justament.de, 15.9.2025: Die Argumente der “Putin-Versteher”
Anmerkungen zur Debatte über den Ukraine-Krieg
Thomas Claer
Es ist immer gut, sich selbst und die eigenen Ansichten kritisch zu hinterfragen, sich auf Gegenargumente zu den eigenen einzulassen, sie zu prüfen und es auch grundsätzlich für möglich zu halten, dass der Andere Recht haben könnte. Denn schließlich gehört es ja zu den großen Vorzügen einer pluralistischen Gesellschaft, dass man über beinahe alles unterschiedlicher Meinung sein darf, ohne befürchten zu müssen, dass man dann auf rätselhafte Weise spontan aus dem Fenster stürzt oder plötzlich, wenn auch nicht ganz unerwartet, von tödlichen Magenkrämpfen heimgesucht wird. Oder dass man auch nur wegen unpatriotischer Umtriebe seinen Job verliert.
Aber haben diejenigen, die sich hierzulande seit mehr als drei Jahren vehement für einen Friedensschluss in der Ukraine durch mehr Dialog mit Russland einsetzen, die das Bestehen einer Mitschuld der westlichen Länder am Kriegsausbruch wegen der fortgesetzten NATO-Osterweiterung behaupten und nun eine Ausweitung des Krieges auf das übrigen Europa verhindern wollen, die Trump zumindest in der Ukraine-Frage für einen guten US-Präsidenten und die Kiewer Maidan-Proteste 2013/14 für vom Westen beeinflusst halten, wirklich gute Argumente?
Zieht man die wichtigsten Aussagen der aktuellen Streitschrift “Krieg oder Frieden? Deutschland vor der Entscheidung” von Klaus von Dohnanyi und Erich Vad, die man beide als intellektuelle Speerspitze des “Putin-Verstehertums” bezeichnen könnte, heran (siehe nebenstehende Rezension von Matthias Wiemers), dann muss man sogleich zugeben: Sie haben einen Punkt. Vielleicht haben sie sogar mehrere.
Ja, man sollte, wenn man kriegerische Auseinandersetzungen beenden will, immer versuchen, mit der anderen Seite im Gespräch zu bleiben. Natürlich ist es auch immer hilfreich, sich in den Gegner hineinzuversetzen und die Beweggründe für sein Handeln nachzuvollziehen. Und tatsächlich hat es in der internationalen Politik wohl schon immer so etwas wie Einflusssphären von Großmächten gegeben, die man tunlichst respektieren sollte. Aber dass eine auf solche Prämissen gestützte Herangehensweise aktuell – nach allem, was bereits versucht worden ist – ein Ende der Kämpfe im Ukraine-Krieg bewirken könnte, das erscheint dann leider doch fernab der realen Gegebenheiten.
Als direkter Realitätstest für die Thesen der “Putinversteher” hat sich insbesondere das Gipfeltreffen zwischen dem amerikanischen und dem russischen Präsidenten vor vier Wochen in Alaska erwiesen, bei dem sich vor allem eines gezeigt hat: Putin hat nicht das geringste Interesse an einem Friedensschluss, außer man schenkt ihm noch mehr Land dazu, das er noch gar nicht erobert hat, lässt seine Armee hinter den großen ukrainischen Verteidigungswall im Donbas vorrücken (von wo aus sie dann eine erstklassige Ausgangsposition für künftige weitere Eroberungen hätte) und verzichtet dazu auf Sicherheitsgarantien für die Ukraine durch die Stationierung internationaler Truppen (und auf eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine natürlich sowieso). Das wäre im Ergebnis so, als würde die Ukraine sogleich kapitulieren und zu einem Vasallenstaat Russlands werden. Die russische Armee kommt derzeit an der Front zwar nur sehr langsam und mit immensen Verlusten, aber dafür kontunuierlich voran. Also macht Putin weiter, denn seine Waffenproduktion läuft dauerhaft auf Hochtouren, und auf die Opferzahlen unter seinen Soldaten braucht er keine Rücksicht zu nehmen, denn sollten ihm irgendwann die Soldaten aus den ländlichen russischen Regionen ausgehen, dann holt er sich halt noch mehr neue aus Nordkorea.
Trump hat hingegen, was ihn in den besagten Kreisen auch hier populär macht, ein großes Interesse an einem Friedensschluss in der Ukraine. Allerdings vor allem deshalb, weil er erstens gerne den Friedensnobelpreis verliehen haben möchte und zweitens mit Russland wirtschaftlich wieder ins Geschäft kommen will. Letzteres wäre zwar auch im Sinne Russlands, ist aber für Putin längst nicht so wichtig wie seine Eroberungen. Das Schicksal der Ukraine dagegen ist Trump anscheinend herzlich egal. Er versucht nur bei dieser Gelegenheit, noch erpresserische Rohstoffdeals mit dem geschundenen Land für die USA herauszuschlagen. An der Verhängung verschärfter US-Sanktionen gegen Russland, die Trump vor kurzem Putin noch angedroht hatte (sogar unter Setzung eines Ultimatums, das Putin ungerührt verstreichen ließ), hat er nun offenbar das Interesse verloren.
Unter dem Strich steht der vom internationalen Strafgerichtshof per Haftbefehl gesuchte Kriegsverbrecher Putin, der bis dahin seit Kriegsausbruch von allen westlichen Politikern nur als Paria behandelt worden war, nach seinem Treffen mit Trump nun wieder glänzend rehabilitiert da, obwohl er dafür keinerlei Gegenleistung erbringen musste. Und schlimmer noch: Der angebliche “große Dealmaker” hat offenbar einen so schwachen Eindruck auf Putin gemacht, dass dieser sich seitdem sogar traut, die Ukraine noch stärker als jemals zuvor zu bombardieren, und neuerdings sogar Drohnen in größerer Zahl auf ein NATO-Land abfeuert. Offensichtlich versucht Russland damit auszutesten, inwieweit die USA überhaupt noch zu ihren Bündnisverpflichtungen in der NATO stehen.
Insofern kann man es eigentlich schon als Erfolg werten, dass der Worst Case, eine Übereinkunft zwischen Trump und Putin über die Köpfe der Ukrainer und Europäer hinweg, also eine Art Münchener Abkommen 2.0, durch die intensiven Bemühungen (und Schmeicheleien) der Europäer fürs Erste noch einmal abgewendet werden konnte. Denn würde Putin, wenn man ihm das gibt, was er haben möchte, wirklich aufhören, wie es seine hiesigen Deuter annehmen? Seine kürzlich getätigte Aussage “Wo immer der Fuß eines russischen Soldaten steht, das gehört uns”, lässt eher nicht darauf schließen. Auch die jüngst im russischen Staatsfernsehen im Hintergrund einer Besprechung von Offizieren gezeigte Landkarte, auf der Gebiete bis weit über die Stadt Odessa hinaus bis zur moldawischen Grenze als Teile Russlands eingefärbt waren, trägt nicht gerade zur Beruhigung bei. Es sei ferner daran erinnert, dass Putin in seinem “Ultimatum” an die westlichern Länder im Herbst 2021 den Rückzug der NATO aus ganz Osteuropa einschließlich Polens gefordert hatte. (Und Klaus von Dohnanyi erklärte dazu ca. im Frühjahr 2022 in einer Talkshow, die westlichen Länder hätten darüber mit Putin verhandeln sollen, um so die bevorstehende russische Vollinvasion in der Ukraine vielleicht noch verhindern zu können.)
Putins historische Bezugspunkte neben Zar Peter dem Großen und Zarin Katharina der Großen, die im 17. und 18. Jahrhundert umfangreiche Territorien für Russland erobert haben, hat er übrigens mal (im Februar 2024) in einem Interview mit dem Fox-News-Moderator Tucker Carlson verraten. Da meinte er, dass die Schuld am Ausbruch des 2. Weltkriegs eigentlich Polen trage, denn das Land hätte ja auf die ihm 1939 von Hitler und Stalin gestellten Forderungen eingehen und so den Krieg vermeiden können. So wie 2022 die Ukraine und Europa. Empfiehlt sich ein solcher Akteur wirklich für aussichtsreiche Friedensverhandlungen?
Aber ist Putin, wie seine Versteher und Deuter meinen, denn nicht eigentlich im Recht, wenn er auf der Respektierung der russischen Einflussspäre besteht? Haben nicht letztlich die westlichen Länder selbst Russlands Einmarsch in die Ukraine provoziert, indem die NATO sich in den Jahrzehnten zuvor immer weiter nach Osten ausgedehnt und schließlich sogar die Ukraine ihren Nato-Beitritt als Staatsziel in ihre Verfassung geschrieben hat? Wenn in Mexiko, so das Beispiel von Dohnanyi und Vad, eine neue Regierung an die Macht käme, die gerne Mitglied der Eurasischen Union Putins werden und russische Militärstützpunkte und Raketenstellungen am Rio Grande errichten möchte, würden dann die USA nicht ihrerseits in Mexiko einmarschieren?
Der Unterschied ist zunächst einmal, dass ein solches Szenario in Mexiko mutmaßlich niemals eintreten würde, weil erstens die Eurasische Union (wie auch das Militärbündnis OVKS) – anders als EU und NATO im Falle Osteuropas und der Ukraine – sich in keinerlei geographischer Nähe zu Mittelamerika befinden; sich in Mexiko zweitens niemand – anders als in Osteuropa und in der Ukraine in Bezug auf Russland – vor territorialen Ansprüchen, geschweige denn Angriffen der USA fürchtet (zumindest bisher noch nicht, müsste man im Hinblick auf den jetzigen US-Präsidenten vielleicht hinzufügen), vor denen die Mitgliedschaft in einem solchen Bündnis Schutz versprechen würde; und drittens Eurasische Union oder OVKS auch nicht als seit 76 jahren erprobtes reines Verteidigungsbündnis wie die NATO bekannt sind, die abgesehen vom völlig anders gelagerten Einsatz im Kosovo-Krieg 1999 noch niemals einen Angriffskrieg auf ein anderes Land und dies schon gar nicht zur Durchsetzung territorialer Ansprüche unternommen hat, sondern im Gegenteil genau dazu dient, andere von solchen Schritten abschrecken.
Noch dazu haben die westlichen Länder, als sich die Länder Osteuropas aus freien Stücken für eine NATO-Mitgliedschaft entschieden haben, Russland damit keineswegs überfahren, sondern in ständigem Dialog mit Russland umfangreiche Bemühungen unternommen, den russischen Bedenken Rechnung zu tragen, weshalb ja auch der von der Ukraine gewünschte NATO-Beitritt (nicht zuletzt auf Drängen Deutschlands) auf unbestimmte Zeit zurückgestellt wurde. Es war Russland, das schon 2014 in der Ukraine mit der gewaltsamen Verschiebung von Grenzen in Europa begonnen hat. Und es waren mit Frankreich und Deutschland zwei westliche Länder, die sich selbst dann noch weiter um einen Ausgleich mit Russland bemüht haben (vgl. Minsker Abkommen).
Hinzu kommt noch, dass die eigentliche (und tatsächlich einzige) Bedrohung Russlands – oder vielmehr die des Russischen Regimes – durch westliche Länder im westlichen Lebensstil liegt, der durch individuelle Freiheiten, wirtschaftliche Prosperität und kollektiven Wohlstand gekennzeichnet ist (insbesondere im Vergleich zu den Zuständen in Russland) und – so die große Befürchtung im Kreml – von Menschen auch in Russland als erstrebenswert angesehen werden könnte, vor allem wenn er sich im Nachbarland ausbreiten würde. Die weltweite mediale Vernetzung war bereits zur Zeit der Kiewer Maidan-Proteste (2013/14) so fortgeschritten, dass eine gezielte Beeinflussung der Menschen in der Ukraine pro Westorientierung durch westliche Geheimdienste mit Sicherheit überflüssig gewesen wäre und wohl vermutlich auch eher eine propagandistische Erfindung des Kreml sein dürfte. So wie bekanntlich die Produktion von lügnerischer Propaganda und Desinformation in staatlichem Auftrag – nach innen wie nach außen gerichtet – in Russland mittlerweile ein Niveau erreicht hat, dass man hier schon beinahe vom drittwichtigsten Wirtschaftszweig des Landes sprechen kann (nach dem Rohstoffsektor und der Waffenproduktion).
Was folgt nun aus all dem? Der erfolgversprechendste Weg, den Ukraine-Krieg zu beenden und dessen Ausweitung auf das übrige Europa zu verhindern, dürfte es wohl sein, die Ukraine in einem solchen Maße hochzurüsten, dass Russland gegen sie militärisch nicht mehr weiter vorankommt. Erst dann wird Putin zu einem Waffenstillstand bereit sein, weil es erst dann für ihn keinen Sinn mehr hat, noch weiter seine Ressourcen zu verpulvern. Ob Europa es aus eigener Kraft und ohne die Hilfe der USA schaffen kann, wird sich zeigen. Solange es geschlossen und einig agiert, kann es dem Aggressor weiter die Stirn bieten. Und genau das liegt auch im deutschen nationalen Interesse. Wer in Erwägung zieht, die Ukraine stattdessen ihrem Schicksal zu überlassen, möge auch bedenken, welche neuen Flüchtlingsströme in die Europäische Union dies zur Folge hätte. Wie es früher immer hieß: Was gut ist für Europa, ist auch gut für Deutschland.
P.S.: Nachdem ich diesen Text verfasst habe, kommt die Meldung, dass Donald Trump nun doch härtere Sanktionen gegen Russland verhängen würde, aber nur unter der Bedingung, dass sich ausnahmslos alle NATO-Länder – also z.B. auch die Türkei – dazu bereit erklären, kein russisches Öl mehr zu kaufen und hohe Strafzölle auf Importe aus China zu erheben. Man darf skeptisch sein, ob das jemals gelingen wird… Weiterhin erklärte Trump u.a. noch, dass dieser “tödliche, aber lächerliche Krieg” ja schließlich “Bidens und Selenskyis Krieg” sei, so wie er auch früher schon geäußert hatte, die Ukraine hätte diesen Krieg nie beginnen dürfen. Man fragt sich, ob er als nächstes sagen wird, der 2. Weltkrieg sei ja Churchills und Roosevelts Krieg gewesen und Polen hätte ihn nie beginnen dürfen. In Trumps Welt der “alternativen Fakten” ist alles möglich.
justament.de, 8.9.2025: Und Jazz nochmal
Regener Pappik Busch mit ihrem dritten Album “Fields of Lights”
Thomas Claer
Nach drei Jahren Pause haben sich Sven Regener, Richard Pappik und Ekki Busch noch einmal ins Studio begeben und gemeinsam ihre nunmehr dritte Jazzplatte aufgenommen. Erstmals sind auf dieser nun neben mehreren Klassikern von Jazzgrößen aus vergangenen Jahrzehnten auch drei Eigenkompositionen zu hören: “Chamisso Square”, das Titelstück “Fields of Lights” und “Round Top”. Und zumindest die beiden Erstgenannten müssen sich vor den wahrlich hochkarätigen übrigen Tracks absolut nicht verstecken. Überhaupt ist “Fields of Lights” wieder ein sehr stimmiges Album geworden, das durch seine diesmal besonders starke Akzentuierung von Melancholie die beiden Vorgängeralben “Ask Me Now” und “Things to Come” sogar ein Stück weit in den Schatten stellt. Zwei Stücke stammen von Bilie Holiday, eins von Telonious Monk. Die Komponisten der restlichen Stücke kennt man als bekennender Jazz-Banause schon gar nicht mehr…
Doch auch ohne profunde Expertise für diese Musikrichtung können einen diese so leichthändig daherkommenden Stücke bis ins Mark erschüttern. Um nur drei von ihnen herauszugreifen: “Song For My Father” (vom Horace Silver Quintet aus dem Jahr 1965), “Nostalgia In Times Square” (von Charles Mingus aus 1959) – und dann auch schon das von den Musikern selbst komponierte Titelstück. Wer Jazzmusik für irgendwie oberflächlich hält, sollte sich auf “Fields of Lights” eines Besseren belehren lassen. Der nächste und folgerichtige Schritt wäre nun aber mal ein Album von den Dreien nur mit Eigenkompositionen. Traut euch, Männer!
Regener Pappik Busch
Fields of Lights
Vertico / Universal 2025
justament.de, 11.8.2025: Eine Liebe im Kalten Krieg
Die “Fluchtnovelle” von Thomas Strässle
Thomas Claer
Ein skrupulöser Mann, der sonst nie im Leben etwas Verbotenes tun würde, findet die große Liebe seines Lebens. Doch die beiden Liebenden sind getrennt voneinander durch den “Eisernen Vorhang” der damals, Mitte der Sechzigerjahre, noch Europa in zwei miteinander verfeindete Hälften teilte. Die Protagonisten treffen sich so oft, wie die Umstände es zulassen. Doch das ist den beiden füreinander Entflammten natürlich viel zu wenig. Es ergreift ihnen, um es mit Schiller zu sagen, die Seelen mit Himmelsgewalt. Da standen sie nun und konnten nicht anders – und schmiedeten einen abenteuerlichen Fluchtplan. Das ist die überaus romantische Ausgangslage in der Fluchtnovelle” des Schweizer Autors Thomas Strässle, der darin die wahre Geschichte seiner Eltern erzählt. Oftmals sind ja die tatsächlichen Begebenheiten, jedenfalls wenn sie gut erzählt sind, noch weitaus interessanter als jede Fiktion, die leicht “zu konstruiert” wirken kann. Hier ist es so, dass sich wohl kaum jemand eine noch herzergreifendere Geschichte hätte ausdenken können. Und im Bewusstsein der Intensität seines erzählerischen Materials hat sich der Verfasser der “Fluchtnovelle” bei der literarischen Umsetzung die größtmögliche Zurückhaltung auferlegt, was seinem Werk sehr gutgetan hat. Das Geschehene spricht für sich selbst, und mit wenigen Strichen und gelegentlichen, aber vielsagenden Einschüben der damaligen Gesetzeslage gelingt es ihm sehr effektvoll, den Leser in seinen Bann zu ziehen.
Genauso sollte eine Novelle sein: eine “unerhörte Begebenheit”, kurz und knackig berichtet, auf den Punkt gebracht. Alles Übrige bleibt der Phantasie des Lesers überlassen. Hier kommt nun aber noch hinzu, dass eine große erzählerische Spannung erzeugt wird, obgleich der glückliche Ausgang der Geschichte doch schon von Anfang an feststeht. Ein Nebeneffekt sind ferner die tiefen rechtshistorischen Einblicke, die hier vermittelt werden. Minutiös wird festgehalten, auf welche Weise sich die beiden Liebenden mit ihren Handlungen (und auch schon mit ihren Vorbereitungshandlungen, ja bereits mit ihren gedanklichen Planungen) strafbar gemacht haben – sowohl nach damaligem DDR- als auch nach Schweizer Recht. Gerechtfertigt waren ihre fortwährenden Gesetzesbrüche (insbesondere Republikflucht und Urkundenfälschung) allein durch den moralischen Notstand ihrer Liebe. Und ohne Schuld handelten sie dabei natürlich auch – wegen Unzurechnungsfähigkeit aufgrund von Liebestrunkenheit.
Thomas Strässle
Fluchtnovelle
Suhrkamp Verlag, 2024
123 Seiten; 18,00 Euro
ISBN: 978-3-518-47448-8
justament.de, 11.8.2025: Analog war besser
Scheiben Spezial: 30 Jahre Tocotronic-Platten im Rückspiegel
Thomas Claer
Lässt man die nunmehr drei Jahrzehnte seit Erscheinen der Debüt-Platte der anfangs als alternative Boygroup gehandelten, enorm stilprägenfden und einflussreichen Band Tocotronic Revue passieren, dann könnte man deren Wirken grob gesagt in zwei Phasen unterteilen: in ihr wirklich grandioses Frühwerk in den Neunzigern, jener mythenumrankten, noch vordigitalen Ära, und in die eher durchwachsene Zeit danach mit gelegentlichen Tief-, aber auch Höhepunkten. Aus fünf CDs besteht wiederum das besagte Frühwerk, die zum Teil durchaus verschieden, aber alle noch sicher auf der richtigen Seite stehend waren.
Es begann im März 1995 mit ihrem Debut “Digital ist besser”, auf dem sich die drei Trainingsjackenträger mit den exzentrischen Volahiku-Frisuren noch dem ungezügelten und lärmigen Gitarrenrock verschrieben hatten. Sehr gelungen war dann auch das nur wenige Monate später nachgeschobene Mini-Album “Nach der verlorenen Zeit”, das insgesamt etwas weniger brachial und dafür noch ausgefeilter im Songwriting wirkte. Das dritte Album “Wir kommen um uns zu beschweren” (1996) setzte den Weg der beiden Vorgängerplatten fort, ließ aber dabei bereits leichte Ermüdungserscheinungen erkennen. Und so erfolgte auf dem vierten Album “Es ist egal, aber” (1997) erstmals ein stilistischer Wandel, indem nun zusätzliche Instrumente wie Mundharmonika und Streicher in den Gitarre-Bass-Schlagzeug-Klangkosmos aufgenommen, die temperamentvollen Lärmeinschübe aber beibehalten wurden. Es mag Ansichtssache sein, aber für mich haben sie nie eine überzeugendere Platte aufgenommen als “Es ist egal, aber”. Von nun an ging es mit ihnen bergab, wenn auch zunächst nur ganz langsam. Ihr fünftes Album “K.O.O-K. (1999) war noch ein Stück experimenteller als sein Vorgänger, enthielt aber gleichwohl so viel vom Spirit der frühen Jahre, dass man es ganz eindeutig noch zum Frühwerk der Band rechnen kann.
Das gilt aber für die Folgewerke im neuen Jahrtausend bereits nicht mehr. Das Weiße Album (2002) war überladen mit technischen Mätzchen. Wieder etwas besser wurde es auf “Pure Vernunft darf niemals siegen (2005), doch der Charme der frühen Jahre kehrte darauf nicht mehr zurück. Als ihr bestes Album der Nullerjahre lässt sich ihre nächste Platte “Kapitulation” (2007) ansehen, das wir seinerzeit als erstes Toco-Album in dieser Rubrik unter der Überschrift “Fast wie früher” recht enthusiastisch besprochen haben. Doch markierte das anschließende, vollkommen überproduzierte “Schall und Wahn” (2010) dann leider einen markanten Tiefpunkt. Danach ging es auf und ab. “Wie wir leben wollen” (2013) ließ Aufwärtstendenzen erkennen, doch das seichte Rote Album (2015) lässt sich wohl nur als erneuter Tiefpunkt bezeichnen. Dafür waren die drei jüngsten Alben dann wieder stärker, nämlich “Die Unendlichkeit” (2018), “Nie wieder Krieg” (2022) und “Golden Years” (2025). Wir wünschen Tocotronic noch viel Schaffenskraft für die nächsten 30 Jahre!
justament.de, 4.8.2025: Der Zerrissene
Die Ausstellung “Meine Zeit. Thomas Mann und die Demokratie” in Lübeck
Thomas Claer
Da hat man es also im zweiten Anlauf doch noch in die Ausstellung über “Thomas Mann und die Demokratie” in Lübeck geschafft, die natürlich Pflichtprogramm für jeden Interessierten ist – im hundertfünfzigsten Geburts- und zugleich siebzigsten Todesjahr des Großliteraten. Zwar bleibt es auch weiterhin eine offene Frage, ob prominente Schriftsteller in Fragen der politischen Urteilskraft wirklich bewanderter sind und mehr zu sagen haben als andere Zeitgenossen. Doch da Thomas Manns zeitlebens vielfach getätigte politische Äußerungen nun einmal in der Welt sind, sie auch in zunehmendem Maße Beachtung gefunden haben und noch dazu punktuell eine bemerkenswerte Divergenz zueinander aufweisen, sind sie zweifellos ein dankbares Thema für eine klug kuratierte Ausstellung wie diese.
Auf den ersten Blick nämlich hat Thomas Mann, was sein politisches Weltbild angeht, eine spektakuläre Wandlung durchlaufen: als erzkonservativ-reaktionärer Demokratieverächter im wilhelminischen Kaiserreich gestartet und als leidenschaftlicher Kämpfer für die westliche Demokratie geendet, der in seinen letzten Lebensjahren sogar wegen angeblicher kommunistischer Umtriebe – es war die berüchtigte McCarthy-Ära – sein zur Wahlheimat gewordenenes Exil in den USA verlassen musste. Die Geschichte dieser erstaunlichen Metamorphose erzählt die Lübecker Schau in nur sechs nicht übermäßig großen Räumen, aber mit einer Menge gut aufbereitetem Bild- und Tonmaterial sowie zahlreichen erhellenden Texttafeln.
Blickt man allerdings genauer hinter die Kulissen, so bekommt das Bild vom letztendlich grandios geläuterten Demokratiefreund dann doch einige Risse. Denn der nobelpreisdekorierte Weltliterat erweist sich über die Jahre vor allem als beständig unsicherer Kantonist. Durchzogen von leisem Zweifel, von fortwährendem Einerseits und Andererseits, waren schon seine frühen Texte, und dies blieb dann auch später so, bis zu seinen epochalen Radio-Ansprachen für die BBC: “Es fragt sich, ob der Mensch um seiner seelischen und metaphysischen Geborgenheit willen nicht lieber den Schrecken will als die Freiheit.” Genau das fragt man sich heute auch manchmal wieder…
Die Ausstellung unterteilt Thomas Manns Leben hinsichtlch seiner politischen Bekenntnisse in drei grundverschiedene aufeinanderfolgende Abschnitte: Deren erster reichte ziemlich genau bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Da war Thomas Mann bereits 43 Jahre alt, hatte gerade seine berüchtigten “Betrachtungen eines Unpolitischen” verfasst und formulierte darüber hinaus die folgenden hochproblematischen Verlautbarungen: “Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.” “Sind es nicht völlig gleichnishafte Beziehungen, welche Kunst und Krieg miteinander verbinden? Mir jedenfalls schien von jeher, dass es der schlechteste Künstler nicht sei, der sich im Bilde des Soldaten wiedererkenne.” “Wem Freiheit, umfassendes Wohlwollen, menschliches Denken und Fühlen als der eigentlich national-deutsche Gemütszustand gilt, eben der muss mit ganzer Seele hoffen, dass Deutschland siegreich sei – und im Dienste dieser Hoffnung das Seine tun.” Und, direkt am Kriegsende, in seinem Tagebuch sogar dies: “Ich bin imstande, auf die Straße zu laufen und zu schreien ‘Nieder mit der westlichen Lügendemokratie! Hoch Deutschland und Russland! Hoch der Kommunismus!'”
Doch machte Thomas Mann schon bald darauf überraschend seinen Frieden mit der Demokratie (“Die Republik ist ein Schicksal.”) und sprach nun immer öfter von “Verantwortlichkeit”. Diese zweite Phase seines politischen Wirkens bezeichnet die Ausstellung als jene seines “Vernunftrepublikanismus”, auf die Thomas Mann später mit den folgenden Worten zurückblickte: “Bloße vier Jahre nach dem Erscheinen der ‘Betrachtungen’ fand ich mich als Verteidiger der demokratischen Republik, dieses schwachen Geschöpfes der Niederlage, und als Anti-Nationalist, ohne dass ich irgendeines Bruches in meiner Existenz gewahr geworden wäre, ohne das leiseste Gefühl, dass ich irgendetwas abzuschwören gehabt hätte. Gerade der Antihumanismus der Zeit machte mir klar, dass ich nie etwas getan hatte – oder doch hatte tun wollen – als die Humanität zu verteidigen.”
Erst nach Hitlers Machtergreifung, die für Thomas Mann selbstredend auch eine erhebliche persönliche Gefährdung bedeutete, setzte die dritte Etappe seines politischen Lebens ein, die seines nunmehr sehr entschiedenen Einsatzes für die westliche Demokratie, wozu schließlich auch die erwähnten Radioansprachen in der BBC an das Deutsche Volk sowie Wahlkampfauftritte für den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Rosevelt gehörten. Allerdings drang auch zu dieser Zeit – siehe die oben zitierte Passage, wonach der Mensch womöglich eher den Schrecken wolle als die Freiheit – das pessimistische Menschenbild des Konservativen durch. Um von seinem irritierenden Aufsatz “Bruder Hitler”, der in der Ausstellung allerdings erstaunlicherweise ausgespart bleibt, gar nicht erst zu reden, wonach die Verbrechen des Führers sich nicht zuletzt aus seiner Künstlernatur speisten, was dann schon wieder ähnlich frivol anmutet wie die oben zitierte von ihm behauptete Nähe von Künstler- und Soldatentum während des Ersten Weltkriegs…
So bringt wohl am vollkommmensten Thomas Manns in seiner Lebsnmitte – vor gut 100 Jahren – veröffentlichter Roman “Der Zauberberg” seine politische Haltung des Sowohl als auch auf den Punkt. Als Thomas Mann einmal gefragt wurde, welcher seiner fortwährend miteinander disputierenden Romanfiguren Settembrini und Naphta er näherstünde, da antwortete er: Keinem von beiden, sondern Hans Castorp. So wie sein Romanheld, der “einfache junge Mann” Hans Castorp, um dessen Seele die beiden Philosophen sich im “Zauberberg” streiten, so war wohl auch sein Verfasser sein Leben lang hin und hergerissen von den politischen Stürmen seiner Zeit. Und so gesehen passt diese Lübecker Ausstellung auch bestens in unsere politisch wieder sehr bewegte Gegenwart.
Meine Zeit. Thomas Mann und die Demokratie
St. Annen-Museum, Lübeck
EIntritt: 12,00 Euro / Noch bis 18.1.2026
justament.de, 28.7.2025: Im Labyrinth der Träume
Die Ausstellung “Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik” in der Kunsthalle Hamburg
Thomas Claer
Wenn es im Ostsee-Urlaub schon ständig regnet, dann setzt man sich eben einfach in den Zug nach Lübeck und besucht die Ausstellung “Thomas Mann und die Demokratie”. Dumm ist nur, wenn man dann nie in Lübeck ankommt, weil man wegen erheblicher Zugverspätung seinen Anschluss verpasst hat. So ist das nun mal mit dem Deutschland-Ticket… Aber man kann ja stattdessen immer noch nach Hamburg weiterfahren. Schließlich läuft dort auch gerade eine sehr besondere Ausstellung. Und länger als knapp zwei Stunden wird man doch bestimmt nicht brauchen für “Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik”, denkt man sich.
Immerhin ist die Kunsthalle nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt. Doch ist man erst einmal dort drinnen, merkt man schnell, dass hier ein langer Atem gefragt ist. Viel Text erwartet den Besucher in den Eingangsräumen, aber ohne dessen aufmerksame Lektüre vorab ist die Fülle von mehr als 300 Ausstellungsstücken, hauptsächlich Gemälden, aus einer Zeitspanne von über 150 Jahren kaum zu bewältigen. Der Gesamteindruck ist übermächtig und verstörend. In Kurzform lässt sich sagen: Es ist eine ebenso naheliegende wie überzeugende kuratorische Idee, den Surrealismus mit der Romantik kurzzuschließen, denn schließlich hat sich jener immer wieder ausdrücklich auf diese bezogen und hat diese jenen bereits in vieler Hinsicht antizipiert. Vor allem aber ist diese Ausstellung ein schöner Anlass, sich beiden Epochen einmal tiefergehend zu widmen, denn nur die wenigsten der hier gezeigten Werke dürften allgemein bekannt sein.
Gewiss, Caspar David Friedrich mit seinem “Wanderer über dem Nebelmeer” ist wohl jedem, der auch nur einen Hauch von Kunstinteresse mitbringt, schon mal irgendwo begegnet. Aber wer weiß schon, dass sein ebenfalls aus Vorpommern stammender frühromantischer Kollege Philipp Otto Runge eine Vielzahl von zweifellos surreal anmutenden Werken fabriziert hat? Auch mag das Titelbild dieser Kunstschau, der “Hausengel” von Max Ernst, vielen ein Begriff sein, schon weil dieses aufgeplusterte, rücksichtlos wütende und dabei alles um sich herum zertrampelnde Wesen so frappierend an Donald Trump erinnert. Doch wer kennt schon so fabelhafte surrealistische Künstlerinnen wie Dorothea Tanning, Valentine Hugo oder Leonora Carrington? Und dann sind da auch noch Künstler, die man eigentlich nicht unbedingt dem Surrealismus zugeordnet hätte, die aber in dieser Ausstellung recht plausibel gewissermaßen ihre surrealistische Seite zeigen, wie Paul Klee oder Joan Miro.
Als die knapp zwei Stunden fast schon rum sind und wir zum Zug müssen, haben wir gerade erst ein gutes Drittel der Ausstellung gesehen. Wir gehen also wenigstens noch mal im Schnelldurchgang durch die restlichen Räume in den oberen Etagen, doch dann habe ich plötzlich meine Frau verloren, als ich irgendwo hängengeblieben bin und sie offenbar zügig weitergegangen ist. Wir finden uns nicht mehr, und mein Handy liegt im Rucksack, unten im Schließfach. Das Sicherste ist nun also, schnell die Treppen runter zum Schließfach zu eilen. Doch das ist leichter gesagt als getan in diesem Irrgarten von einer Kunsthalle. Ich folge auf verschlungenen Wegen den “Ausgang”-Schildern, komme aber nicht dort raus, wo wir hineingegangen sind und sich die Schließfächer befinden, sondern im Museumsshop. Die Zeit drängt, und ich laufe panisch zurück, doch dann habe ich mich völlig verirrt. Schließlich lande ich wieder im Museumsshop, verlasse dann die Kunsthalle und finde endlich um die Ecke wieder den Eingangsbereich mit den Schließfächern. Ich rufe nun meine Frau, die mich noch irgendwo sucht, auf dem Handy an. Kurz darauf ist auch sie am Schließfach. Unseren Zug haben wir aber schon verpasst – und meine Frau ihren Online-Sitzungstermin am Abend. Und ich bin schuld daran!
Doch dann suche ich auf dem Handy nach der nächsten Zugverbindung. Dabei sehe ich, dass der Zug, den wir verpasst zu haben glaubten, in Wirklichkeit gar nicht gefahren ist. “Verbindung fällt aus”, steht dort. Also ist es gar nicht meine Schuld, dass wir verspätet zurückkommen, sondern die der Deutschen Bahn AG! Der nächste und letzte Zug zurück geht erst in zwei Stunden. Wir können also – man kann schon sagen: Glück im Unglück – nochmal zurück in die Kunsthalle und uns wenigstens noch für gut eine Stunde den Rest der Ausstellung ansehen. Dann ist unsere Aufnahmefähigkeit aber endgültig erschöpft, und wir müssen ja auch noch im Bahnhof etwas essen. Wenigstens mit dem letzten Zug klappt dann alles reibungslos. Ein Hoch auf das Deutschlandticket und den damaligen FDP-Minister, der es eingeführt hat!
Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik
Kunsthalle Hamburg
Noch bis 12.10.2025
justament.de, 14.7.2025: Rock gegen rechts am Ostseestrand
Tocotronic live auf der “Warnemünder Woche”
Thomas Claer
Diese Vorrede muss jetzt leider sein: In der Rostocker Straßenbahn unterhalten sich letzte Woche zwei junge Damen, vermutlich Studentinnen, ausführlich über ihre Allergien und Laktoseintoleranzen. Und dann erzählt die eine auch noch, dass sie ärgerlicherweise vor kurzem ihr Armband verloren habe. Das hätte sie sich mal gemeinsam mit ihrer Freundin gekauft, mit der Aufschrift “Gegen rechts”. Immer wenn sie ihre Freundin in der kleinen Stadt, in der sie wohnt, besucht habe, dann hätten sie sich beide sehr gefürchtet, wegen ihrer Armbänder eine Faust ins Gesicht zu bekommen. Aber wenigstens müsse sie nun, da sie das Armband verloren habe, davor keine Angst mehr haben… Es sind also offensichtlich nicht nur Zuschreibungen von westdeutscher Seite: Im kleinstädtischen und ländlichen Raum herrscht in weiten Teilen Ostdeutschlands ein Klima der Intoleranz und Einschüchterung gegenüber Andersdenkenden, und es besteht dort mittlerweile eine massive kulturelle Dominanz des militanten Rechtsextremismus.
Umso erfreulicher und ermutigender ist es, dass es natürlich auch das andere Gesicht des Ostens gibt, das sich etwa am vergangenen Donnerstag während der “Warnemünder Woche” vor romantischer abendlicher Sonnenuntergangskulisse am Ostseestrand gezeigt hat. Die zu zwei Dritteln in Ehren ergrauten Berufsjugendlichen der Ex-Hamburger-Schule-Band Tocotronic ließen es bei freiem Eintritt so richtig krachen und versorgten ihre scharenweise erschienenen Fans neben zahlreichen Hits aus 30 Jahren Bandgeschichte auch mit einschlägigen politischen Botschaften. Songs wie “Denn sie wissen, was sie tun” und “Aber hier leben, nein danke” verfehlten ihre Wirkung beim lokalen Publikum nicht. Besonders enthusiastisch wurden aber selbstredend die alten Klassiker der Band wie “Digital ist besser”, “Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen” oder “Let there be Rock” gefeiert. Den berührenden Song “Ich tauche auf” präsentierte Dir v. Lowtzow fast im Alleingang auf der Akustikgitarre. Erst nach mehreren Zugaben und über anderthalb Stunden kam der Schlusspunkt mit dem Lied “Freiburg”, der Hymne aller misanthropischen Individualisten, bei dem aus tausenden Kehlen die Verse “Ich bin alleine und ich weiß es / Und ich find’ es sogar cool” ertönten. Eins ist sicher: Die Neunzigerjahre werden niemals enden.
justament.de, 30.6.2025: Anspruch und Wirklichkeit
Anspruch und Wirklichkeit
Die Dauerausstellung “Alltag in der DDR” im Museum in der Kulturbrauerei
Thomas Claer
Die DDR ist bekanntlich vor 35 Jahren untergegangen, und das ist natürlich auch gut so. Doch lebt sie unzweifelhaft weiter in der bereits 2013 eingerichteten und seitdem kontinuierlich erweiterten Dauerausstellung “Alltag in der DDR” im Museum in der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg. Für null Euro Eintritt kann sich hier jeder, der möchte, einen sehr lebendigen Eindruck davon verschaffen, wie sich das tägliche Leben hinter Mauern und Stacheldraht seinerzeit so angefühlt haben mag. Man steht dann also neben einem echten Trabant, läuft durch eine mit viel Liebe zum Detail nachgebaute HO-Kaufhalle, blättert in Stasi-Akten, liest Briefe von unglücklichen NVA-Soldaten und vieles andere mehr. Die Ambivalenzen des DDR-Alltags sollen hier gezielt gezeigt werden, und das gelingt auf grandiose Weise. In diesem Staat war nämlich beinahe alles ambivalent: einerseits sich großspurig fortschrittlich gebend, andererseits kleinkariert und verbiestert. Und kaum irgendwo sonst auf der Welt ist wohl jemals die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit so übermächtig gewesen wie im real existierenden Sozialismus deutscher Prägung.
Es bleibt nicht aus, dass man als gelernter DDR-Bürger an diesem Ort sentimental wird, wenn plötzlich die Kulissen der eigene Kindheit und Jugend wieder vor einem auferstehen. Stundenlang könnte ich mich durch diese Räume treiben lassen und würde wohl immernoch irgendwo etwas neues Altbekanntes entdecken. Mein Lieblingsexponat in der Ausstellung ist selbstverständlich der Original-DDR-Zeitungskiosk mit lauter ostdeutschen Printprodukten aus jener Zeit – und dazu noch mit DDR-Fähnchen und einem Propaganda-Aushang zum 1.Mai, dem Kampftag der Arbeiterklasse. Klar, so lange, wie ich zurückdenken kann, gehörten Zeitungskioske trotz all ihrer damaligen Beschränktheit zu meinen Lieblingsorten. Und dieser hier rekonstruierte ist fürwahr wirklichkeitsgetreu gestaltet, zumindest auf den ersten Blick. Tatsächlich ist er dies dann freilich doch nicht, wenn man bedenkt, dass sicherlich an keinem Kiosk in der ganzen DDR die Bezirkszeitungen unterschiedlicher Regionen (wie hier “Schweriner Volkszeitung”, “Leipziger Volkszeitung” und noch weitere) nebeneinanderliegend offeriert worden sein dürften. Es gab jeweils nur entweder die eine oder die andere, je nachdem, wo man sich gerade befand. Und auch solche typische “Bückware” wie die qualitativ bemerkenswert hochwertige Zeitschrift “Wochenpost” habe ich seinerzeit nie an einem Zeitungskiosk ausliegen gesehen. Sie ging entweder an ihre glücklichen Abonnenten (darunter meine Großeltern) oder nur an die privilegierte Kundschaft der Kioskfrau. Überhaupt waren damals nach meiner Erinnerung eigentlich alle auch nur ansatzweise interessanten Printprodukte regelmäßig schon nach kurzer Zeit ausverkauft. Wirklich immer vorhanden waren in der Auslage im DDR-Zeitungskiosk nur langweilige Journale wie die legendäre “Sowjetfrau”, auf deren Cover immer Damen mit unfassbar altmodischen Kleidern und Frisuren prangten. Aber das sind Feinheiten, die hier kaum ins Gewicht fallen. Kurzum, das Museum in der Kulturbraurei sollte zum Pflichtprogramm eines jeden Berlin-Besuchers gehören.
justament.de, 23.6.2025: Goethe als Chinese und Homunculus als KI
Manfred Osten und Helwig Schmidt-Glintzer diskutieren bei Matthes & Seitz in Berlin
Thomas Claer
Schon frühzeitig hat Manfred Osten, promovierter Jurist, Ex-Diplomat und versierter Goethe- und Asienkenner, auf die bestürzende Aktualität Goethes im Lichte der gesellschaftlichen und insbesondere auch technischen Entwicklungen unserer Gegenwart hingewiesen. Als mittlerweile 87-Jähriger hat Osten nun ein Alter erreicht, in dem er die Realisierung dessen, was Johann Wolfgang von Goethe auf künftige Generationen zukommen sah (dargelegt vor allem im vorsorglich “versiegelten” Faust II), zu großen Teilen noch gewissermaßen in Echtzeit miterleben kann.
Vor knapp zwei Dutzend Interessenten in den Berliner Verlagsräumen von Matthes & Seitz ging es in der von Andreas Rötzer moderierten Diskussion zwischen Osten und dem Sinologen Helwig Schmidt-Glintzer aber zuvörderst darum, wie Europa sich im Sinne Goethes am Vorbild Chinas im Wege einer stärkeren Bildungsorientierung und “Vertikalspannung” für jeden Einzelnen ausrichten sollte. 1827 hatte Goethe, selbst Konfuzius-Leser seit frühester Jugend, in seinem China-Bekenntnis eine grundlegende Erneuerung durch eine Art Ex-Oriente-Therapie gefordert – und zwar durch “strenge Mäßigung” im Sinne eines konsequent leistungs- und bildungsfokussierten Lebens. Die große 45-bändige chinesische Gesamtausgabe der Werke Goethes, die nun geplant ist, ehrt Goethe heute indirekt als den Vordenker der von Deng Xiao Ping eingeleiteten Bildungsrevolution im Geiste dieser Vertikalspannung. Mit dem Ergebnis, dass China in den zurückliegenden 40 Jahren erfolgreich den Weg beschritten hat, auf den Europa nun in Form einer “neuen Aufklärung” antworten sollte, so die Diskutanten, um seiner eigenen “Verzwergung” zu entkommen.
Besonders betonte Osten die Rolle des frühkindlichen Erlernens der chinesischen Schriftzeichen für die Entwicklung des menschlichen Gehirns. Die umfassende Vernetzung der Synapsen bei Formung des bildhaften Denken – das sei so nur durch intensives Lernen schon im frühesten Kindesalter möglich. Dementsprechend würde heute in China kaum ein Kind, das nicht bereits mehrere tausend Schriftzeichen beherrsche, auch nur die Aufnahmeprüfung für den Kindergarten bestehen. In europäischen Ländern hingegen blieben solche Möglichkeiten zur Nutzung humaner Ressourcen für die gegenwärtige und künftige Wissensgesellschaft leider weitgehend ungenutzt, da sich die Zeitfenster der besonders prägungsaktiven Phasen in der frühen Kindheit eben auch wieder schlössen. Die europäischen Aufklärer, so Osten, hätten im übrigen die besondere Bedeutung von Fleiß und Lerneifer schon deutlich vor Augen gehabt. So habe Immanuel Kant in seinem Aufsatz “Was ist Aufklärung?” als maßgeblichen Hinderungsgrund für eine aufgeklärte Weltsicht neben Feigheit vor allem auch Faulheit ausgemacht. Und bereits hundert Jahre zuvor habe Gottfried Wilhelm Leibniz, der im engen Austausch mit Jesuiten in China stand, die Einrichtung einer Meritokratie nach chinesischem Vorbild anstelle des seinerzeit in Europa bestehenden Erbadels gefordert.
Helwig Schmidt-Glintzer, der gerade wieder aus China zurückgekehrt war, wo er eine Tagung zum Thema “AI and Humanities” besucht hatte, wies ferner auf die im Westen vollkommen unterschätzte Konkurrenz zwischen den einzelnen chinesischen Universitäten sowie die enorme und gezielte Förderung nicht nur der MINT-Fächer in China hin. Darüber hinaus stellte er den Einfluss des Buddhismus heraus, dessen “mittlerer Weg” sich laut Osten erheblich mit den Lehren des Konfuzius überschneide, was bereits Goethe sehr bewusst gewesen sei.
Besonders interessant wurde es noch einmal am Ende, als aus dem Publikum Fragen u.a. zu Goethes Antizipationen heutiger technologischer Entwicklungen in seinen Werken gestellt wurden, einem Spezialgebiet von Manfred Osten. Nicht nur das Internet, so Osten, habe Goethe im Faust II präzise beschrieben:
„Verworren läuft der Welt Lauf wie ein Traum;
Ein neues Netz wird täglich angeknüpft,
Ein Maschenwerk wird flüchtig überworfen,
Der Knoten hält, der Faden läuft davon.“
Auch von KI und Robotik habe Goethe schon eine hinreichende Vorstellung gehabt, wie die Figur des Homunculus beweise:
„Ich seh’ in zierlicher Gestalt
Ein artig Männlein sich gebärden.
Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?
Denn das Geheimnis liegt am Tage.
Gebt diesem Laute nur Gehör,
Er Wird zur Stimme, Wird zur Sprache.“
Laut Osten habe Goethe insbesondere im Faust II gezeigt, dass die Menschheit im Begriff sei, etwas zu erschaffen, was sie letztendlich nicht mehr unter Kontrolle halten könne.
So bleibt nur zu hoffen, dass Manfred Osten nach seinen diversen Publikationen tatsächlich noch ein weiteres Buch über “Goethe als Chinesen” herausbringen wird. Und dann in einigen Jahren, inschallah, womöglich sogar noch eins über “Goethe und die KI” auf dem dann aktuellen Stand der weiteren technologischen Entwicklung. “Was fruchtbar ist, allein ist wahr.”









