www.justament.de, 6.3.2012: Kuriert auf der Couch

Recht cineastisch, Teil 12: Eine dunkle Begierde

Thomas Claer

Kinostarts - «Eine dunkle Begierde»Zürich im Jahr 1904. Der damals junge und ambitionierte Psychiater Carl Gustav Jung (1875-1961, gespielt von Michael Fassbender) ist Oberarzt in einem Hospital, in das die damals noch jüngere und natürlich sehr attraktive russische Jüdin Sabina Spielrein (1885-1942, gespielt von Keira Knightley) eingewiesen wird, welche unter hysterischen Anfällen leidet. Zu jener Zeit war dieses heute fast völlig vergessene Krankheitsbild weit verbreitet, vor allem unter halbwüchsigen Töchtern „aus gutem Hause“. Es gelingt C.G. Jung, der bald darauf als Begründer der analytischen Psychologie groß herauskommen wird, seine Patientin mit der seinerzeit revolutionären Methode der Psychoanalyse vollständig zu heilen. Deren wissenschaftlicher Begründer, der mit Jung zunächst nur in Briefkontakt stehende Wiener Arzt Sigmund Freud (1856-1939, gespielt von Viggo Mortensen) berät den jungen Kollegen auch im Fall Sabina Spielrein. Seine Ferndiagnose lautet: Nymphomanie. Und in der Tat scheint es einen positiven Einfluss auf den Genesungsprozess der Patientin zu haben, dass sich Dr. Jung – völlig entgegen seinen sonstigen Prinzipien – zu einer amourösen Affäre mit ihr hinreißen lässt (von der seine Ehefrau nichts merken darf). Besonders genießt Sabina es dabei, von ihrem Liebhaber kräftig mit einem Stock auf ihr entblößtes Hinterteil geschlagen zu werden. Man sieht: Dieser Stoff, der – wie es heißt – wahren Begebenheiten nachgebildet wurde, ist wie geschaffen für eine filmische Umsetzung. Doch neben allen sinnlichen Extravaganzen kommt auch der wissenschaftliche Disput zwischen Freud und Jung, den beiden großen und bis heute umstrittenen Pionieren der menschlichen „Seelenzergliederung“, in diesem Film nicht zu kurz. Geschlagene 13 Stunden ohne Unterbrechung debattieren sie miteinander bei ihrem ersten Aufeinandertreffen in Wien, berichteten einander ausführlich ihre Träume und deuten diese aus. Schon hier zeigt sich aber der Keim zu jener Meinungsverschiedenheit, die später zum völligen Zerwürfnis zwischen beiden führen wird: Freud ist nach Jungs Geschmack zu einseitig auf die Sexualität fixiert, Jung hingegen findet Freuds Missbilligung wegen seiner starken Hinwendung zu Parapsychologie und Okkultismus. Derweil studiert Sabina Spielrein in Zürich erfolgreich Medizin und wird am Ende selbst Psychoanalytikerin. 1911 promoviert sie als erste Frau mit einem dezidiert psychoanalytischen Thema in Zürich zum Dr.med. Ein rundum sehenswerter Filmgenuss.

Eine dunkle Begierde
Großbritannien/ Deutschland/ Kanada/ Schweiz 2011
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Christopher Hampton
99 Minuten, FSK: 16
Darsteller: Keira Knightley, Michael Fassbender, Viggo Mortensen u.v.a.

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