Justament März 2003: Dynamische Seilschaften

Kulturell drängt es Slowenien schon seit langem nach Mitteleuropa. Doch auch wirtschaftlich stellt die alpine Zwergrepublik die übrigen osteuropäischen EU-Beitrittsländer deutlich in den Schatten. Dies ist aber keineswegs auf knallharte marktwirtschaftliche Reformen zurückzuführen. Vielmehr haben die auf allen Ebenen dominierenden alten kommunistischen Seilschaften und eine pragmatische Vetternwirtschaft das Alpenland fit für Europa gemacht.

Thomas Claer

Plattencover der slowenischen Band Laibach

Plattencover der slowenischen Band Laibach

Die junge Kulturszene der einstigen Provinzstadt des Habsburger Reiches und jetzigen slowenischen Hauptstadt Ljubljana (Laibach) befand sich bereits in den 80er Jahren nicht nur voll auf der Höhe westlicher Trends, sondern setzte eigene dagegen, die den Westen nachhaltig beeinflussen sollten. Zum exponiertesten Exportschlager avancierten zu dieser Zeit die Popmusiker der Gruppe Laibach, die eine Art frühen Industrial-Sound mit der exzessiven Präsentation ideologischer Symbolik (durch in die Songs integrierte Versatzstücke politischer Reden und eine obskure Gestaltung der Plattencover) verbanden. Insbesondere durch ihre ironisch-übersteigerte Rezeption der Nazi-Ästhetik, die auch vor Hakenkreuzen nicht halt machte (und daher trotz ihres Erfolgs in der westeuropäischen Alternativkultur immer umstritten blieb, vgl. http://www.laibach.nsk.si) ebneten Laibach den Weg für spätere, kommerziell sehr einträgliche, intellektuell aber eher schlichte Projekte wie Rammstein, die sogar den amerikanischen Markt erobern konnten.

Abschied vom Balkan
Niemanden durfte es überraschen, dass dieses nach Größe und Einwohnerzahl lediglich mit Mecklenburg-Vorpommern vergleichbare Land, in dem zur Vorwendezeit die Subkultur, zumal auch als politische Dissidenz, blühte wie vielleicht nirgends sonst im Ostblock, sich 1990/91 schleunigst aus dem politischen Zwangsverband Jugoslawiens befreite. Glücklich war dabei der Umstand, dass das machtbewusste Kern-Jugoslawien unter Präsident Milosevic die imperialen Schwerpunkte woanders (in Kroatien, später in Bosnien) setzen musste und das ethnisch relativ homogene Slowenien nach nur 10 Tagen Krieg im Sommer 1991 in die Unabhängigkeit entließ. Damit zogen die Slowenen einen Schlussstrich unter ihre über 70 Jahre währende faktische Ausgeschlossenheit aus Mitteleuropa, die – vor allem von ihnen selbst – im Laufe der Jahre immer mehr als ein Irrweg empfunden wurde. Mit dem für Mai 2004 verbindlich zugesagten EU-Beitritt wähnt sich Slowenien nun endgültig dem Balkan entronnen, jenem Strudel dunkler und zerstörerischer völkischer Leidenschaften, den der inzwischen zu weltweiter Bekanntheit gelangte slowenische Philosoph Slavoj Zizek eher der “imaginären Kartographie” als der faktischen Geographie zuordnet.

Alte Kader
An der Spitze der Unabhängigkeitsbewegung standen vor 13 Jahren die Reformkommunisten, welche ihre Macht bis heute zementieren konnten, indem sie sich, was ein nicht nur in Osteuropa einmaliger Vorgang war, zur Liberaldemokratischen Partei Sloweniens (LDS) umdeklarierten und als solche mit zunächst ultraliberaler Rhetorik (von der deutschen FDP gesponserte) Aufnahme in die Liberale Internationale fanden, deren einzige in ihrem Lande dominierende Regierungspartei sie heute sind. Mit unterschiedlichen Juniorpartnern regierend, fuhren die “Wendehälse” der LDS seitdem einen Kurs der behutsamen Westintegration bei größtmöglicher personeller Kontinuität zum alten System. Bis 2002 bekleidete der letzte KP-Vorsitzende Kucan das Amt des Staatspräsidenten. Ihm folgte nun der langjährige Ministerpräsident Drnovsek (LDS, ebenfalls KP-Biographie). Auch ist der größte Teil der “roten Direktoren”, die schon vor der Wende die Staatsbetriebe lenkten, in den Nachfolgeunternehmen bis heute im Amt.
Dabei kann die immerhin vorsichtige Öffnung der slowenischen Märkte für ausländische Investoren als maßgebliches Verdienst der LDS gelten. Alle anderen politischen Kräfte, darunter die von ehemaligen Dissidenten geführten Sozial- und Christdemokraten (welche derzeit nicht mehr zur Regierung gehören) hegen Vorbehalte gegenüber dem Regierungskurs mit Argumenten wie dem, dass nach dem EU-Beitritt ein einziger reicher Italiener die gesamten 42 km slowenischer Adriaküste aufkaufen könnte …
Doch ist die Meinungshoheit der führenden Partei nicht ernsthaft in Gefahr. Keine der in Slowenien erscheinenden wichtigen Tages- oder Wochenzeitungen ließe sich als regierungskritisch bezeichnen. Eine politische oder juristische “Bewältigung” der kommunistischen Vergangenheit stößt in Slowenien auf wenig Interesse. Vor allem letzteres illustriert einen für das Land typischen Pragmatismus. Der Blick ist in die Zukunft gerichtet.

Es geht auch so
Die wirtschaftlichen Erfolge Sloweniens sprechen für sich: Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner ist doppelt so hoch wie in den anderen EU-Neuländern Osteuropas und erreicht mit 70 % des Alt-EU-Durchschnitts bereits die Stärke Griechenlands oder Portugals. Ähnlich verhält es sich mit dem Lohnniveau. Die Arbeitslosigkeit liegt formal bei nur noch 8 %. Und mit dem Tourismus hat Slowenien, das sowohl mit Adriastrand als auch mit Skipisten und Thermalbädern in den Alpen gesegnet ist, eine immer noch ausbaufähige Wachstumsbranche.
Weniger rosarot wird Slowenien von volkswirtschaftlicher Seite bewertet. Bei allen Erfolgen, so wird eingewendet, seien mit dem alten Management die Schwachstellen des Selbstverwaltungssozialismus fortgesetzt und dringende Neuinvestitionen vernachlässigt worden. Die Textil- und Stahlindustrie, von deren Exporten das Land noch stark profitiert, gelten als problembeladen, erstere wegen (im osteuropäischen Vergleich) zu hoher Lohnkosten, letztere weil sie veraltet ist. Auch sei das Wirtschaftswachstum von zuletzt nur noch knapp drei Prozent für ein junges Reformland, das nach deutschem Vorbild soziale Wohltaten verteile, einfach zu niedrig. Die Slowenen seien, so heißt es, schon zu anspruchsvoll geworden und nicht mehr opferbereit genug.
Auch insofern ist Slowenien anscheinend in Mitteleuropa angekommen. Ein Tigerstaat, der Jahr für Jahr nahezu zweistellig wächst und dessen Bürger ohne Atempause dafür schuften müssen, ist Slowenien nicht. Aber seine herausragende Position im einstigen politischen Osteuropa zeigt: Es geht auch so – und das gar nicht schlecht.

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