Okt. 2002: Die Zukunft ist schon beendet

Ein Nachruf auf den neuen Markt

Thomas Claer

Als die Deutsche Börse am 26. September die Auflösung des Börsensegments „Neuer Markt” zum Jahresende 2003 bekannt gab, wirkte dies wie der letzte Abgesang auf ein nur wenige Jahre währendes Zeitalter. Mit der Hoffnung auf unbegrenzte Börsengewinne und dem blinden Vertrauen in die Segnungen des technischen Fortschritts wurde wieder einmal vergeblich der Traum von einer lichten Zukunft geträumt.

Auch unter Jurastudenten und Rechtsreferendaren gab es sie noch vor ein paar Jahren: die Typen mit dem Handy und dem luxuriösen Lebensstil, die lauthals verkündeten, pro Monat einen halben Tausender (damals waren noch Mark gemeint) an Börsengewinnen einzustreichen. Um diese Leute ist es inzwischen ruhiger geworden. Auf Partys und im Fitnesscenter haben andere Themen die Oberhand gewonnen. Nur zu vorgerückter Stunde beklagen sentimentalere Naturen in bierseliger Stimmung ihre Verluste und schwören sich, nie wieder auch nur einen Cent an der Börse zu investieren.

Dabei hatte der Neue Markt seinen Namen redlich verdient, denn alle bislang geltenden ökonomischen Gesetzmäßigkeiten schienen seit seiner Geburtsstunde am 10. März 1997 außer Kraft gesetzt worden zu sein. Nur drei Jahre später notierte der Index seiner Hauptwerte, der NEMAX 50, bereits bei über 8000 Punkten, dem Vierzehnfachen seines Ausgangswertes. Wer zu den Erstzeichnern von EM.TV gehört hatte, den machte ein Startinvestment von 10 000 DM in einigen Monaten zum Millionär. Und da auch praktisch alle übrigen Werte zunächst nur eine Richtung kannten: steil nach oben, zudem immer mehr ökonomisch gänzlich unbeleckte Menschen mit ihren schier unglaublichen Gewinnen protzten, mussten sich die übrigen bald wie Narren fühlen, die das auf der Strasse liegende Geld nicht einsammelten.

So kam es, dass sich in Deutschland innerhalb weniger Jahre (seit der „Volksaktie” Telekom) nicht nur die Zahl der Aktionäre vervielfachte. Scheinbar verwandelten sich die oft als autoritäts- und obrigkeitsliebend, risiko- und verantwortungsscheu charakterisierten Deutschen über Nacht in ein Volk ausgesprochener Waghälse, das beachtliche Teile des verfügbaren Kapitals in den Neuen Markt pumpte. Kennern der Finanzmärkte muss das Szenario von Beginn an suspekt gewesen sein, denn im besagten Börsensegment waren und sind ganz überwiegend kleinere Unternehmen gelistet, welche die Schwelle zum Gewinn im besten Falle erst heute erreicht haben, in anderen Fällen wohl nie erreichen werden. Doch der Mythos vom schnellen Geld, der kurzzeitig zur Realität wurde, der Zauber von Biotechnologie, Internet und Co. infizierte auch die, die es eigentlich besser wissen mussten.

Der von einer zunächst nur „technischen” Abwertung eingeleitete, später durch eine fast weltweite Rezession und die Ereignisse des 11. September 2001 sich beschleunigende sowie schließlich in einer Kette von Verfehlungen der Akteure (verfehlte Prognosen, Bilanzfälschungen, Pleiten) kulminierende Absturz war eigentlich nur eine Art Wiederherstellung der ökonomischen Vernunft. Der Börsenwert aller am Neuen Markt gelisteten Unternehmen betrug in der Spitze 231 Milliarden Euro, heute – da der NEMAX bei nur noch gut 300 Punkten steht – weniger als 30 Milliarden, was dem von den einzelnen Analysten sehr unterschiedlich angesetzten „fairen Wert” entschieden näher kommen dürfte.

Zwangsläufig hat das Auf und Ab (und vor allem letzteres) einen beachtlichen Teil der Privatanleger wohl dauerhaft verprellt. Eine „deutsche Börsenkultur”, die Optimisten bereits voreilig ausgemacht hatten, scheint nun in weite Ferne gerückt zu sein. Dabei wird den Deutschen, wie auch fast allen anderen Europäern, langfristig keine andere Wahl bleiben, als privat – und dadurch direkt oder indirekt auch über die Finanzmärkte – vorzusorgen. Schon aus demographischen Gründen werden sich die staatlichen Rentensysteme als mittelfristig unfinanzierbar erweisen. Schon wird das Schreckensbild des zukünftigen Europas als einer großen Ex-DDR beschworen, die mit drastischen Steuern und Sozialabgaben ihrer gealterten Bevölkerung die Mindestrenten erhält während die Jungen, Begabten und Qualifizierten dem Kontinent den Rücken kehren.

Angesichts der gewaltigen Herausforderungen an eine zukünftige Börsenkultur sollte die maßgebliche Lehre aus dem Ende des Neuen Marktes – neben der Konsequenz der Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen – die Forderung nach mehr Transparenz sein, zu welcher die geplante Neueinteilung der verbliebenen 264 Firmen am Neuen Markt in einen insofern strengeren „Prime Standard” und in einen spekulativeren „Domestic Standard” nur ein erster Schritt sein kann.

Vermutlich wird der Neue Markt mit seinen kuriosen Versprechungen als gerade so ein Luftschloss in die Finanzgeschichte eingehen, wie es der kommunistische „neue Mensch” in der Sozialgeschichte darstellt. Er war ein kurzzeitiger Trendbegriff wie die „Neue Mitte”, aber man wird ihn seiner Schrecken wegen wohl mindestens so lange in Erinnerung behalten wie die inzwischen nostalgisch überhöhte „Neue Deutsche Welle”.

Der Beitrag wurde für Justament 5/ 2002 geschrieben und nicht veröffentlicht.

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