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justament.de, 9.1.2023: Ein Kind der Sesamstraße

Justament-Autor Thomas Claer gratuliert zum 50. Geburtstag ihrer deutschen Version 

Wodurch ist ein DDR-Kind in den Siebzigerjahren am nachhaltigsten beeinflusst worden? Das mag bei jedem anders gewesen sein. Für mich jedenfalls kann ich voll Dankbarkeit sagen: nicht nur durch die nach heutigen Maßstäben ziemlich autoritäre Erziehung in Elternhaus und staatlichen Einrichtungen, wo es immer nur hieß “Du sollst…”, “Du musst… oder “Du darfst nicht…”, sondern mindestens ebenso durch die tägliche “Sesamstraße” aus dem Westfernsehen, deren Motto etwa im grandiosen “Egal-Song” lautete: “Es ist egal, du bist, wie du bist.” Man könnte das auch übersetzen mit “Die Würde des Kindes ist unantastbar.”

Tatsächlich jeden Tag eine halbe Stunde lang lief in meiner Kindheit die Sesamstraße, außer donnerstags, da kam die ähnlich gute “Sendung mit der “Maus”. Und dieser fröhlich-bunte Spaß mit Puppen und Monstern und lustigen Liedern war ein ziemlicher Kontrast zum Kinderfernsehen Ost, das schon rein quantitativ nicht mit seinem westlichen Pendent mithalten konnte. Nun hatte das DDR-Programm für den Nachwuchs zweifellos auch seine Vorzüge, doch spielte es sich bezeichnenderweise zumeist in einer Parallelwelt zum Alltagsleben ab – im “Märchenwald”, und der lag wiederum im “Märchenland”. Anders die ganz überwiegend im damaligen “Hier und Jetzt” angesiedelte Sesamstraße. Ironischerweise waren nämlich in der Zeit nach 1968 die westlichen Kindersendungen oftmals politischer als die östlichen. Bürgte unter den ideologisch strengen DDR-Verhältnissen vor allem der unpolitische Charakter des Kinderprogramms für dessen Qualität, war es im freien Westen genau andersherum. In der “Sesamstraße” wehte ein neuer frischer Wind, der nicht zuletzt auch die überkommenen deutschen Erziehungskonzepte infrage stellte. Man muss betonen, dass es zu jener Zeit noch gang und gäbe war, im Osten wie im Westen, zu sagen: “Eine ordentliche Tracht Prügel hat noch keinem Kind geschadet.” Und dass Kinder grundsätzlich den Mund zu halten hatten, das ist wohl noch bis zum Ende der DDR so geblieben.

Für mich jedenfalls war das westliche Reformpädagogik-Fernsehen ganz großartig. Zumal die Macher der deutschen “Sesamstraße” gewissermaßen auch der ersten Generation dieser besagten Erziehung im neuen Geiste angehörten. Alles wirkte so frisch und unbekümmert, so experimentell und improvisiert. Und wie liebte ich die Puppen und Darsteller, besonders eine ganze Reihe von Nebenfiguren. Vor Graf Zahl, das muss ich zugeben, hatte ich in jüngeren Jahren noch richtig Angst, aber natürlich war es ein wohliges Gruseln. Umwerfend komisch war z.B. Don Schnulze, der genialische Sänger und Pianist, der immer wieder verzweifelt mit dem Kopf auf die Tasten schlug, wenn ihm zu seinen Kompositionen die passende Textzeile nicht einfallen wollte. Nicht minder witzig war Schlemihl, der zwielichtige Geschäftsmann, der die Verlautbarungen seines Gegenübers vorzugsweise mit einem “Psssst, genau!” kommentierte. Oder Herbert Leichtfuß, der freundliche Erfinder, der immer geduldig seine neuesten technischen Werke erklärte und sich nicht einmal durch unkontrollierte Aktionen des Krümelmonsters aus dem Konzept bringen ließ. Auch Sherlock Humbug, der sich am Ende seiner Ermittlungen meistens selbst als Übeltäter überführte, sich für diese Erkenntnisse aber anschließend noch von seinen jeweiligen Auftraggebern bezahlen ließ, war eine großartige Figur. Und dann natürlich Ernie und Bert, die beiden grundverschiedenen alterslosen Freunde eindeutig männlichen Geschlechts, die ohne Eltern oder sonstige Erzieher in einer gemeinsamen Wohnung zusammenlebten und sogar das Bett miteinander teilten. Kein Wunder, dass sie Jahrzehnte später zu Ikonen der Schwulenbewegung avancierten…

Was für ein Vergnügen es mir heute bereitet, mich durch die alten Sesamstraßen-Filmchen auf YouTube zu klicken! Sieht man sich dagegen mal eine heutige Sesamstraßen-Folge an, dann ist das eine fast schon schmerzhafte Erfahrung. Die neuen Puppen sind längst nicht mehr so gut wie die alten! Und die Puppen, die es früher schon gab, haben jetzt alle andere Stimmen, die überhaupt nicht zu ihnen passen. Auch inhaltlich ist das alles gar nicht mehr mit früher zu vergleichen. Nein, die Sesamstraße war früher wirklich um Längen besser! Die armen heutigen Kinder! Aber es ist ja schließlich auch kein Wunder, dass sich sowohl die Sesamstraße als auch man selbst in fünf Jahrzehnten ein wenig verändert haben. Alles Gute zum Jubiläum!

justament.de, 11.11.2019: Meine Sesamstraßen-Theorie

Recht histotisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer zum 30. Jahrestag des Mauerfalls

Warum die rechtspopulistische bis rechtsextremistische AfD ausgerechnet in Ostdeutschland so oft gewählt wird, darüber wird nun schon seit Jahren ausgiebig diskutiert. Es mag viele verschiedene Gründe dafür geben, aber in meinen Augen spielt dabei auch die frühkindliche mediale Prägung eine wichtige Rolle. Es ist doch auffällig, dass diese menschenverachtende Partei ihre Spitzen-Werte, also Wahlergebnisse von 40 Prozent und mehr, vor allem in jenen Gebieten erzielte und erzielt, in denen sich früher, zu Teilungszeiten, kein Westfernsehen empfangen ließ: in Vorpommern und im Raum Dresden. Nun war das DDR-Kinderfernsehen, vom Sandmännchen bis zu Pittiplatsch und Schnatterinchen, zwar alles andere als schlecht, aber eben doch längst nicht so für Fragen der Diversität und Pluralität sensibilisiert wie die westlichen Kindersendungen, allen voran die Sesamstraße. Mit großer Selbstverständlichkeit traten dort hell- und dunkelhäutige Kinder nebeneinander auf. In der Sendung „Rappelkiste“ spielte sogar ein kleines türkisches Mädchen namens Filiz mit, das mit einem blonden deutschen Mädchen befreundet war. Erinnert sei auch an die mehrsprachigen Anfangsansagen in der “Sendung mit der Maus”. Ganz besonders aber bin ich als westfernsehverwöhntes DDR-Kind in den Siebziger- und Achtzigerjahren durch die grandiosen Kurzfilme und Songs der deutschen Version der Sesamstraße geprägt worden, die immer so human und hintersinnig philosophisch waren, eigentlich ebensogut für Erwachsene geeignet wie für Kinder. Der Mann hinter all diesen Filmchen und auch Liedern war Christoph Busse, damals frisch gebackener Absolvent der Filmschule. In der Sesamstraße, so sagt er im einzigen jemals von ihm gegebenen Interview, habe er seinerzeit Narrenfreiheit genossen. Er gehörte, ohne dass ich damals seinen Namen kannte, zu den Helden meiner Kindheit. Und dank YouTube lässt sich ja heute noch einmal ganz tief in die eigene frühkindliche Vergangenheit eintauschen… Exemplarisch hier nur zwei dieser umwerfenden Sesamstraßen-Lieder: der „Egal Song“ und der musikalisch ähnlich gestrickte „Song vom Fortbewegen“. Jeder ist anders, und „Es ist egal, du bist, wie du bist.“ Und „Jeder kommt auf seine Weise vorwärts / Vorwärts irgendwie…“ Wer dies einmal verinnerlicht hat, ist wohl für immer und ewig gegen jede ausgrenzende Hass-Ideologie imprägniert.

Egal Song

Song vom Fortbewegen

Türkisches Mädchen Filiz in “Rappelkiste” (nicht Sesamstraße!)