt. Sie wurde von Geistlichen französischer Herkunft gebraucht, die erfahrungsgemäß die Namen in richtiger Schreibweise wiedergaben.“

Das heißt, wir können von Clerc oder Clair als ursprünglicher Schreibweise ausgehen, wobei Clerc als Berufsbezeichnung für einen Geistlichen oder jemanden, der lesen und schreiben kann, mir eher noch plausibler erscheint. Wobei natürlich weiterhin auch noch die vornehmlich von meinem Cousin vierten Grades Manfred Claer aus Saarbrücken vehement vertretene Adelstheorie im Rennen ist, wonach unsere Vorfahren in der französischen Schweiz zu den Abkömmlingen des anglonormannischen Adelsgeschlechts der de Clare/v.Claer gehören…

Wann genau aber hat es schließlich eine Vereinheitlichung der Namensschreibweisen gegeben? In Preußen war das mit der Einführung von Personenstandsregistern/Standesamtsregistern am 1. Oktober 1874. (https://genwiki.genealogy.net/Personenstandsregister)

Dennoch soll es auch danach noch gelegentlich unterschiedliche und uneinheitliche Namensschreibweisen gegeben haben, vor allem auf dem Lande, bevor dies ab ca. 1900 dann nicht mehr der Fall gewesen sein soll. (Allerdings erinnere ich mich daran, dass in der Geburtsurkunde aus Geierswalde des 1901 zur Welt gekommenen Erich Claer von der Deutschen Bank, des Sohnes des erwähnten Otto Albert Claer von der Post und des Vaters unseres prominentesten Familienmitglieds Hans-Henning „Moppel“ Claer, von dem später noch ausführlich die Rede sein wird, die Namenschreibweise Clär mit ä lautete.)

Könnte es aber sein, dass wir deshalb keine Geburtsurkunde des – siehe oben – 1872 in Undau geborenen Otto Albert Claer von der Post gefunden haben, weil es zwei Jahre vor der Einführung amtlicher Personenregister in Preußen noch keine Geburtsurkunden gegeben hat? Seine jüngeren Geschwister, darunter auch mein Urgroßvater Georg, sind alle nach 1874 geboren, und für sie alle haben wir amtliche Geburtsurkunden gefunden.

Bis hierhin habe ich mich beinahe ausschließlich an Fakten gehalten, nun aber beginne ich zu spekulieren: Unsere Namensschreibweise Claer mit ae lässt sich wie gesagt erst in den 1870er Jahren sicher nachweisen. Könnte es hier einen Zusammenhang mit der Gründung des Deutschgen Reiches 1871 nach einem deutsch-französischen Krieg geben, der nicht der erste gewesen ist und nicht der letzte sein sollte!)? Standen französische Familiennamen zu jener Zeit womöglich unter Anpassungsdruck?

Ausgeschlossen ist, dass es Franz Claer wie seinem Großvater erging, dessen Kinder um 1800 von Kirchenbuchschreibern nach Belieben heute so und morgen anders geschrieben wurden. Franz Claer konnte als Postbeamter sehr wohl hinlänglich lesen und schreiben und dürfte nicht zuletzt aus berufsbedingter Pingeligkeit (und diese Eigenschaft hat sich nach meiner Kenntnis und Erfahrung direkt auf meinen Großvater Gerhard, meinen Vater Joachim, meinen Onkel Gerd und nicht zuletzt auf mich selbst vererbt!) genau gewusst haben, wie sein Name geschrieben werden sollte. Aber wenn er die latinisierte Schreibweise mit ae selbst gewählt hätte, warum dann das i-Tüpfelchen in der Unterschrift bei zumindest seinem Enkel und zunächst zweien, später noch einem seiner Urenkel. War es eine Protesthaltung gegen die Latinisierung der Namensschreibweise durch den Großvater? Oder vielmehr eine Protesthaltung gegen eine dem Großvater aufgezwungene Latinisierung des Familiennamens, die in der Familie über drei Generation weitergegeben wurde?

Es könnte natürlich auch ganz anders gewesen sein. Wie wir wissen, gab es im 19. Jahrhundert Angehörige der bereits erwähnten Adelsfamilie v. Claer, die sich seit der vornehmen Latinisierung ihres ursprünglich anglonormannischen Namens de Clare mit ae schrieb, auch in Ostpreußen. Womöglich fand Franz Claer von der Post diese Schreibweise irgendwie gut und erstrebenswert und änderte selbst aus diesem Grunde das i in ein e. Aber wie passt das mit dem i-Tüpfelchen in der Unterschrift zusammen?

Wir werden es vermutlich nie genau erfahren, aus welchem Grunde unsere latinisierte Namensschreibweise in die Welt gekommen ist. Aber es darf weiter munter darüber spekuliert werden.

Soweit ich sehe, gibt es bis heute vier verschiedene Schreibweisen unseres Namens bei aus Ostpreußen stammenden Claers. Neben unserer ist da zunächst die (fast) ursprüngliche Schreibweise Clair, wobei mir diese bisher nur von einem Michael Clair aus Köln mit ostpreußischen Wurzeln bekannt ist, der mir vor vielen Jahren einmal seinen Stammbaum geschickt hat, den ich in unsere Stammbäume bisher aber leider noch nicht einordnen konnte. Weiterhin gibt es die Schreibweise Klaer mit K, die wir besonders gehäuft in Königsberg gefunden haben, wo es mehrere Postangestellte dieses Namens gab, die auffällig oft Johann hießen, was eventuell entweder auf den Bruder „unseres“ Friedrich Clair aus Ludwigswalde, Johann Wilhelm, hindeutet oder auf dessen ebenfalls in Ludwigswalde ansässigen mutmaßlichen Onkel Johann Friedrich. Einen aus Königsberg stammenden Johann Klaer, der nach dem Krieg in Bochum lebte, hatten wir in einer Todesanzeige im Ostpreußenblatt gefunden. Und schließlich bleibt noch die vollkommen eingedeutschte Schreibweise Klehr, auf die wir sogar einmal in der Gegend von Neidenburg gestoßen sind und mehrmals in Schlesien (wohin ein Teil der ostpreußischen Claers abgewandert ist, siehe meine früheren Berichte). Es könnte sein, dass diese totale Eindeutschung einen deutschnationalbewegten Hintergrund hat (sie kann aber genauso gut rein zufällig erfolgt sein). Allerdings erinnere ich mich dunkel daran, dass ich in einem früheren Bericht einen Nazi-Kriegsverbrecher namens Klehr aus Schlesien erwähnte mit dem Zusatz, dass es sich bei ihm hoffentlich nicht um einen Verwandten von uns handelt.

3. John Clare – Liebling des Feuilletons
Wie ein roter Faden ziehen sich die Schriftstellergene, wenn es sie denn gibt, durch unsere Namenslinie, wie auch die zwei folgenden Beispiele beweisen: Zum einen ist dies der bereits in einem meiner früheren Berichte umfassend gewürdigte englische Naturdichter John Clare (1793-1864), laut Wikipedia einer der besten Beschreiber des Landlebens. Nun liegt eine Gedichtsammlung von ihm in neuer deutscher Übersetzung vor (genau genommen handelt es sich um eine Gegenüberstellung dieser und der englischen Originale), die Thomas Steinfeld, einen der renommiertesten Feuilletonisten der Süddeutschen Zeitung, zu einer fast ganzseitigen Lobeshymne auf diesen Romantiker veranlasste.

Im mittlerweile aktualisierten Wikipedia-Eintrag heißt es über ihn:

„John Clare wurde am 13. Juli 1793 in Helpstone als Sohn eines Tagelöhners geboren. Er entwickelte sich trotz sehr geringer Bildungsmittel glücklich und schnell. James Thomsons Seasons weckten sein poetisches Talent und begeisterten den dreizehnjährigen Jungen zu dem Lied “The morning walk” und dessen Gegenstück “The evening walk”. John Turnill in Helpstone nahm sich seiner an und unterrichtete ihn im Schreiben und Rechnen. Seinen Unterhalt erwarb sich Clare durch Handarbeiten und Violinspiel, Gott und die Natur besang er alleine zum eigenen Vergnügen. 1818 kam sein “Sonett auf die untergehende Sonne” in die Hände des Buchhändlers Drury zu Hamford, und dieser veranlasste die Ausgabe einer Sammlung von Clares “Poems descriptive of rural life and scenery”, die allgemeine Teilnahme erregte. Eine andere, ebenso erfolgreiche Sammlung seiner Gedichte erschien unter dem Titel “The village minstrel, and other poems”. Hierdurch in den Besitz eines kleinen Vermögens gelangt, ließ sich Clare in Helpstone häuslich nieder, geriet aber durch unglückliche Landspekulation in Elend. Die letzten 27 Jahre seines Lebens verbrachte John Clare in der Psychiatrie. In einer psychiatrischen Klinik (lunatic asylum) starb er am 19. Mai 1864.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Clare)

Thomas Steinfeld schreibt in seinem besagten Feuilleton-Beitrag u.a.: „Im deutschen Sprachraum gab es, den vielen Armutskindern und Hungerleidern zum Trotz, keinen romantischen Dichter, der in solcher Not aufwuchs und den dieses Elend, einiger buchhändlerischer Folgen ungeachtet, auch nie verließ. Clares Schulbildung war fragmentarisch, die Sprache auch seiner Gedichte von seiner Herkunft aus dem ländlichen Proletariat geprägt, die Grammatik zumindest persönlich. Dennoch schrieb er, zum Erstaunen schon der Zeitgenossen, mehr als dreitausend Gedichte… Einer seiner Pfleger im ‚lunatic asylum‘ berichtete, von John Clare sei im täglichen Umgang vor allem Wirres zu vernehmen gewesen. Sobald er indessen dichtete, habe er sich klar und konzentriert ausgedrückt.“

Am Ende seines Lebens sei sein literarischer Ruhm, der ihn in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts in die literarischen Kreise Londons geführt hatte, längst wieder verblasst. Doch sei er zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt und 1935 mit einer Gesamtausgabe gewürdigt worden.

Eine Verbindung zu unseren Claers liegt nicht unbedingt nahe. Vielleicht aber war er ein unstandesgemäßer Abkömmling des erwähnten anglonormannischen Adelsgeschlechts der de Clare.

4. José Claer – Romancier und Poet

Weiterhin bin ich durch Zufall auf einen kanadischen Autor unseres Namens mit exakt gleicher Schreibweise gestoßen: José Claer, geboren am 28. Mai 1963 in Mont-Laurier, wird in einem französischsprachigen Wikipedia-Eintrag als ein quebeckischer Romancier und Poet beschrieben. Hier eine kurze Zusammenfassung der Übertragung aus dem Übersetzungsprogramm:

Nach seinem Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität Ottawa arbeitete José Claer als Öffentlichkeitsarbeiter und Menschenrechtsbeauftragter für eine internationale Organisation. Er lebt in der Region Gatineau, wo die Éditions Vents d’Ouest seine ersten Romane veröffentlichen: In seinem Debüt-Roman „Nue, un dimanche de pluie“ (2001) geht es um sadomasochistische Beziehungen. (Hui, dieses Thema wäre wohl selbst dem prominentesten Autor in unserer Familie zu heiß gewesen, von dem gleich noch die Rede sein wird…) Für seine Romane erhielt er einige Kritiken in der Presse von Québec.

Er wurde Kommunikationsagent in Ottawa und schrieb als Korrespondent für die Zeitschriften „Vie des arts“ und „Liaison“ Artikel zum Thema bildende Kunst. Viele seiner Kurzgeschichten wurden in Kollektiven wie La Nuit des gueux, XXX und Virages (2010) veröffentlicht.

Er begann, Gedichte zu schreiben (wie sein erwähnter englischer Namensvetter) und veröffentlichte seine erste Sammlung im März 2010, in der der Akzent auf dem Zusammentreffen von Eros und Thanatos in ein und derselben Person liegt…

Schließlich hat er sich in den letzten Jahren als LGBTQI+-Aktivist positioniert, wurde für einen Podcast zum Thema queere Literatur befragt und in der Sendung “Les Malins” des Radiosenders Radio-Canada am 24.08.2019 zum Thema Coming-out interviewt. Er wirkte mit im Video von François Desrochers für « La Fabrique culturelle » von Télé-Québec unter dem Titel : “La poésie transformée de José Claer.” Mit seinem öffentlichen Coming-out als Transmann habe der Dichter José Claer einen wichtigen literarischen Kurswechsel eingeleitet.

(Quelle: https://fr.wikipedia.org/wiki/Jos%C3%A9_Claer)

Und nun stellt sich ernsthaft die Frage, ob er bzw. er/sie * (wie auch immer) mit uns verwandt sein könnte. Es sei daran erinnert, dass Dieter Claer (1933-2005), der jüngere Bruder unseres prominentesten Literaten Hans-Henning „Moppel“ Claer, in den 1950er Jahren nach Kanada ausgewandert ist (allerdings nicht in den französischsprachigen Teil) und dort noch zahlreiche Abkömmlinge von ihm leben (zu denen teilweise sogar noch Kontakt besteht). Sollte auch José Claer einer von ihnen sein, dann wäre das natürlich der Brüller…

5. Mein Vater als Briefeschreiber (1)

Nun aber zu meinem Vater Joachim Claer (1933-2016), der ebenfalls ein bemerkenswerter Schreiber war, wenngleich er leider keine größeren schriftstellerischen Werke im eigentlichen Sinne hervorgebracht hat, sondern sich ganz überwiegend auf die kleinen Formen der Alltagskommunikation beschränkt hat, die aber dafür glücklicherweise recht gut dokumentiert sind, vor allem was den Briefwechsel mit meiner Mutter Ilse Claer geb. Nützmann (ebenfalls 1933-2016) betrifft.

Die folgenden drei Briefe sowie das sich daran anschließende Telegramm (die Jüngeren mögen googeln, was das gewesen ist) aus dem Herbst 1964 habe ich einer Schachtel aus dem Nachlass meiner Eltern mit der vielsagenden Aufschrift „Amouretten“ entnommen, die allerdings ausschließlich Briefe enthält, die mein Vater an meine Mutter geschrieben hat. Deren Antworten sind leider nicht erhalten. Trotz des sehr privaten Charakters dieser Korrespondenz halte ich die Veröffentlichung in dieser Form für relativ unbedenklich, da sie sich – vermutlich auch zeitbedingt – auf einer zumindest verbal sehr sittsamen Ebene abspielt. Hinzu kommt, dass mittlerweile kaum noch involvierte Personen aus jener Zeit am Leben sein dürften.

Die Briefe sprechen weitgehend für sich und bedürfen keiner weiteren Kommentierungen. Daher hier nur wenige erklärende Sätze über die Ausgangssituation: Meine Eltern hatten sich bereits auf der Oberschule im mecklenburgischen Teterow wohl bald nach Kriegsende kennengelernt und waren damals schon für einige Zeit ein Paar. Nach der Schule haben sie sich allerdings jahrelang aus den Augen verloren. Mein Vater war anderweitig verheiratet und wurde dann wieder geschieden. Als meine Eltern im Herbst 1964, im Alter von jeweils 31 Jahren, wieder miteinander in Kontakt getreten sind, hat meine Mutter nach abgeschlossenem Medizinstudium schon seit einigen Jahren als Ärztin in Greifswald gearbeitet. Mein Vater, der zunächst als ausgebildeter Sportlehrer an einer Schule in Rostock unterrichtet hatte, hat nach einer Sportverletzung ebendort ein Medizinstudium aufgenommen und steht wohl kurz vor seinen Abschlussprüfungen.


Wenn es damals schon Emojis gegeben hätte, hätte man beim Telegramschicken noch Geld sparen können… Die Fortsetzung erscheint im nächsten „Forschungsbericht“.

Abschließend hier nur noch die nicht ganz unwichtige Information, dass meine Eltern bereits am 15. Dezember 1964 im Standesamt Rostock geheiratet haben, also kaum mehr als zwei Monate nach ihrem Wiedersehen und keine drei Monate, nachdem mein Vater den obenstehenden Brief an meine Mutter geschrieben hat. So war das damals. Erst weitere sieben Jahre später bin ich auf die Welt gekommen.

6. Lass‘ jubeln, Kumpel: Zum 90. Geburtstag von Hans-Henning Claer. Eine Hommage

Und nun soll wie angekündigt auch noch einmal der einzige Prominente unserer Familie zu seinem Recht kommen. Nur aus dem bereits im vorigen Kapitel angeführten Grund, dass inzwischen (fast) keine Verwandten oder Bekannten aus der Generation meiner Eltern mehr am Leben sind, vor denen ich mich schämen müsste, bringe ich es über mich, nun von meiner ersten Begegnung mit Hans Henning „Moppel“ Claer zu erzählen. Ich muss wohl 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein. Damals, es war wohl ca. 1986, lebte ich mit meinen Eltern in einem kleinen Dorf am Stadtrand von Lübeck – aber auf der Ost-Seite, nahe dem Grenzgebiet. Wegen der exponierten Lage ganz dicht am Westen gab es, was damals in der DDR sehr wichtig war, exzellenten Westfernseh-Empfang. Und das Beste und Neueste war, dass es seit Mitte der Achtziger neben den gewohnten öffentlich-rechtlichen Kanälen auch noch zusätzlich zunächst zwei Privatfernsehsender gab: RTL plus und Sat1. Die konnte man in der DDR nur in unmittelbarer Nähe der Westgrenze empfangen, weshalb wer dort wohnte, zu dieser Zeit besonders häufig Besuch aus anderen Teilen der DDR empfing. Denn im Privatfernsehen lief – was die größte Attraktion war – jeden Samstagabend um 23 Uhr ein sogenannter „versauter Film“. Es handelte sich um „Sexklamotten“ aus den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren mit Titeln wie „Frau Wirtin bläst Trompete“ oder „Beim Jodeln juckt die Lederhose“ oder eben auch „Lass jucken, Kumpel“. Zwar muss man betonen, dass das, was dort gezeigt wurde, aus heutiger Sicht an Harmlosigkeit kaum zu überbieten ist. Zweifellos geht das, was sich heute Mittelstufenschülerinnen und Mittelstufenschüler auf ihren Handys zuschicken, weit über alles hinaus, was seinerzeit im „Schulmädchenreport“ zu sehen war. Und doch hatte es den geheimen Reiz des Verbotenen, vor allem für uns im Osten, wo ja auch anderes solcher Art kaum zu bekommen war. Kurz gesagt, ich entwickelte eine gewisse, wohl auch altersbedingte Neugier auf solche Filme, wie sie zu besagter Stunde im Nachtprogramm der Privatsender gezeigt wurden, und sah mir gelegentlich im kleinen Schwarzweißfernseher, der in meinem Zimmer stand, natürlich mit äußerst reduzierter Lautstärke und immer mit dem Finger am Senderknopf, um rechtzeitig umschalten zu können, falls jemand hereinkommen würde (es gab ja im Osten keine Fernbedienungen) so etwas an.

Und dann geschah es: Die Ansagerin – damals wurde tatsächlich noch jede Fernsehsendung von einer Ansagerin im adretten Kostüm angesagt, und im Privatfernsehen waren das ausnahmslos besonders attraktive junge Frauen – die Ansagerin also sagte um kurz vor elf: „Und nun ein Film von Hans Henning Claer…“ Und bald darauf sah ich den Vorspann des Films mit dem Schriftzug „Hans Henning Claer“. Ich war ganz aufgeregt, dass da jemand genau unseren Namen trug, denn bisher hatte ich immer geglaubt, dass niemand sonst so heißen würde wie wir. Nur leider konnte ich es meinen Eltern nicht erzählen. Es wäre natürlich viel zu peinlich gewesen, die näheren Umstände zu erklären. Niemals wurde in unserer sittenstrengen Familie auch nur ein Wort darüber gesprochen, was jede Woche im Privatfernsehen gezeigt wurde.

Und so ist mir Hans-Henning Claer erst wieder mehr als zwei Jahrzehnte später im Rahmen meiner „Ahnenforschung“ begegnet. Oft hatte ich mir in all den Jahren den Familien-Stammbaum, den mein Großvater hinterlassen hat, angeschaut und jedes Mal festgestellt, dass es wohl keine Verwandten unseres Namens außer meinem kinderlosen Onkel Gerd mehr geben könne. Die einzige Nebenlinie, die dafür infrage käme, endete dort mit Erich Claer und seinen zwei Schwestern. Dass hier eine Verbindung zu dem anrüchigen Buchautor Hans Henning Claer bestehen könnte, dessen Bücher ich in den Neunzigerjahren als Oberschüler in Bremen manchmal auf dem Flohmarkt liegen gesehen und neugierig betrachtete hatte (aber natürlich traute ich mich nicht, sie mit nach Hause zu nehmen), dass eine Verbindung also zwischen ihm und unserer sittenstrengen Familie bestehen könnte, das konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen.

Und dann bestellte ich mir vor etwas über zehn Jahren aber doch zu Forschungszwecken Hans Henning Claers Autobiographie „Bulle, Schläger, Nuttenjäger“. Ja, nun war alles klar. Als ich meinem Vater daraufhin meinen „Forschungsbericht“ geschickt hatte, schämte er sich für diese heikle Verwandtschaft so sehr, dass er meinen Text vor meiner Mutter verheimlichte. Aber einige Zeit später nahm er mich bei einem Treffen einmal zur Seite und sagte zu mir: „Mir fällt das jetzt erst wieder ein: Damals in der Schule haben mir die älteren Schüler manchmal ‚Moppel Claer‘ hinterhergerufen und laut gelacht. Ich wusste nie, was das sollte. Ich kannte den ja nicht. Die werden dann wohl den gemeint haben…“ Mein Vater war zwar grundsätzlich sportinteressiert, aber es muss wohl an ihm vorbeigegangen sein, dass „Moppel“ Claer schon bald nach Kriegsende ein populärer Boxer in West-Berlin gewesen ist, der offenbar auch in Mecklenburg seine Fans hatte…
Anlässlich seines 90. Geburtstag am 30. Dezember hier noch eine kleine Serie historischer Fotos von ihm, die derzeit im Internet kursieren, in chronologischer Reihenfolge:

Das Bild „Boxer-Siegerehrung“ ist bei Ebay zum Preis von 28,00 Euro versandkostenfrei erhältlich.

Ebenfalls 28,00 Euro bei Gratisversand werden für das Bild „Boxkampf Schimanski gegen Claer“ bei Ebay aufgerufen.

Für nur 9,90 Euro ist hingegen – ebenfalls bei Ebay – die Filmzeitschrift „Film-Echo/Filmwoche/Filmblätter Nr. 27 vom 15. Mai 1974 zu haben.

Und schließlich käme man bei diesem Pressefoto aus den Siebzigerjahren sogar schon für 5,99 Euro zum Zuge.

7. Schluss und Ausblick
Soviel also für diesmal von der Familienforschung. Im nächsten Jahr geht es weiter mit hoffentlich wieder vielen neuen Erkenntnissen und Entdeckungen.

justament.de, 27.12.2021: Verdammt lang her

Vor 40 Jahren erschien „Für usszeschnigge!“ von BAP

Thomas Claer

Mit der deutschen Sprache in den Liedertexten der populären Musik ist es ja so eine Sache. Es lässt sich nun einmal nicht gut in dieser eckigen, kantigen, widerborstigen Sprache singen. Dagegen hilft zweierlei: entweder ins Englische ausweichen, was natürlich sehr fantasielos ist. Oder man singt in deutschen Dialekten – und siehe da: Es harmoniert doch gleich viel besser. Wohl beinahe alle unsere regionalen Mundarten sind, wenn man sie denn beherrscht, weitaus einfacher und flüssiger singbar als das Hochdeutsche. Ihr weiches Dahinfließen schmiegt sich der Musik förmlich an. Plattdeutsche Texte zum Beispiel passen wunderbar zu Rockmusik, wie Torfrock und Achim Reichel schon in den Siebzigern bewiesen haben. Bayrisch hingegen geht sehr gut mit bläserbetontem Jazz, wie es Haindling seit den Achtzigern sehr überzeugend vorexerziert hat. Auf Österreichisch lässt sich sogar fabelhaft rappen, wie es der Sänger Falco („Wer sich an die Achtziger erinnern kann, der ist nicht dabei gewesen.“) in ebenjenem Jahrzehnt gezeigt hat.

Und dann waren da auch noch BAP, die vor nunmehr vierzig Jahren ihren Durchbruch mit Rockmusik auf Kölsch feiern konnten. „Für usszeschnigge!“, das Ende 1981 erschienen ist, war damals bereits ihr drittes Album, verhalf der rheinischen Rock-Combo aber mit dem Mega-Hit „Verdamp lang her“ zum ganz großen Erfolg. Wer sich diesem wirklich exzellenten Album nähern will, ist gut beraten, all das auszublenden, was mit BAP in den vier Jahrzehnten danach passiert ist. Angesichts ihrer übergroßen Popularität positionierte sich die Band mit den inhaltlich engagierten Texten später immer mehr als politisches Projekt. Sänger Wolfgang Niedecken avancierte – gleich neben Herbert Grönemeyer – zur moralischen Instanz der deutschen Popmusik. Kein Wunder, dass sie nie wieder so frisch und unbekümmert geklungen haben wie auf „Für usszeschnigge!“, was ganz ausdrücklich auch für die kölnischen Texte gilt. Und kaum zu glauben: Manchmal klingen diese hier sogar regelrecht unkorrekt!

Der „Müsli-Män“ macht sich über einen verbiesterten Öko-Anhänger lustig. In „Waschsalon“ lässt das technisch unbedarfte lyrische Ich stets seine Freundin die Waschmaschine bedienen. Dafür würde es aber heute vermutlich einen Shitstorm hageln… „Verdamp lang her“ ist ein trauriger, tief enttäuschter, ja verbitterter Blick zurück von einem, der viel auszuhalten hatte. Ein düsterer und wirklich starker Song! Was ebenso für die Großstadt-Hymne „Südstadt verzäll nix“ gilt. Und auch der Rest des Albums ist nicht schlecht. Klar, das Moralinsaure und Selbstgerechte in Niedeckens Texten findet sich auch schon auf dieser Platte, aber hier lässt es sich zumindest noch gut ertragen.

BAP
Für usszeschnigge!
EMI (Universal Music) 1981
ASIN: ‎B000EHRXNQ

justament.de, 20.12.2021: Berlin vor 40 Jahren

Sven Regeners sechster Roman „Glitterschnitter“

Thomas Claer

Wie es im Leben so kommt: Manchmal ist jahrelang alles nur Routine, und dann passiert plötzlich ganz viel in kurzer Zeit. Eine solche ereignisreiche Zeitspanne erlebt der junge Frank Lehmann, seit zwei Jahrzehnten die Hauptfigur in den Romanen des Berliner Autors und Musikers Sven Regener, um das Jahr 1980 herum, als er zunächst die elterliche Wohnung in der Bremer Neuen Vahr Süd verlässt, um während seines Bundeswehrdienstes in einer chaotischen WG im Szeneviertel am Steintor unterzukommen. Bald aber kehrt er der Armee und seiner WG den Rücken und flüchtet Hals über Kopf ins Aussteiger-Paradies West-Berlin, wo er eigentlich nur seinen Bruder besuchen will, dort jedoch ganz schnell hängenbleibt. Wie sich innerhalb weniger ereignisreicher Wochen alles ineinanderfügt, bis er auf die eingefahrenen Gleise gesetzt ist, auf denen er sich bis zum Mauerfall 1989 munter fortbewegt, wovon Sven Regeners gefeierter Debütroman „Herr Lehmann“ (2001) erzählt, davon handeln die vier aufeinander folgenden Romane „Neue Vahr Süd“ (2004), „Der kleine Bruder“ (2008), „Wiener Straße“ (2017) – und ganz aktuell: deren vor kurzem erschienene Fortsetzung „Glitterschnitter“. (Einen Ausreißer im Romanzyklus bildet nur der vierte Band „Magic Mysterie oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ (2013), der einen Zeitsprung ins Jahr 1995 wagt). Dass drei dieser vier zeitlich und inhaltlich direkt aneinander anknüpfenden Romane in Berlin spielen, zeigt, wie voraussetzungsreich Frank Lehmanns Achtzigerjahre-Existenz als Bierzapfer in Erwin Kächeles Kreuzberger Kneipe „Einfall“ zumindest in ihren Anfängen gewesen ist. Aber es liegt auch daran, dass hier über eine wirklich wilde Zeit berichtet wird – mit all ihren Ausbrüchen, Aufbrüchen und Experimenten.

Eine bunte Community hat sich da 1980 in Kreuzberg zusammengefunden. Lauter ganz überwiegend junge Leute, die fast alle irgendwelche Kunstprojekte am Laufen haben und nebenher ihren Brotjobs nachgehen: klassischerweise in der Kneipe oder im Taxi. Zwar ist die Szene noch längst nicht so international aufgestellt wie heute, doch immerhin schon aus dem gesamten deutschen Sprachraum zusammengewürfelt. Man hört die verschiedensten Dialekte, die dann mit den einheimischen Urberlinern um sprachliche Dominanz wetteifern. Man kommt mit sehr wenig Geld aus, viele sind schließlich auch Hausbesetzer und leben im ideologischen Biotop der Staatsverachtung und des „Bullen“-Hasses. Während „Der kleine Bruder“ wie seine Vorgänger noch durchgehend die Perspektive des Romanhelden einnahm, probierte Regener in „Wiener Straße“ erstmalig das von ihm so bezeichnete „multiperspektivische Erzählen“. Ohne allwissenden Erzähler wurde der Leser hier durch die jeweiligen Perspektiven und Gedankenströme einer Vielzahl von Romanfiguren geführt. Dieses Konzept setzt sich in „Glitterschnitter“ nun fort – und wird noch weiter radikalisiert. Auch vom Plot her ist der neue Roman deutlich ambitionierter als der vorherige. Es laufen durchweg mehrere Handlungsstränge parallel, die schließlich zu einem grandiosen Finale zusammenfinden. Wie in einem Wimmelbild – so hat es der Verfasser selbst bezeichnet – entfaltet sich so ein überaus lebendiges Panorama des kulturellen Lebens im westlichen Szenebezirk der damals geteilten Stadt. Man könnte sogar von einem alternativen Gesellschaftsroman sprechen, wäre das schöne Wort „alternativ“ nicht inzwischen auf so hässliche Weise vom Rechtspopulismus gekapert worden…

Das einzige, was man dem Roman vorwerfen kann, ist seine Geschwätzigkeit. Sicherlich haben die ausschweifenden Dialoge und nicht minder ausschweifenden inneren Monologe der Romanfiguren in diesem Konzept alle ihre Berechtigung. Aber 470 Seiten sind einfach zu viel des Guten. Hier hätte die Lektorin ihrem Autor vielleicht doch lieber etwas strenger in die Parade fahren sollen, denn ungefähr die Hälfte der endlosen Gesprächskaskaden zwischen den beiden liebenswerten Exil-Österreichern Kacki und P. Immel aus der „Arsch Art Gallery“ hätte es auch getan. Ferner hat das Lektorat auf S. 336 oben links übersehen, dass es richtigerweise: „…ein Heinzelmännchen, das die Arbeit macht…“ heißen muss – und nicht „…ein Heinzelmännchen, dass die Arbeit macht…”.

Ansonsten ist die Romanlektüre ganz überwiegend eine Freude. Im Zentrum der Handlung stehen das avantgardistische Bandprojekt Glitterschnitter mit Lehmann-Kumpel Karl Schmidt an der Bohrmaschine sowie das ausdauernde Ringen des Aktionskünstlers H.R. Ledigt mit seinem Manager Wiemer um den konzeptionell aussichtsreichsten Weg zur Kunstausstellung. Um Freundschaft und Verrat drehen sich die Gespräche nicht nur zwischen Kacki und P. Immel, sondern angesichts kollegialer Unstimmigkeiten hinsichtlich der Interpretation der Öffnungszeiten des Cafe Einfall auch zwischen Frank Lehmann und Karl Schmidt.

Besonders gut gelungen ist diesmal auch die Darstellung sowohl des männlichen als auch weiblichen sexuellen Begehrens, das zumal unter diesen jungen Menschen natürlich zurecht eine so bedeutsame Rolle spielt, und das am Ende des Tages genau dahin führt, wohin so etwas meistens führt, nämlich nirgendwohin. Der 21-jährige Frank Lehmann monologisiert in seinem Inneren ausführlich, wenn auch lustigerweise auf recht verdruckste und verschämte Weise, über seine nächtlichen erotischen Träume, in denen genau drei Frauen eine prominente Rolle spielen: neben der angehenden Glitterschnitter-Saxophonistin Lisa sind dies seine WG-Mitbewohnerin Chrissie (Erwin Kächeles Nichte) sowie deren 37-jährige Mutter Kerstin (Erwin Kächeles Schwester). Besonders schämt sich Frank für einen Traum, in dem er mit Mutter und Tochter gemeinsam zugange ist…

Bleibt noch die Frage, wie es im Romanzyklus weitergehen wird, denn dass Sven Regener von weiteren Fortsetzungen in Zukunft absehen wird, kann man sich zum Glück nicht vorstellen. Da nun aber Frank Lehmann endlich seinen Kneipenjob bekommen hat, könnte nun auch endlich einmal ein Zeitsprung fällig sein: vielleicht ins Jahr 1989 nach dem Mauerfall, hier hatte der Debut-Roman „Herr Lehmann“ geendet. Oder ins Jahr 1995 nach der Rückkehr Karl Schmidts von der Magical-Mystery-Tour. Denkbar wäre aber auch ein noch späterer Zeitpunkt, denn welcher Leser wollte nicht erfahren, wie es mit den Romanhelden auch auf lange Sicht weitergegangen ist. In ein paar Jahren werden wir hoffentlich schlauer sein.

Sven Regener
Glitterschnitter. Roman
Galiani Berlin
480 Seiten; 24,00 Euro
ISBN-10: ‎3869712341

justament.de, 6.12.2021: Mehr als desselbe in Hellgrün

Recht kulinarisch: Gerichtskantinentest nach Neueröffnung im Landgericht am Tegeler Weg in Berlin-Charlottenburg

Thomas Claer

Man hatte ja schon fast nicht mehr daran geglaubt, dass die Landgerichts-Kantine am Tegeler Weg eines Tages wieder öffnen würde. Mehrere Jahre lang wollte sich, warum auch immer, offenbar partout kein Betreiber finden. Immerhin waren die großzügigen Räume im obersten Stockwerk des Gerichtsgebäudes mit dem prächtigen Blick auf den Schlosspark Charlottenburg zu jener Zeit unverschlossen geblieben, und wer wollte, konnte sich aus einem dort aufgestellten Getränke-Automaten versorgen und einsam den schönen Ausblick genießen. Doch dann war irgendwann auch noch der Automat defekt. Es war zum Verzweifeln… Vor ein paar Monaten jedoch geschah dann das kaum noch für möglich Gehaltene: Eine Kette namens Gastfroh hat den Betrieb übernommen. Und seitdem gibt es dort endlich wieder die von Gerichtsmitarbeitern und Anwohnern so langersehnte Kantinenverköstigung.

Die erste signifikante Veränderung im Vergleich zu früher betrifft die Optik der Räume: Diese erstrahlen nun in einem leuchtenden Hellgrün. Doch auch der tägliche Speiseplan ist nunmehr – was man vom Angebot des früheren Betreibers nicht unbedingt sagen konnte – voll und ganz in der Gegenwart angekommen. Täglich vier Mittagsgerichte, die sich gottlob längst nicht nur auf deutsche Hausmannskost oder gar den unvermeidlichen Kantinen-Klassiker Currywurst mit Pommes Frites beschränken, erwarten die hungrigen Besucher. Gekocht wird vielfältig, nicht selten sogar international. Ein vegetarisches Gericht ist immer dabei, mitunter sogar “Wellness-Food”. Und was ganz wichtig ist: Das Preisniveau ist durchaus moderat, vor allem gemessen daran, was einem hier geboten wird. Schon ab 3,50 Euro kommt man beim vegetarischen Essen zum Zuge, der Spitzenpreis für die “Empfehlung des Tages” liegt bei immer noch überschaubaren 5,80 Euro. Ein Wermutstropfen ist allerdings der Zuschlag von 50 Cent, der von externen Kantinenbesucher erhoben wird. Doch ist diese kleine Abschreckungs-Maßnahme verständlich, denn sonst ließe sich der Ansturm aus den umliegenden Straßen womöglich nicht mehr bewältigen.

Das Entscheidende ist nämlich: In dieser Kantine schmeckt es in der Regel ganz ausgezeichnet. Und das ist nicht nur meine unmaßgebliche Sicht der Dinge, denn beim Essen bin ich zugegebenermaßen leicht zufriedenzustellen, Hauptsache die Portionen sind groß genug (was aber hier glücklicherweise auch der Fall ist, zumindest meistens). Weitaus schwerer wiegt jedoch der Umstand, dass meine Frau in aller Regel keine Einwände gegen dieses Kantinenessen vorzubringen hat, was schon als äußerst bemerkenswert gelten kann, da man es ihr ansonsten beim Kochen kaum jemals rechtzumachen vermag… Noch ein Wort zum Kaffee: Der kostet nur 60 Cent und ist gar nicht schlecht. Meine Frau lobt vor allem die schöne Form der Tassen (siehe Foto).

Fazit: Die neue Gerichtskantine am Tegeler Weg  ist für Mitarbeiter und Anwohner ein Segen. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Informationen: https://www.gastfroh.de/resources/speisekarten/landgericht_berlin.pdf

justament.de, 29.11.2021: Ihr siebter Streich

Carla Bruni auf ihrer aktuellen CD „Carla Bruni“

Thomas Claer

Es ist schon etwas länger her, dass wir in dieser Rubrik musikalische Veröffentlichungen von Carla Bruni besprochen haben. Seinerzeit, 2007 und 2008, umrahmten ihre dicht aufeinander folgenden CDs „No Promises“ und „Comme si de rien n’etait“ die spektakuläre Verbindung des früheren Fotomodells aus prominenter Familie mit dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy (der gegenwärtig eine Haftstrafe wegen illegaler Wahlkampffinanzierung absitzt, wenn auch nur von zu Hause aus mit elektronischer Fußfessel). Vorausgegangen war bereits 2002 Carla Brunis gefeiertes Debüt „Quelqu’un m’a dit“. Aber was sich schon damals herauskristallisierte, hat auch bis heute seine Gültigkeit behalten: Der viele Rummel um ihre Person hat der künstlerischen Qualität ihrer Werke nicht geschadet. Vor Jahresfrist hat Carla Bruni nun ihr mittlerweile siebtes Album herausgebracht, welches diesmal ohne eigenen Titel auskommt, was natürlich schon für sich genommen ein Statement ist.

Wollte man an dieser Platte etwas kritisieren, dann wäre es dies: Es fehlt das Neue, das Überraschende, die Lieder kommen einem zum großen Teil irgendwie bekannt vor. Aber ist das wirklich schlimm? Wer die charmant hingehauchten Gitarren-Songs ihrer früheren Alben mochte, der wird auch „Carla Bruni“ einiges abgewinnen können, wobei sich die stärkeren Lieder eher in der vorderen Hälfte der Platte befinden. Wer hingegen eine andere Seite von Carla Bruni entdecken will, dem sei das vier Jahre alte Vorgängeralbum „French Touch“ ans Herz gelegt, das ausschließlich Coverversionen diverser Pop-Klassiker – von ABBA bis zu den Rolling Stones – enthält, bei denen es sich um Carla Brunis persönliche Lieblingssongs handeln soll. Ein gelungenes Experiment, das auch Perlen wie „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode oder „Perfect Day“ von Lou Reed eine ganz eigene Wirkung verleiht. Kurzum, auch jenseits der Fünfzig beweist sich Carla Bruni als unvermindert betörende Chanteuse. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Carla Bruni – Carla Bruni
Universal 2020
ASIN: B08GLP3YQY

justament.de, 8.11.2021: Wider die Chauvis vom Bundestag

Recht cineastisch, Teil 40: „Die Unbeugsamen“ von Torsten Körner

Thomas Claer

Lohnt es sich überhaupt, ins Kino zu gehen, wenn bloß ein Dokumentarfilm läuft? Und ob, wenn es ein Film wie dieser ist! „Die Unbeugsamen“ erzählt die Geschichte von 14 Frauen unterschiedlicher politischer Couleur im Deutschen Bundestag in Zeiten, als sie in der Politik noch einen Exotenstatus innehatten. Eigentlich ist das ja alles noch gar nicht so lange her, und ich selbst kann mich an vieles, was hier gezeigt wird, noch lebhaft erinnern. Vor allem der Einzug der Grünen in den Bundestag vor fast vierzig Jahren, den man durchaus auch als einen Wendepunkt in Sachen Feminismus in der deutschen Politik ansehen kann, hat auf mich als Kind einen unvergesslichen Eindruck gemacht. Auch wenn ich damals noch nicht so recht begreifen konnte, was Waltraud Schoppe in ihrer legendären Rede am 5. Mai 1983 da über Sexismus im Bundestag und rücksichtslos-lustfeindliche Eherituale in deutschen Betten erzählte. Noch weniger verstand ich die Reaktionen der männlichen Abgeordneten auf diese Rede, ihr hämisches Gelächter und Schenkelklopfen.
Dieser Film setzt nun endlich all jenen tapferen Frauen ein mehr als verdientes Denkmal, die sich dieser unsäglichen, jahrzehntelang niemals hinterfragten Chauvi-Kultur entgegenstellten. Die hochgeachteten männlichen Parlamentarier jener Zeiten, die sich eine solche empörende Herablassung gegenüber ihren forschen jungen Kolleginnen erlauben zu können glaubten, sind mittlerweile alle nicht mehr unter uns. Was für viele der Betreffenden ein Glück ist angesichts der mitunter haarsträubenden Geschichten, die dieser Film über sie erzählt…
Was besonders gelungen ist: Der Film kommentiert und bewertet nichts. Er stellt nur die bewegten Bilder von damals aus und lässt die z.T. hochbetagten Protagonistinnen auf jene Zeiten zurückblicken. Das alles spricht für sich.

Die Unbeugsamen
Deutschland 2021
Länge: 100 Minuten
FSK: 0
Regie: Torsten Körner
Drehbuch: Torsten Körner
Mitwirkende: Herta Däubler-Gmelin, Ingrid Matthäus- Maier, Renate Schmidt, Rita Süssmuth, Christa Nickels u.v.a.

justament.de, 1.11.2021: Stadtschloss sollten sie heißen

Scheiben vor Gericht Spezial: 20 Jahre 2Raumwohnung

Thomas Claer

Wenn man nicht unbedingt auf elektronische Musik steht, dann hat man womöglich immer auch einen weiten Bogen um das Berliner Elektro-Duo „2Raumwohnung“ gemacht, das vor nunmehr zwei Jahrzehnten seine erste Platte „Kommt zusammen“ herausgebracht und dieser noch sieben weitere hat folgen lassen. Doch ist diese Missachtung ein schwerer Fehler gewesen. Zumindest muss der Rezensent sich dies eingestehen, der diese grandiose Musik gerade erst für sich entdeckt hat. Zwar könnte man nun naheliegenderweise zwecks Kompensation darauf verfallen, zur vor knapp einem Jahr erschienenen Best of-CD „20 Jahre 2Raumwohnung“ zu greifen. Doch hätte man damit sogleich noch einen zweiten Fehler begangen, denn dann wäre einem, unter uns gesagt, wirklich eine Menge entgangen. Nein, wer den Zauber von 2Raumwohnung gleichsam in vollen Zügen und ohne Abstriche genießen will, der sollte nicht vor der Anschaffung ihrer sämtlichen Tonträger zurückschrecken. Es lohnt sich ganz unbedingt und ist noch nicht einmal kostspielig. Bei Medimops etwa, dem Second-Hand-Shop unseres Vertrauens, gibt es die 2Raumwohnung-Scheiben schon ab 2 Euro, und alle zusammen kosten kaum mehr als die aktuelle Best-of-Zusammenstellung. (Für solche neumodischen Methoden, sich die Musik stattdessen zu streamen, fehlt unserer Musikredaktion weiterhin jedes Verständnis.)

So wie bestimmte Weine ihr volles Aroma erst nach langer Lagerzeit erreichen, hat die famose Inga Humpe, heute 65 und einst als NDW-Star mit den Neonbabies und DÖF groß herausgekommen (ihr Mega-Hit mit Letzteren hieß damals „Codo“- Codo? Yes, Codo), hat Inga Humpe also, die ferner auch als eine der beiden Humpe-Schwestern von sich reden gemacht hat, ihr wohl wichtigstes musikalisches Projekt erst mit Mitte vierzig begonnen. Und das ist die besagte 2Raumwohnung, origineller Weise benannt nach dieser seinerzeit nur im Osten üblichen Bezeichnung für eine weitverbreitete Behausungsform, in welcher sich Inga Humpe und ihr sieben Jahre jüngerer Mitstreiter Tommi Eckart gleich nach dem Mauerfall in Berlins Osten einquartiert haben – und nach allem, was wir wissen, bis heute noch nicht wieder ausgezogen sind…

Das Besondere an 2Raumwohnung sind ihre frischfröhlich-eingängigen Melodien in Verbindung mit Inga Humpes oftmals hintergründig-vieldeutigen und dabei immer auch intelligenten deutschen Texten. Sehr selbstbewusst, sehr feministisch kommen sie daher, nicht selten frivol und verspielt, dass es eine Freude ist.

Nicht alle ihre Platten sind gleich gut, das ist naheliegend. Aber wer alle gehört hat, wird auf keine von ihnen verzichten wollen. Besonders zu empfehlen sind (in dieser Reihenfolge): „36 Grad“ (von 2007), die beiden Erstlinge „Kommt zusammen“ (2001) und „In wirklich“ (2002) sowie das vorletzte Album „Achtung fertig“ (2013). Und ihre stärksten Songs? Man höre z.B: „Wir trafen uns in einem Garten“, „Nimm mich mit“ und vor allem: „Freie Liebe“. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet daher: gut (14 Punkte).

justament.de, 18.10.2021: Autosexualität

Recht cineastisch, Teil 39: Cannes-Sieger „Titane“ von Julia Docournau

Thomas Claer

In dem großartigen Udo Lindenberg-Song „I love me selber“ aus den frühen Achtzigern heißt es: „Ja, der Trick ist, das begreif ich schnell: nicht hetero-, nicht homo-, sondern autosexuell.“ Nun, nach fast vierzig Jahren, wurde diese Textdichtung erstmals beim Wort genommen: im Film „Titane“ von Julia Ducournau, der tatsächlich die explizite sexuelle Vorliebe einer Frau für Automobile zum Thema hat. Und diese seltsame Dame praktiziert darin ihre absonderliche Neigung auch sehr ausschweifend und geräuschvoll mit diversen Fahrzeugen. (Ja, mit Fahrzeugen und nicht nur in ihnen; wenn auch keineswegs, wie man vielleicht denken könnte, unter Benutzung ihrer, ähem, Stoßstangen…)

Die Rede ist übrigens, das sollte man besser gleich betonen, nicht etwa von einem abseitigen Nischenprodukt der Filmbranche, sondern vom diesjährigen Gewinner der Filmfestspiele von Cannes. Es handelt sich um eine Art Fantasy-Gewalt-Horror-Thriller-Erotik-Drama, oder wie wollte man dieses irrwitzige Erzeugnis sonst bezeichnen? Die letzten Zuckungen des Verbrennungsmotor-Automobilzeitalters treffen hier gleichsam auf die Morgenröte des nichtbinären fetischgetriebenen Menschen, der genau dies auch sein darf…

Die aus gut situierten Verhältnissen stammende 32-jährige Alexia (Agathe Rousselle) arbeitet als laszive Tänzerin bei Verkaufsgalas in Autohäusern. Ein total sexistischer Scheißjob eigentlich, den Alexia aber gleichwohl sehr gerne ausübt aufgrund ihrer bereits erwähnten Zuneigung zu den Fahrzeugen, die wohl auch damit zusammenhängt, dass ihr als Kind nach einem Verkehrsunfall eine Titanplatte in den Kopf eingesetzt worden ist. Vermutlich hat dieser Umstand auch dazu beigetragen, dass man Alexia wohl oder übel als Psychopathin bezeichnen muss, denn sie spricht nicht nur während des ganzen Films so gut wie kein Wort, sondern gibt durch ihr gesamtes Verhalten auch allen ihren Mitmenschen immer wieder neue Rätsel auf. Ferner ist noch von Bedeutung, dass Alexia als äußerst androgyner Typ mit männlichen Gesichtszügen, aber durchaus femininem Körperbau zwar keinem konventionellen Schönheitsideal entsprechen mag, doch bei manchen Menschen mit speziellen Vorlieben wahre Begeisterungsstürme entfacht.

Als sie nun eines Tages von einem aufdringlichen Fan verfolgt wird, begeht sie ihren ersten Mord: Sie durchbohrt ihr Opfer mit einer Haarnadel. Und diesem Tötungsdelikt folgen dann in der Absicht, dieses zu vertuschen, noch mehrere weitere. Um sich zu tarnen, nimmt Alexia schließlich eine neue Identität an und gibt sich erfolgreich als der seit Jahren vermisste Sohn eines älteren Feuerwehrmanns (Vincent Lindon) aus. Und diesem bricht sie schließlich das Herz, was aber erstaunlicherweise auch auf Gegenseitigkeit beruht. Selbst als Alexia ihre fortgeschrittene Schwangerschaft (der Erzeuger ist ein roter Cadillac) nicht mehr verbergen kann, bleibt ihr der Feuerwehrmann in bedingungsloser Liebe zugetan. Am Ende bringt sie mit seiner Hilfe statt eines Kindes einen monströsen Basilisken zur Welt, was sich zuvor bereits dadurch angekündigt hat, dass ihr fortwährend aus allen Körperöffnungen und selbst aus ihren Brüsten Maschinenöl tropft…

So manches kann man diesem Film vorhalten: die abstoßende Brutalität seiner Gewaltszenen etwa, auch seine stilistische Bombastik. Doch erleben wir auch eine umwerfend spielende Agathe Rousselle, die mit dieser Rolle zu einem der ersten nichtbinären Superstars der Filmbranche aufgestiegen sein dürfte. Und nicht zuletzt feiert der Film in starken Bildern die Schönheit ihres nackten schwangeren Körpers. Die reichlich schräge Handlung tritt dagegen in den Hintergrund… Kurzum, wer „Titane“ nicht kennt, hat wirklich etwas verpasst.

Titane
Frankreich/Belgien 2021
Regie: Julia Docournau
Drehbuch: Julia Docournau
Länge: 108 Minuten
FSK: 16
Darsteller: Agathe Rousselle (Alexia/Adrien), Vincent Lindon (Vincent) u.v.a.