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justament.de, 7.9.2026: Paranoia in Kreuzberg

Sven Regeners siebter Roman “Frankie und Freddie”

Thomas Claer

Der Zeitsprung ist (noch) ausgeblieben. Auch Sven Regeners siebter Roman “Frankie und Freddy” spielt wie zuvor schon “Neue Vahr Süd” (2004), “Der kleine Bruder” (2008), Wiener Straße” (2017) und “Glitterschnitter” (2021) im Jahr 1980. Oder anders gesagt: Bis auf sein Debüt “Herr Lehmann” (2001), das im Herbst 1989 angesiedelt ist, und “Magic Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt” (2013), dessen Handlung sich 1993 vollzieht, spielen alle Romane dieses Autors im selben Jahr, nämlich 1980. Nur wenige Monate liegen zwischen dem Auszug von Roman-Held Frank Lehmann aus der elterlichen Wohnung in der Neuen Vahr in Bremen, seinem provozierten Abschied von der Bundeswehr, seiner Hals über Kopf erfolgten Übersiedlung nach West-Berlin und seinem Ankommen und Wurzelnschlagen dort fürs (zumindest) nächste Jahrzehnt. Am Ende des neuen Romans greift er ein ihm von seinem Bruder Freddie, der schon auf dem Sprung nach New York ist, hingeworfenes Bibel-Zitat auf, das das Leben der Berliner Boheme verblüffend auf den Punkt bringt, und er weiß: Dort ist ein guter Ort für ihn.

Dass Regener auch diesmal noch im Kreuzberger Szene-Biotop des genannten ereignisreichen Jahres hängengeblieben ist, kann mehrere Gründe haben. Vielleicht sollte der möglicherweise fürs darauffolgende Buch anvisierte Sprung in die Nachwendezeit noch besser vorbereitet, mussten ein paar wichtige Voraussetzungen für spätere Handlungsabläufe erst noch erzählerisch geschaffen werden. Was man sich nach der Lektüre der 278 Seiten allerdings nicht vorstellen kann, ist die Möglichkeit, dass die Geschichte des gelernten Speditions-Kaufmanns und langjährigen Barkeepers Frank Lehmann nun zu Ende erzählt sein könnte…

“Frankie und Freddie” ist – wie schon alle anderen Regener-Romane zuvor – wieder ein großer Spaß geworden. Man lernt die einem bereits bestens vertrauten Figuren allesamt noch ein wenig besser kennen und entdeckt mitunter auch bislang verborgen gebliebene Seiten an ihnen. So erweist sich der junge Frank Lehmann, was man bisher noch nicht wusste, als beinahe vollendeter Paranoiker. (Eine Rolle, die in den Vorgänger-Romanen eher Frank Lehmanns Kneipen-Chef Erwin Kächele in seiner ständigen Angst vor “Zivilbullen” eingenommen hatte.) Darüber hinaus macht der Leser Bekanntschaft mit weiteren Szene-Existenzen wie Artsy Fartsy, erlebt packende Schilderungen des Berliner Öffentlichen Nahverkehrs zu Mauer-Zeiten (u.a. eine abendliche Fahrt mit der U8 von Kreuzberg nach Wedding mit haltloser Durchqueerung der östlichen “Geisterbahnhöfe”) und bekommt insbesondere die sich über einen ganzen Tag erstreckende Jagd nach einer verlorenen Tasche geschildert. Allein die im ersten Drittel des Romans ausführlich beschriebene Kreuzberger Apothekerin, die Frank Lehmann ein Erkältungsmedikament nicht geben will, ist keine sonderlich überzeugende Figur. Denn wenn sie im Jahr 1980 als etwa 60-jährig geschildert wird, dann müsste sie um 1920 geboren worden sein. Aber wie kann sie dann weitgehend so sprechen wie das junge Kreuzberger Szenevolk?

Auf der zwischenmenschlichen Ebene stehen diesmal vor allem die nicht immer einfache Beziehung der beiden Brüder Frank und Freddie Lehmann sowie die sich schon seit Monaten anbahnende Liebe zwischen Frank Lehmann und Erwin Kächeles Nichte Chrissie im Mittelpunkt. Außerdem geht es noch um die Kunstprojekte des Mitbewohners H.R. Ledigt und des Nachbarn Marko sowie das unter Berlinern oftmals leidige Thema, ob man über die Weihnachtstage zu seinen weit entfernt wohnenden Eltern fahren sollte. Nun denn, in ein paar Jahren werden wir hoffentlich erfahren, wie es weitergeht.

Sven Regener
Frankie und Freddie. Roman
Galiani Berlin, 2026
278 Seiten; 24,00 Euro
ISBN: 978-3-86971-319-9