www.justament.de, 1.7.2018: Kein ehrlicher Makler

Der neue Berlin-Roman „Skandinavisches Viertel“ von Torsten Schulz

Thomas Claer

Rund um den Arnimplatz in Prenzlauer Berg gibt es viele Straßen mit skandinavischen Namen: Dänenstraße, Malmöer Straße, Bornholmer Straße und noch einige mehr. Andere Straßen dieser Gegend sind jedoch nach brandenburgischen Orten benannt wie die Seelower oder die Schönfließer Straße. Den jungen Matthias Weber, der hier in den Siebzigerjahren seine Kindheit in grauer DDR-Tristesse verlebt, bringt dies auf die Idee, das „Skandinavische Viertel“ hinsichtlich seiner Straßennamen zu vereinheitlichen. Eines Nachts überklebt er die Straßenschilder der brandenburgisch benannten Straßen ersatzweise mit weiteren skandinavischen Namen, die er sich schon seit langem für sie überlegt hat. Auch eine Osloer und eine Stockholmer Straße sind dabei, die es zwar schon jenseits der Grenzanlagen im Wedding gibt, doch der Westen ist zu jener Zeit ohnehin unerreichbar…

Der Romancier und Drehbuchautor Torsten Schulz, bekannt u.a. durch „Boxhagener Platz“, hat in seinem neuen Roman ein brandheißes Thema aufgegriffen: die Jagd nach dem „Betongold“ in unserer Hauptstadt. Doch in erster Linie geht es in „Skandinavisches Viertel“ um den Immobilienmakler Matthias Weber und seine wechselvolle Lebensgeschichte. Nach knapp einem Jahrzehnt in der großen, weiten Welt, in Buenos Aires, Kapstadt und Los Angeles (wo er sich freilich überall nur mehr schlecht als recht als prekärer Journalist durchgeschlagen hat) kehrt Matthias bald nach der Jahrtausendwende zurück an die Orte seiner Kindheit und wird, was er keineswegs beabsichtigt hat, Wohnungsmakler in Prenzlauer Berg, genauer gesagt: ausschließlich im Skandinavischen Viertel.

Nun wird mancher einwenden, dass Immobilienmakler zu den unsympathischsten Berufsgruppen überhaupt gehören. Und in der Tat: Womit sie ihr Geld verdienen, hat schon etwas von Wegelagerei. Man kann es sich so vorstellen, dass sich jemand auf eine der wenigen Brücken über einen Fluss stellt und allen den Weg versperrt, die nicht seine Dienste in Anspruch nehmen wollen, die darin bestehen, die Betreffenden gegen einen hohen Obolus über die Brücke zu begleiten, die sie aber ebenso gut auch alleine überqueren könnten. Zugegeben, es ist es auch mit etwas Arbeit verbunden, eine Wohnung zu verkaufen. Aber dafür 7,1 Prozent des Kaufpreises dem Käufer zu berechnen, der den Makler gar nicht bestellt hat, ist eine legale Unverschämtheit sondergleichen. Und unser Gesetzgeber ändert nichts an diesem skandalösen Zustand, sondern beschließt ein bürokratisches Monster namens Baukindergeld, statt die Immobilienkäufer schlicht durch die generelle Einführung des Bestellerprinzips für Makler zu entlasten. Soll doch der Verkäufer den Makler bezahlen, wenn er ihn unbedingt benötigt. Aber das nur so am Rande geschimpft…

Roman-Makler Matthias Weber, und das spricht für ihn, ist sich immerhin seiner prinzipiellen Überflüssigkeit bewusst. Doch ist er opportunistisch genug, dieses Pferd weiter zu reiten, solange es ihn noch trägt. Er ist gewissermaßen die Idealbesetzung als Makler, da er schon in seiner Kindheit und Jugend hemmungslos und glaubhaft lügen konnte, dass sich die Balken bogen. Und so verfährt er dann später auch mit seinen Kunden: „Es gibt eine ganze Reihe von Interessenten. Soll ich Sie auf die Liste setzen?“ Oder: „Die Wohnung ist schon verkauft.“ Solche Sprüche kennt jeder, der schon einmal mit Immobilienmaklern zu tun hatte. Doch bei Matthias stehen die Dinge noch etwas anders. (Schließlich befinden wir uns nicht in der Wirklichkeit, sondern in einem Roman.) Erstens hat er es schon nach einigen Jahren als Makler nicht mehr nötig, noch jedem Euro hinterherzulaufen, indem er die Preise künstlich hochtreibt. Das liegt weniger an seinen hohen geschäftlichen Umsätzen als vielmehr an mehreren Immobilien-Schnäppchen, die er auf teilweise abenteuerliche Weise für sich selbst an Land ziehen konnte und die jahraus, jahrein weiter an Wert gewinnen. Er wird nämlich innerhalb weniger Jahre nacheinander Eigentümer von gleich fünf Wohnungen, die sich ihrerseits allesamt im Skandinavischen Viertel befinden: der selbstgenutzten Dreizimmerwohnung in der Malmöer Straße (mit ihr fing alles an), in der früher seine Großeltern gewohnt haben, sowie außerdem von vier weiteren kleinen vermieteten Wohnungen (jeweils 46 bis 48 qm groß) in der Schönfließer und Ueckermünder Straße. Von den bescheidenen Mieteinnahmen könnte Matthias, der einen wenig glamourösen Lebensstil pflegt (kein Auto, keine teuren Restaurants, keine teuren Reisen), im Notfall ohne weiteres leben. Weshalb er sich beruflich und auch sonst von niemandem, und schon gar nicht von seinen Kunden, etwas sagen lässt. Zweitens nutzt Matthias die große Machtfülle, die ihm quasi als Herrn über die allseits heiß begehrten Wohnungen in der angesagten Trendlage zukommt, um selbst darüber zu bestimmen, wer künftig im Viertel wohnen soll und wer nicht. Die mit der dicksten Brieftasche lässt er besonders gerne abblitzen: Russische Oligarchen etwa haben bei ihm keine Chance. Auch die wohlhabenden Eltern aus Westdeutschland, die ihren verwöhnten Kindern zum Studium oder Berufseinstieg eine Bleibe in Berlin kaufen wollen, weist er gerne zurück. Willkommen ist hingegen der kleine Handwerksmeister aus Lichtenberg… Gibt es Mängel in den Wohnungen wie Schimmel-Stellen, macht Matthias seine Kunden penibel darauf aufmerksam. Dass eine Wohnung deshalb nicht genommen wird, ist aber noch nie vorgekommen. Jeder, der überhaupt in Prenzlauer Berg zum Zuge kommt, ist froh und dankbar. Doch hat es schon 2002, darüber wird als Kuriosum am Rande berichtet, einen jungen dänischen IT-Mann gegeben, der nicht in Prenzlauer Berg, sondern lieber im wenig einladenden benachbarten Wedding gekauft hat, für weniger als die Hälfte pro qm. Warum nur, fragen sich alle, greift er ausgerechnet in einer so schlechten Gegend zu? Aus heutiger Sicht hat er sich als kluger, vorausschauender Investor erwiesen…

Wenn der Roman den Werdegang seines Protagonisten über mehrere Jahrzehnte schildert, dann tut er das keineswegs streng chronologisch, sondern eher schubweise und mit vielen Zeitsprüngen. Für den Leser ist diese Erzählweise angenehm abwechslungs- und spannungsreich, da er viele interessante Details über das familiäre Umfeld, wie auch der Protagonist selbst, erst nach und nach erfährt. Das Besondere an Matthias ist, dass er zwar gut vernetzt ist, jedoch keine Freunde im eigentlichen Sinne besitzt. Er ist Einzelkämpfer durch und durch. Wichtige Bezugspersonen für ihn kommen entweder aus seiner Familie (Eltern, Großeltern und ein Onkel) oder sind seine, oft nur kurzzeitigen, Partnerinnen.

Matthias‘ Umgang mit Frauen ist gewissermaßen ein Kapitel für sich. Eigentlich ständig ist er auf der Suche nach der einen großen Liebe seines Lebens, hat sie aber bis kurz nach seinem 50. Geburtstag (hier bricht der Roman ab) noch nicht gefunden. Stattdessen hat er, der als äußerlich sehr anziehend beschrieben wird, zum Teil jahrelang, mit Frauen zusammengelebt, die er nie richtig geliebt hat, und sie alle irgendwann verlassen. Doch hat er wirtschaftlich enorm von ihnen profitiert, insbesondere von der Charlottenburger Maklerin, die ihn über das Körperliche-Sexuelle hinaus auch in ihren Beruf eingeführt hat. Hinzu kommt, dass Matthias recht spezielle erotische Vorlieben hat, was das Alter seiner Freundinnen betrifft: Seit seiner ersten Beziehung als 23-jähriger Journalistik-Student mit seiner 41-jährigen Philosophie-Dozentin ist Matthias nämlich fixiert auf Frauen im Alter von Anfang vierzig („manchmal älter, aber niemals jünger“), was sich über die Jahre nicht verändert, nur dass die betreffenden Frauen naturgemäß nicht dauerhaft in diesem Alter verbleiben. In allen Lebensphasen ist Matthias sexuell aktiv. Doch seit er wieder in Berlin lebt und sich von der Maklerin (mit deren ausschweifendem Lebensstil er wenig anfangen kann) getrennt hat, beschränkt er sich auf flüchtige Affären mit (oftmals verheirateten) Kundinnen sowie lose Internetbekanntschaften, jeweils im von ihm favorisierten Alter, versteht sich…

Die Qualität eines Romans, so sagte es Marcel Reich-Ranicki einmal, zeige sich in der Darstellung der Sexualität. Hier trenne sich regelmäßig die Spreu vom Weizen. Nun spielt dieser Bereich in „Skandinavisches Viertel“ auch durchaus eine Rolle, doch liegt die große Stärke dieses Romans woanders, nämlich in der fesselnden Darstellung Matthias‘ erst allmählich zutage tretender verworrener Familiengeschichte, die voller – politisch und historisch aufgeladener – Geheimnisse steckt. Immer wieder, bis zuletzt, erfahren wir neue Details, die alles bisher Bekannte in neuem Licht erscheinen lassen. Das proletarisch-versoffene urwüchsige Prenzlauer Berg-Milieu, dem Matthias entstammt, ist glänzend beschrieben. So wie der trunksüchtige Onkel, als dessen größte Lebensleistung es Matthias ansieht, dass er allen seinen Stamm-Kneipen in der Gegend lustige Spitznamen gegeben hat, die Matthias nie vergessen wird. (Man versteht gut, dass Matthias auf seine Weise noch etwas davon in die neue Zeit hinüberretten möchte, doch wird im Verlauf der Romanhandlung immer deutlicher, dass er in dieser Hinsicht auf verlorenem Posten steht.) Überhaupt wirkt die Darstellung der Figuren sehr lebendig, obwohl es immer wieder um den Tod geht, der schließlich die gesamte Familie hinwegrafft. Eine Beerdigung reiht sich an die nächste. Am Ende steht Matthias ganz alleine da mit seinen fünf Wohnungen, die ihn durch ihren rasanten Preisanstieg in den letzten Jahren zum Millionär gemacht haben dürften: beruflich angeschlagen, ohne Familie, ohne Freunde und ohne Liebe. Wer wird in ferner Zukunft seiner Beerdigung beiwohnen? Eine tiefe Melancholie durchzieht das Geschehen. Was alles überdauert hat, sind allein Matthias‘ sexuelle Obsessionen… Torsten Schulz ist ein eindrucksvolles Buch gelungenen.

Torsten Schulz
Skandinavisches Viertel. Roman
Klett-Cotta 2018
266 Seiten; 20,00 EUR
ISBN: 978-3-608-98137-7

 

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