Justament April 2010: Se(e)lig sind die Griechen
Recht cineastisch, Teil 5: Fatih Akins Hamburg-Film “Soul Kitchen”
Thomas Claer
So funktioniert also die Gentrifizierung in Hamburg: Eine alte frühere Fabrikhalle im Arbeiterbezirk Wilhelmsburg. Dort, im Armenhaus Hamburgs, liegen die Einkommen lediglich auf dem Durchschnitts-Niveau von Berlin. Der deutsch-griechische Underdog Zinos Kazantsakis (Adam Bousdoukos) betreibt hier ein Restaurant für den Unterschichten-Geschmack, das “Soul Kitchen”. Seine Stammgäste, Hartz IV-Empfänger und abgebrannte Hafen-Existenzen, goutieren die Würstchen- und Schnitzel-Hausmannskost und das schmuddelige Ambiente. Der neue Koch Shayn (Birol Ünel, der finstere Liebhaber von Sibel Kekilli aus Fatih Akins erstem Film “Gegen die Wand”) vertreibt mit seiner Gourmet-Küche nach kurzer Zeit sämtliche alten Kunden. In seiner Verzweiflung lässt Restaurantbetreiber Zinos die Band seines Kellners in den nun leeren Räumen proben. Plötzlich stömt hippes Szenepublikum in die Halle, um die Musik zu hören, und die Leute verlangen nach den Gourmet-Gerichten auf dem Wandanschlag. Der eigentlich schon beurlaubte Koch Shayn wird reaktiviert. Die Halle entwickelt sich blitzschnell zum beliebten Szenetreff. Zinos Geschäfte laufen blendend. Da taucht sein alter Schulfreund von der Gesamtschule, der Immobilien-Unternehmer Thomas Neumann, auf und will das Grundstück kaufen, um auf dem Gelände später Luxuswohnungen zu errichten…
Schwungvoll und witzig geht es zu in der Hamburg-Komödie des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin, der sich hier erstmals auch als ein Meister des komischen Fachs erweist. Als hätte er das aktuelle Griechenland-Bashing geahnt, sind die positiven Helden des Films ausgerechnet Griechen. (Ein vorbildlicher Dienst des Regisseurs an der Völkerfreundschaft – vergessen ist die berüchtigte Kebab-Gyros-Rivalität.) Auch als Grieche, nämlich als eigentlich inhaftierter Bruder des Lokalbetreibers, der nur im Wege des Freigangs erscheint, tritt Moritz Bleibtreu auf – und spielt wieder einmal phantastisch. Famos ist insbesondere die Liebesgeschichte zwischen ihm und der Kellnerin Lucia (nebenher noch Malerin). Sie findet es zu seiner großen Erleichterung “voll romantisch”, dass er im Knast sitzt. Nun, wir sind eben im Kino. Manchmal gibt es aber doch eine Spur zu viel Klamauk (z.B. in der Szene mit dem Aphrodisiakum im Essen). Empfehlenswert ist der Streifen aber ohne Frage.
Soul Kitchen
Deutschland 2009
100 Minuten, FSK 6
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Adam Bousdoukos
Darsteller: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke, Pheline Roggan, Dorka Gryllus, Lucas Gregorowicz
Justament Dez. 2009: Teenagertraum mit Schönheitsfehlern
Recht cineastisch, Teil 4: “Der Vorleser” nach Bernhard Schlink
Thomas Claer
Davon träumen wahrscheinlich viele männliche Teenager: von einer Frau über dreißig in die Geheimnisse der erotischen Liebe eingeführt zu werden. Was “real” eher selten vorkommen dürfte (und gem. § 182 Abs. 3 Nr. 1 StGB auch heute noch formal unter Strafe steht), in der Literatur ist es tausendfach beschrieben: wie in Joseph Roths Radetzkymarsch, in Hermann Hesses Demian oder Marcel Reich-Ranickis “Mein Leben” – so auch im “Vorleser” von Bernhard “Grundrechte” Schlink. Nun sollen über den Roman aus dem Jahr 1996 an dieser Stelle nicht viele Worte verloren werden. Dies wird demnächst der Kollege Jean-Claude Alexandre Ho in seiner Kolumne “Recht literarisch” besorgen. Nur dass sich die von den Fünfzigern bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Westdeutschland und Westberlin spielende Geschichte vortrefflich zur Verfilmung eignet, ist festzuhalten.
Das dachten sich auch die Macher dieses Films, die aus dem Weltbestseller-Roman flugs auch noch einen Blockbuster zu fabrizieren gedachten. Und das stellt sich dann so dar: Die Handlung in bester Hollywood-Manier ziemlich platt gewalzt, die (ganz überwiegend deutschen) Darsteller alle sehr prominent und exzellent – mit Superstar Kate Winslet (dem früheren Titanic-Girl) in der Hauptrolle der Hanna Schmitz. Hervorzuheben ist zunächst die schauspielerische Leistung des jungen David Kross (wir kennen ihn aus Detlev Bucks grandiosem Berlin-Actionfilm “Knallhart” von 2006), der den 15-jährigen Schüler Michael Berg sehr natürlich und glaubwürdig verkörpert. Wie aus dem schüchternen und vorsichtigen Jungen später der skrupulöse und nachdenkliche Jurist wird – das zeigt der Film ganz ausgezeichnet. Aber die weibliche Hauptrolle… Es ist schon klar, dass sich ein so aufwendig produzierter und kostenintensiver Film nur rechnet, wenn dank einer weltweit bekannten Hauptdarstellerin die Menschen auch weltweit zahlreich in die Kinos strömen. Doch werden es zumindest viele deutsche Betrachter als störend empfinden, dass die frühere KZ-Aufseherin in ihren Bewegungen, in ihrer Gestik und Mimik so wenig deutsch erscheint, wie sie es ja schließlich auch ist. So professionell und passabel die Britin Kate Winslet auch spielen mag (man verlieh ihr sogar einen OSCAR für die beste Hauptrolle), als deutsche Nazi-Frau überzeugt sie einfach nicht, und es ist ein Schwachpunkt des Films.
Angenommen, nur einmal angenommen, es wäre mehr um die Kunst und weniger um das Geld gegangen, dann hätten wir viel lieber Nina Hoss oder Johanna Wokalek in der Rolle der Hanna Schmitz gesehen. So bleibt die Verfilmung alles in allem doch etwas hinter den Erwartungen zurück. Dank zahlreicher Nacktszenen kommen aber immerhin die Freunde des erotischen Kinos auf ihre Kosten, vorausgesetzt sie fahren auf Kate Winslet ab.
Der Vorleser (“The Reader”)
USA, Deutschland 2008
124 Minuten
Rgeie: Stephen Daldry
Drehbuch: David Hare
FSK: 12
Darsteller: Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes, Bruno Ganz, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth, Volker Bruch, Susanne Lothar u.v.a.
Justament Okt. 2009: Frauentyp als Fehlbesetzung
Recht cineastisch, Teil 3: Eine neue Effi Briest-Verfilmung
Thomas Claer
Viermal bereits wurde Theodor Fontanes großer realistischer Roman von 1895 in der Vergangenheit verfilmt, letztmalig zur Zeit der deutschen Teilung relativ kurz nacheinander in Ost (1968) und West (1974). Eine nunmehr gesamtdeutsche und umfassend aktualisierte filmische Version von “Effi Briest” präsentiert nun die Regisseurin Hermine Huntgeburth. Und die Voraussetzungen waren gut: Der Film konnte angemessen prominent besetzt und weitgehend an den originalen Schauplätzen der Romanhandlung gedreht werden. (In Berlin haben wir erlebt, wie die Prachtstraße “Unter den Linden” wegen der Dreharbeiten tagelang abgesperrt war.) Hat sich der Aufwand also gelohnt?
Zunächst einmal fällt auf, wie natürlich und ungezwungen hier inszeniert und gespielt wurde. Das macht die Figuren und den Stoff für heutige Begriffe zwar sehr lebendig, sorgt allerdings für umso schärfere Kontraste zu den Zwängen, in denen sich die Personen, den damaligen gesellschaftlichen Konventionen entsprechend, zu bewegen hatten. So wird die größere Anschaulichkeit und Zugänglichkeit notwendigerweise mit Abstrichen bei der Werktreue und dem nur bedingt eingefangenen damaligen Zeitgeist erkauft. Doch das ist kein Einwand gegen den Film, die dadurch erreichte Popularisierung kann diese Zugeständnisse durchaus rechtfertigen.
Schwerer wiegt hier schon die geradezu spektakuläre (und folgenreiche) Fehlbesetzung bei der Person des Baron von Innstetten, des 38-jährigen Landrats mit großen politischen Ambitionen, den zu ehelichen die erst 17-jährige Effi Briest (Julia Jentsch) von ihrer Familie genötigt wurde. Dieser Innstetten ist ein kaltherziger, vom Ehrgeiz zerfressener Bürokrat – und einen solchen kann ein schon physiognomisch unverkennbarer “Frauentyp” wie Senbastian Koch (der oppositionelle Künstler in “Das Leben der Anderen”) nun einmal nicht spielen. Auch wenn er sich noch so müht, sein Charisma zu verbergen – es will und kann ihm nicht gelingen. Die Folge davon ist, dass im Film auch nicht recht verständlich wird, warum die vom tristen, kleinstädtischen Leben im hinterpommerschen Kessin bedrückte Effi den von Misel Maticevic passabel gespielten Major von Crampas ihrem Gatten vorzieht und mit ihm eine Liaison beginnt. Hingegen wirkt Julia Jentsch in ihrer Rolle als Effi überzeugend, zumal sie auch bemerkenswert reizvoll in Szene gesetzt wird.
Etwas ärgerlich, wenngleich folgerichtig, gerät dann aber doch der Schluss, wo Effi energisch gegen ihr Umfeld rebelliert, statt – wie im Roman – resigniert mit nur 29 Jahren an gebrochenem Herzen zu sterben. So wünscht es sich natürlich der heutige Zuschauer, wenn er sieht, wie Innstetten die im Nähkästchen versteckten sechs Jahre alten Liebesbriefe Major Crampas’ an seine Frau findet, sich daraufhin von Effi scheiden lässt, ihr das Kind wegnimmt und den Major (den Nebenbuhler von vor vielen Jahren!) im Duell erschießt. Doch durch diesen wesentlichen inhaltlichen Eingriff, den man fast eine Geschichtsklitterung nennen möchte, geht leider auch die eigentlich unauflösliche Tragik der Geschichte verloren. Kurzum: Eine nicht ungelungene Adaption des Stoffs – aber mit einigen Unstimmigkeiten.
Effi Briest
Deutschland 2009
Regie: Hermine Huntgeburth
Drehbuch: Volker Einrauch
118 Minuten
FSK: 12
Darsteller: Julia Jentsch, Sebastian Koch, Misel Maticevic, Margarita Broich, Barbara Auer, Juliane Köhler
Justament April 2009: Ungleiche Brüder
Recht cineastisch, Teil 2: “Buddenbrooks”
Thomas Claer
Die Erwartungshaltung anlässlich der vierten Verfilmung von Thomas Manns Roman “Buddenbrooks” (1901) war so groß, dass sie eigentlich nur enttäuscht werden konnte. Stolze 16,2 Millionen Euro kostete die hochkarätig besetzte Herstellung, für die mitproduzierende “Bavaria Film” war es das teuerste Projekt seit “Das Boot”. Und so hagelte es nach der Premiere auch reichlich Verrisse, wurden dem Film zahlreiche Mängel vorgeworfen: von der “Fernsehserien-Perspektive” der Kamera über den schwülstigen Bombast der Musik bis zur übertriebenen Inszenierung zeittypischer Details, die den damaligen Akteuren doch stinknormaler Alltag gewesen sein müssen. Auch sei bei der Straffung der sehr umfangreichen Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der Lübecker Kaufmannsfamilie auf nur 150 Minuten allzu viel Wesentliches ausgespart geblieben.
Nun haben diese Einwände durchaus ihre Berechtigung, fallen aber angesichts der herausragenden schauspielerischen Umsetzung gar nicht sonderlich ins Gewicht. Geringe Abstriche muss man an Jessica Schwarz’ Spiel als Tony Buddenbrook machen, aber nicht unbedingt aufgrund ihrer die Romanvorlage weit übertreffenden “überirdischen Schönheit”, wie Willi Winkler in der Süddeutschen meinte. Vielmehr ist zumindest bei der jungen, 18-jährigen Tony, die sich nicht völlig unzutreffend selbst als “dumme Gans” bezeichnet, die überaus reife und charaktervolle Ausstrahlung der Darstellerin ein Störfaktor, der wohl auch mit größter maskenbildnerischer Kunst kaum zu beseitigen gewesen wäre. Vortrefflich hingegen passen sich Mark Waschke und August Diehl ihren Rollen als Thomas und Christian Buddenbrook an. Vielleicht ist die überzeugende Darstellung des ewig prekären Verhältnisses zwischen den beiden Brüdern sogar der größte Vorzug dieser Verfilmung, eskalierend im kompromittierenden Diktum des kunstinteressierten, hypochondrischen Lebemannes Christian “Eigentlich und bei Lichte besehen ist doch jeder Geschäftsmann ein Gauner.” Bruder Thomas, der sich pflichtbewusst der Firma widmet, bekennt später gegenüber Christian: “Ich bin geworden, wie ich bin, weil ich nicht so werden wollte wie du.” Schließlich stirbt Thomas Buddenbrook im Jahre 1875 mit nur 48 Jahren an den Folgen einer missglückten Zahnextraktion ohne Betäubung.
Die im Unterschied zu den eher steifen Vorläufern fast schon poppige Interpretation der Vorlage sorgt für hohen Unterhaltungswert, ohne den Stoff übermäßig zu trivialisieren. Es ist vor allem aber auch die Magie der Geschichte selbst, die den Film zu einem Ereignis macht. Langeweile wird allenfalls empfinden können, wer das Buch nicht gelesen hat.
Buddenbrooks
Deutschland 2008
Regie: Heinrich Breloer
Drehbuch: Heinrich Breloer, Horst Königstein
150 Minuten, FSK 6
Justament Dez. 2008: Action, Blut, Dramatik
Recht cineastisch, Teil 1: Der Baader Meinhof Komplex
Thomas Claer
Dieser Film ist ein Erlebnis, wenn auch ein beklemmendes. Die Befürchtung, hier werde etwas zwecks Kommerzialisierung ins Hollywoodeske überführt, ist jedenfalls gänzlich unbegründet. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen, denn der zugrunde liegende reale Stoff sorgt bereits für genug Action, Blut und Dramatik. So ist der “Baader Meinhof Komplex” fast ein Dokumentarfilm geworden – nur eben besetzt mit hochkarätigen Schauspielern, die ihre Rollen wirklich glänzend spielen. Martina Gedeck gibt eine sehr berührende Ulrike Meinhof, Moritz Bleibtreu – vermutlich in seiner ersten Macho-Rolle – spielt einen erschreckend primitiven und dabei irgendwo doch charismatischen Andreas Baader. Der Film zeigt die Geschichte der Roten Armee Fraktion von ihren Wurzeln in der Studentenbewegung und dem Tod Benno Ohnesorgs im Sommer 1967 bis zum Tod der Top-Terroristen in Stammheim in den späten Siebzigern.
Ist der mitunter erhobene Vorwurf eines versteckten Sympathisantentums mit den Terroristen berechtigt? Ich jedenfalls konnte davon nichts erkennen. Die politischen Motive der Protagonisten erscheinen im Film wirrer und abstruser denn je. Hier haben vielmehr labile Charaktere ihre psychischen Probleme auf die Gesellschaft projiziert. Nur reichlich euphemistisch kann von einem fehlgeleiteten Idealismus die Rede sein. Das muss die Empathie des Zuschauers gegenüber diesen Leuten aber noch nicht vermindern. Etwas Anderes ist allerdings der damit verbundene Revolutions-Chic. Der wird durch die Gewaltexzesse nur noch verstärkt. Es wirkt natürlich schon irgendwie cool, wie die jungen Wilden mit Pistolen in der Hand durch die Stadt fahren und um sich knallen – ohne schlechtes Gewissen, weil im Dienste der Weltrevolution. Das weckt vermutlich, ganz ohne dass die Filmemacher es beabsichtigt haben müssen, bei Manchem den großen Traum vom Abenteuer. Es wäre scheinheilig, dies anzuprangern. Das Leben und die Kunst bestehen nicht nur aus politischer Korrektheit.
Der Bader Meinhof Komplex
Deutschland 2008
Regie: Uli Edel, Drehbuch: Bernd Eichinger
150 Minuten
FSK 12