Tag Archives: Soziologie

justament.de, 1.7.2019: Das Glück der Umwege

Die Wissenschaft von der Leidenschaft: „Liebe als Passion“ von Niklas Luhmann aus dem Jahr 1982

Thomas Claer

Dass ich einmal freiwillig ein ganzes Buch von Niklas Luhmann (1927-1998) lesen würde, konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen. Wie hatte ich mich damals, vor einem Vierteljahrhundert, im Frühjahr 1994, gefreut, anlässlich der Feiern zum 25-jährigen Jubiläum der Universität Bielefeld, einem Vortrag dieses weltberühmten Soziologie-Professors beiwohnen zu können, an dessen Uni ich seit einigen Monaten Jura studierte. Aber was für eine Enttäuschung war dieser Vortrag dann für mich. „Worüber redet er da eigentlich?“, fragte ich mich die ganze Zeit, denn ich verstand von dem, was er sagte, zwar einzelne Worte, aber rein gar nichts von den Zusammenhängen. Freundlich und bestimmt sprach dieser hagere Mann fortwährend von irgendwelchen Systemen und Sub-Systemen und von Kommunikation. Nein, damit konnte ich beim besten Willen nichts anfangen.

Seitdem lief Luhmann, der ursprünglich als Verwaltungsjurist angefangen hatte, bei mir unter „ungenießbare geistige Kost“. Dass er im Ruf stand, sehr witzig und pointiert zu schreiben, irritierte mich zwar ein wenig, und auch sein berühmter monströser „Zettelkasten“ machte mich neugierig. Aber dann dauerte es doch noch mehr als zwei Jahrzehnte, bis ich in einer Berliner „Bücherbox“ auf „Liebe als Passion“ stieß, Niklas Luhmanns meistverkauftes Buch. Es war ein abgegriffenes Exemplar voller Anstreichungen mit Bleistift, die sich allerdings, wie ich später bemerkte, allein auf die ersten knapp 30 Seiten beschränkten. Weiter war der Vorbesitzer meines neuen Buches bei seiner Lektüre offenbar nicht gekommen. Auch hatte er neben den Text eine Menge Fragezeichen gekritzelt. Ich nahm mir vor, dieses Buch ausdauernder zu lesen als mein Vorgänger, denn sein Inhalt schien mir doch sehr bedeutend zu sein. Auf dem Buchrücken las ich den vielsagenden Satz: „Der Weg zum Konkreten erfordert den Umweg über die Abstraktion.“

Und nun, nach Bewältigung dieser 223 Seiten, muss ich zugeben: Ganz leichte Kost ist Luhmann in der Tat nicht. Doch ist er viel zugänglicher, als ich dachte, was allerdings auch am Thema liegen dürfte, der Liebe also. Sie ist nicht nur, wie es im deutschen Schlager heißt, ein seltsames Spiel, sondern auch ein weites Feld. In vielen verschiedenen Varianten kommt sie vor, zwischen Eltern und Kindern z.B. oder zwischen Eheleuten. Doch haben diese Spielarten nur wenig mit jener Liebe zu tun, die Luhmann in seinem Buch vor allem beschreibt: der Liebe als Passion.

„Liebe ist“, das lernt der Leser zunächst, „kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken kann.“ Doch besteht dieser Code in starker Abhängigkeit von seinem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld. Die Vorstellung etwa, dass Liebe und Ehe zusammenfallen sollten, ist historisch betrachtet noch sehr jung, entstand vermutlich erst Ende der 18. Jahrhunderts in England. Bis dahin war kulturübergreifend die Ehe als vor allem ökonomisch bedeutsame gesellschaftliche Institution das eine – und die seit der Antike vielfach beschriebene wilde, leidenschaftliche Liebe das andere. Ihren Höhepunkt erlebte die „Liebe als Passion“ in den Darstellungen im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Vermutlich rührt daher auch der sich bis heute hartnäckig haltende Ruf Frankreichs als „Land der Liebe“ und insbesondere seiner Hauptstadt Paris als „Stadt der Liebe“.

„Amour passion“ im 17. Jahrhundert

„Wie die Kasernierung physischer Gewalt im Staat, so erscheint auch die Kasernierung der Sexualität in der Ehe als Voraussetzung für alle Höherentwicklung“, befindet Luhmann. Und weiter heißt es: „Man konnte die Individuen, aber nicht die Ehen freigeben, weil die Reproduktion der Oberschicht über Ehen (und nicht, wie heute, über Karrieren) lief. Das bedeutete, dass der Code des „amour passion“ für außereheliche Beziehungen entwickelt wurde. Die Ehe ist zwar ein Kanal für das Ableiten überschüssiger Sinnlichkeit, aber ihr Wesen ist das Sichverstehen, nicht die Leidenschaft. Das Hofieren der eigenen Gattin wäre als höchst lächerlich erschienen und damit auch das Aufwenden von Leidenschaft für den Zugang zum eigenen Ehebett – was Achtung und Liebe (im Sinne des traditionsreichen Begriffs) und vor allem rücksichtsvolle Behandlung der eigenen Frau natürlich nicht ausschließen sollte.“

„In Frankreich hatte man am Falle der außerehelichen Beziehungen einen hochkomplexen Code für Liebesangelegenheiten ausgearbeitet, in England war man in dieser Hinsicht unvorbereitet.“ Eine besondere Rolle spielte hierbei die Literatur, was bereits an der „Nähe der Liebe zur narrativen Form“ liegt. „Sie ist das Romanthema par excellence.“ So kam es, „dass der Roman selbst zum Lern- und Orientierungsfaktor in Liebesangelegenheiten“ wurde.
„Schon im 17. Jahrhundert weiß man: die Dame hat Romane gelesen und kennt den Code. Das steigert ihre Aufmerksamkeit. Sie ist gewarnt – und eben dadurch gefährdet.“ In Luhmanns beschwichtigendem soziologischen Duktus liest sich das so: „Wenn eine Sondersemantik für ein spezielles Kommunikationsmedium hinreichend ausdifferenziert ist, können auch die durch dieses Medium geordneten Prozesse selbstreferenziell werden.“ Aha.
Und Luhmann zitiert aus einer solchen Vielzahl französischer Liebesromane jener Epoche, dass einem schwindelig werden kann. Zusammenfassend lässt sich sagen: „Liebe wäre nicht angemessen begriffen, wollte man sie lediglich als Reziprozität wechselseitig-befriedigender Handlungen auffassen oder als Bereitschaft, Wünsche zu erfüllen. Sie ist Internalisierung des subjektiv systematisierten Weltbezugs eines anderen.“ „Es ist die im Code verankerte Bedeutungssteigerung, die das Lernen des Liebens, die Interpretation der Anzeichen und die Mitteilung kleiner Zeichen für große Gefühle ermöglicht.“

Fortwährende Steigerung der Passion

„Aus der Erfahrung des Liebesgeschehens kommt aber sehr bald ein stärker taktisches Moment hinzu. Anders, als plaisir und Liebe es erfordern würden, werden Handlungen und Ereignisse nicht nur in sich selbst genossen, sondern daraufhin gewertet, was sie für weiteres bedeuten. Die Frau muss sich überlegen, ob sie Briefe annehmen oder gar beantworten, Besuche empfangen, Wünsche äußern darf, weil daraus Schlüsse auf eine Einstellung gezogen werden könnten, die mehr zulässt. Umgekehrt baut die Verführungstaktik gerade auf der Ausnutzbarkeit solcher Zeichen für anderes auf. Die Empfindlichkeit für Nuancen steigert die Verdichtung der Verweisungen in die Zeithorizonte des Geschehens. Die Ereignisse werden zeitlich selbstreferentiell, indem man bedenken muss, dass und wie man später bei stärker engagierenden Zumutungen auf sie zurückkommen kann. Und all dies ist mit sozialer Reflexivität durchsetzt: Die Dame kann, wenn sie erste Zeichen der Gunst gegeben hat, stärkeres Drängen zwar noch abwehren; aber sie kann eine offenere Werbung nicht mehr als völlige Überraschung, als Unverschämtheit behandeln. Der Verführer kann damit rechnen, dass sie berücksichtigen muss, dass sie ihn zum Weitergehen ermutigt hatte. Der Liebesprozess hat mithin seine eigene Selbstreferenz. Die Liebenden beginnen – und ihre Geschichte ist für sie durch den Code schon programmiert.“

„Das Leitsymbol, das die Themenstruktur des Mediums Liebe organisiert, heißt zunächst ‚Passion‘, und Passion drückt aus, dass man etwas erleidet, woran man nichts ändern und wofür man keine Rechenschaft geben kann. … Dies verweist auf ein Ausscheren aus der normalen sozialen Kontrolle, das aber von der Gesellschaft nach Art einer Krankheit toleriert und mit der Zuweisung einer Sonderrolle honoriert werden muss.“ „Im körperlichen Zusammenspiel erfährt man, dass man über das eigene Begehren und dessen Erfüllung auch das Begehren des anderen begehrt und damit auch erfährt, dass der andere sich begehrt wünscht. Das schließt es aus, ‚Selbstlosigkeit‘ zur Grundlage und Form eigenen Handelns zu machen; vielmehr wird die Stärke des eigenen Wunsches zum Maß dessen, was man zu geben in der Lage ist.“ „Man kann bei Liebe nicht nicht an Sinnlichkeit denken.“

Und es geht noch weiter:„Je unsicherer man darüber ist, wie der andere sich zu Erwartungen einstellen wird, desto unentbehrlicher wird es, die eigenen Äußerungen und die darauf erfolgenden Reaktionen im System interpretieren, das heißt jeweils als Indikator für Anderes, für Weiteres, für zu Erhoffendes lesen zu können.“ „Mit Betonung der Passion ist zunächst ausgesagt, dass die Liebe sich außerhalb des Bereichs rationaler Kontrolle abspielt. Man könnte meinen, dass damit dem überlegten Verhalten und der Kunstfertigkeit die Entfaltungsmöglichkeiten genommen seien. Das Gegenteil trifft zu.“

„Amor schießt nicht zwei Pfeile zugleich ab. Liebe mag wie ein Zufall eintreffen, aber normalerweise wohl nicht als Doppelzufall; man muss also nachhelfen – nicht zuletzt auch, um im Werben und Verführen das eigene Gefühl zu festigen. Wehrlosigkeit in Bezug auf die eigene Passion und Raffinesse in Bezug auf die des anderen treten in einen Steigerungszusammenhang – je mehr Leidenschaft, desto mehr Umsicht und durchdachte Verhaltensplanung, und dies auf beiden Seiten, wenn beide der Passion des anderen noch unsicher sind und die Situation insofern als asymmetrisch erleben.“

Ausdrücklich spricht Luhmann von „zwei gegenläufige Asymmetrien“: „Einerseits wird die Liebe als Kampf charakterisiert: als Belagerung und Eroberung der Frau. Andererseits ist bedingungslose Selbstunterwerfung unter den Willen der Geliebten die Form, in der Liebe sich darstellt und gefällt. In der absoluten Unterwerfung geht es um volle Aufgabe der persönlichen Eigenart. … Demnach kulminiert die Liebe im Verlust der Identität – und nicht, wie man heute denken würde, im Gewinn der Identität.“„Man leidet nicht, weil die Liebe sinnlich ist und irdische Begier weckt; man leidet, weil sie sich noch nicht erfüllt hat oder weil sie in der Erfüllung nicht das hält, was sie verspricht.“

„Die verschiedenen Paradoxien (erobernde Selbstunterwerfung, gewünschtes Leiden, sehende Blindheit, bevorzugte Krankheit, bevorzugtes Gefängnis, süßes Martyrium) münden in die Zentralthese des Codes: die Maßlosigkeit, den Exzess. Bei aller sonst geltenden Hochwertung von maßvollem Verhalten: in der Liebe gilt es als entscheidender Fehler. Der Exzess selbst ist das Maß des Verhaltens.

Das drohende Ende und seine Verzögerung

„Die Liebe endet unvermeidlich, und zwar schneller als die Schönheit, also schneller als die Natur. Liebe dauert nur kurze Zeit, und ihr Ende kompensiert das Fehlen jeder anderen Grenze. Das Wesen selbst der Liebe, der Exzess, ist der Grund für ihr Ende; und umgekehrt.“

„Fast ist die Erfüllung schon das Ende, fast muss man sie fürchten und hinauszögern oder zu vermeiden suchen. … Eben deshalb muss der Widerstand, der Umweg, die Verhinderung geschätzt werden, denn allein dadurch gewinnt die Liebe Dauer. Als Medium dieser Dauer dient das Wort. Worte trennen stärker als Körper, sie machen die Differenz zur Information und zum Anlass der Fortsetzung der Kommunikation…“

„Die Liebe aber existiert nur im „noch nicht“. Der Moment des Glücks und die Ewigkeit des Leids bedingen sich wechselseitig, sind identisch. Nichts wäre abwegiger, als bei Liebe an Ehe zu denken.“

„Man wird in der Anfangsphase oft mit Liebe spielen, um sich dann vor den ersten Hindernissen zu entflammen. Überhaupt dienen die „obstacles“ der Bewusstwerdung und Steigerung der Passion. Auch der erste Gunstbeweis der Geliebten hat eine besondere Note: Ihn kann man nicht verlangen, ist er aber einmal erfolgt, kann man hier Tritt fassen und weiterklettern. Einmal in Gang gebracht, gerät der Prozess unter die Kontrolle seines besonderen Code, und erst mit seinem Erlahmen setzen wieder normale, besonnene Verhaltensweisen ein.“

„Die Eröffnung eines eigenen Zeitraums für jeweils eine Liebesangelegenheit ist die Vorbedingung für einen Steigerungsprozess, der mit dem immer wieder auftauchenden Begriff der Hoffnung (und entsprechenden Befürchtungen) ausgedrückt wird. Der Steigerungseffekt ist vergleichbar mit dem, was man in der Wirtschaft durch Kredit zu erreichen pflegt; er beruht auf Indirektheit, Umweghaftigkeit, „deferred gratification“ und funktionsspezifischen Sicherungen einer trotzdem laufenden Kontinuität des Prozesses. Die Geliebte kann das Spiel zunächst mit Hingabe von Hoffnung finanzieren und ihre eigene Hingabe aufschieben. Der Liebhaber wird dann um so mehr disponiert sein, die Jagd mehr zu schätzen als die Beute. Die temporale Erstreckung dient der Intensivierung, der Verbalisierung, der Sublimierung; sie bildet das latent-gemeinsame Interesse.“

„Hoffnung heißt aber zugleich, dass die Einlösung des Wechsels auf die Zukunft teurer wird, als man erwartet hatte. Nebenkosten, an die man nicht gedacht hatte, fallen ins Gewicht, und die nunmehr erfüllte Passion vermag sie nicht mehr aufzuwiegen. Die Beziehung ist ihrer eigenen Zeitlichkeit nicht mehr gewachsen und löst sich auf. Dadurch, dass sie Zeit in Anspruch nimmt, zerstört die Liebe sich selbst.“

„Die Unmöglichkeit der Dauer macht, besonders den Frauen, das Lieben schwer. Sie müssen unglücklich werden – ob sie sich nun trotzdem zur Liebe entschließen oder es deswegen nicht tun. … Was als „Tugend“ zur Disposition steht, ist in Wahrheit ein Interesse an Dauer.“

„Zwischenmenschliche Interpenetration heißt eben, dass der andere als Horizont seines eigenen Erlebens und Handelns dem Liebenden ein Ichsein ermöglicht, das ohne Liebe nicht Wirklichkeit werden würde. Diese Horizonthaftigkeit der Interpenetration gleitet mit aller Kommunikation mit – und entzieht sich ihr. Das Akzeptieren dieser Erfahrung kann froh machen und bitter – je nach dem, wie es um die Liebe steht.“ An anderer Stelle spricht Luhmann von der „Schwerarbeit der Passion“.

Wende ins Imaginäre

Eine besondere Verfeinerung erfahren diese Abläufe ebenfalls im Frankreich des 17. Jahrhunderts: „Mit der Ehe beginnt die Freiheit… Diese Freiheit der Liebeswahl betrifft verheiratete Personen und außereheliche Beziehungen (nicht die Verführung unverheirateter Töchter)… Das heißt für die Evolution der Liebessemantik vor allem, dass ein wichtiger Liebesbeweis, die Bereitschaft zur Ehe, ausfällt. Es handelt sich um Personen, die dies nicht mehr anbieten, die nicht mehr heiraten können, und die eben deshalb ihre Phantasie quälen müssen, um Formen zu finden, mit denen sie ihre Liebe beweisen bzw. herausfinden können, ob die Liebe aufrichtig gemeint ist oder nicht.“

„In der Imagination verfügt man über die Freiheit des anderen, verschmilzt sie mit den eigenen Wünschen, übergreift die doppelte Kontingenz auf der Metaebene, die dem eigenen und dem anderen Ego das zuweist, was das eigene Ego für beide projiziert. Aber wie kommt es zur Imagination, wie schafft sie sich Raum, und vor allem: wie schafft sie sich Zeit? Die Antwort liegt in der Zentrierung auf die letzte Gunst – und in ihrem Aufschub. Die Idealfigur wird durch Temporalisierung der Liebessemantik abgelöst.“

Ein fortwährendes Problem aber ist dies: „Den Liebenden wird, wie schon im Mittelalter, Geheimhaltung empfohlen; aber sie finden sich immer wieder beobachtet, über sie wird geredet, und es scheint Leute zu geben, für die das zur Hauptbeschäftigung wird.“

Romantik

Nicht unbedingt einfacher wurde es für die „Liebe als Passion“ mit der seit ca. 1800 allmählich aufkommenden Verknüpfung von Liebe und Ehe. Diese stellt sich – bei Lichte betrachtet – weniger als von Emanzipationsbewegungen erkämpfte Errungenschaft dar, sondern vielmehr als Folge eines Strukturwandels (Differenzierung von Wirtschaft, Oberschichtenfamilien hatten ihre staatstragende Bedeutung verloren). „Die gesellschaftsstrukturellen Gründe für eine Kontrolle der Eheschließungen waren entfallen.“

„Die zuerst in England proklamierte Verbindung von Liebe und Ehe (die „sexuell basierte Liebesehe“) konnte dann zwar den Kontinent beeindrucken. Aber sie hatte am entscheidenden Punkt eine fatale Schwäche: Für die Ehe musste die Frau unberührt sein. Für die Liebe wäre das kein Erfordernis gewesen. Es wurde verlangt, was ohne Heuchelei nicht zu leisten war: sich vor der Ehe zu verlieben und erst in der Ehe die Erfahrung der Sexualität einzubeziehen.“

So blieb es wieder einmal einer Literaturströmung, der Romantik, vorbehalten, ein ideelles Konzept für die Liebesheirat zu entwickeln: „Die wichtigste Fortentwicklung des Mediums Liebe in der Romantik liegt im Akzeptieren der Selbstreferenz des Liebens. Das ermöglicht es, Paradoxien, die als gegensätzliche Beschreibungen oder Vorschriften Bestandteile des Code „amour passion“ gewesen waren, nun in die Liebe selbst einzubauen – etwa im Sinne von durchgeistigter Sinnlichkeit, ironischer Erotik, Rollentausch auf der Basis von Liebe als Steigerung etc.“

„Liebe gilt nun als Entropie aufhaltende, dem Zerfall entgegenwirkende Orientierung. Man sucht im Sicheinlasssen auf Intimbeziehungen (und dies besonders bei sexuell fundierter Intimität) Gewissheiten, die über den Moment hinausreichen, und man findet sie letztlich in der Art, wie der Partner sich mit sich selbst identisch weiß: in seiner Subjektivität. So kann die Person des anderen, und nur sie, in ihrer dynamischen Stabilität der Liebe Dauer verleihen, und dies speziell dann, wenn sie als Subjekt/Welt-Verhältnis begriffen wird, also allen Wandel schon vorweg in sich einschließt. Auch unzuverlässig Liebende sind, und wer wüsste das besser als die Romantiker, Subjekte.“

Hier wird, soweit ich sehe, zum einzigen Mal im Buch auf die – nicht zu unterschätzende – Rolle der Eifersucht in langandauernden Liebesbeziehungen angespielt. Selbst da, wo die eigentliche „Liebe als Passion“ längst erloschen sein mag, kann die Eifersucht das Interesse aneinander stetig wieder aufs Neue befeuern.

Ein weiterer „Trick“ der Romantik zur Konservierung von Liebe liegt in der Herstellung von Distanz zwischen den Liebenden: „Es gilt, in der Selbsthingabe das Selbst zu bewahren und zu steigern, die Liebe voll und zugleich reflektiert, ekstatisch und zugleich ironisch zu vollziehen. In all dem setzt sich eine neuartige, typisch romantische Paradoxie durch: die Erfahrung der Steigerung des Sehens, Erlebens, Genießens durch Distanz. Der Abstand ermöglicht jede Einheit von Selbstreflexion und Engagement, die im unmittelbaren Genuss verlorengehen würde. So wird der Akzent von der Erfüllung in die Hoffnung, in die Sehnsucht, in die Ferne verlagert, und man muss den Fortschritt im Prozess des Lebens dann ebenso suchen wie fürchten.“

Die Kritiker dieser romantischen Konzepte von dauerhafter (ehelicher) Liebe und Treue überzeugt dies freilich nicht. Sie erblicken in jeder „institutionalisierten Liebe“ nur eine „fingierte Liebe“. Auch Luhmann ist eher skeptisch:„Viele Neuerungen erscheinen als aufgepfropft am alten Stamm des amour passion.“ „Die Romantik feiert mit einer rauschhaften Orgie das Ungewöhnliche… Sie trifft aber kaum Vorsorge für den Liebesalltag derjenigen, die sich auf eine Ehe einlassen und sich nachher in einer Situation finden, an der sie selbst schuld sind.“

Hier und jetzt

Eine nochmalige Umwälzung auf diesem Felde war – analog zur gesellschaftlichen „Freigabe“ der Eheschließungen um 1800 – die gesellschaftliche „Freigabe“ aller Liebesbeziehungen seit den späten 1960er Jahren. „Die Radikalität der Veränderung, verglichen etwa mit dem Zeitraum 1780-1830, ergibt sich aus soziostrukturellen Entwicklungen und besteht letztlich darin, dass die moderne Gesellschaft die Unterscheidung von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen radikalisiert.“ „Der symbiotische Mechanismus sexueller Beziehungen ist damit nicht nur in den Code inkorporiert, er ist „die Sache selbst“, zu der man verschiedene Einstellungen haben kann.“ „Die alte (z.B. puritanische) Vorstellung des „Lebensgefährten“ wird, ohne dass man sich ihrer erinnert, wiedergeboren… Man sucht in der Ehe eine Basis für Verständigung und für gemeinsames Handeln in allem, was einem wichtig ist.“ „Empirische Daten zeigen, dass romantischer Enthusiasmus in Liebesvorstellungen nicht sehr verbreitet ist; und diese Fakten wirken natürlich abkühlend auf die Semantik zurück.“ „Vielleicht macht gerade die Entwicklung, die wir als Ausdifferenzierung, Autonomisierung, soziale Regression charakterisiert haben, es zu riskant, den prekären Prozess der Erwartungsabstimmungen auch noch durch kulturell hochgetriebene Modelle, Ansprüche, Sprachformen zu belasten.“ „Man wird sich sogar fragen müssen, ob und wie das Thema überhaupt literaturfähig ist… Das lange Schmachten vor der Erfüllung wirkt lächerlich.“

Und dabei hat Luhmann die technischen Entwicklungen der vergangenen zwei Jahrzehnte – Stichwort: Tinder – noch gar nicht gekannt. Aktuelle Studien zeigen im übrigen, dass sich die Sexualität immer mehr vom Zwischenmenschlichen in Richtung medial induzierter autosexueller Handlungen verlagert hat. Kommt es doch einmal zu Liebesbeziehungen, steht die sexuelle Erfüllung bereits an deren Anfang und nicht erst an deren Ende. In wenigen Jahren werden Avatare lebensechten virtuellen Sex für jeden mit jedem beliebigen anderen Menschen ermöglichen. Warum sollte sich da noch irgendjemand anstrengen, irgendwen zu „erobern“?

Ist demnach also die „Liebe als Passion“ bereits an ihrem historischen Endpunkt angelangt? Hat sie sich längst in einer allgemeinen Beliebigkeit aufgelöst? Vielleicht bleibt sie ja am Ende nur noch etwas für einige ewiggestrige Traditionalisten aus der alten Generation…

Niklas Luhmann
Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität
14. Aufl. 1994
Suhrkamp Verlag
ISBN-10: 9783518287248

Alexander Kluge interviewt Niklas Luhmann über “Liebe als Passion” (ca. 15 min):

https://www.dctp.tv/filme/luhmann_liebe-als-passion/

Advertisements

justament.de, 4.3.2019: Ich bin einzigartig!

Trendbücher (2): „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Thomas Claer

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch erinnern: Es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der die meisten Menschen „normal“ sein und möglichst nicht auffallen wollten. Man war völlig zufrieden, wenn man einfach nur einer von vielen war. Doch das ist lange her. Inzwischen leben wir nämlich längst in einer – Achtung, jetzt kommt das Schlagwort! – „Gesellschaft der Singularitäten“. Der Soziologe Andreas Reckwitz (Jahrgang 1970), Inhaber eines Lehrstuhls für Kultursoziologie in Frankfurt/Oder, hat mit dieser Formulierung den heutigen Zeitgeist auf den Punkt und zugleich auf den Begriff gebracht. Nicht weniger als eine neue Gesellschaftstheorie auf 485 Seiten präsentiert er in seinem gleichnamigen, mittlerweile vielgerühmten Werk.

Singularisierung bedeutet darin „das komplizierte Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist.“ Für Reckwitz ist sie kein bloßes Rand- oder Oberflächenphänomen, sondern steht schon seit den 1970er/1980er Jahren „im Zentrum der spätmodernen Gesellschaften“ und markiert einen „struktureller Bruch zwischen der industriellen Moderne und der Spätmoderne“. „Jener bis in die 1970er Jahre herrschende westliche Subjekttypus, den David Riesmann als ‚sozial angepasste Persönlichkeit‘ beschrieb, der Durchschnittsangestellte mit Durchschnittsfamilie in der Vorstadt, ist in den westlichen Gesellschaften zur konformistisch erscheinenden Negativfolie geworden, von der sich das spätmoderne Subjekt abheben will.“ Als „Leitmilieu der Spätmoderne“ hat der Verfasser die „hochqualifizierte Mittelklasse“ ausgemacht: „An alles legt man nun den Maßstab der Besonderung an: wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet. Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach nur gelebt, es wird kuratiert. … Die allgegenwärtigen sozialen Medien mit ihren Profilen sind eine der zentralen Arenen dieser Arbeit an der Besonderheit. Das Subjekt bewegt sich hier auf einem umfassenden sozialen Attraktivitätsmarkt, auf dem ein Kampf um Sichtbarkeit ausgetragen wird, die nur das ungewöhnlich Erscheinende verspricht.“ Kurz gesagt: „Singularitätsmärkte sind primär Aufmerksamkeits- und Attraktivitätsmärkte“.

Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass inzwischen beinahe jeder etwas ganz Besonderes sein will? Laut Reckwitz liegt dies vor allem an drei sich wechselseitig verstärkenden Faktoren: (1) dem Entstehen einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten (im Anschluss an die industrielle „organisierten Moderne“, die ihren Höhepunkt ca. 1920 bis 1970 erreicht hatte), (2) der technischen Revolution der Digitalisierung (die sich in den vergangenen Jahren noch einmal enorm beschleunigt hat) sowie (3) einer vom Lebensstil der neuen Mittelklasse getragenen Authentizitätsrevolution (für die nach 1968 die Werte der Individualität und Authentizität maßgeblich wurden). Ein ökonomischer, ein technologischer und ein soziokultureller Faktor wirken hier also zusammen.

Interessant ist ferner, was Reckwitz zur „Singularisierung der Arbeitswelt“ zu sagen hat: „Vor allem die Arbeitssubjekte selbst werden in der Spätmoderne singularisiert, gefragt sind nicht allein formale Qualifikationen, sondern ist die Pflege eines originellen, möglichst einzigartigen Profils, also ein in seiner Zusammensetzung jeweils singuläres Bündel aus Kompetenzen, Talenten, Potentialen und Persönlichkeitsmerkmalen, das die Nicht-Austauschbarkeit und Unterscheidbarkeit des Arbeitssubjekts sicherstellt. Die Kompetenz-, Talent- und Potenzialbündel der Subjekte kommen in der singularistischen Arbeitswelt nicht in Form von formal-sachlicher Leistung und allgemeiner Vergleichbarkeit zur Geltung, sondern als Performanz. Das spätmoderne Arbeitssubjekt ist ein Performanzarbeiter, der seine Einzigartigkeit, ähnlich einer Casting-Konstellation, vor einem Publikum aufführt.“ Die Rede ist auch von einer „Selbstsingularisierung des Profil-Subjekts“.

Problematisch an dieser Entwicklung ist nun allerdings, dass sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminiert. Denn seit den 1980er Jahren, so Reckwitz, lasse sich „eine verstärkte Polarisierung zwischen neuer Mittelklasse (zuzüglich der Oberklasse) und der neuen Unterklasse (und teilweise der alten Mittelklasse) ausmachen“. „Während die neue Mittelklasse eine offensiv zur Schau getragene Selbstkulturalisierung betreibt, dominiert in der Unterklasse die Alltagslogik des ‚muddling through‘ (d.h. des sich Durchwurschtelns oder Durchs-Leben-Quälens). Durch ‚Prozesse der Valorisierung und Entwertung zwischen den Klassen‘ werden die Lebensformen der Unterklasse (und zum Teil auch der alten Mittelklasse) zum Gegenstand der Entwertung. Charakteristisch für die Gesellschaft der Singularitäten ist also eine ‚Kulturalisierung der Ungleichheit‘“. Das bedeutet, dass der distinktive (vor allem auf einer kulturellen Ebene großkotzige) Lebensstil der großstädtischen Mittelklasse, ihre Praktiken des Essens, Wohnens und Reisens u.s.w. – von der Altbauwohnung im angesagten Szeneviertel bis zum Yoga-Camp in Fernost – eine ständige Provokation all derer darstellen, die davon ausgeschlossen bleiben und sich abgehängt fühlen. „Die Kultur dient als Ressource zur Bereicherung und Aufwertung des Selbst“ – auf Kosten derer, die sich nicht dazu gehörig fühlen (müssen). „Der Liberalismus der grenzenlosen Märkte hat die Polarisierung zwischen hoch- und geringqualifizierter Arbeit, zwischen sozialkulturellen Aufsteigern und Absteigern, zwischen Boomregionen und schrumpfenden Regionen weiter entfesselt.“ So wird die Singularisierung zur „Quelle von Defiziterfahrungen“ und zum „Enttäuschungsgenerator“. Laut Reckwitz ist unsere Gesellschaft politisch herausgefordert, auf diese sozialen und kulturellen Entwertungsprozesse eine Antwort zu geben.

Andreas Reckwitz
Die Gesellschaft der Singularitäten
Suhrkamp Verlag 2017 485 Seiten; 28 Euro
ISBN: 978-3-518-58706-5