Tag Archives: 40 Jahre

www.justament.de, 24.12.2018: Goethe & Co. als Rockmusik

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor vierzig Jahren erschien „Regenballade“ von Achim Reichel

Thomas Claer

Damals in den Siebzigern wurde viel experimentiert. Und so kam es, dass der umtriebige Rockmusiker Achim Reichel, der sich zuvor bereits u.a. an meditativer Psychedelic und Seemannsliedern erprobt hatte, deutsche Balladen des 19. Jahrhunderts kurzerhand zu Popsongs machte. Reichel, das muss man wissen, hatte seinerzeit einen wirklich guten Lauf. Was er anfasste, gelang ihm, wenn auch die kommerziellen Erfolge sich erst mit erheblicher Verspätung einstellen sollten. Bis heute wird seine LP „Regenballade“ aus dem Jahr 1978 als rundum gelungenes Fusions-Experiment gefeiert, das natürlich längst als Unterrichtsmaterial an deutschen Schulen dient. Wobei diese Musik heutigen Schülern mittlerweile ähnlich fern stehen dürfte wie z.B. die Vertonung von Wilhelm Müllers „Winterreise“ durch Franz Schubert aus dem Jahr 1827. Doch dafür gefällt sie den Lehrern umso besser, oder sagen wir lieber: den älteren Lehrern…

Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard – mehr brauchte es nicht, um die angestaubten Balladen plötzlich als luftige Rock-Nummern wiederauferstehen zu lassen. Eigentlich gilt ja unter Musikern der Grundsatz, dass immer zuerst die Melodie vorhanden sein muss, zu der dann nachträglich ein passender Text hinzugefügt wird. Dass es – in seltenen Fällen – auch andersherum funktionieren kann, beweist Reichels „Regenballade“. Beim Lesen der alten Texte, so Achim Reichel später, seien ihm die Melodien nur so zugeflogen. Das glaubt man ihm gerne, so mühelos, wie sich hier alles ineinander fügt.

Besondere Höhepunkte dieses Albums sind „Nis Randers“ aus der Feder des Hamburger Schriftstellers Otto Ernst, das zu einem lupenreinen Gitarrenpop-Song mutiert, „Een Boot is noch buten“ vom Naturalisten Arno Holz und „Trutz blanke Hans“ vom Prä-Naturalisten Detlev von Liliencron. Jener Liliencron ist auch der Verfasser von „Pidder Lüng“ mit dem berühmten Refrain „Lewwer duad üs Slaav!“ Reichel macht daraus einen hochenergetischen Freiheitssong, hier eine großartige Live-Version von 1991. Ebenfalls zweimal auf der Platte vertreten sind Johann Wolfgang von Goethe (neben dem „Zauberlehrling“ noch mit dem „Fischer“: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“) und Theodor Fontane („Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ und „John Maynard“).

Aber dann hat sich auch noch eine Ballade viel jüngeren Datums, nämlich aus dem 20. Jahrhundert, auf der LP eingeschlichen: Das Titelstück, die „Regenballade“, stammt von der Lyrikerin und Romanautorin Ina Seidel (1885-1974). Endlich ist hier auch mal eine Frau unter den Dichtern vertreten, denkt man. Nur leider ist Ina Seidel eine Art Skandalfigur, die sich in der NS-Zeit als Blut- und Boden-Literatin sowie als begeisterte Hitler-Verehrerin hervorgetan hat („Hier stehn wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz“). Ihre „Regenballade“ selbst, um die es hier geht, ist aber wohlgemerkt völlig unpolitisch, eine Art verspätetes Stück Schauerromantik. Und sie ist wirklich grandios. Von daher ist es auch gut so, dass dem guten Achim Reichel daraus noch keiner einen Strick gedreht hat, zumal einem so grundehrlichen und sympathischen Zeitgenossen wie ihm ohnehin niemand unlautere Motive unterstellen würde. Also sei’s drum!

Achim Reichel
Regenballade
Ahorn 1978
Neuauflage als CD: Tangram 2008
ASIN: B007Z1UARK
9,99 Euro (bei Amazon)

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www.justament.de, 19.11.2018: Traurig und süß, klagend und quietschend

Scheiben vor Gericht Spezial: 40 Jahre The Cure

Thomas Claer

So düster viele Songs der englischen Band “The Cure” auch sind, vor allem jene aus ihrem Frühwerk, so ist in ihnen doch immer auch eine Spur von Süße enthalten. Und umgekehrt lässt sich sagen: So süßlich und poppig viele Cure-Songs auch sein mögen, insbesondere solche aus ihrer mittleren und späten Schaffensperiode, so tragen sie dennoch stets einen Hauch von Melancholie in sich. Vielleicht liegt ja hierin das Geheimnis von “The Cure” begründet, dem Lebenswerk des Sängers und Texters Robert Smith (Jahrgang 1959), das dieser über nunmehr vier Jahrzehnte mit immer anderen Musikern um- und fortgesetzt hat: Traurigkeit und Süße sind in ihren Liedern unauflöslich ineinander verschränkt. Robert Smiths Gesang hat dabei aber auch fortwährend etwas jammervoll Klagendes – und kontrastiert dadurch auf raffinierte Weise mit den oft einschmeichelnden Melodien seiner Songs. Und noch hinzu kommt, dass diese regelmäßig auf besondere Weise, wie soll man sagen, ein wenig quietschend und schrill klingen, was ihnen einen ganz eigenen Charakter gibt.

Besonders beeindruckend wirkt aus heutiger Sicht die Anfangsphase der “Cure” in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. Man kann wohl sagen, dass sie seinerzeit so etwas wie ein heißer Szene-Act gewesen sind. Zwar hatten sie mit „Boys Don’t Cry“ gleich zu Beginn einen kleinen Hit in Amerika, doch brachte dies ihren sehr speziellen Ruhm in der Dark Wave- und Gruftiszene nicht ernsthaft in Gefahr. Seit den frühen Achtzigern trat die Band in schwarzer Kluft und Robert Smith mit gebleichtem Gesicht und rotgeschminkten Lippen auf. Ihre Musik zu jener Zeit war dabei überraschend abwechslungsreich, blieb aber gleichwohl immer sehr eigenartig. Als ihr ganz großes Meisterwerk kann die LP „Boys Don’t Cry“ gelten, die zunächst nur für den amerikanischen Markt gedachte Version ihres Debütalbums „Three Imaginary Boys“, ergänzt um mehrere in jener Zeit erschienene Singles der Band. Sie enthält u.a. das manchmal missverstandene „Killing an Arab“, eine Adaption des Romans „Der Fremde“ von Albert Camus, eines Hauptwerks des Existenzialismus. Doch waren die Nachfolgealben ebenfalls noch höchst brillant, wobei hier besonders „The Top“ (1984) hervorzuheben ist, ihr vielleicht geheimnisvollstes Werk mit obskuren ägyptischen und indischen musikalischen Einflüssen und dementsprechend rätselhafter Gestaltung des Plattencovers (siehe Abbildung).

Kommerziell gelang der endgültige Durchbruch mit dem Album „Disintegration“ (1989), dem Single-Hit Lullaby und seinem berühmten Spinnen-Video. Doch obgleich nun im Mainstream angekommen blieb der Cure-Sound auch in den Jahren darauf markant und unverwechselbar, wenn auch längst nicht mehr so aufregend wie in ihrem ersten Jahrzehnt.

Cure-Alben bis 1989
– Three Imaginary Boys / Boys Don’t Cry (1979)
– Seventeen Seconds (1980)
– Faith (1981)
– Pornography (1982)
– Japanese Whispers (1983)
– The Top (1984)
– The Head on the Door (1985)
– Kiss me Kiss me Kiss me (1987)
– Disintegration (1989)