justament.de, 17.2.2025: Der grollende Osten (2)

“Lütten Klein” von Steffen Mau ist eins der wichtigsten Bücher über die Transformation in der Ex-DDR

Thomas Claer

Wer das jüngst an dieser Stelle hinreichend gewürdigte “Ungleich vereint” gelesen hat, ist selbstverständlich auch neugierig auf Steffen Maus bereits 2019 erschienenes Vorgängerbuch “Lütten Klein”. Dieses ebenfalls vieldiskutierte Werk nimmt den großen Umbruch im Osten am Beispiel des titelgebenden Rostocker Plattenbauviertels unter die Lupe, in welchem der Verfasser zu DDR-Zeiten aufgewachsen ist. Und “Lütten Klein” ist noch weitaus detaillierter und tiefschürfender als sein Nachfolger, vor allem aber – obwohl schon vor sechs Jahren geschrieben – gerade wieder bestürzend aktuell. Seinerzeit war noch nicht abzusehen, dass die weitgehend rechtsextreme AfD in mehreren östlichen Bundesländern zur stärksten oder beinahe stärksten politischen Kraft werden würde und diese Länder – auch durch die Erfolge des rechtslinkspopulistischen BSW – an den Rand der Unregierbarkeit gebracht werden könnten. Wer aber die Analysen von Steffen Mau studiert hat, den können diese verhängnisvollen politischen Entwicklungen keineswegs überraschen…

Aus westlicher Sicht sind die Bewohner des Ostens vor allem undankbar. Unzählige Millionen aus sauer verdienten westlichen Steuergeldern wurden in den Osten gepumpt, um dort vernünftige Strukturen aufzubauen und die nicht wettbewerbsfähigen Neubürger zu alimentieren. So weich wie in den neuen Bundesländern in die nun gesamtdeutschen Sozialsysteme ist wohl niemand im früheren Ostblock gefallen. Doch statt dafür auch nur einmal danke zu sagen, maulen und nörgeln diese Ossis in einem fort, beschweren sich über die Arroganz der “Besserwessis” und wählen nun sogar extremistische Parteien.

Aus östlicher Sicht betrachtet ergibt sich jedoch ein vollkommen anderes Bild. Eine ganze Generation wurde aus ihren gewohnten Lebenszusammenhängen gerissen, von heute auf morgen in die Arbeitslosigkeit entlassen und zu Bürgern zweiter Klasse im wiedervereinigten Land degradiert. Alles, was diese Menschen in ihrem bisherigen Leben gelernt und geleistet hatten, war nun nicht mehr gefragt. Nur ein kleiner Teil der Ostdeutschen, der mobil und flexibel war, konnte sich mit den neuen Verhältnissen arrangieren. Viele aber wurden nun nicht mehr gebraucht und in zumeist unsinnigen Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen geparkt und ruhiggestellt, schließlich in den Vorruhestand abgeschoben. Für die Betreffenden, in deren Lebensmittelpunkt bis dahin ihre Berufstätigkeit gestanden hatte, war damit eine Welt zusammengebrochen und ihr Leben zerstört.

Natürlich musste damals angesichts der völlig überraschenden deutschen Wiedervereinigung alles ganz schnell gehen. Wichtige Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft wurden daher nach der Wende im Osten fast ausschließlich mit Westimporten neu besetzt. Dies war zweifellos viel effektiver, als erst noch umständlich Einheimische für die jeweiligen Jobs auszubilden. Im Eifer des Gefechts hatte allerdings niemand daran gedacht, was es mit den Menschen einer Region macht, wenn dort plötzlich nur noch Zugewanderte den Ton angeben, wenn beinahe sämliche Führungspositionen von Zugezogenen bekleidet und die Alteingesessenen auf die Straße gesetzt werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Osten vor der Wende eine reine Angestellten-Gesellschaft gewesen ist. Freies Unternehmertum gab es nur vereinzelt im Kleinstsegment. Fast niemand verfügte über größere Ersparnisse oder gar über Immobilien-Eigentum. (Und falls doch, dann waren es zumeist Häuser in ländlichen und zunehmend entvölkerten Regionen, die sich nach der Wende als unverkäuflich erwiesen.) Sehr drastisch schildert Steffen Mau, welcher Orkan der Zerstörung bestehender Strukturen in den Transformationsjahren über Ostdeutschland hinweggefegt ist. Die neu eingezogene Freiheit und Marktwirtschaft traf auf eine Population, die nicht im Geringsten darauf vorbereitet war und damit größtenteils überhaupt nicht umgehen konnte.

In Lütten Klein, dem einstigen Vorzeige-Wohngebiet der Ostsee-Metropole, dessen Bewohner zu DDR-Zeiten noch stolz darauf waren, eine der damals heiß begehrten Neubauwohnungen ergattert zu haben, war der Absturz sogar noch drastischer, denn nun hieß es plötzlich: “Man wohnt nicht mehr in der Platte”. Wer etwas auf sich hielt, suchte schnell das Weite, und übrig blieben dort bald nur noch die Abgehängten und Genügsamen.

Das Ergebnis aus all diesen jahrelangen Frustrationen lässt sich mittlerweile an den ostdeutschen Wahlergebnissen ablesen. Die Menschen im Osten sind bockig, missmutig, ressentimentgetrieben gegen alles Westliche. Sie behandeln migranische Neuankömmlinge so schlecht, wie sie selbst sich mehr als drei Jahrzehnte lang von den Westdeutschen behandelt fühlten. Sie flüchten sich aus der Wirklichkeit des Fachkräftemangels in Fantasiewelten nationaler Autarkie. Doch geht die Schere überall im Osten weiter auseinander zwischen den vielen Kleinstädten und ländlichen Gebieten auf der einen Seite, die abgehängt und in fremdenfeindlicher Selbstabschottung immer tiefer in den Abwärtsstrudel geraten, und den wenigen längst wieder aufstrebenden Großstädten auf der anderen Seite, die dank Ansiedlung von Migranten wieder wachsen und mit neu entstandenen Jobs und noch vergleichsweise günstigem Wohnraum mittlerweile so mancher West-Stadt den Rang ablaufen.

Sehr lebendig und untermalt mit vielen O-Tönen aus zu Recherchezwecken selbst geführten Interviews mit den Bewohnern schildert Steffen Mau den Werdegang “seines” Viertels in Vor- und Nachwendezeit. Trotz einiger soziologischer Fachtermini ist das Buch flüssig geschrieben und liest sich durchweg unterhaltsam. Hinzu kommt eine Vielzahl an einschlägigen Zahlen und Diagrammen, die das Werk zu einer wahren Fundgrube machen. Nur eins liefert der Autor in diesem Buch leider nicht (und in seinem besagten späteren Buch “Ungleich vereint” dann auch nur ansatzweise): Rezepte für Auswege aus der beschriebenen Malaise. Und den Leser beschleicht die düstere Ahnung, dass der ostdeutschen “Generation Wiedervereinigung” wohl nicht mehr zu helfen ist. Stattdessen muss es jetzt darauf ankommen, die von den Erzählungen ihrer Eltern kontaminierten ostdeutschen Nachwendegenerationen “abzuholen” und “mitzunehmen”, was nach Erkenntnissen der soziologischen Forschung am besten durch Studienaufenthalte der jungen Ostler in Westdeutschland gelingt, aber auch durch den Kontakt mit aus dem Westen zugezogenen Studierenden an ostdeutschen Universitäten. Je mehr Austausch zwischen den jungen Generationen in Ost und West, desto besser. Und je mehr weitere trübsinnige Abschottung der östlichen Frustrations-Kollektive, desto schlimmer.

Steffen Mau
Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft
Suhrkamp Verlag 2019
285 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-518-47092-3

justament.de, 10.2.2025: Dritte Demo in sechs Jahren

Warum Justament-Autor Thomas Claer neuerdings so oft demonstrieren geht

Die in Art. 8 GG ausdrücklich geschützte Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut in einem Rechtsstaat. Menschen, die regelmäßig und oft auf die Straße gehen, um aller Welt zu zeigen, was sie umtreibt und bewegt, tun daher zunächst einmal etwas Gutes, Richtiges und Sinnvolles. Dennoch halte ich mich von Demonstrationen normalerweise eher fern, weil sich deren Effekt doch rasch abnutzt, wenn sie ständig und immer wieder aufs Neue stattfinden. Außerdem fehlt mir auch einfach die Geduld, um womöglich mehrere Stunden im Schneckentempo durch die Gegend zu trippeln oder mir die Beine in den Bauch zu stehen. Und noch dazu bin ich extrem kälteempfindlich; also im Winter demonstrieren, das geht für mich eigentlich gar nicht.

Dass ich trotzdem vor einer Woche – in bitterster Winterskälte! – auf meiner bereits dritten Demo in gerade einmal sechs Jahren gewesen bin, ist allein den gegenwärtigen politischen Umständen geschuldet. Zuvor hatte ich zweieinhalb Jahrzehnte lang überhaupt nicht mehr demonstriert, letztmalig als Student Mitte der Neunziger gegen rechtsextremistische Anschläge. Doch dann kam Fridays for Future, und ich marschierte mit. Ich fand es großartig, dass so viele – und darunter auch so viele junge – Leute endlich einmal aufwachten und sich dem Klimawandel entgegenstellten. Allerdings ist es bezeichnend für unsere mittlerweile extrem schnellebige Zeit, dass diese damals so hoffnungsvoll erscheinende Welle schon längst wieder abgeebbt ist. Kaum jemand interessiert sich heute noch für Klimaschutz, egal ob Gebirgsdörfer unter Wasser oder Städte in Flammen stehen. Denn schließlich haben wir inzwischen ja auch noch mehr als genug andere existenzielle Probleme, allen voran den durchgeknallten Kreml-Despoten mit seiner sogenannten Spezialoperation, gegen die ich vor drei Jahren ebenfalls auf die Straße gegangen bin.

Und nun hat auch noch in Übersee der selbsternannte “Diktator für einen Tag” zum zweiten Mal sein Amt angetreten und schon in den ersten drei Wochen mit seinen irren Ideen und Aktionen die Welt in Furcht und Schrecken versetzt. Darüber hinaus haben wir hierzulande in zwei Wochen vorgezogene Bundestagswahlen, und der designierte künftige Kanzler von der CDU hielt es für eine gute Idee, seine Fraktion im Bundestag sehenden Auges mit der weitgehend rechtsextremistischen AfD für einen Antrag und ein Gesetzesvorhaben abstimmen zu lassen (was er vor wenigen Wochen noch kategorisch ausgeschlossen hatte). Klar, dass ihm jetzt viele Wähler seine Beteuerungen nicht mehr abnehmen, nach der Wahl keinesfalls mit der AfD kooperieren zu wollen. Doch haben die Massendemonstrationen in vielen Orten unseres Landes (hier in Berlin mit mehr als 160.000 Teilnehmern, in München nun sogar mit über 250.000) gegen diese Vorgehensweise offenbar schon etwas bewirkt: So eindringlich, wiederholt und entschieden, wie sich der Kanzlerkandidat der Union auf dem jüngsten CDU-Parteitag und ebenso gestern im Fernseh-Duell gegen jede Form der Zusammenarbeit mit der Rechtsaußenpartei ausgesprochen hat (und auch ausdrücklich gegen eine von dieser tolerierte Minderheitsregierung), wird er davon nun wohl nicht mehr abrücken können, ohne seine Glaubwürdigkeit vollends zu beschädigen. Insofern haben sich Massendemonstrationen als probates Mittel im politischen Meinungskampf, wenn es ernst wird, ein weiteres Mal bewährt. Noch funktioniert unsere Denokratie also. Möge es auch weiter so bleiben!

justament.de, 27.1.2025: Der grollende Osten (1)

Steffen Mau liefert mit “Ungleich vereint” die präziseste Analyse des “Problemfelds Ost”

Thomas Claer

Da gibt es eine Gegend, die zu den wohlhabendsten Regionen Europas zählt, doch ihre Bewohner sind voller Groll, denn ihren weiter westlich lebenden Landsleuten geht es noch ein Stück weit besser als ihnen, und das nicht immer einfache Zusammenwachsen mit jenen hat bei ihnen schwere Traumata zurückgelassen, die sie offenbar auch schon an die nächste Generation witergegeben haben. Mehrere vieldiskutierte Bücher über die schwierige deutsche Einheit und den zumindest in seiner Selbstwahrnehmung noch immer problembeladenen Osten sind in den letzten Jahren erschienen. Selbstverständlich wurden sie alle – ohne Ausnahme! – von aus Ostdeutschland stammenden Autorinnen und Autoren verfasst. Denn warum sollten Westdeutsche sich mit Problemfeldern auseinandersetzen, die in ihren Augen überhaupt nicht existieren, die sie zumindest nicht als solche zu erkennen vermögen?

Die besagten Bücher wenden sich entweder gegen die Arroganz des Westens gegenüber dem Osten (Dirk Oschmann) oder gegen die Ignoranz des Ostens gegenüber der Demokratie (Ilko-Sascha Kowalczuk), oder sie erzählen die Geschichte der untergegangenen DDR noch einmal ganz anders und stark beschönigend (Katja Hoyer). Und dann ist da auch noch der aus Rostock stammende Berliner Soziologie-Professor Steffen Mau (geb. 1968), der in seinem schmalen Bändchen namens “Ungleich vereint” unaufgeregt und ausgewogen, pointiert, aber nie polemisch all das analysiert und auf den Punkt bringt, was sich in gut drei Jahrzehnten (plus DDR-Vorgeschichte) in den noch immer so genannten Neuen Bundesländern so zusammengebraut hat.

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses kleine Büchlein sollte unbedingt jeder gelesen haben, der ein Interesse an der Ost-Thematik mitbringt, der im Osten wohnt oder mit dem Osten und seinen Bewohnern zu tun hat. Steffen Maus zentrale These lautet: Der Osten ist in vieler Hinsicht anders als der Westen – und er wird es auch weiterhin bleiben. Damit ist zugleich gesagt, dass diese kleine Studie vermutlich noch für Jahrzehnte relevant sein wird! Die Anschaffung und Lektüre dieses Buches dürfte sich also mit großer Sicherheit voll armortisieren…

Das Buch richtet sich sowohl an Ostdeutsche, die sich über ihre Besonderheiten und ihren einheitsbedingten psychischen Knax klarwerden wollen, als auch an Westdeutsche, die wissen wollen, warum ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern aus ihrer Sicht so seltsam sind. (“Ich möchte das Thema Ostdeutschland aus der dünkelhaften und selbstgewissen Ecke herausholen, in Ost wie in West.”, S.9) Es geht los mit dem unerwarteten Befund der Verfestigung bestehender Ost-West-Unterschiede, die man lange Zeit als nur vorübergehend angesehen hatte. Konkret wird sodann die “ausgebremste Demokratisierung” des Ostens unter die Lupe genommen. Wie konnte es passieren, dass die demokratischen Institutionen und Parteien auch nach über 30 Jahren im Osten noch alles andere als fest verwurzelt sind? Sehr aufschlussreich ist vor allem das Kapitel “Kein 1968”. Darin wird einerseits deutlich, wie tiefgreifend Westdeutschland von der anti-autoritären Generationenrevolte “von unten” seit den späten Sechzigern geprägt wurde und wie stark seine heutige hohe demokratische Kultur damit zusammenhängt. Genau dies fehlt aber andererseits dem Osten, denn es mangelt ihm an jeglichen Voraussetzungen für vergleichbare Generationen-Protestbewegungen. (“Die Älteren saßen nicht saturiert in ihren Wohn- und Amtsstuben, sondern standen oft genug in der Schlange des Arbeitsamts.”, S.64)

Die zweite Hälfte des Buches widmet sich dann ganz überwiegend der sich stattdessen vor unseren Augen im Osten abspielenden autoritären Revolte von rechtsaußen. Sehr treffend bemüht Steffen Mau hier den aus dem Versicherungswesen stammenden Begriff des “Allmählichkeitsschadens”. Mit der Zeit, angefangen von den “Baseballschlägerjahren” in den Neunzigern und ihren rechtsradikalen Vorläufern in der späten DDR über den Einzug von Neonazi-Kadern aus dem Westen in den Osten bis hin zum heutigen verstärkten Aufgreifen von Ost-Befindlichkeiten durch die AfD, hat sich über die Jahre eine trübe Melange aus Ost-Trotz, Ressentiment und Hetze so ausgebreitet, dass sie nun die Grundpfeiler von Demokratie und Rechtsstaatslichkeit anzugreifen droht. Immerhin, die gute Nachricht ist, dass die AfD im Westen (und damit auch auf Bundesebene) ihr Stimmenpotential mit 20 Prozent plus x sehr wahrscheinlich schon weitgehend ausgereizt hat. Im Osten allerdings könnte sie angesichts der dort vor allem im kleinstädtischen und ländlichen Raum stark verbreiteten antidemokratischen Misstrauenskultur sogar noch weiter wachsen. (Und gerade jene Orte, die infolge starken Einwohnerrückgangs besonders auf Zuwanderung angewiesen wären, drohen durch ihre fremdenfeindliche Abschottung in eine fatale Abwärtsspirale zu geraten.) Um so wichtiger ist es insofern, dass die vielzitierte Brandmauer nach rechtsaußen unbedingt weiter halten muss. Aber das ist leichter gesagt als umgesetzt, wenn wir es vielerorts im Osten bereits mit einer massiv “angebräunten Zivilgesellschaft” zu tun haben.

Na gut, der Rechtspopulismus und -extremismus ist derzeit leider weltweit enorm auf dem Vormarsch, weshalb womöglich gar nicht das dafür stark anfällige Ostdeutschland, sondern vielmehr das dafür kaum anfällige Westdeutschland die Besonderheit darstellt. Doch habe, so Mau, der Rechtsruck im Osten andere, nämlich eigene Ursachen. Dazu zählt z.B. auch der wahrhaft schockierende Umstand, dass unsere (allesamt im Westen erscheinenden) gehobenen Qualitätszeitungen von FAZ und Süddeutscher Zeitung bis zu SPIEGEL und ZEIT im Osten schlichtweg kaum gelesen werden. Nur zwei bis fünf Prozent ihrer Abonnenten leben in den Neuen Bundesländern! Stattdessen liest man im Osten offenbar lieber das Desinformations-Organ Berliner Zeitung oder informiert sich in den verhetzten Sozialen Netzwerken. Da muss man sich natürlich nicht wundern…

Als möglichen Ausweg aus der Misere empfiehlt Mau abschließend zur Ergänzung zum als elitär und abgehobenen wahrgenommenen Parlamentsbetrieb den forcierten Einsatz von Bürgerräten. Vielleicht würde es ja helfen.

Steffen Mau
Ungleich vereint
Suhrkamp Verlag, 2024
168 Seiten; 18,00 Euro
ISBN: 978-3-518-02989-3

justament.de, 6.1.2024: Geht bald das Licht aus?

Geht bald das Licht aus?

Die Ausstellung “Was ist Aufklärung?” im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Thomas Claer

Diese Ausstellung kommt genau zur richtigen Zeit. Denn gegenwärtig scheint die – aus aufgeklärter Perspektive betrachtet – finsterste Reaktion beinahe unaufhaltsam auf dem Vormarsch zu sein. Wohin man blickt, nur immer neue Schreckensmeldungen. Dass der Despot im Kreml durchdreht, na gut. Man dürfe nie vergessen, hörte ich schon vor 35 Jahren von meinem Philosophie-Lehrer in der Schule, dass Russland ein Land sei, in dem es keine Aufklärung gegeben habe. Aber dass die Bürger der ruhmreichen Vereinigten Staaten von Amerika nun schon zum zweiten Mal einen impulsgetriebenen Lügenbold und Diktatorenfreund ins höchste Amt gewählt haben, der mit seinen toxischen Narrativen gleichsam die öffentliche Vernunft außer Kraft gesetzt hat, lässt für die Krisenherde der Welt das Schlimmste befürchten. Wird unser Kontinent dem standhalten, sich weiter als Heimstatt von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit behaupten können? Während im Inneren Europas schon die ideologischen Zersetzungsprozesse der Orbans und Le Pens, der Kickls und Salvinis, der Weidels und Wagenknechts wirken, nähert sich von Osten eine Putinsche Cyberangriffswoge nach der anderen und gibt es immer neue verdeckte Attacken auf unsere Energie- und Daten-Infrstruktur in der Ostsee. Stehen wir also am Rande eines hybriden Kriegszustands oder sind wir womöglich schon mitten drin?

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da hielten wir eine regelbasierte Weltordnung für alternativlos, Wandel durch Annäherung für eine Art Naturgesetz, wähnten uns an der Spitze des Fortschritts und “von Freunden umzingelt”. Nun dämmert uns langsam, dass Aufklärung vielleicht nur ein westlicher Sonderweg gewesen sein könnte statt das unausweichliche Entwicklungsziel der Menschheit.

Wie alles anfing mit der Aufklärung, dem Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, dem Vertrauen auf die Vernunft im 18. Jahrhundert, das zeigt eine sehenswerte und klug kuratierte Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Es versteht sich, dass bei einem solch ausschweifenden und übergreifenden Thema nur ein winziger Teil all dessen gezeigt werden kann, was an einschlägigen Exponaten hierfür infrage käme. Natürlich gehören dazu Bücher und Schriften, Porträts und Schrifttafeln der maßgeblichen Protagonisten, aber auch wissenschaftliche Instrumente wie Mikroskope, welche die Aufbrüche jener Epoche aufs Vollkommenste symbolisieren. Doch die Ausstellung verfährt – ihrem Gegenstand entsprechend – kritisch und beleuchtet auch nicht zu knapp die zahlreichen inneren Widersprüche und Aporien aufklärender Theorie und insbesondere auch Praxis. Wie jeder weiß, waren die Aufklärer ganz überwiegend weiß und männlich. Und der von Anfang an geringschätzende Blick auf auf all die rückständigen Unaufgeklärten dieser Welt kam und kommt noch dazu…

Mein persönliches Lieblingsexponat ist eine in Öl gemalte Abbildung mit dem Titel “Kurze Beschreibung der in Europa befintlichen Völckern und Ihren Eigenschaften” oder kurz “die steirische Völkertafel” (siehe Abbildung). Sie stammt vermutlich aus dem frühen 18. Jahrhundert und vergleicht angebliche Charaktereigenschaften von zehn europäischen Nationen anhand von 18 Rubriken wie etwa “Natur und Eigenschaft”, “Sitten” und “Lieben”. Dadurch festigt sie sowohl Fremd- als auch EIgenbilder. So seien die “Teutschen” etwa “Offenherzig” und liebten “Den Trunck”. Die “Angerländer” seien “Wohl Gestalt”, die Spanier “Hochmüttig” und litten unter “Verstopfung”. Der “Schwöth” hingegen sei “Stark und Groß”, aber auch “Graussam” und liebe “Köstlichkeiten”. Der “Poläck” sei “Bäurisch” und “Mittelmäßig”, der “Muskawith” sei “boßhaft” und liebe “den Prügl”. Der “Tirk oder Griech” (das wird hier in einen Topf geworfen) sei “Wie das Abril-Weter”, leide “An Schwachheit” und sei “Gar faul”; seine Kleidung sei “auf Weiber Art”…

Diese hübsche Tafel scheint mir das ganze Dilemma der Aufklärung auf den Punkt zu bringen. Mit dem löblichen Vorsatz, vorhandenes Wissen zu ordnen und zu systematisieren, werden hier in einem fort fragwürdigste Stereotype aneinandergereiht, die zu Ausgrenzung und Intoleranz führen können, in letzter Konsequenz sogar zu Hass und Völkermord. Es ist also, wie es schon Goya in seinem berühmten Bild antizipiert hat, “der Traum der Vernunft” selbst, der Ungeheuer hervorbringt. Was ja auch der Befund in Horkheimers und Adornos “Dialektik der Aufklärung” ist, laut meinem Philosophie-Lehrer einem der nur drei Werke, die man als aufgeklärter Mensch unbedingt gelesen haben sollte. (Die anderen beiden sind die “Kulturgeschichte der Neuzeit” von Egon Friedell und die “Philosophische Hintertreppe” von Wilhelm Weischedel.)

Kurzum, “Was ist Aufklärung”? führt uns “back to the roots” unseres modern-aufgeklärten Weltbildes und lässt uns innehalten angesichts der dramatischen tagespolitischen Verfinsterungsprozesse.

Was ist Auklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert
Noch bis 6.April 2025 im Deutschen Historischen Museum Berlin

justament.de, 30.12.2024: 25 Jahre Justament

Zweieinhalb Dekaden, ein Vierteljahrhundert – und immer noch frisch und munter!

Thomas Claer

Heute kann ich es ja zugeben: Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Als ich an einem sonnigen Tag im Juni 2002 (oder ist es vielleicht doch schon im Mai gewesen?) als Anwärter auf ein Praktikum in einem Berliner Kleinstverlag aufkreuzte, bat man mich, vor dem Bewerbungsgespräch mit dem Chef noch kurz Platz zu nehmen, und drückte mir als Lektüre zur Überbrückung der Wartezeit eine bunte Zeitschrift in die Hand, die seinerzeit zu den Flaggschiffen des jungen Startup-Verlags gehörte. Ich kannte sie damals noch nicht. Es gab sie auch erst seit knapp zweieinhalb Jahren. Ich begann also in ihr zu blättern – und hatte sofort Feuer gefangen. Eine Zeitschrift von jungen Juristen für junge Juristen, die sich um deren Sorgen und Nöte kümmert, sie gut informiert und dazu noch bestens unterhält! Vor allem aber gab es in der Justament auch immer etwas zum Lachen. Da schrieb eine Jura-Studentin anonyme Tagebücher, da gab es eine Foto-Love-Story genau wie in der Bravo, nur mit jungen Juristinnen und Juristen. Kurz gesagt, die Justament war ganz nach meinem Geschmack, und ich hatte in diesem Moment für mich entschieden, an ihr mitwirken zu wollen, wenn man mich nur lassen würde.

Und tatsächlich: Schon für die nächste Ausgabe konnte ich meinen Debüt-Text schreiben. Seitdem war ich immer dabei und durfte fünf Jahre später sogar das Zepter übernehmen. Doch bald darauf kam die Finanzkrise, und der Anzeigenmarkt brach ein. Unsere Zeitschrift kriselte, schleppte sich noch ein paar Jahre so durch – und wurde dann zum Pflegefall. Keine Print-Ausgaben mehr! Das war die bittere Konsequenz. Aber schließlich gibt es ja noch das Internet. Fortan übernahm ich also mit einigen hartgesottenen Mitstreitern die Intensiv-Pflege der Homepage unseres pflegebedürftigen Magazins. Und siehe da: Es gibt uns noch heute. Verändert zwar im Laufe der Jahre, abgespeckt und reduziert. Aber jede Woche kommt etwas Neues auf die Seite. The Show Must Go On!

In diesem Sinne: Auf die nächsten 25 Jahre!

Jahresende 2024: Ahnenforschung Claer, Teil 16

Zwar bin ich im zurückliegenden Jahr kaum zum “Ahnenforschen” gekommen, doch hat es dennoch einen signifikanten Erkenntnis-Durchbruch von unerwarteter Seite gegeben: nämlich von den Claers aus Thüringen; dazu gleich unten mehr. Als großer Erfolg lässt sich auch unser erstes Ahnenforschungs- und Familientreffen im vergangenen Sommer in Berlin mit immerhin einer Hand voll Teilnehmenden ansehen. Allerdings habe ich aus diesem Anlass im Vorfeld mal einen Blick in meine mittlerweile recht umfangreichen früheren “Forschungsberichte” seit 2010 geworfen, und mir ist dabei ein ums andere Mal die Schamesröte ins Gesicht gestiegen angesichts meines doch oftmals recht sorglosen Zusammenwerfens von einerseits belastbaren Fakten und andererseits Spekulationen ins Blaue hinein. Mir scheint, dass innerhalb unserer “genealogischen Namenslinie” neben der auffälligen Häufung von schriftstellerischen, darstellerischen und humoristischen Begabungen auch die Ausprägung von blühender Fantasie und starker Einbildungskraft reichlich vertreten ist – und dass ich mich selbst auch nicht ganz davon freisprechen kann… Als Konsequenz daraus wäre sicherlich die baldige Anfertigung eines summarischen “Best of Ahnenforschung” wünschenswert, das sich vornehmlich auf die Faktenlage beschränkt. Doch angesichts des vermutlich ganz erheblichen hierzu erforderlichen Aufwands möchte ich an dieser Stelle lieber noch nicht zu viel versprechen und beschränke mich hier deshalb zunächst auf eine zeitlich noch unbestimmte, um nicht zu sagen vage Ankündigung…

1. Eine Post-Kollegin aus Usdau

Vor einigen Monaten erhielt ich einen Anruf von einem Herrn T. aus Weilheim in Bayern, der auf meine früheren “Forschungsberichte” im Internet gestoßen ist. Herr T. ist geboren am 17.8.1941 in Usdau, Kreis Neidenburg, und zwar im Postgebäude Usdau (!). Seine Familie wohnte von 1939 bis Kriegsende in Usdau, und seine Tante war Leiterin der Poststelle, in der es das einzige Telefon des nur gut 700 Einwohner zählenden Ortes gab. Sie war geboren kurz vor 1900 und schon früher in Usdau in der Post tätig. Doch wurde Usdau nach Ende des Ersten Weltkriegs Polen zugeschlagen, vor allem, so Herr T, da es an der Bahnstrecke nach Warschau lag. Deshalb durften Deutsche dort nicht mehr in öffentlichen Ämtern tätig sein und wanderten ab (außer den Bauern, die dort Land besaßen). Erst ab 1939 gehörte Usdau dann wieder zu Deutschland. (Bei Wikipedia heißt es hierzu: “Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde Usdau – im Soldauer Gebiet gelegen – entsprechend den Bestimmungen des Versailler Vertrags am 10. Januar 1920 ohne Volksabstimmung an Polen abgetreten. … Mit dem Überfall auf Polen 1939 wurde das entnommene Territorium wieder Teil des Reichsgebiets.”) Herr T. floh im Alter von drei Jahren über Rostock mit dem Schiff, das eigentlich nach Flensburg fahren sollte, nach Dänemark und war dort in einer Art Sammellager untergebracht. Heute ist dort in Dänemark ein Museum, dem Herr T. zahlreiche Dokumente aus dieser Zeit zur Verfügung gestellt hat, u.a. eine Passagierliste des Schiffes mit den Flüchtlingen.

Für uns ist das alles auch deshalb von besonderem Interesse, weil mein Urgroßvater Georg Claer (der Postangestellte und Meldereiter in China während des Boxeraufstands, siehe meine früheren Berichte) am 6.5.1877 in Usdau geboren wurde und dessen Vater, mein Ururgroßvater Franz Claer (1841-1906), von Beruf ebenfalls Postangestellter, dort seine Ehefrau Henriette, geb. Stryjewski (1845-1931), geheiratet hat.

In meinem Forschungsbericht vom Jahresende 2021 schrieb ich darüber:

“Nun ist Usdau aber nicht nur der Geburtsort meines Urgroßvaters Georg Claer (1877-1930), sondern außerdem – im Fragebogen der „Reichsstelle für Sippenforschung“ von meinem Großvater Gerhard noch nachträglich handschriftlich hinzugefügt – der Hochzeitsort seiner Eltern, meines Ururgroßvaters Franz Claer (1841-1906) und meiner Ururgroßmutter Henriette Claer, geb. Stryjewski (1845-1931), als deren Geburtsort dort ebenfalls Usdau angegeben ist. Leider fehlt zu ihrer Hochzeit eine Jahresangabe, es sollte aber einige Jahre vor der Geburt meines Urgroßvaters Georg 1877 gewesen sein, denn zuvor ist im Jahr 1872 auch noch sein älterer Bruder Otto Albert Claer, der später Postsekretär in Königsberg wurde, zur Welt gekommen. Von letzterem fehlt uns, soweit ich in meinen Unterlagen sehe, zwar die Geburtsurkunde, aber aus dem späteren Hochzeitseintrag von Otto Albert Claer und Emma Sakreszewski von 1899 geht hervor, dass Otto Albert Claer am 13. November 1872 ebenfalls in Usdau geboren ist (als „Sohn des früheren Schneidermeisters und jetzigen Landbriefträgers Franz Claer“ steht dort). Bingo! Daraus folgt nun also, dass mein Ururgroßvater Franz Claer vor November 1872 in Usdau meine Ururgroßmutter, die dort geborene Henriette Stryjewski, geheiratet hat. Franz war damals also höchstens 31 Jahre alt, Henriette höchstens 27.”

Doch bin ich damals nicht der Frage nachgegangen, wie lange die Familie Franz und Henriette Claer nach der Geburt meines Urgroßvaters Georg 1877 noch in Usdau gelebt hat. Aufschluss darüber können die Geburtsurkunden der vier jüngeren Geschwister meines Urgroßvaters geben, die wir vor längeren Jahren ebenfalls im Netz gefunden haben. Und zumindest drei dieser vier jüngeren Geschwister haben demnach einen anderen Geburtsort, nämlich das Bahnhofsgebäude von Groß Koschlau. Dort haben nacheinander mein Urgroßonkel Robert Richard Claer (geb. 1881), später in Neidenburg Richard von der Post genannt, sowie meine Urgroßtanten Bertha Martha Claer (geb. 1884, verehelichte Samel) und Ida Hedwig Claer (geb. 1891, verehelichte Zebroroski) das Licht der Welt erblickt. (Von meiner weiteren Urgroßtante Armanda bzw.Wilhelmine Amalia Claer, verehelichte Willig, fehlt uns leider die Geburtsurkunde.)

Auch in der Heiratsurkunde meines Urgroßvaters Georg Claer und meiner Urgroßmutter Wilhelmine Claer, geb. Petschinski, vom 5. Mai 1904 in Neidenburg ist als Wohnort meines Urgroßvaters noch das Bahnhofsgebäude von Groß Koschlau angegeben. Das heißt also, dass Franz und Henriette Claer mit ihren beiden ältesten Söhnen Otto (geb. 1772) und Georg (geb. 1877) irgendwann zwischen 1877 und 1881 von Usdau nach Groß Koschlau umgezogen sind, wo mein Urgroßvater Georg dann später in seinen jungen Jahren – zumindest bis zu seiner Hochzeit 1904 – auch als Landbriefträger gearbeitet hat, während sein älterer Bruder Otto (der Opa von Hans-Henning und Lorelies) da bereits im gehobenen Postdienst in Königsberg Karriere machte.

Früheres Gutshaus Groß Koschlau (Foto: Wikipedia)

Groß Koschlau, heute Koszelewy, liegt laut Google Maps nur 12 km westlich von Usdau und hatte laut Wikipedia im Jahr 1858 nur 258 Einwohner, im Jahr 1905, also vermutlich nach Abwanderung der Claers nach Neidenburg, sogar nur noch 121. Laut Hochzeitsurkunde von 1904 hatten meine Ururgroßeltern Farnz und Henriette Claer zu dieser Zeit ihren Wohnsitz bereits in Neidenburg, wo Franz zwei Jahre später dann verstorben ist. Trotz der Eheschließung meiner Urgroßeltern in Neidenburg wurde allerdings ihr einziges Kind, mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974), laut allen uns vorliegenden Dokumenten nicht in Neidenburg, sondern in Fichtenwalde geboren. Und das Dorf Fichtenwalde, heute Drzazgi, gehörte seinerzeit laut Wikipedia mit zum Kirchspiel Groß Koschlau. Laut Wikipedia bestand Fichtenwalde damals nur aus ein paar Gehöften und hatte im Jahr 1905 nur 26 Einwohner. Es liegt 25 km westlich der damaligen Kreisstadt Neidenburg.
So wie Usdau sind auch Groß Koschlau und Fichtenwalde 1920 an Polen gefallen (und 1939 wieder zu Deutschland zurückgekommen). Nach dem oben Festgestellten waren die Claers davon aber vermutlich nicht betroffen, da mein Urgroßvater Georg und meine Urgroßmutter Wilhelmine sowie mein Großvater Gerhard (wie vermutlich auch mein Urgroßonkel Richard von der Post) zu dieser Zeit wohl schon lange in Neidenburg lebten. Genau wissen wir das allerdings nicht, denn möglich wäre auch, dass Georg auch nach seiner Hochzeit in Neidenburg zunächst weiter als Landbriefträger in Groß Koschlau oder Fichtenwalde gearbeitet hat, wo immerhin 1905 mein Großvater Gerhard geboren wurde. Jeodoch hat mein Großvater ausweislich seines Lebenslaufs zwischen 1912 und 1921 das Städtische Realgymnasium in Neidenburg besucht, was spätestens zu dieser Zeit auf einen Wohnsitz der Familie in Neidenburg hindeutet – wenn er nicht täglich die 25 km zur Schule mit dem Fahrrad oder mit dem Schulbus zurückgelegt hat…

Um nun noch einmal auf die eingangs erwähnte Tante von Herrn T., die kurz vor 1900 geborene Leiterin des Postamtes in Usdau, zurückzukommen, so lässt sich wohl sagen, dass sie vermutlich eher keine persönliche Bekannte unserer Claers von der Post in Usdau gewesen sein dürfte. Denn als sie vor 1920 als sehr junge Frau in den Postdienst eintrat, war Franz Claer längst nicht mehr am Leben und Georg Claer wahrscheinlich schon lange in Neidenburg wohnhaft. Außer er hat noch länger als gedacht als Landbriefträger in Groß Koschlau oder Fichtenwalde gearbeitet und als solcher vielleicht gelegentlich auch das Postamt in Usdau aufgesucht. Oder die Tante von Herrn T. hat bereits als Kind Bekanntschaft mit meinem Urgroßvater gemacht, als dieser ihr womöglich einmal eine Postsendung zugestellt hat…

2. Ein Nachkomme der Claers in Thüringen

Gerade hatte ich in meinen letzten “Forschungsberichten” noch die Claers aus Thüringen behandelt und mit Bedauern festgestellt, dass sich zwar noch bis in die Nachkriegszeit ein “Lederwarengeschäft Friedrich Claer” in Erfurt nachweisen lässt, aber mittlerweile leider keine Namensträger mehr dort auffindbar sind. Doch nun hat sich tatsächlich ein direkter Nachkomme der Erfurter Claers bei mir gemeldet! Der 72-jährige Ralf F. aus Erfurt ist der Sohn von Johanna F., geb. Claer (30.6.1926 – 30.5.2012), und der Enkelsohn des Sattlermeisters Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959), des letzten Betreibers des Erfurter “Lederwarengeschäfts Friedrich Claer”. Ralf F. hat detaillierte Kindheitserinnerungen an seinen Großvater und beschreibt diesen als stets sehr fröhlichen, humorvollen und lebenslustigen Mann, der mitunter auch mit der Kundschaft seines Ladens seine Possen trieb. Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959) führte in dritter Generation das von seinem Großvater Friedrich Wilhelm Heinrich Claer (geb. 1825) gegründete Lederwarengeschäft. Sein Werbeslogan lautete: “Ob Koffer, Tasche, Necessaire – es bleibt dabei: Du gehst zu Claer”.
Aufgrund zahlreicher Dokumente, die mir Ralf F. dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, lässt sich die Linie der Erfurter Claers lückenlos bis zum Feldjäger Johann Friedrich Claer zurückverfolgen, dem Vater des 1802 in Siersleben geborenen überregionalen Erfurter Fuhrunternehmers Christoph Friedrich Claer, dessen Sohn das besagte Lederwarengeschäft gegründet hat. Und jener vor 1776 geborene Johann Friedrich Claer, Sohn des ominösen “hochehrwürdigen Herrn Christian Friedrich Claer” aus Wittiz (wo immer dies gelegen hat), könnte das von uns seit langem gesuchte Verbindungsglied zu “unseren” ostpreußischen Claers darstellen, siehe meinen vorigen Bericht.

Hier die Linie der Erfurter Claers im Überblick:
1. Christian Friedrich Claer (??-??), hochehrwürdiger Herr aus Wittiz
2. Johann Friedrich Claer (nach 1776-??), Feldjäger) / evt. identisch mit dem namensgleichen Unterförster in Ludwigswalde/Ostpreußen oo Charlotte Sophie Frantz
3. Christoph Friedrich Claer (1802-??), Fuhrunternehmer in Erfurt oo Sophie Hofmann (1800-??)
4. Friedrich Wilhelm Heinrich Claer (1825-vor 1882), Sattlermeister oo Barbara Rosine Mohnhaupt (1826-1889)
5. Friedrich Hermann Claer (1859-??), Sattlermeister oo Sophie Rosalie Schönstädt (1869-??)
6. Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959), Sattlermeister oo Martha Czekalla
7. Johanna F., geb. Claer (1926-2012)
8. Ralf F. (geb. 1951/52)

Über die genannten Dokumente hinaus verfügt Ralf F. über zahlreiche Erbstücke von der mütterlichen Seite seiner Familie. U.a. handelt es sich um Koffer mit den Insignien des Lederwarengeschäfts, handgeschriebene Tagebücher von Mitte des 19. Jahrhunderts und private Filme, in denen sein Großvater Friedrich Wilhelm Claer auftritt. Noch dazu hat Ralf F. ein Buch über den Kresse-Anbau in Erfurt in 6. Generation seiner Familie väterlicherseits verfasst, das zum Bestseller geworden ist. Es gibt also – vom schriftstellerischen und darstellerischen Talent bis hin zum lustigen Wesenszug – zahlreiche Indizien, die auf eine weitläufige Verwandtschaft mit den anderen uns bekannten Linien der Claers hindeuten. Sollte meine oben angestellte Spekulation zutreffen und der Johann Friedrich Claer 1802 in Siersleben mit “unserem” Johann Friedrich Claer, Unterförster im ostpreußischen Ludwigswalde, identisch sein, dann wäre Ralf F. mein Cousin 6. Grades, d.h. unsere Ururururgroßväter wären Brüder gewesen.

Jugendbildnis des Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959)

Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959)

Meisterbrief des Friedrich Wilhelm Claer (1895-1959)

Heiratsschein Friedrich Wilhelm Claer von 1921

Lederwarengeschäft Friedrich Claer 1944

Taschenkalender Friedrich Wilhelm Claer von 1936

Rechnungspapier des “Lederwarengeschäfts Friedrich Claer”

Heiratsurkunde Friedrich Hermann Claer von 1891

Tagebuch Wilhelm Claer von 1845 (vermutlich Friedrich Wilhelm Heinrich Claer, späterer Gründer des Lederwarengeschäfts, im Alter von 20 Jahren)

3. Zwei Funde in Kirchenbüchern

Ansonsten sind diesmal nur noch zwei Funde meines unermüdlich forschenden Neffen fünften Grades Andreas Z. in Kirchenbüchern zu vermelden.

a) Ein Fabrikarbeiter in Tilsit
“Wir haben im Kreis Tilsit in Ostpreußen einen Friedrich Klaer, Arbeiter/Fabrikarbeiter mit seiner Wilhelmine geb. Hoyer gefunden. Wir haben zu diesem Paar 4 Kinder – 3 Mädels und 1 Junge (ohne Namen) geboren zwischen 1856 und 1864 gefunden. Leider nur die Geburtseinträge der Kinder ohne Angaben der Eltern von Friedrich und Wilhelmine. Zumindest diesmal kein Postbeamter oder Förster. Mal schauen, wo wir ihn einordnen können.”

b) Ein Offizier in Schlesien
Eintrag in einem Kirchenbuch in Schlesien – Guhrau nahe Breslau – 1863:

“Am dreizehnten Februar Nachts 1/2 12 Uhr ist geboren und am fünften März getauft, die Tochter des Offiziers des II. Escadron im Westpreußischen Kürassierregiments Nr. 5 : Friedrich Wilhelm Klaer, u. s. E. Henriette Louise, geb. Scholz, und erhält den Namen: Emma Mathilde Hedwig”

Nach Recherche von Andreas Z. war das westpreußische Kürassierregiment Nr. 5 zu dieser Zeit in Guhrau in Schlesien stationiert. Auch hier ist uns leider noch keine Zuordnung zu den uns bislang bekannten Claers möglich.

4. Zwei Funde bei Ebay

Abschließend noch zwei von mir aufgestöberte Angebote auf der Ebay-Seite: ein Original-Filmplakat und ein Original-Pressefoto – jeweils aus den mittleren 1970er Jahren und mit unserem prominentesten Familienmitglied, meinem Onkel dritten Grades Hans Henning “Moppel” Claer (1931-2002) in seiner Filmrolle als Ruhrgebiets-Kumpel Jupp Kaltofen. Man muss immer wieder betonen, dass diese Filme – anders, als es die Abbildungen hier suggerieren – nur zu höchstens 20% aus (nichtexpliziten) sexuellen Inhalten, aber zu mindestens 80% aus Ulk und Klamauk bestanden.

5. Ausblick

Nach allem lässt sich nur sagen: Wir bleiben weiter dran. Und der Plan ist, als nächstes die Familien-Erbstücke in Erfurt unter die Lupe zu nehmen.

justament.de, 23.12.2024: Mann der Ordnung, im Home-Office

Hans Hugo Klein über Goethe als Jurist

Thomas Claer

Längst haben wir uns mittlerweile daran gewöhnt, dass das alltägliche Leben unserer Prominenten (und oftmals auch das ganz gewöhnlicher Zeitgenossen) für ein jeweils interessiertes Publikum in allen Einzelheiten dokumentiert ist. Historisch gesehen war einer der Ersten, vermutlich sogar der Erste, über dessen Lebensführung wir auch heute noch genauestens und detailliert Bescheid wissen, der Großdichter und Multitasker Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Dank seinem langjährigen Vertrauten Eckermann sowie der Sammelwut der damaligen und erst recht der späteren Goethe-Forschung gibt es im 83 Jahre währenden Leben des Dichterfürsten wohl mittlerweile keine blinden Flecken mehr. So ist zuletzt sogar aus heutiger Sicht wenig Vorteilhaftes über Goethe ans Licht gekommen, nämlich dessen Missbilligung bestimmter Reformen zur Judenemanzipation in Preußen (gegenüber seinem Freund Friedrich v. Müller, dem Staatskanzler des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach).

Natürlich ist Goethes so hinlänglich dokumentiertes Leben auch eine Fundgrube für alle, die sich bestimmten Aspekten seines Wirkens auch jenseits der schönen Künste näher widmen möchten. Hierzu hat der Ex-Verfassungsrichter Hans Hugo Klein in zehn Aufsätzen für diverse juristische Festschriften eine Menge Erhellendes zusammengeragen, das nun erstmals auch in Buchform – und ergänzt um ein Zusatzkapitel über “Goethes letzte Amtshandlung” – erschienen ist. Allerdings führt der Titel dieser Aufsatzsammlung “Der Jurist Goethe” doch etwas in die Irre, denn um Goethes im engeren Sinne juristische Tätigkeit (seine vier Jahre als Rechtsanwalt, in denen er 28 Prozesse führte, ohne dabei jemals vor Gericht anwesend gewesen zu sein) geht es hier nur am Rande. Vielmehr behandelt der Band vor allem Goethes administrative Rolle im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, u.a. als Staatsminister, Mitglied des Geheimen Collegiums (der höchsten Regierungsbehörde des Landes), leitender Oberaufseher in sämtlichen Angelegenheiten der Wissenschaft und Kultur, Direktor des Weimarer Theaters sowie Mitglied und Leiter diverser Wirtschafts- und Finanzkommissionen.

Der Hintergrund all dessen ist, dass der junge Goethe als aufstrebender Literat mit juristischer Ausbildung das Gück hatte, im zehn Jahre jüngeren Herzog (ab 1815 Großherzog) von Sachsen-Weimar-Eisenach einen großen Fan seiner Werke zu haben. Carl August holte Goethe also zu sich nach Weimar, versah ihn mit einem fürstlichen Salär und kaufte ihm ein prächtiges Stadthaus mit 18 Räumen in bester Innenstadtlage, in dem Goethe alsdann jedes Zimmer in jeweils anderen Farbtönen streichen ließ (Empfangsräume gelb, Arbeitszimmer grün, Gesellschaftsräume rot, Schlafräume weiß) und später seine immensen Sammlungen u.a. antiker Skulpturen unterbrachte. Auch für Goethes eineinhalbjährige Bildungsreise nach und durch Italien kam Carl August auf. Im Gegenzug nahm Goethe neben seiner literarischen Tätigkeit bis zu seinem Lebensende auch allerlei administrative Aufgaben im Großherzogtum wahr und stellte so seine Expertise und insbesondere auch seinen gesunden Menschenverstand in den Dienst des Großherzogs.

Goethe versah diese Ämter, wie wir aus Kleins Sammelband erfahren, stets sehr gewissenhaft und wendete viel Mühe, Kraft und Zeit für sie auf (ohne über ihnen freilich jemals sein literarisches Schaffen, seine Naturstudien oder seine privaten Korrespondenzen zu vernachlässigen). Zumeist erledigte er seine administrativen Aufgaben im häuslichen Arbeitszimmer, da sich alle erforderlichen Unterlagen stets rasch durch seine Bediensteten herbeischaffen ließen. Goethe war glänzend organisiert und gnadenlos effektiv, nutzte etwaige Wartezeiten regelmäßig zum Nachdenken über andere laufende Projekte; schließlich arbeitete er fortwährend an mehreren parallel.

In der Tagespolitik nahm Goethe, im Unterschied zu seinem für liberale Reformen aller Art zumeist aufgeschlossenen Freund und Vorgesetzten Carl August, eher den konservativen Part ein. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften Goethes in allen Lebensbereichen war seine unbedingte Ordnungsliebe. Klein vermutet, dass Goethe die von damaligen Zeitgenossen vielfach angeprangerte Unsauberkeit im Straßenbild der Stadt Karlsruhe (offenbar hat es dort seinerzeit ähnlich ausgesehen wie heute in Berlin!) zu den folgenden Sentenzen in seinem Epos “Hermann und Dorothea” (1797) inspiriert hat:

“Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei, wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt. Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben Unrat sich häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt, wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird, wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret. Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal, wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.”

Als positive Gegenbeispiele für ordentliche und reinliche Städte nennt das Werk im Folgenden übrigens “Straßburg und Frankfurt und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist”.

Auch wenn Kleins Goethe-Aufsätze angesichts ihrer vielen Fußnoten mitunter etwas schwer lesbar sind (anders als etwa die weniger akademisch gehaltenen Goethe-Bücher von Rüdiger Safranski oder Manfred Osten), so gewähren sie doch eine Menge hochinteressante Einblicke in ein außergewöhnliches und lückenlos erfasstes Leben vor 200 Jahren.

Hans Hugo Klein
Der Jurist Johann Wolfgang von Goethe. Eine Spurensuche in Werk und Wirken
Verlag C.H. Beck, 2024
290 Seiten; 29,95 EUR
ISBN: 978-3-406-81474-7

justament.de, 23.12.2024: Irgendwas war immer

Scheiben Spezial: Vor 25 Jahren erschien das Debüt von “Britta”

Thomas Claer

Im “Musikgeschäft” gilt es ja eigentlich als ungeschriebenes Gesetz, dass man/frau nur eine “Band seines (respektive ihres) Lebens” haben kann. Doch wie immer, so auch hier, bestätigen Ausnahmen die Regel: wie die der Ausnahmemusikerin und -texterin Christiane Rösinger (geboren 1961 in einer Baden-Württembergischen Kleinstadt), die nacheinander in gleich drei überragenden Formationen nicht nur mitgewirkt, sondern diese auch jeweils entscheidend geprägt hat.

Angefangen hat sie in der West-Berliner Indie-Group Lassie Singers, die seit den späten Achtzigern mit frechen Songs und feministischen Texten für Aufsehen sorgte. Hier war Rösinger als Gitarristin und Co-Sängerin allerdings noch nicht die alleinige Frontfrau, sondern nur eins unter mehreren starken Egos. Doch lässt sich wohl sagen, ohne ihren damaligen Mitstreiterinnen zu nahe zu treten, dass die von Christiane Rösinger geschriebenen und gesungenen Lassie-Singers-Lieder die weitaus stärksten waren: von “Liebe wird oft überbewertet” über “Ich glaub, ich hab ein Faible für Idioten” (einem der schönsten und zugleich witzigsten Liebeslieder aller Zeiten) bis zu “Es ist so schade, dass du so bist, wie du bist”.

Als sich das Ende der Lassie Singers schon abzeichnete, gründete Christiane Rösinger dann in den späten Neunzigern gemeinsam mit zwei Freundinnen die Berliner Rockband “Britta”, die sich wohl nur deshalb nach der Schlagzeugerin Britta Neander benannte, weil diese den eingängigsten Vornamen trug. (Für eine Band namens “Christiane” war die Zeit damals offenbar noch nicht reif.) Doch war bei “Britta” natürlich niemand anders als Christiane Rösinger tonangebend, was sich in vier rundum überzeugenden Alben dokumentiert: Den Anfang machte 1999, vor 25 Jahren, “Irgendwas ist immer”, das mit einer Heinrich-Heine-Vertonung startet (welcher in den Jahren darauf noch mehrere weitere folgen sollten). Im grandiosen Titelstück, einem besonderen textlichen Highlight, taumelt das lyrische Ich durch die Krisen und sonstigen Wirrnisse eines Jahres: “Ich kam vom Sommerloch in die Herbsttraurigkeit, von der Herbsttraurigkeit in die Winterdepression, von der Winterdepression in die Frühjahrsmüdigkeit und von der Frühjahrsmüdigkeit ins Sommerloch”. Am Ende der Platte findet sich auch noch die Britta-Version des bereits erwähnten Lassie-Singers-Klassikers “Ich glaub, ich hab ein Faible für Idioten”. Besonders charmant macht dieses Album nicht zuletzt der pointierte Einsatz des Cellos (neben Gitarre, Bass und Schlagzeug, versteht sich).

Auch über die beiden Folgealben “Kollektion Gold” (2001) und “Lichtjahre voraus” (2003) lässt sich nur Gutes sagen. Doch der eigentliche Knaller war dann Brittas Schlusspunkt “Das schöne Leben” (2006) mit so fantastischen Songs wie “Depressiver Tag” oder “Wer wird Millionär?”. Nach langer Pause fanden sich die Britta-Musikerinnen 2018 noch einmal zu einer nachträglichen Best-of-Tour zusammen. Da hatte Christiane Rösinger bereits zwei ausgezeichnete Solo-Alben herausgebracht: “Songs of L. And Hate” (2010) und “Lieder ohne Leiden” (2017) mit Songs wie “Ich muss immer an dich denken”, “Berlin” und “Eigentumswohnung”. Eigentlich wäre es nun höchste Zeit für eine weitere Solo-Platte von ihr, denn Musikerinnen und Texterinnen von ihrem Kaliber gibt es  hierzulande bekanntlich nur in homöopathischen Dosen. Wir verneigen uns also vor der großen Indie-Veteranin Christiane Rösinger und sind guter Hoffnung, bald wieder Neues von ihr zu hören.

justament.de, 9.12.2024: Teuflisch gut

“Die Heiterkeit” mit neuem Album am 21. März und Vorab-Single am Nikolaustag

Endlich ist es soweit. Nach geschlagenen fünfeinhalb Jahren hat die an dieser Stelle bereits vielfach vergötterte Stella Sommer nun endlich das Erscheinen eines neuen Albums ihrer Band “Die Heiterkeit” angekündigt. Hinter der “Heiterkeit” verbirgt sich freilich niemand anders als die Sängerin selbst mitsamt ihrer Entourage, denn die anderen Gründungsmitglieder von 2010 haben die Band selbstredend schon längst wieder verlassen. Nur dass Stella Sommer auf ihren “Solo-Werken” englisch singt und auf den “Heiterkeit”-Platten deutsch. Bis zum 21. März müssen wir uns nun also noch mit der neuen “Heiterkeit”-Platte gedulden, die den verheißungsvollen Titel “Schwarze Magie” tragen wird und ein Konzeptalbum über die dunklen Seiten unseres Daseins werden soll. Das Beste ist aber: Eine (leider nicht als physischer Tonträger existente) Vorab-Single mit dem Titel “Teufelsberg” ist schon seit dem Nikolaus-Tag in der Welt, das heißt auf YouTube verfügbar:

Der Teufelsberg, das muss man wissen, ist ein durchaus geheimnisvoller und romantischer Ort in Berlin. Die zweithöchste Erhebung des Stadtgebiets, ein Trümmerberg inmitten des Grunewalds, dennoch gut erreichbar vom nicht weit entfernten S-Bahnhof Heerstraße. Seinen Namen erhielt er vom nahegelegenen Teufelssee mit seiner beliebten FKK-Badestelle, wo sich die berühmte Wildsau Elsa mit ihren Frischlingen gerne blicken lässt und dort mitunter auch schon mal Badegästen ihren Laptop entwendet. Der Teufelsberg also, auf dem sich im Sommer atemberaubende Sonnenuntergänge erleben lassen und man im Herbst gerne Drachen steigen lässt, hat nun offenbar die zugezogene Berlinerin Stella Sommer zu diesem düster-elegischen Song inspiriert. Allerdings klingt er doch sehr nach den vergangenen drei “Solo-Alben” der Künstlerin und leider weniger nach dem “Heiterkeit”-Vorgänger “Was passiert ist” (2019) mit so grandiosen Liedern wie “Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert”. Aber gut, auch wenn “Teufelsberg” noch nicht wirklich überragend ist, so macht es doch neugierig auf die uns im Frühling erwartende “Schwarze Magie”. Wir jedenfalls sind schon äußerst gespannt.

justament.de, 2.12.2024: Bilanz einer Kanzlerin

Bilanz einer Kanzlerin

Anmerkungen zur Merkel-ist-schuld-Debatte

Thomas Claer

Merkel ist an allem schuld, was hierzulande nicht gut läuft, und das ist eine Menge. So liest und hört man es vielfach, seit unsere Ex-Kanzlerin mit viel Tamtam ihre Autobiographie vorgelegt und unser Land damit mal wieder in eine hitzige Debatte gestürzt hat. Denn hätte man in den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft (2005-2021) nicht vieles besser machen können? Doch, ganz bestimmt sogar. Und erst recht mit dem Wissen von heute darüber, wie sich die Dinge seit ihrem Abgang dann weiter entwickelt haben.

Es sei doch sonnenklar gewesen, dass wir uns nie in eine solche energiepolitische Abhängigkeit von Putin-Russland hätten begeben dürfen, heißt es. Dem Kreml-Despoten sei doch auch schon damals nicht zu trauen gewesen. Wie habe man denn das nicht wissen können?! Immerhin die Grünen wussten es und haben es immer gesagt. Unsere Nachbarländer und die USA haben es ebenfalls gewusst und es uns immer wieder unter die Nase gerieben. Allein, die vier Merkel-Kabinette wollten davon nichts wissen. Realpolitik hieß damals: Energie von dort beziehen, wo sie am günstigsten zu haben war. So wollten es auch die Wirtschaft und alle Lobbyisten. Und dagegen war nun mal nicht anzukommen.

Aber hätte man damals nicht noch viel schneller und entschlossener die regenerativen Energien ausbauen sollen? Hätten wir heute doppelt oder dreimal soviel Wind- und Solarenergie, dann bräuchten wir all das teure und umweltfeindliche Flüssiggas nicht einzuführen, mit dem wir nach dem Wegfall der russischen Gas-Importe nun unseren Energiehunger stillen. So hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: dem Klimawandel etwas entgegengesetzt und uns unabhängig von Energie-Importen aus problematischen Herkunftsländern gemacht. Die Grünen wussten das alles schon damals. Aber auf sie hat ja keiner gehört, zumindest nicht genug.

Wäre es dann aber nicht auch schlauer gewesen, weiter auf Atomenergie zu setzen, statt mutwillig auf eine bereits vorhandene Energiequelle zu verzichten, die uns unabhängiger von zweifelhaften Energie-Importen gemacht hätte? Schließlich baut doch alle Welt die Atomenergie aus, und nur Deutschland unter Merkel hat im Alleingang den Ausstieg aus dieser Technologie vollzogen. Doch ist hier neben dem noch jahrtausendelang vor sich hin strahlenden hochgiftigen Atommüll und dem enorm CO2-emissionsbelastetendem Uranabbau (vorwiegend in Russland!) auch zu bedenken, dass laufende Atomkraftwerke natürlich erstklassige Angriffsziele in etwaigen kriegerischen Auseinandersetzungen sind – und das mitten in Europa. Nein, Merkels Atomausstieg war gewiss nicht verkehrt.

Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn man schon ab 2005 eine kommunale Wärmeplanung durchgeführt, die Energieversorgung schrittweise flächendeckend und verpflichtend auf Fernwärme (aus perspektivisch nur noch sauberen Energiequellen) und lokalen Wärmepumpen umgestellt hätte, so wie es uns die skandinavischen Länder schon in den Neunziger- und Nullerjahren vorgemacht haben? Na ganz bestimmt, denn dann würden wir heute energetisch weitaus robuster dastehen. Doch außer den Grünen, auf die ja keiner gehört hat, hatte das niemand auf dem Plan.

Vermutlich wäre es auch besser gewesen, wenn man bereits damals in viel größerem Stil die Elektromobilität gefördert und mit viel Staatsgeld wie die Chinesen den Bau von Elektro-Autos forciert hätte. Dann wäre der deutschen Automobilindustrie heute nicht wie aus heiterem Himmel ihr Geschäftsmodell weggebrochen. Aber das wollte damals nun wirklich niemand – außer den Grünen.

Doch zurück zur Zeitenwende seit 2022. Hätte man denn die Gefährlichkeit von Putin-Russland nicht schon viel früher erkennen können und rechtzeitig die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr massiv ausbauen müssen? Ja, das wäre gut gewesen. Aber das wollte damals fast niemand sehen: nicht die Regierungsparteien und schon überhaupt nicht die damals in Teilen noch pazifistischen Grünen. Nur ein ansonsten durchweg erratischer und lügnerischer US-Präsident, mit dem wir ab kommenden Januar erneut für vier weitere Jahre das zweifelhafte Vergnügen haben werden (sofern er nicht sogar noch länger im Amt bleibt, indem er die amerikanische Verafssung außer Kraft setzt), hat in diesem Punkt vollkommen recht behalten.

Aber wäre es denn nicht besser gewesen, die Ukraine schon 2008 in die NATO aufzunehmen, als Russland noch längst nicht so hochgerüstet war wie heute, so wie es der damalige US-Präsident Bush jun. damals im Sinn hatte? Dieser Plan ist seinerzeit nicht zuletzt an Kanzlerin Merkel gescheitert, die erfolgreich für mehr Rücksichtnahme auf die Interessen Russlands geworben hatte. Damit hätte man 14 Jahre später wahrscheinlich den Ukraine-Krieg vermeiden können, denn ein NATO-Land anzugreifen, das hätte Putin sich vermutlich nicht getraut. Doch die westlichen Länder hätten sich Russland auf diese Weise schon ein paar Jahre eher zum erbitterten Feind gemacht, und über die russische Reaktion auf einen ukrainischen NATO-Beitritt zu jener Zeit lässt sich nur spekulieren…

Wäre es ferner nicht auch besser gewesen, wenn die Merkel-Regierungen die zwischenzeitlich extreme Niedrigzins-Phase dazu genutzt hätten, mit langfristigen kostenlosen Krediten in großem Stil unsere darbende Infrastruktur zu sanieren? Schulen und öffentliche Gebäude, Brücken, Straßen, Schienen und die Deutsche Bahn endlich wieder auf Vordermann zu bringen? Doch, das wäre gut gewesen. Aber dafür fehlte Merkels Kabinetten und insbesondere auch dem seinerzeit zuständigen Finanzminister Schäuble leider der Weitblick. Schwarze Null und schwäbische Hausfrau waren ihnen wichtiger. Auch von einem zügigen Ausbau der Digitalisierung ist in den Merkel-Jahren zwar oft die Rede gewesen, aber sonderlich schnell vorangekommen ist man hierbei nicht gerade.

Aber last, but not least, was Merkel am häufigsten und am lautesten vorgehalten wird: Hätte sie 2015 nicht den hunderttausenden syrischen Flüchtlingen den Eintritt in unser Land verwehren sollen? Wäre “Grenzen dicht machen” nicht besser gewesen, als durch fröhliche Selfies mit den Ankömmlingen noch weiteren Nachschub von ihnen anzulocken? Hätte man durch mehr Strenge an den Außengrenzen nicht eine Reihe von späteren Amokläufen und Terror-Anschlägen durchgeknallter Islamisten verhindern können? Kann sein. Aber man hätte auch durch eine massive Jugend- und Sozialarbeitsoffensive, wie es sie heute sehr erfolgreich in Dänemark gibt, gewaltige Erfolge erzielen können, indem man die islamismusgefährdeten jungen Menschen von der Straße holt und in gemeinnützigen Projekten beschäftigt, die besser bezahlt werden als die Drogenkuriere der Organisierten und Clan-Kriminalität. Und so hätte man – auch hier wieder – zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Kriminalität und Islamismus bekämpft und zugleich langfristig die Folgen des demografischen Wandels abgemildert.

Doch hat Merkel durch ihre zu wenig strenge Migrationspolitik nicht den in höchstem Grade demokratiegefährdenden Aufstieg der rechtsextremistischen AfD mit herbeigeführt? Und als Spätfolge auch den des rechtslinkspopulistischen BSW? Teilweise wohl schon. Doch hätte es bei einer rechtzeitigen strengen Reglementierung der unsäglichen Sozialen Netzwerke, die mit freundlicher Unterstützung der omnipräsenten Putin-Trolle fortwährend ihre Lügen verbreiten, vielleicht gar nicht soweit kommen müssen. Wobei man hierzu allerdings wohl zunächst auf europäischer Ebene hätte ansetzen müssen, wie jüngst von unserem Wirtschaftsminister gefordert.

Aber war es denn nicht grob fahrlässig von Merkel, die deutsche Bevölkerung erst zu Integrationsbereitschaft und kultureller Offenheit aufzurufen und sie dann mit arabischen Messerstechern und sexuellen Belästigern in nicht ganz kleiner Zahl und dem weitverbreiteten Gefühl der Überforderung und der Fremdheit im eigenen Land alleinzulassen? Sicherlich wäre es angesichts der riesigen Herausforderungen angebracht gewesen, die Aufnahme der Flüchtlinge noch weitaus stärker mit massiven Anstrengungen in der Sozial- und Jungendarbeit – siehe oben – zu flankieren. Auch wären noch klarere Ansagen gegenüber den Neuankömmlingen für Grundwerte wie Gleichberechtigung von Frauen und Männern oder gegen Homophobie und Antisemitismus von Anfang an wünschenswert gewesen. Doch werden wir angesichts des immer gravierender werdenden Fachkräftemanges – insbesondere in Ostdeutschland! – um die von Merkel völlig zu recht geforderte kulturelle Offenheit nirgendwo herumkommen, um auch nur einen Teil der offenen Stellen künftig noch besetzen zu können.

Unter dem Strich lässt sich somit zwar eine Menge an Versäumnissen während Merkels Kanzlerschaft feststellen – aber nur, wenn man die damaligen realen Machtkonstellationen außer Acht lässt. Ein Bundeskanzler (m/w/d) – und erst recht einer, der in Koalitionsregierungen stets eine Vielzahl oft entgegengesetzter Interessen zu moderieren hat – befindet sich immer auch in einem Wust von Sachzwängen und ist – anders als ein autokratischer Herrscher – eingebunden in streng geregelte Verfahrensabläufe. Natürlich ist es wünschenswert, dass die Person an der Spitze des Staates dem Land Orientierung gibt, ihm die Richtung weist. Aber hat Merkel hier mit “Wir schaffen das!” und “Sie kennen mich” wirklich eine so schwache Figur abgegeben, wie es nun vielfach behauptet wird? Merkels Politikstil war eine Art Fahren auf Sicht, was auch daran liegt, dass sie in relativ unübersichtlichen Zeiten zu regieren hatte. Heute, seit der Zeitenwende, sehen wir die Dinge vielfach auch klarer, die damals – jedenfalls für die meisten – noch im Nebel lagen. Es war noch nicht die Zeit für große Entwürfe, eher für “piecemeal engineering” im Popperschen Sinne. Und darin war Angela Merkel nun einmal nicht die Schlechteste.