justament.de, 18.5.2026: Menage a trois in West-Berlin
Peter Schneiders brisanter letzter Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“
Thomas Claer
Am 3. März dieses Jahres ist in Berlin der Schriftsteller Peter Schneider 85-jährig verstorben. Nur wenige Monate zuvor hatte er noch seinen letzten Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“ veröffentlicht. In diesem wimmelt es nur so von autobiographischen Bezügen. Schneider, der einer der maßgeblichen Wortführer und Organisatoren der Berliner Studentenbewegung der Sechzigerjahre gewesen ist, bündelt in diesem Roman noch einmal die bevorzugten Themenkreise seines literarischen Schaffens: Deutschland in der Nachkriegszeit, die politische und mentale Ost-West-Spaltung, seine Wahlheimatstadt Berlin sowie – ganz besonders – Liebe und Erotik in diesem Umfeld.
Die Handlung setzt nur kurz in der Gegenwart ein, erstreckt sich dann in einem ausführlichen Rückblick von Mitte der Sechziger- bis Anfang der Siebzigerjahre und endet dann wieder im (beinahe) Hier und Jetzt. Im Zentrum des Romans steht die 1965 beginnende Dreiecksbeziehung zwischen der in der DDR aufgewachsenen und von dort nach West-Berlin geflüchteten jungen Isabel und ihren beiden westlichen Verehrern, den Studenten Nick und Sebastian, wobei letzterer zugleich als Ich-Erzähler fungiert. Als solcher hat er zwar einiges gemein mit dem Verfasser des Romans, doch noch weitaus stärker gleicht dieser Nick, Sebastians Freund und zugleich Konkurrenten um die Gunst der schönen Isabel. Letztere ist ein kapriziöses Wesen, dem die beiden jungen Männer – und mit ihnen noch zahllose weitere Verehrer – hoffnungslos verfallen sind. Die dramatischen Höhen und Tiefen dieser Verbindung nimmt der Ich-Erzähler bereits in seinen einleitenden Reflexionen über die „Frau seines Lebens“ vorweg: „Auf das eigene Gedächtnis sollte sich niemand, der bei Verstand ist, verlassen. Vor allem nicht dann, wenn es um die Liebe geht. Es sind ja nicht die geglückten Liebesgeschichten, die erfüllten Träume, die eingelösten Hoffnungen, die die tiefste Spur im Gedächtnis hinterlassen. Wer von der größten Liebe seines Lebens spricht, meint damit eine, die neben den euphorischen Augenblicken auch das größte Unglück und die schlimmsten Verletzungen hervorgebracht hat. Das Gedächtnis der Gefühle gehorcht einer darwinistischen Logik: Es hält die schiere Wucht einer Liebeserfahrung fest, es privilegiert das Übermaß des Glücks und der Verzweiflung. Für das mittlere, das halbwegs gelingende und vielleicht dauerhafte Glück bringt es kaum Interesse auf.“ (S. 7)
Mit der Zeit gewinnen jedoch zunehmend auch die politischen Radikalisierungstendenzen jener Jahre an Einfluss auf die Romanhandlung, die drei Hauptfiguren und ihr Verhältnis zueinander. Ausgerechnet die Figur, der man dies am wenigsten zugetraut hat, gerät tief in den Sumpf des RAF-Terrorismus, und es nimmt mit ihr ein böses Ende. Dies sowie die ewig großen Fragen um Liebe und Freundschaft, Trennung und Verrat bestimmen dann den weiteren Fortgang der Ereignisse und insbesondere auch die späteren Erinnerungen der beiden Übriggebliebenen an jene wilden Jahre.
„Die Frau an der Bushaltestelle“ ist ein intensiver, streckenweise erschütternder Roman über die Verstricktheit von Privatem und Politischem, der sich in seiner Mischung aus Erinnerung, Rekonstruktion und literarischer Fiktion womöglich auch als autobiographischer Schlüsselroman lesen lässt, wobei aber genau diese Frage am Ende im Dunkeln bleibt. So möge es jede Leserin und jeder Leser selbst beurteilen, ob dieses von seinem Verfasser sehr effektvoll erst am eigenen Lebensende herausgebrachte Buch noch weitere versteckte Bedeutungsebenen enthält.
Peter Schneider
Die Frau an der Bushaltestelle
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2025
310 Seiten; 25,00 Euro
ISBN: 978-3-462-00590-5
