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www.justament.de, 26.12.2016: Schule fürs Leben

Vor 25 Jahren erschien das Computerspiel „BMP – Bundesligamanager Professional“. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

bmp-bildAlle Welt spielt irgendwelche Spiele auf dem Computer oder Handy. Leider kann ich dabei nicht mitreden, weil ich davon nichts verstehe. Ich spiele nie. Doch das war nicht immer so. In meiner Jugend, genauer: in meiner Zivildienst- und Studentenzeit, bin ich ein leidenschaftlicher Spieler gewesen. Und das kam so: Wir trafen uns schon seit der Oberstufe in den frühen Neunzigern oft bei meinem Freund S., der als einziger von uns allen einen Computer besaß. Überhaupt war er technisch exzellent ausgerüstet. Er verfügte auch über einen CD-Player, nicht jedoch über einen Fernseher und Videorekorder, weil seine Eltern ihm das nicht erlaubten. Videos guckten wir dafür immer bei mir. Ich war der mit dem Videorekorder, mein Freund S. war der mit dem Computer.

Anfangs blickte ich noch relativ verständnislos auf dieses große Teil, das da bei ihm im Zimmer stand. Hausarbeiten wie später im Studium hatten wir noch nicht zu schreiben, das Internet war noch nicht erfunden. Aber irgendwann, als wir schon Zivis im Krankenhaus und unsere Nachmittage und Abende nicht mehr durch Schulaufgaben belastet waren, da präsentierte uns S. stolz seine neueste Anschaffung: ein Computerspiel, das die Fußball-Bundesliga simulierte, wo man selbst als Vereinspräsident, Manager und Trainer in Personalunion eine virtuelle Mannschaft zusammenstellen und mit ihr virtuelle Spiele gegen virtuelle Gegner bestreiten konnte. Und was besonders reizvoll war: Es konnten bis zu vier Spieler gleichzeitig mitwirken, die jeweils einen Verein übernahmen und dann auch jeweils zweimal pro Saison, einmal zu Hause und einmal auswärts, gegen jeden anderen Mitspieler anzutreten hatten. Die Fußballspiele selbst waren von der Grafik her noch recht simpel (am gelungensten waren die bunten Vereinswappen), aber es gab doch allerhand Möglichkeiten, um vor und während der einzelnen Meisterschaftsspiele auf diese Einfluss zu nehmen. Man wählte eine bestimmte Taktik, die sich je nach Spielverlauf auch intervenierend verändern ließ. Man konnte das Training nach Ausrichtung, Umfang und Intensität frei gestalten. Man konnte bestimmte Spieler aufstellen und andere nicht, man konnte während des Spiels Auswechslungen vornehmen. Die virtuellen Spieler hatten alle Namen, die es seinerzeit in den deutschen Fußballigen wirklich gab, sie hatten ein bestimmtes Alter und eine – etwa durch gezieltes Training – veränderbare Spielstärke auf einer Skala von null bis hundert. (Nur ein Gesicht hatten sie noch nicht, das sollte erst in späteren Versionen des Spiels dazukommen.)

Nach jedem Spieltag wurden alle Ergebnisse und die aktuelle Tabelle der Liga auf dem Bildschirm präsentiert. Sodann folgte der Zeitungsartikel zum eigenen Spiel, der sich auf geniale Weise aus den bekannten Phrasen und Satzbausteinen zusammensetzte, die auch noch heute die Sportberichterstattung ausmachen. Je nach Spielverlauf und Ergebnis zeigte sich der Trainer (dort stand dann immer der echte Name des Mitspielers) mit dem Spiel seiner Mannschaft mehr oder weniger zufrieden. Es wurde die Moral der Mannschaft gelobt oder ihre Chancenverwertung bemängelt, manchmal auch daran erinnert, dass der Ball rund sei und ein Spiel immer 90 Minuten dauere. Sehr realitätsnah war das Spiel so programmiert, dass längst nicht immer die Mannschaften mit den teuersten Spielern gewannen. Vielmehr erwiesen sich solche Teams als besonders spielstark, deren Spieler schon lange zusammenspielten und die von ihren Trainern taktisch gut auf den jeweiligen Gegner eingestellt worden waren. Auf unglücklich verlorene Spiele folgten oft regelrechte Pechsträhnen, auf überzeugende Siege hingegen kaum zu erklärende Glückssträhnen. Die Programmierer des Spiels müssen ausgezeichnete Psychologen gewesen sein. Kurz gesagt, dieses Spiel war damals für jeden jungen Menschen, der sich schon jahrelang für Fußball interessierte, eine wahre Freude. Wir jedenfalls waren hellauf begeistert.

Eine große Schwierigkeit gab es jedoch: Man musste im Spiel mit seinem knapp bemessenen Budget auskommen, damals natürlich noch in DM. Es galt, sich lukrative Sponsorenverträge zu angeln, die Eintrittspreise im Stadion vernünftig zu gestalten, das Stadion gezielt auszubauen und wenn nötig zu sanieren, bei den Gehaltsverhandlungen mit den Spielern, deren Verträge ausliefen, auf dem Teppich zu bleiben und bei der Verpflichtung neuer teurer Spieler, die einem sportlich weiterhelfen konnten, mit Augenmaß vorzugehen. Denn man konnte zur Finanzierung auch bei der virtuellen Bank einen Kredit aufnehmen, der musste aber am Ende der Laufzeit pünktlich und ohne Wenn und Aber zurückgezahlt werden. Vor allem musste man also gut wirtschaften können. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie der eine oder andere von uns hier den Bogen überspannte und schließlich in der Schuldenfalle landete. Dann musste Spieler für Spieler verkauft werden, nur um die Forderungen der Bank noch bedienen zu können, was unausweichlich den vollkommenen sportlichen Absturz zur Folge hatte. Irgendwann, glaube ich, da bin ich mir aber nicht mehr ganz sicher, wurde in solchen Fällen, zwangsweise der Spielbetrieb dieser Mannschaft eingestellt.

Besonders wenn mehrere Mitspieler beteiligt waren, konnte sich das Spiel manchmal über Wochen und Monate hinziehen. Es ließ sich ja im Prinzip auch endlos fortsetzen. Jederzeit bestand die Möglichkeit, den aktuellen Spielstand abzuspeichern und später, sobald alle Beteiligten mal wieder Zeit hatten, weiterzuspielen. Doch irgendwann, spätestens nach sieben oder acht virtuellen Spieljahren, stürzte das laufende Spiel ständig ab. Dann wussten wir, dass es wieder Zeit war, ein neues zu beginnen.

Zurückblickend kann ich feststellen, dass die langen Abende und manchmal auch Nächte, die ich damals mit meinen Freunden vor dem Computer verbracht habe, alles andere als Zeitverschwendung waren. Vor allem lernte man in diesem Spiel, immer sehr viele Dinge gleichzeitig im Auge zu behalten, sich auch bei widrigen Verläufen nicht aus dem Konzept bringen zu lassen und geduldig auf bessere Zeiten zu warten. Mein Freund S., der als Gastgeber natürlich über den vorrangigen Zugriff auf seinen Computer verfügte, erwies sich hier nicht immer als fairer Sportsmann, sondern reagierte oft sehr empfindlich und manchmal auch jähzornig auf eigene „sportliche“ Misserfolge. Gefürchtet von uns waren seine Wutausbrüche, in denen er nach verlorenen Matches, insbesondere wenn es sich um „Derbys“ gegen uns, seine Mitspieler, handelte, kurzerhand den Stecker aus der Steckdose zog und somit das Spiel zum Absturz brachte. Wir mussten dann dort weitermachen, wo die automatische Speicherung (die es immerhin gab), zuletzt eingesetzt hatte, also meistens drei bis vier Spieltage in der Vergangenheit, was für uns ärgerliche Deja-vue-Situationen mit sich brachte. Abgesehen davon, dass es im richtigen Leben keinen solchen Stecker und keine Reset-Taste gibt, durch die sich mal eben die Zeit zurückdrehen lässt, war dieses Spiel für mich eine Schule fürs Leben. Was ich darin gelernt habe, vor allem eine mentale Grundeinstellung aus Disziplin und Kontinuität in wirtschaftlicher Hinsicht, kam mir in meinem späteren Leben sehr zupass, ob beim Verwalten meines Aktien- oder später meines Immobilienportfolios. Mir ist bewusst, dass ich hier nur für mich selbst sprechen kann und meine Erfahrungen keineswegs repräsentativ sind, aber ich würde behaupten, dass ich aus diesem Spiel mehr mitgenommen habe als aus meiner gesamten Juristenausbildung. Vor ein paar Jahren traf ich auf einem Geburtstag einen meiner einstigen Mitspieler. Er schlug vor, dass wir uns alle nach über zwei Jahrzehnten doch mal wieder treffen und gemeinsam unser Lieblingsspiel von einst spielen sollten. Ich glaube, irgendwann machen wir das wirklich.

Nostalgiker finden alle Informationen zum kostenlosen Download des Spiels und zu dessen Anpassung an heutige Betriebssysteme in einem YouTube-Video:
https://www.youtube.com/watch?v=UNoar8beRQ0

Eine ausführliche Anleitung für das Spiel gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=i5A87FiQ1IQ

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Justament Okt. 2010: Erfolge im Promillebereich

17 SPEZIAL POLITIK TC Erfolge im Promillebereich BTW-1994

Wahlplakate von 1994

Meine Jahre in der Kommunalpolitik. Ein Erlebnisbericht

Thomas Claer

Es begann in den Neunzigern, am Anfang meiner Studienzeit, wo man ja oft noch nicht so recht weiß, was und wie und wohin. Deutschland wurde von Helmut Kohl regiert. Es galt – das mag manchem heute bekannt vorkommen -, die Welt vor der Umweltkatastrophe zu retten.
Jahrelang hatte ich mich über die von mir favorisierte Partei “Bündnis 90 / Die Grünen” aufgeregt, über ihren Dilettantismus, ihren Fundamentalismus, ihre Unfähigkeit zur Realpolitik. (Das klingt heute unvorstellbar, ich weiß. Aber so war das damals!) Kurz – ich war bereit zum Bruch mit meiner Lieblingspartei und offen für eine seriöse ökologische Kleinpartei, die die Bundeswehr nicht abschaffen und keine Drogen legalisieren wollte und keinen “basisdemokratischen” Schnickschnack wie das “Rotationsprinzip” brauchte. Ich war offen für die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP), zu jener Zeit das Sammelbecken jener Umweltbewegten, denen die Grünen zu links und zu ungeordnet waren. Mich schreckte auch nicht mehr das hartnäckig konservative Image dieser Gruppierung. Und so meldete ich mich als Interessent bei der Parteizentrale und wurde schon drei Tage später vom Ortsverband Bielefeld zur Mitgliederversammlung eingeladen.

Parteiversammlung
17 SPEZIAL POLITIK TC Erfolge im Promillebereich BTW-1994-politische-MitteDa saß ich dann neben vier Männern, die sich sehr über mein Kommen freuten, denn nun waren sie schon fünf. Einer von ihnen, ein unheimlich netter Arzt mittleren Alters, war der Ortsverbandsvorsitzende und zugleich der Wortführer. Zu achtzig Prozent redete er allein. (In vielen Vereinen und Organisationen gibt es solche Leute: Alle sind froh, dass einer den Job macht, und ertragen geduldig seine Ego-Trips.) Die anderen drei waren Studenten: Ein Soziologiestudent, der früher bei den Grünen war, ein Physikstudent, früher SPD, und ein Dritter, dem man nicht viel entlocken konnte (der war vom BND, behaupteten meine Freunde später). Der Vorsitzende war früher ein langjähriger FDP-Sympathisant, aber ihn störte deren Wirtschaftsliberalismus. Erstes Thema waren die anstehenden Kommunalwahlen. “Willst Du nicht kandidieren?”, fragten sie mich frei heraus. Meine Nicht-Mitgliedschaft sei kein Problem, sagten sie. Der Vorsitzende hatte nämlich keine Lust mehr anzutreten, für zwei der drei Bielefelder Wahlkreise waren der Soziologe und der Physiker gesetzt, der dritte war noch frei. “Keine Sorge, du wirst schon nicht gewählt”, meinten sie noch augenzwinkernd. Vor vier Jahren gewann die Partei gerade mal 0,5 Prozent. Mir ging das aber alles viel zu schnell, ich lehnte ab.
Vor dem nächsten Treffen las ich die Parteizeitung “Ökologie Politik”, die mir nun regelmäßig zugeschickt wurde. Vom bahnbrechenden Konzept einer “ökologischen Steuerreform” aus der Feder eines Wirtschaftsprofessors war da die Rede, das die ÖDP in ihr Programm aufgenommen hatte. Wesentliche Teile der Grünen redeten da noch vom Ökosozialismus. Mir gefiel die ODP immer besser. Beim nächsten Ortsgruppentreff erschien aber überraschend ein weiterer Interessent. Ein junger “Arzt im Praktikum”, der früher mal bei der CDU war und nun sein Herz für die Ökologie entdeckt hatte. Ganz direkt fragte er, ob er nicht als ÖDP-Kandidat zur Kommunalwahl antreten könne. Freimütig gab er als Hobby Motorsport an und stellte logistische Hilfe im Wahlkampf in Aussicht, da er ein Auto habe (einen roten Porsche, wie sich später herausstellen sollte). Mit ökologischen Bauchschmerzen nominierte ihn die Versammlung mangels Alternative.

Unterschriften sammeln
17 SPEZIAL POLITIK TC Erfolge im promillebereich Politische_ImpotenzDie nächste Hürde waren die zweihundert (oder waren es dreihundert?) Unterstützungsunterschriften, damit die Partei überhaupt antreten durfte. Das war meine erste große Bewährungsprobe, denn vierzig davon sollte ich besorgen, jeweils mit Namen und Adresse des “Unterstützers”. War das ein Kraftakt! Meine Studienfreunde, die sich außerordentlich über mein Engagement für diese “Splittergruppe” lustig machten, konnte ich gerade noch breitschlagen, aber dann musste ich durch die Uni ziehen und Leute ansprechen. Es war frustrierend! So etliche ließen sich lang und breit von mir über den Sinn der Unterstützungsunterschriften und die Programmatik der ihnen unbekannten Partei informieren, um sich dann am Ende die Sache lieber doch noch einmal überlegen zu wollen. Als Student hatte man noch viel Zeit – na ja, eigentlich nicht, man musste ja ständig lernen. Aber so hatte ich eine Ausrede, denn es diente ja dem Umweltschutz. Nachdem ich meinen Kumpel Andreas in der Unihalle getroffen hatte und er nach zehn Minuten bereit war, sich mit Adresse in die Unterstützerliste einzutragen, kam ein Bekannter von ihm vorbei und meinte zu ihm: “Du unterschreibst aber auch wirklich jeden Scheiß!”
Selbst auf einer Party im Wohnheimkeller holte ich zu fortgeschrittener Stunde noch die Liste mit den Unterschriften raus. Eine Kommilitonin sagte mir, nachdem ich sie soweit hatte, sie könne mir auch noch den Namen und die Adresse ihres Ex-Freunds geben. Sie betonte dabei das Wort “Ex-Freund” auf sonderbare Weise und sah mich durchdringend an. “Aber nein, wenn er nicht hier ist und unterschreiben kann, dann nützt mir das doch nichts!”, gab ich zurück und zog weiter. Damals war ich noch Single, aber ich dachte wirklich an nichts anderes als an diese verfluchte Liste. Als ich auf dem nächsten Partei-Treffen stolz und erschöpft die vierzig Unterschriften präsentierte, erntete ich viel Lob. Die anderen hatten noch nicht so viele beisammen. Aber letztlich reichte es doch irgendwie.

Plakate aufhängen
Als nächstes galt es, die Plakate aufzuhängen, die von der Parteizentrale geschickt worden waren. Sehr gute Plakate waren das (siehe Abbildung), originell, aussagekräftig und ohne Kandidaten-Köpfe. Der Arzt mit dem Porsche bot sich gleich an, die halbe Stadt zu behängen, und ich sollte ihm dabei helfen. Alle waren froh und dankbar, denn in früheren Wahlkämpfen musste das Aufhängen der Plakate auf den schweren Holztafeln ohne Auto wohl eine ziemliche Plackerei gewesen sein. Der Porsche-Arzt war so geschickt beim Befestigen und Verdrahten der Holztafeln an den Laternenmasten, dass ich ihm eigentlich nur Gesellschaft zu leisten brauchte. Allerdings nahm kein Mensch von unseren Plakaten auch nur die geringste Notiz. Bis plötzlich ein Mann mit lauten “Hehe”- Rufen auf den Stapel ÖDP-Plakate auf der Rückbank des Porsches zeigte. So schien es mir jedenfalls. Ein ökologischer Bruder im Geiste? Nein, weit gefehlt. Nach einigen Augenblicken wurde mir klar, dass es ihm in Wahrheit um den roten Porsche ging. Etliche Minuten lang fachsimpelte er mit dem Porsche-Arzt über allerhand technische Details des Pracht-Schlittens.

Handzettel verteilen
17 SPEZIAL POLITIK TC Erfolgwe im Promillebereich BTW-1994-PolitikerSodann waren die Hand-Zettel, die der Soziologie-Student entworfen und vervielfältigt hatte, in der Fußgängerzone zu verteilen. Da stand ich nun am Info-Stand und musste mir die hämischen Bemerkungen der SPD- und CDU-Kollegen von den Nachbarständen anhören: “Steigert ihr mal erst euren Stimmenanteil, sonst wird das nie was mit einer Koalition!” Ein niedliches Punk-Mädchen verwickelte mich in eine längere Diskussion über das angeblich reaktionäre Familienpolitik-Programm der ÖDP. Als ich ihren Vorwürfen widersprach, antwortete sie, sie wisse das ganz genau, weil es ihr einer erzählt hätte, der es ganz genau wüsste. Damals stand bei solchen Streitfällen noch Behauptung gegen Behauptung, weil noch niemand seinen Laptop oder sein I-Phone immer dabei hatte und schnell bei Wikipedia oder Google recherchierten konnte. Mir gaben die Vorwürfe des Mädchens aber dann doch zu denken. Tatsächlich war ja in der Parteizeitung auch viel von Familienpolitik die Rede gewesen. Das hatte ich aber nur überflogen, weil bei mir solche Themen unter “Gedöns” liefen. Die ÖDP forderte damals schon eine finanzielle staatliche Entschädigung für Erziehungsarbeit, also in etwa die heutige “Herdprämie” der CSU. Damals wusste ich noch nichts von Berlin-Neukölln und den wahrscheinlich fatalen Folgen solcher Konzepte.

Kandidatenvorstellung
Wenige Wochen vor dem Wahltag setzte der Ortsverband dann die offizielle Vorstellung seiner Kandidaten an: Die Öffentlichkeit war zur Parteiversammlung eingeladen, um sich ein Bild von den Kandidaten machen zu können. Das stand sogar in der Lokalzeitung. Ich meinte es nur gut, als ich zwei meiner Studienfreunde, die mich so oft wegen der ÖDP veralbert hatten, bat, doch einfach mal mitzukommen. Als ich mit ihnen eintrat, bemerkte ich, wie alle Parteifreunde zusammenzuckten. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass wirklich jemand kommen würde. Das war wohl in früheren Wahlkämpfen auch noch nicht vorgekommen. Der Porsche-Arzt präsentierte sich dennoch sehr eloquent, verstieg sich aber zu ziemlich verwegenen Forderungen wie der, künftig allen Rauchern den doppelten Krankenkassen-Beitrag abzuverlangen. Meine Freunde trieben ihn mit ihren Nachfragen, wie man das denn bitte umsetzen wolle, gehörig in die Enge, so dass der Porsche-Arzt immer drastischere Mittel zur Identifikation und Kontrolle der Raucher vorschlug. Nur gut, dachte ich, dass kein Raucher in der Runde anwesend ist. Der Physiker brachte sein Referat mehr schlecht als recht über die Bühne. Der Soziologe aber, der sich offensichtlich nicht vorbereitet hatte, las stockend die Forderungen auf seinem Handzettel vor und kam bei den Erläuterungen der Punkte immer wieder so ins Stottern, dass am Ende kaum jemand verstand, was er eigentlich wollte. Auf die spöttischen Nachfragen meiner Freunde hin rettete der Parteivorsitzende die Situation, indem er ganz allgemein die fruchtbare Diskussion zwischen Parteimitgliedern und engagierten Bürgern lobte. Auf dem Nachhauseweg konnten sich meine Freunde vor Lachen kaum einkriegen.

Bruch mit der Partei
Das Wahlergebnis war enttäuschend. Der Stimmenanteil sank trotz aller Bemühungen von 0,5 auf 0,3 Prozent. Einer meiner Freunde, der bei der Kandidatenvorstellung dabei war, verriet mir, dass er immerhin mit seiner Erststimme aus Mitleid ÖDP gewählt hatte. Tapfer besuchte ich aber von Zeit zu Zeit noch weiter als Nicht-Mitglied die Versammlungen und las die Partei-Zeitschrift, bis sich vor der Bundestagswahl 1998 Bündnis 90 / Die Grünen haargenau die ÖDP-Kernforderung einer ökologischen Steuerreform zu eigen machten und diese nach der Wahl auch umsetzten. Die ÖDP war in meinen Augen nun wirklich überflüssig. Außerdem waren inzwischen für mich auch andere Dinge wichtiger geworden als die Politik. Kurzerhand bestellte ich die Parteizeitung ab und ging nicht mehr zu den Versammlungen. Die ÖDP existiert noch heute und hat vor allem durch die Initiierung von Volksentscheiden, zuletzt in Bayern zum Nichtraucherschutz, auf sich aufmerksam gemacht. Bei der Bundestagswahl 2009 erreichte sie 0,3% der Stimmen.