Tag Archives: Zeit

justament.de, 11.5.2026: Ahnenforschung mit Leichen im Keller

Judith Hermann in “Ich möchte zurückgehen in der Zeit”

Thomas Claer

Viele bekommen mit zunehmendem Alter einen neuen Blick auf die Familien, denen sie entstammen. Will man als junger Mensch oftmals größtmöglichen Abstand zu jenen halten, lieber sein eigenes Ding machen, sich womöglich auch nerviger Kontrolle und Bevormundung durch sie entziehen, erkennt man irgendwann jenseits der Fünfzig dann doch, welch starken Einfluss die eigenen Eltern und ebenso die Großeltern auf einen selbst ausgeübt haben, letztere zumindest indirekt – sogar dann, wenn man sie nie kennengelernt hat. Wer sich für seine Vorfahren interessiert, erfährt daher zumeist auch viel über sich selbst. Mit der Zeit sieht man seine Altvorderen auch als eigenständige Personen mit Zwängen und Nöten, kann sich besser in ihre Lage versetzen und hat Fragen an sie, die man ihnen früher nie gestellt hätte. Nur leider sind sie dann mitunter gar nicht mehr am Leben. Oder sie antworten nicht oder nur ausweichend, weil sie sich angeblich an nichts mehr erinnern können…

In der Literatur ist es von jeher ein dankbares Thema gewesen, sich der eigenen Familienhistorie zuzuwenden. Zwar sind nicht alle Familien gleichermaßen interessant, doch finden sich wohl in fast jeder Verwandtschaft reale Begebenheiten, die sich kein Literat besser hätte ausdenken können. Schätze, die nur gehoben zu werden brauchen. Und natürlich gilt dies ganz besonders hierzulande, im Land der Naziverstrickten!

Das dachte sich wohl auch die Schriftstellerin Judith Hermann, geboren 1970 in Westberlin, die spät, aber noch nicht zu spät auf diesen Trichter gekommen ist. Viel Geduld brauchten ihre treuen Fans, zu denen sich auch der Rezensent rechnet, mit ihr, denn seit ihrem fulminanten und hymnisch gefeierten Debüt “Sommerhaus, später” (1998) waren ihre weiteren Werke zumeist ernüchternd. Doch nun hat sie, wenn nicht alles täuscht, in der ihr allein gemäßen kleinen Form endlich wieder einen großen Wurf gelandet. “Ich möchte zurückgehen in der Zeit” ist ein – ja was eigentlich? Auf gerade einmal 150 Seiten handelt es sich, so könnte man vielleicht sagen, um drei “literarisch-essayistische Reflexionen über ihre Familie mütterlicherseits, insbesondere über ihren lange vor ihrer Geburt vertorbenen Großvater, sowie ganz allgemein über die Vergänglichkeit und familiäres Verstricktsein.

Darüber hinaus sind es Reiseberichte, denn die Ich-Erzählerin, die sich keinerlei Mühe gibt, ihre Identität mit der hinter ihr stehenden Autorin zu verbergen, ist unterwegs. Zuerst nach Radon in Polen. Dort, wo es 1943/44 zu schrecklichen Gräueltaten an der jüdischen Bevölkerung gekommen ist, hat ihr Großvater zu eben jener Zeit in SS-Uniform auf einem Platz für ein Foto posiert, das eins der nur drei Bilder ist, die überhaupt von ihm noch existieren. Viel mehr Informationen gibt es nicht über ihn. Aus den Archiven hat die Ich-Erzählerin bei ihren Recherchen nur erfahren, dass er dort in Radon in der Tat stationiert gewesen ist. Ihre hochbetagte Mutter sagt ihr im Wesentlichen nur immer wieder, dass sie sich an nichts, was ihren Vater angeht, erinnern könne. Auch die zwei älteren Brüder der Mütter, hatten nie etwas über ihren Vater erzählt. Also macht sich die Ich-Erzählerin selbst auf die Reise, um vor Ort etwas über ihren Großvater herauszufinden. Ohne hier großartig zu spoilern, kann man verraten, dass der Ertrag der Reise an faktischen Erkenntnissen zwar dürftig geblieben ist, doch hat die Erzählerin ihren Aufenthalt in Radon zum Anlass genommen für einfach hinreißende Schilderungen über ihr Nichtwissen, über ihre düsteren Vermutungen, über ihre Scham, über ihre dortige schöne Unterkunft, über ihre traumwandlerischen Spaziergänge durch diese zumal im Winter weitgehend menschenleere kleine Stadt.

Manche Kritiker haben das in Anbetracht der Thematik anstößig, unangemessen, zumindest frivol gefunden. Aber erlaubt ist ausdrücklich auch das, was nicht jedem gefällt. Judith Hermann hat mit diesem Buch einen ganz eigenen Ansatz entwickelt, sich der dunklen deutschen Vergangenheit, diesem doch eigentlich mehr als auserzählten Thema, erzählerisch anzunähern. Und dabei hat sie auch gleich noch ihre Jahrzehnte währende Schreibkrise überwunden!

Die beiden folgenden Kapitel, die wie gesagt eigentlich zwei weitere eigenständige Essays sind, schildern dann noch die anschließende Reise der Ich-Erzählerin zu ihrer in Neapel lebenden Schwester sowie – schon ein Vierteljahrhundert zurückliegend – das mysteriöse vorübergehende Verschwinden ihrer Schwiegereltern. Besonders gelungen ist das Neapel-Kapitel – schon durch seine bemerkenswerte Ausgangskonstellation: Die Familie der Schwester der Ich-Erzählerin lebt in Neapel übergangsweise in einer prachtvollen Wohnung aus dem 17. Jahrhundert, in der bis vor kurzem noch eine unlängst verstorbene Malerin gelebt hat, deren Bilder weiterhin überall an den Wänden hängen und deren Lebensutensilien dort noch vollständig vorhanden sind, aber von den neuen Bewohnern keinesfalls verändert werden dürfen. Auch dies ist wieder eine anscheinend wahre Geschichte, die jede Fiktion um Längen schlägt. Kurzum, die frohe Botschaft lautet: Judith Hermann ist als Erzählerin endlich wieder dort angekommen, wo sie hingehört.

Judith Hermann
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
S. Fischer Verlag, 2026
157 Seiten; 23,00 Euro
ISBN: 978-3-10-397764-6