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justament.de, 8.4.2019: Furioses Finale

Der siebte und letzte Band von Marcel Prousts „Recherche“: „Die wiedergefundene Zeit“

Thomas Claer

Es ist vollbracht. Nach mehr als einem Jahrzehnt hat der Justament-Rezensent dieses (zumindest für seine Verhältnisse) gewaltige Lektürewerk abgeschlossen und darf sich nun stolz, wie bereits vor vielen Jahren angeregt, „Rechercheur“ nennen. Natürlich bringt ein zeitlich so ausgedehnter Leseprozess Vor- und Nachteile mit sich: Ungünstig dabei ist, dass aufgrund der immer wieder langen Unterbrechungen so manches Gelesene zwischenzeitlich in Vergessenheit gerät, besonders was die Namen und Zuordnungen des umfangreichen Personals der Romanhandlung betrifft. Wollte man hier immer vollständig auf der Höhe bleiben, so müsste man wahrscheinlich alle sieben Bände in einem Zug lesen und dafür idealerweise ein Sabbat-Jahr einlegen. Doch ist dies, wie mir jetzt klar geworden ist, gar nicht unbedingt zu empfehlen. Die langgestreckte, häppchenweise Lektüre mit langen Pausen hat den großen – und alle Nachteile bei weitem aufwiegenden – Vorteil, dass sie sich währenddessen immer auch zur eigenen unbeständigen zeitlichen Existenz des Lesers in Beziehung setzen lässt. Besonders gilt dies, wenn einem der Abschluss just in jenem Lebensalter gelingt, in dem sich auch der Ich-Erzähler am Ende des Romans befunden hat. Oder um es mit dem Literaturkritiker Denis Scheck zu sagen: In diesem Buch erfährt der Leser sehr viel über sich selbst – getreu dem auf den hintersten Seiten von der Erzählerstimme aufgestellten Diktum, dass die Leser dieses Werkes in erster Linie die Leser ihrer selbst seien; dieses Buch sei wie ein Vergrößerungsglas, es ermögliche ihnen, in sich selbst zu lesen.

Die alte Flamme

Was tut man, wenn sich die große Liebe für immer aus dem Leben verabschiedet hat, wenn seitdem schon etliche Jahre vergangen sind und man mittlerweile auch schon im fünften Lebensjahrzehnt steht? Sich noch einmal neu verlieben? Das ist für jemanden wie Marcel, den Ich-Erzähler der „Recherche“, der sich am liebsten ausgedehnten Erinnerungsräuschen hingibt und ganz allgemein nicht sonderlich zukunftsorientiert eingestellt ist, natürlich keine Option. Nicht, dass er asketisch lebte. Regelmäßig nimmt er gegen ein kleines Taschengeld leichte junge Mädchen „aus dem Volke“ (und die Mädchen „aus dem Volke“ konnten es sich zu jener Zeit, im frühen 20. Jahrhundert, gar nicht leisten, nicht käuflich zu sein) mit zu sich aufs Zimmer, um sie ein wenig „auf seinem Schoß sitzen zu lassen“, wie es beschönigend heißt. (Die langen Röcke, welche die Frauen aller Gesellschaftsschichten damals ausnahmslos trugen, hatten insofern auch eine durchaus praktische Seite.) Doch selbstverständlich würde er – als Upperclass-Mensch – jenseits seiner leiblichen Bedürfnisse niemals ein ernsthaftes Interesse an ihnen entwickeln. Dafür kämen allenfalls „Damen aus der Gesellschaft“ in Betracht. Allerdings ist Marcel seit den bittersüßen Jahren mit Albertine jede anderweitige Begeisterungsfähigkeit auf diesem Sektor verlorengegangen.

Und doch gäbe es da noch eine andere Möglichkeit… Marcels große unglückliche Jugendliebe Gilberte, die Tochter seines väterlichen Freundes Swann und dessen fataler Ehefrau Odette, ist seit einigen Jahren ausgerechnet mit seinem alten Kumpel, dem Marquis Robert de Saint Loup, verheiratet. Und das wohl – allem Anschein nach – nicht besonders glücklich. Robert hat nämlich inzwischen längst die Freuden der Homosexualität für sich entdeckt. Wobei er zusätzlich – er führt offenbar ein ausschweifendes Sexualleben – sogar noch zwei weibliche Mätressen unterhält. An wem er jedoch, spätestens seit der Geburt der gemeinsamen Tochter, überhaupt kein Interesse mehr zeigt, das ist seine eigene Ehefrau.

Da sollte doch, denkt man als Leser, noch so einiges möglich sein für Marcel. Nur wäre es etwas heikel, so mit der Gattin seines besten Freundes… Aber das Schicksal meint es gut mit Marcel. Als dieser seinem alten Freund Robert einen Besuch abstattet, übrigens im familieneigenen Schloss Tansonville, gelegen in der Normandie zwischen dem Schloss der Guermantes und dem vielfach erwähnten Badeort Balbec, unternimmt er allein mit Gilberte lange Strandspaziergänge bei Mondschein. Und Robert ist alles andere als eifersüchtig. Ganz im Gegenteil dankt er, der meistens wegen angeblicher dringender Angelegenheiten unterwegs ist, seinem Freund Marcel sogar ausdrücklich dafür, dass er sich so rührend um seine Frau kümmert… Und Gilberte findet offenbar großes Gefallen daran, viel Zeit mit Marcel zu verbringen. Als er ihr stockend gesteht, wie sehr er damals in sie verliebt war, antwortet sie: „Aber nein, so war es doch gar nicht. I c h war verliebt in S i e .“ Kurz gesagt, Marcel hat alle Trümpfe in der Hand und müsste nur noch die Gelegenheit beim Schopfe packen. Aber es gibt ein Problem. Gilberte, die mittlerweile um die vierzig sein dürfte, gefällt ihm längst nicht mehr so wie früher. „Sie selber war derart verändert, dass ich sie nicht mehr schön fand, ja, dass sie es überhaupt nicht mehr war.“ (An späterer Stelle des Romans wird Gilberte sogar konkret als „eine dicke Dame“ bezeichnet, die „nur noch für geistige Dinge lebt“). „Vor allem aber spürte ich keinen Kummer mehr; in der Rückerinnerung begriff ich nicht mehr, dass ich so unglücklich hätte sein können…“ Manchmal rostet sie eben doch, die alte Liebe… „Es heißt, und das erklärt vielleicht zum Teil die fortschreitende Abschwächung gewisser nervöser Affektionen, dass auch unser Nervensystem dem Altern ausgesetzt ist. Das trifft nicht nur auf unser Dauer-Ich zu, das für den ganzen Verlauf unseres Lebens vorhält, sondern auch für alle aufeinanderfolgenden Ichs, aus denen es sich alles in allem zusammensetzt.“

Und so bleibt es zwischen den beiden bei einer munteren Unterhaltung: „Wir plauderten, Gilberte und ich, in einer für mich sehr angenehmen Weise, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit.“ Zumal sich Gilberte immerhin als kluge, anregende Gesprächspartnerin erweist: „Was den Verstand anbelangt, so war er bei Gilberte, wenn man von einigen Seltsamkeiten absah, die von ihrer Mutter stammten, ungewöhnlich wach.“

Später reflektiert Marcel über die traurige Vergänglichkeit seines Begehrens: „Nichts ist schmerzlicher als dieser Gegensatz zwischen der Verwandlung der Menschen und der Starrheit der Erinnerung, wenn wir begreifen, dass das, was in unserem Gedächtnis so viel Frische bewahrt hat, im Leben keine Frische haben kann, dass wir außerhalb von uns dem nicht mehr nahekommen können, was uns in unserem Inneren so schön erscheint und in uns das gleichwohl so individuelle Verlangen nach einem Wiedersehen weckt, es sei denn, dass wir es in einem Wesen desselben Alters suchen, das aber bedeutet nun einmal: in einem anderen Wesen. Das nämlich, was uns in einer Person, nach der wir Verlangen tragen, so einzigartig scheint, gehört – wie ich schon oft hatte vermuten können – im Grunde gar nicht ihr. Die verflossene Zeit gab mir davon noch einen vollständigeren Beweis, da ich nach zwanzig Jahren ganz spontan anstelle der Mädchen, die ich gekannt hatte, mich nach solchen umzusehen wünschte, die jetzt jene Jugend besaßen, welche den anderen damals zu eigen gewesen war.“ Daran, dass Frauen seines Alters vielleicht ebenfalls knackige junge Männer und nicht ihn bevorzugen würden, wenn sie die Wahl hätten, verschwendet Marcel selbstredend keinen Gedanken. Ebenso wenig – das wissen wir bereits aus den früheren Bänden – hat er Sinn für den (von nicht wenigen Männern sogar besonders goutierten) Liebreiz bestimmter Frauen reiferer Jahrgänge…

Als er Gilberte Jahre später auf einer Feier erneut begegnet, äußert er einen ausgefallenen Wunsch: „Ich sagte Gilberte, sie würde mir immer Vergnügen bereiten, wenn sie mich mit sehr jungen Mädchen einladen würde, sehr armen, wenn es möglich wäre, damit ich ihnen mit kleinen Geschenken eine Freude machen könne, ohne im übrigen von ihnen etwas anderes zu verlangen, als dass sie mir die Träumereien und Traurigkeiten von ehedem wiederschenkten, höchstens eines unwahrscheinlichen Tages einen keuschen Kuss.“ Das heißt, Marcel phantasiert vermutlich von einer Art Bunga-Bunga-Party mit jungen Mädchen unter Beteiligung Gilbertes, die immerhin noch seinen Geist anzuregen imstande ist, den Rest würden die jungen Mädchen besorgen… Gilbertes Reaktion auf diesen Vorschlag ist aber keineswegs empörte Zurückweisung. Nach kurzer Überlegung zog sie, „an der zweifellos etwas von der Herkunft ihrer Mutter haftete, einen kühneren Schluss als alle, die ich hätte voraussehen können: ‚Wenn Sie erlauben, sagte sie zu mir, werde ich jetzt meine Tochter holen und sie ihnen vorstellen… Ich bin sicher, sie wird für Sie eine liebenswürdige kleine Freundin sein.“ Über Gilbertes zu diesem Zeitpunkt 16-jährige Tochter, die von Marcel als „sehr schön“ beschrieben wird, heißt es an anderer Stelle: „Diese Tochter, deren Namen und Vermögen in ihrer Mutter die Hoffnung wecken konnte, sie werde einen königlichen Prinzen heiraten und damit das Aufstiegswerk Swanns und seiner Frau krönen, wählte zum Gatten später einen unbekannten Literaten, denn sie war von allem Snobismus frei, und führte so die Familie wieder hinab, und zwar unter das Niveau, aus dem sie emporgestiegen war.“

Die allgemeinen Gesetze der Liebe

Gibt es wirklich so etwas wie unumstößliche, universelle „Gesetze der Liebe“? Die kluge Erzählerstimme behauptet das, und nennt dafür Beispiele wie dieses:

„Man erinnerte sich, dass das Gefühl den Liebenden zu den größten Opfern für das geliebte Wesen anspornt, manchmal sogar zu dem Opfer seines Verlangens selbst, das im übrigen um so weniger leicht Erhörung findet, je mehr das geliebte Wesen spürt, dass der andere der ist, der stärker liebt.“

Oder dieses:

„Aber nie erhalten schwerwiegende Dinge, die wir sagen, eine mündliche noch schriftliche Erwiderung. Toren allein suchen vergebens zehnmal hintereinander um die Beantwortung eines Briefes nach, den sie nicht hätten schreiben sollen, der eine Entgleisung war; auf solche Briefe bekommt man eine Antwort immer nur durch Handlungen…“

Aber auch dieses:

„Während also tugendhafte junge Leute, sobald sie in die Jahre gekommen sind, sich den Leidenschaften überlassen, deren sie sich endlich bewusst geworden sind, werden leichtsinnige junge Burschen zu grundsatztreuen Männern… Alles ist somit eine Frage der Chronologie.“

Doch das Abgründigste aller Gesetze der Liebe ist zweifellos das folgende:

„Die Beziehungen zu einer Frau, die man liebt, können auch noch aus einem anderen Grunde platonisch bleiben als nur infolge der Tugend der Frau oder der wenig sinnlichen Natur der Liebe, die sie einzuflößen vermag. Dieser Grund kann darin bestehen, dass der Liebende, gerade aus dem Übermaß seiner Liebe heraus allzu ungeduldig, nicht genügend Gleichgültigkeit beim Abwarten des Augenblicks zu heucheln imstande ist, in dem er erlangen wird, was er sich wünscht. Immer wieder setzt er zum Angriff an, unaufhörlich schreibt er an die, die er liebt, er ist die ganze Zeit bemüht, sie zu sehen, sie verweigert sich ihm, er verzweifelt an seinem Glück. Von diesem Augenblick an hat sie begriffen, dass, wenn sie ihm ihre Gesellschaft und ihre Freundschaft zuteil werden lässt, die Vorteile dem, der sich ihrer bereits verlustig glaubte, so beträchtlich erscheinen werden, dass sie darauf verzichten kann, ihm noch mehr zu gewähren, und den Moment, in dem er es nicht mehr ertragen kann, sie nicht zu sehen, in dem er um jeden Preis dem Krieg ein Ende machen will, nutzen sollte, um ihm einen Frieden aufzuzwingen, dessen erste Bedingung in dem rein platonischen Charakter der Beziehungen zwischen ihnen beiden besteht. Im übrigen hat während der ganzen Zeit, die diesem Vertrag vorausgegangen ist, der Liebende, der immer ängstlich in unaufhörlicher Erwartung eines Briefes, eines Blickes dahinlebt, schon aufgehört, an den physischen Besitz zu denken, nach dem er gleichwohl zu Anfang so quälendes Verlangen trug, das sich jedoch in der Erwartung abgenutzt und Bedürfnissen anderer Art Platz gemacht hat, solchen, die im übrigen noch schmerzhafter sind, wofern sie keine Befriedigung finden. Dann empfängt man den Genuss, den man am ersten Tage von Zärtlichkeiten erhofft hatte, später in der völlig abgewandelten Form von freundlichen Worten, Versprechungen einer bloßen Anwesenheit, die nach den Wirkungen der Ungewissheit, manchmal auch schon nach einem von allen Nebeln der Kälte verschleierten Blick, der die Person, von der man glaubt, man werde sie niemals wiedersehen, in weite Ferne zu rücken pflegt, ganz köstliche Augenblicke der Entspannung mit sich führen. Die Frauen erraten das alles und wissen, dass sie sich den Luxus gestatten können, sich denen niemals hinzugeben, die zu nervös gewesen sind, um ihnen in den ersten Tagen das unstillbare Verlangen zu verheimlichen, von dem sie sie nun vollends verzehrt vor sich sehen. Die Frau ist nur zu glücklich darüber, wenn sie jetzt, ohne selbst irgendetwas zu geben, sehr viel mehr empfängt, als sie gemeinhin für ihre Hingabe zu erwarten hat. Stark nervöse Menschen glauben daher an die Tugend ihres Idols. Die Aureole aber, mit der sie es umkränzen, ist auf diese Weise ein – wie man sieht, sehr indirektes – Produkt ihres Liebesüberschwangs. Es existiert dann in der Frau etwas, das – wesentlich ohne ein Bewusstsein davon – in Medikamenten vorhanden ist, die ohne ihr Verschulden geradezu listig sind, wie Schlafmittel oder Morphium. Nicht für diejenigen, denen diese Medikamente die Lust des Schlafes oder ein wirkliches Wohlgefühl schenken, sind sie absolut unentbehrlich, nicht von ihnen werden sie mit Gold aufgewogen oder gegen alles eingetauscht, was der Kranke besitzt; das geschieht vielmehr von seiten der anderen Leidenden (im übrigen können es dieselben sein, aber erst nach ein paar Jahren, wenn sie andere geworden sind), denen das Medikament keinen Schlaf, keinerlei Lust verschafft, die aber, wenn sie es nicht haben, von einer Aufregung befallen werden, der sie um jeden Preis, selbst um den des Todes, ein Ende bereiten wollen.“ Und so bleibt es schließlich bei „ganz platonischen, aber doch aus Erotik etwas in die Länge gezogenen Begegnungen“.

Und zur Erklärung bestimmter individueller erotischer Vorlieben führt die Erzählerstimme aus:

„In den Personen, die wir lieben, ruht, durch uns fest in ihnen verhaftet, ein bestimmter Traum, den wir nicht immer herauserkennen, den wir aber verfolgen. …Gerade wegen dieses Individuellen übrigens, an dem man so leidenschaftlich hängt, ist schon die Liebe zu Personen etwas Ähnliches wie gewisse Abirrungen. Und sind nicht die Krankheiten des Körpers sogar, wenigstens diejenigen, die irgendwie mit dem Nervensystem zusammenhängen, ebenfalls gewisse von unseren Organen und Gelenken angenommene Spezialneigungen oder -abneigungen, aufgrund deren diese vor bestimmten Wetterlagen ein Grauen empfinden, das ebenso unerklärlich und ebenso eigensinnig ist wie die Neigung bestimmter Männer zum Beispiel zu Frauen, die einen Kneifer tragen, oder zu Kunstreiterinnen? Dieses Verlangen, das dann jedesmal der Anblick einer Kunstreiterin erweckt – wer vermag zu sagen, mit welchem chronischen, aber unbewussten Traum er verbunden ist, ebenso unbewusst und geheimnisvoll wie zum Beispiel für jemanden, der sein ganzes Leben lang unter asthmatischen Anfällen gelitten hat, der Einfluss einer ganz bestimmten Stadt, die scheinbar wie alle anderen ist, in der er jedoch zum erstenmal wieder frei atmen kann?“

Es ist Krieg

Die Romanhandlung ist mittlerweile im Ersten Weltkrieg angekommen. Auch in Paris kann kaum jemand dem Trommelfeuer aus Militärberichterstattung und patriotischer Propaganda entgehen. Die Erzählerstimme beurteilt dies kritisch, „aber man liest Zeitungen, wie man liebt: mit verbundenen Augen. Man versucht, den Dingen nicht auf den Grund zu gehen. Man hört die süßen Reden des Chefredakteurs mit an, wie man den Worten seiner Geliebten lauscht.“ Doch gibt es Personengruppen, die all das kalt lässt: „Tatsächlich stand die tiefe, durch den Krieg bewirkte Wandlung im umgekehrten Verhältnis zu dem Wert der betroffenen Geister, mindestens von einer gewissen Stufe an. Ganz unten beschäftigten sich die bloßen Dummköpfe und die einzig dem Amüsement zugewendeten Leute überhaupt nicht mit der Tatsache, dass Krieg war. Ganz oben aber haben die, die sich im Innern eine eigene Welt schaffen und darin leben, wenig Blick für die Wichtigkeit äußerer Ereignisse.“

Marcels Freund Robert de Saint-Loup trägt eine besonders patriotische Gesinnung zur Schau, wird ein, wie es heißt, „doktrinärer Theoretiker“ und meldet sich sogar freiwillig an die Front. Doch gibt es dafür offenbar noch andere Gründe… „Auch außerhalb der Homosexualität besteht bei Leuten, die dieser von Natur völlig abgeneigt sind, ein immer gegenwärtiges Ideal der Männlichkeit, das dem Homosexuellen, wofern er nicht ein sehr überragender Geist ist, recht gelegen dafür kommt, dass er es auf seine Weise verfälscht. Dieses Ideal gewisser Militärs“ ist nicht „das Ideal der Männlichkeit bei Homosexuellen wie Saint-Loup, aber ebenso konventionell und ebenso verlogen, weil sie sich selbst nicht eingestehen wollen, dass physisches Verlangen auf dem Grunde der Gefühle ruht, die sie aus anderen Quellen herleiten.“

Eine besondere Präferenz hat Robert de Saint-Loup dabei für Senegalesen, und er konsumiert bei der Armee begeistert Kokain. Schließlich erreicht Marcel eines Tages die traurige Nachricht, dass sein Freund Saint-Loup im Krieg gefallen ist.

Baron de Charlus wundert sich über den Krieg

Ebenfalls ein interessierter Beobachter des Krieges, jedoch ohne an diesem teilnehmen zu müssen, ist der inzwischen in die Jahre gekommene Onkel Robert de Saint-Loups, der Baron de Charlus.

„Die Situation von Monsieur de Charlus war die gleiche nicht mehr. Da er sich selbst immer weniger um die Gesellschaft kümmerte, sich infolge seines reizbaren Charakters mit ihr überworfen und im Bewusstsein seiner sozialen Höhenlage verschmäht hatte, sich mit der Mehrzahl der Personen wieder zu versöhnen, die die Blüte der großen Welt ausmachten, lebte er in einer relativen Isolierung…“ Es ist sogar so weit gekommen, dass sich dieser stolze Aristokrat mittlerweile hauptsächlich mit Leuten unter seinem Stand abgibt… Und da sich kriegsbedingt immer weniger junge Männer auftreiben lassen, denen nach wie vor seine erotischen Begierden gelten, weicht er mitunter auf kleine Jungen aus… In der Beurteilung des Krieges fehlt ihm jedes Vaterlandsgefühl, vermutlich weil seine Mutter eine Deutsche ist. Überhaupt beurteilt er das Geschehen sehr pointiert und mit ganz eigener Sichtweise.

Über den österreichischen Kaiser urteilt er: „Die schärfste Kritik, die ich an dem alten Souverän üben würde, ist, dass ein Herr seines Ranges, der Chef eines der ältesten und ruhmreichsten Häuser Europas, sich von einem im übrigen recht gescheiten Krautjunker leiten lässt, diesem Wilhelm von Hohenzollern, der letzten Endes ein bloßer Emporkömmling ist. Das gehört für mich zu den am meisten enttäuschenden Anomalien des Kriegen.“

Und was ihn sonst noch stört am Krieg: „Man spricht von Vandalismus, von zerstörten Kulturdenkmälern. Aber liegt ein Vandalismus nicht auch in der Zerstörung so vieler prachtvoller junger Leute, die ganz unvergleichliche polychrome Bildnisstatuen waren? Muss nicht eine Stadt, die über keine schönen Männer verfügt, den gleichen Eindruck erwecken wie eine Stadt, deren gesamter Bestand an Werken der Bildhauerkunst vernichtet ist?“

Was ihm hingegen am Krieg gefällt: „Ich bewundere alle Helden dieses Krieges. Da sind zum Beispiel die englischen Soldaten…Nun, ich muss sagen, rein ästhetisch betrachtet, gleichen sie ganz den Athleten Griechenlands, jawohl Griechenlands, sie sind wie die Schüler Platons oder besser noch wie die Spartiaten. Ein Freund von mir ist nach Rouen gegangen, wo sie ihr Lager haben, er hat dort wundervolle Gestalten erblickt, wahre Weltwunder, wie man sie sich gar nicht vorstellen kann.“

Hinsichtlich der vielen Soldaten aus den französischen Kolonien in den Straßen von Paris befindet er: „‘Ist hier nicht der ganze Orient eines Decamps, eines Fromentin, eines Ingres, eines Delacroix enthalten?‘, sagte er zu mir, immer noch durch den Anblick eines vorbeigehenden Senegalnegers in eine Art von Erstarrung gebannt. ‚Sie wissen ja, ich persönlich interessiere mich für die Dinge und Geschöpfe immer nur als Maler oder als Philosoph. Im übrigen bin ich jetzt zu alt…‘“

Doch dies ist, wie sich zeigen wird, nur eine Schutzbehauptung…

Das Hotel der Lüste

Im weiteren Verlauf der Romanhandlung erhält der Leser tiefe Einblicke in das „nervöse Temperament und die tief leidenschaftliche Charakterveranlagung von Monsieur de Charlus“.
Zur Befriedigung seiner recht speziellen Begierden hat sein alter Bekannter (und homoerotischer Geliebter), der frühere Schneider Jupien, in Paris ein Hotel eingerichtet, das er – vom Baron de Charlus finanziert – nun betreibt. „Das Gewerbe, das er trieb, konnte freilich mit vollem Recht als eines der lukrativsten, aber auch als das letzte von allen angesehen werden.“ Dort lässt sich der Baron, während er von Marcel zufällig dabei beobachtet wird, „auspeitschen, bis das Blut spritzt“. Charlus bestand darauf, „dass man ihm um Hände und Füße Eisenringe von erprobter Festigkeit legte“, verlangte „nach der Geißel und grausamen weiteren Instrumenten, die äußerst schwer zu beschaffen waren…“

In diesem Hotel erfreut sich ein sehr gemischtes Publikum an (homosexuellen) Fetischen aller Art. So sind z.B. Kanadier aufgrund ihres Akzents sehr beliebt. „Wegen ihres Röckchens und weil gewisse sentimentale Träume sich oft mit solchen Wünschen verbinden, waren Schotten besonders gefragt.“ „Da aber jede Narrheit noch besondere Züge, manchmal auch noch eine Verstärkung von den Umständen her erhält, fragte ein Greis, dessen Neugier zweifellos einigermaßen befriedigt war, nachdrücklich immer wieder, ob man ihn nicht mit einem Kriegskrüppel in Verbindung setzen könnte.“

Eine weitere obskure Vorliebe des Baron de Charlus ist es, sich mit Kriminellen, vor allem mit Dieben und Mördern, zu vergnügen. Und obwohl er eigentlich durchschaut, dass die von Jupien engagierten jungen Männer ihm ihre angebliche Verdorbenheit nur vorspielen, „wünscht er sich selbst die Illusion, sie seien nicht eigens für ihn arrangiert.“ „Selbst die entschiedensten Diebe und Mörder hätten ihn nicht zufriedengestellt, denn sie bewegen sich alle mit ihren Worten nicht auf der Höhe ihres Verbrechens. Es besteht im übrigen in dem nach Sadismus Begierigen – selbst wenn er noch so gut ist, oder vielmehr erst recht, je besser er ist – ein förmlicher Durst nach dem Bösen, den die bösen Menschen, da sie ja ganz andere Zwecke im Auge haben, nicht befriedigen können. … Nichts ist begrenzter als Laster und Lust.“

„Im Grunde verriet sein Verlangen, gefesselt und geschlagen zu werden, in seiner Hässlichkeit einen ebenso poetischen Traum, wie es bei anderen der Wunsch war, nach Venedig zu reisen, oder Tänzerinnen auszuhalten. Monsieur de Charlus aber verlangte von diesem Traum freilich eine so weitgehende Illusion der Wirklichkeit, dass Jupien das hölzerne Bett, das in Zimmer Dreiundvierzig stand, verkaufen und durch ein eisernes ersetzen musste, das sich besser mit den Ketten vertrug.“

Lob der Dunkelheit: Luftschutzkeller als Darkrooms

Wie viele andere Kunden des besagten Hotels sehnt Baron de Charlus stets besonders den Bombenalarm herbei.

„Was machen Sirenen und deutsche Flugzeuge Leuten aus, die ihr Vergnügen suchen? Der gesellschaftliche und natürliche Rahmen, der unsere Liebeserlebnisse umgibt, beschäftigt uns beinahe gar nicht.“ „Ja mehr noch, die physische Gefahr, die sie bedrohte, befreite sie von der Furcht, von der sie in geradezu krankhafter Weise seit so langem schon besessen waren. … Während einiger Zeit würden jetzt die Polizeistreifen sich nicht um die so unwichtigen Lebensgewohnheiten der Einwohner kümmern, noch sie eventueller Schande überantworten. Einige von ihnen dachten aber sogar weniger daran, ihre moralische Freiheit wiederzuerlangen, als dass sie die Dunkelheit, die plötzlich in den Straßen herrschte, wie eine Verlockung empfanden. … Die Dunkelheit aber, die alle Dinge rings wie ein ganz neues Element umschließt, bringt die für gewisse Personen unwiderstehliche verlockende Wirkung hervor, das erste Stadium der Lust auszuschalten und unmittelbar in eine Phase der Zärtlichkeit einzutreten, zu der man gewöhnlich erst nach einiger Zeit gelangt. … Auch am Abend jedenfalls ist (wie schwach beleuchtet die Straße auch sei) mindestens ein Vorspiel fällig, bei dem zunächst nur die Augen das Vergnügen vorwegnehmen, da allein schon die Scheu vor den Vorübergehenden, auch vor dem begehrten Wesen selbst, einen zunächst daran hindert, mehr zu tun als zu schauen und zu reden. In völliger Dunkelheit wird dieses ewig alte Spiel jedoch überflüssig, die Hände, die Lippen, die Leiber können von vornherein sich betätigen. Notfalls stehen immer noch als Entschuldigung die Dunkelheit selbst und die Irrtümer zur Verfügung, die durch sie entstehen, wofern der Vorstoß schlecht aufgenommen wird. Findet man aber Verständnis, so erweckt in uns die unmittelbare Antwort des Körpers, der sich nicht zurückzieht, sondern annähert, die Vorstellung, dass die, an die wir uns schweigend wenden, vorurteilsfrei und eher lasterhaften Neigungen unterworfen sind, eine Vorstellung, die eine Vermehrung des Glücks bedeutet, ohne weiteres die Frucht genießen zu können, ohne sie zuvor mit den Augen zu begehren und um Erlaubnis zu bitten.“

Doch sind die vielen erotischen Exzesse des Barons de Charlus offenbar seiner Gesundheit nicht zuträglich. Nach einiger Zeit erleidet er einen Schlaganfall, was zu dauerhaften Sprachstörungen und seiner vorübergehenden Erblindung führt. Darüber hinaus leidet er an Depressionen. Doch selbst in diesem elenden Zustand stellt er noch jungen Männern nach…

Erinnerung als Rettung: Erschaffung eines Kunstwerks

Auch Marcel ist durch sein chronisches Lungenleiden gesundheitlich angeschlagen. Immer öfter begibt er sich in Sanatorien, um sich behandeln zu lassen. Und wie steht es um seine schriftstellerischen Ambitionen? „Da meine Trägheit mir die Gewohnheit mitgeteilt hatte, meine Arbeit immer von einem Tag auf den folgenden zu verschieben, stellte ich mir zweifellos vor, es könne mit dem Tod ebenso sein.“

Nein, an Albertine denkt er nach all den Jahren schon lange nicht mehr. „Niemals dachte ich mehr an sie.“ Und dann denkt er plötzlich doch wieder an sie an einem lauen Sommerabend in Paris: „Ach, hätte Albertine noch gelebt, wie herrlich wäre es dann gewesen, ich hätte mich mit ihr an Abenden, an denen ich in der Stadt zur Nacht gegessen hatte, im Freien unter den Arkaden treffen können! Zunächst hätte ich nichts gesehen, ich hätte die Aufregung durchgemacht zu glauben, sie habe das Rendezvous versäumt, dann aber hätte ich mit einem Male gesehen, wie sich von der schwarzen Mauer eines ihrer geliebten grauen Gewänder abhob und ihre lächelnden Augen mich bemerkten, und dann hätten wir eng umschlungen, ohne dass irgendjemand es sah und uns störte, zusammen nach Hause gehen können…Ach, ich war allein…“ „Ich durchmaß nicht die gleichen Straßen wie die Spaziergänger, die an diesem Tage sich im Freien ergingen, sondern eine gleitende, traurige, weiche Vergangenheit. Diese bestand im übrigen aus so vielen verschiedenen Vergangenheiten, dass es schwierig für mich war, den Grund meiner Schwermut zu begreifen…“

Marcels rettender Einfall wird wie folgt geschildert: „In dem Augenblick aber, in dem uns alles verloren scheint, erreicht uns zuweilen die Stimme, die uns retten kann; man hat an alle Pforten geklopft, die auf gar nichts führen, vor der einzigen aber, durch die man eintreten kann, und die man vergeblich hundert Jahre lang hätte aufsuchen können, steht man, ohne es zu wissen, und sie tut sich auf.“ Es ist die unwillkürliche Erinnerung an früher Erlebtes. Er tritt auf einen schlecht behauenen Pflasterstein und befindet sich – gefühlt – plötzlich auf dem Markusplatz in Venedig, wo ihm einst ähnliches passiert ist. Ganz zu Anfang des Romans weckte der Geschmack eines kleinen Madeleine-Küchleins die Erinnerung an seine Kindheit in Combray. Für Marcel sind dies „einzigartige Glücksmomente“:

„Wie in dem Augenblick, in dem ich die Madeleine gekostet hatte, waren alle Sorgen um meine Zukunft, alle Zweifel meines Verstandes zerstreut.“ „Warum hatten mir die Bilder von Combray und von Venedig so viel Freude gegeben, Freude, die einer Gewissheit glich und ohne sonstige Beweise genügte, mir selbst den Tod gleichgültig erscheinen zu lassen? …Weil in diesem Augenblick das Wesen, das ich zuvor gewesen war, außerzeitlich wurde und daher den Wechselfällen der Zukunft unbesorgt gegenüberstand. Nur außerhalb des Handelns und unmittelbaren Genießens war dieses Wesen zu mir gekommen, hatte es sich manifestiert, sooft das Wunder einer Analogie mich der Gegenwart enthob. Es hatte als einziges die Macht, mich zu den alten Tagen, der verlorenen Zeit wieder hinfinden zu lassen, während gerade das den Bemühungen meines Gedächtnisses und Verstandes immer wieder misslang.“

Die Zeit (wie auch der Raum) ist durch diese unwillkürliche Erinnerung aufgehoben. Nicht verstandesgemäß, sondern eher rein sinnlich. Marcel spürt eine „unbändige Lust zu leben“, jetzt, da „in ihm „ein wirklicher Augenblick der Vergangenheit wiedererstanden war.“ „Vielleicht weit mehr als das; etwas, was – zugleich der Vergangenheit und der Gegenwart zugehörig – viel wesentlicher als beide ist. So viele Male hatte im Laufe meines Lebens die Wirklichkeit mich enttäuscht, weil in dem Augenblick, da ich sie wahrnahm, meine Einbildungskraft, die mein einziges Organ für den Genuss der Schönheit war, sich nicht dafür verwenden ließ: auf Grund des unumstößlichen Gesetzes, dass einzig das Abwesende Gegenstand der Imagination sein kann. Hier nun hatte sich plötzlich die Wirkung dieses harten Gesetzes als neutralisiert und aufgehoben erwiesen durch einen wundervollen Kunstgriff der Natur, die eine Empfindung einmal in der Vergangenheit aufschillern ließ, was meiner Einbildungskraft sie zu genießen gestattete, zugleich aber auch in der Gegenwart, in der nun die wirkliche Aktivierung meiner Sinne … zu den Träumen der Einbildungskraft das hinzutat, was ihnen gewöhnlich fehlte, das heißt die Idee der Existenz; dank diesem Auskunftsmittel aber hatten sie meinem Wesen für die Dauer eines Blitzes erlaubt, etwas zu erlangen, zu sondern und festzuhalten, was es niemals erahnt hatte: ein kleines Quantum zusatzloser Zeit.“ „Das Wesen, das in mir wiedergeboren war… nährt sich einzig von der Essenz der Dinge und findet in ihr allein seinen Bestand und seine Beseligung. …Und unser wahres Ich, das manchmal seit langem tot schien, aber es doch nicht völlig war, erwacht und gewinnt neues Leben aus der göttlichen Speise, die ihm zugeführt wird.“ Für den so „von der Ordnung der Zeit frei gewordenen Menschen“ hat „das Wort Tod keinen Sinn mehr“, „was könnte er, der Zeit enthoben, für die Zukunft fürchten?“

Marcel ist wie berauscht von der Entdeckung dieser „der Zeit entzogenen Fragmente des Daseins“.„Ich hatte zu sehr die Unmöglichkeit an mir selbst erlebt, in der Wirklichkeit zu erreichen, was auf dem Grunde meines Inneren ruhte.“„Eindrücke von der Art derjenigen, die ich festzuhalten versuchte, konnten bei dem Kontakt mit einem unmittelbaren Genuss, der unfähig gewesen ist, sie zum Leben zu erwecken, nur verlorengehen. Die einzige Art, sie nachhaltiger zu genießen, bestand in dem Versuch, sie vollständiger da zu erkennen, wo sie sich befanden, das heißt in mir selbst, sie bis in ihre Tiefen klar und deutlich zu machen.“ „Ich fühlte sehr wohl, dass die Enttäuschung der Reise, die Enttäuschung der Liebe nicht verschiedene Enttäuschungen waren, sondern nur der sich wandelnde Aspekt, den je nach dem Faktum, an das er sich heftet, unsere Ohnmacht annimmt, sich im materiellen Genuss, im tatsächlichen Tun zu verwirklichen.“ „Denn die Wahrheiten, die der Verstand unmittelbar und eindeutig in der Welt des hellen Tageslichts aufgreift, besitzen weniger Tiefe, weniger innere Zwangsläufigkeit als diejenigen, die das Leben uns ohne unser Zutun in einem Eindruck mitgeteilt hat, der zwar gegenständlicher Natur ist, weil er durch die Sinne zu uns dringt, aus dem wir aber das geistige Element dennoch herauslösen können.“Nun macht er sich an die „Wiederauferweckungen durch die Kraft des Gedächtnisses“.

Wie das geschehen soll: „Ich musste versuchen, die Empfindungen als die Zeichen ebenso vieler Gesetze und Ideen zu deuten, indem ich zu denken, das heißt aus dem Halbdunkel hervortreten zu lassen und in ein spirituales Äquivalent umzusetzen versuchte, was ich empfunden hatte. Was anderes war dieses Mittel nun – das mir das einzige zu sein schien – als das Schaffen eines Kunstwerks?“ Er begreift das „Lesen im inneren Buch“ als „Schöpfungsakt“; die Kunst ist für ihn „das Wirklichste, was es gibt, die strengste Schule des Lebens und das wahre Jüngste Gericht.“ Es darf nur nicht zu intellektuell werden: „Die kräftig auftretende Versuchung für den Schriftsteller, intellektuelle Werke zu schreiben, dokumentiert einen großen Mangel an Verfeinerung. Ein Buch, das Theorien enthält, ist wie ein Gegenstand, an dem noch das Preisschild hängt. Man argumentiert, das heißt man redet um die Dinge herum… Die auszudrückende Wirklichkeit hat ihren Sitz – das war mir jetzt klar – nicht in dem äußeren Aspekt des Objekts, sondern in einer Tiefe, in der dieser Schein wenig Bedeutung hat…“

Die gealterte Gesellschaft

Noch ein letztes Mal begibt Marcel sich auf ein rauschendes Fest, einen Empfang der Prinzessin von Guermantes, um sich fortan dann aber wirklich nur noch seinem Buchprojekt zu widmen. Auf dem Empfang begegnen ihm zahlreiche alte Bekannte, deren altersbedingte Veränderung ihm sofort ins Auge springt.

„Ungeahnte Möglichkeiten hatte die Zeit aus diesem und jenem gezogen, aber diese Möglichkeiten schienen, obwohl sie rein physiognomischer oder körperlicher Natur waren, dennoch etwas Seelisches zu sein. Wenn die Gesichtszüge sich wandeln oder sich anders ordnen, wenn sie in einer gemeinhin langsameren Weise sich ausgleichen, nehmen sie mit einem neuen Aspekt auch eine neue Bedeutung an. Nicht mehr in einem zoologischen Sinne…, sondern in einem sozialen und psychologischen Sinn konnte man sagen, dass hier eine neue Person vor einem stand.“

In bitterem Sarkasmus betrachtet er den Menschen als „Wesen, das während der ganzen Dauer seines Weges in den Abgrund, in den es geschleudert wird, sich unaufhörlich deformiert“ .„Bei einigen Menschen hatte das nacheinander erfolgende, für mich aber in meiner Abwesenheit vollzogene Ersetzen jeder einzelnen Zelle durch eine andere eine so vollkommene Veränderung, eine so totale Metamorphose bewirkt, dass ich hundertmal beim Abendessen in einem Restaurant ihnen hätte gegenübersitzen können, ohne stärker zu verspüren, dass ich sie früher gekannt hatte…“

Seine eigene Alterung bemerkt Marcel vor allem am Verhalten seiner Mitmenschen. Als Gilberte, die ihre Ambitionen noch nicht ganz aufgegeben hat, ihm vorschlägt: „Wollen wir beide nicht allein in der Stadt zusammen zu Abend essen?“ und Marcel darauf antwortet: „Wenn Sie es nicht kompromittierend finden, allein mit einem jungen Mann zu dinieren“, löst dies bei den Umstehenden Gelächter aus, woraufhin Marcel sich korrigiert: „mit einem alten Mann“ – und niemand widerspricht! Jemand fragt Marcel, ob er noch sein Lungenleiden habe, und als dieser dies bejaht, setzt jener hinzu: „Sehen Sie, selbst mit dieser Krankheit kann man doch ein ganz schönes Alter erreichen.“

Doch altern, wie jeder weiß, der regelmäßig an Klassentreffen teilnimmt, nicht alle Menschen in gleichem Umfang und in gleichem Tempo: „Man hatte das Gefühl, dass es wie im Pflanzenreich Moose, Flechten und dergleichen auch unter den Menschen Arten gibt, die sich beim Nahen des Winters nicht verändern.“ „Die Zeit verfügt demnach über Schnell- und Sonderzüge, die rasch zu einem vorzeitigen Alter führen. Auf einem Parallelgeleise jedoch verkehren Züge in umgekehrter Richtung und fast ebenso schnell. Jemand hatte einen gescheiten Arzt gefunden und verzichtete seither auf Alkohol und Salz; so war er zu dem Status seiner dreißig Jahre zurückgekehrt und schien ihn an diesem speziellen Tag nicht einmal erreicht zu haben…“ „Aber ich hatte auch gesehen, dass die seelischen Zellen, aus denen ein Wesen sich zusammensetzt, beständiger sind als dieses Wesen selbst.“

Marcel erlebt „die Überraschung, mit Männern und Frauen zu sprechen, die früher unerträglich gewesen waren, jetzt aber ihre Fehler fast sämtlich abgelegt hatten, da offenbar das Leben durch Versagen oder Erfüllen ihrer Wünsche ihre Anmaßlichkeit oder Bitterkeit von ihnen genommen hatte. Eine reiche Heirat, dank der man Kampf oder Ostentation nicht mehr nötig hat, der Einfluss auch gerade der betreffenden Frau, die allmählich erworbene Kenntnis von anderen Werten als denjenigen, an die man in einer frivolen Jugend ausschließlich glaubt, hatten ihnen gestattet, ihren Charakter aus seiner Verkrampfung zu lösen und ihre Vorzüge wirksam hervorzukehren.“

Über den Alterungsprozess bei Frauen stellt er fest: „Fast alle Frauen aber kämpften gegen das Alter ohne Ermatten an und boten der Schönheit, die sich von ihnen entfernte wie ein Sonnenuntergang, dessen letzte Strahlen sie leidenschaftlich noch bewahren wollten, den Spiegel ihres Antlitzes dar.“ „Die Züge, in denen sich weniger die Jugend, wohl aber die Schönheit ausgeprägt hatte, waren bei den Frauen dahingeschwunden, und sie hatten daraufhin versucht, ob sie sich mit dem Gesicht, das ihnen verblieben war, eine andere herstellen könnten. Dadurch, dass sie das Zentrum, wenn auch nicht der Schwerkraft, so doch wenigstens der Perspektive ihres Gesichts verlagerten und die Züge einer anderen Wesensmöglichkeit gemäß darumgruppierten, legten sie mit fünfzig Jahren den Grund zu einer neuen Art von Schönheit, so wie man noch spät ein neues Handwerk erlernt oder einem Boden, der zum Weinbau nicht mehr taugt, Rüben abgewinnt.“

Mit Schrecken registriert Marcel, wie so manchen alten Bekannten bereits der Tod hinweggerafft hat. „Für die Leute des gleichen Alters und der gleichen Kreise aber hatte der Tod die einstige Bedeutung von etwas Fremdartigem verloren.“ „Denn jeder Sterbefall bedeutet für die anderen eine Vereinfachung ihrer Existenz, er nimmt einem alle Skrupel wegen des Erzeigens von Dankbarkeit ab und hebt den Zwang zum Besuchemachen auf.“

Natürlich fehlt es auch bei dieser Zusammenkunft der High Society nicht an Klatsch und Tratsch. Der Herzog von Guermantes hat angeblich im Alter von nunmehr 83 Jahren aufgehört, seine Frau zu betrügen, doch nun verliebt er sich doch noch einmal: ausgerechnet in Gilbertes über siebzigjährige Mutter Odette (der dies sehr schmeichelt). „Odettes Aussehen schien, wenn man ihr Alter kannte und sich auf eine alte Frau gefasst machte, ein erstaunlicherer Protest gegen die Gesetze der Chronologie als die Erhaltung des Radiums gegen die der Natur.“ Und auch mit der Tugend der deutlich jüngeren Herzogin von Guermantes, von der Marcel einst vorübergehend geschwärmt hatte, scheint es nicht mehr so weit her zu sein. Zumindest „behauptete Monsieur de Charlus…, dass die Legende von der Reinheit der Herzogin von Guermantes (seiner Schwägerin) in Wirklichkeit aus einer Unzahl von geschickt verhehlten Abenteuern bestehe.“

In seinen Gesprächen mit den Besuchern verblüfft Marcel ferner, wie unterschiedlich sich die Menschen an Zurückliegendes erinnern. „Auch bei sonst gleichem Gedächtnis erinnern sich zwei Personen nicht an die gleichen Dinge.“ „Im übrigen sind die Erinnerungen, die wir aneinander haben, die gleichen nicht einmal in der Liebe.“ „Denn das Gedächtnis, indem es die Vergangenheit in unveränderter Gestalt in die Gegenwart einführt – so nämlich, wie sie sich in dem Augenblick präsentierte, als sie selber noch Gegenwart war – bringt gerade jene große Dimension der Zeit zum Verschwinden, in der das Leben sich realisiert.“ So ist ein „Kunstwerk das einzige Mittel, die verlorene Zeit wiederzufinden.“

Bausteine einer ästhetischen Theorie

Entscheidend für das Gelingen eines (literarischen) Kunstwerks ist es in Marcels Augen somit, die Einwirkung der Zeit auf die menschliche Existenz herauszuarbeiten:

„Eine Sache, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen, ein Buch, das wir lesen, bleibt für immer nicht nur mit dem verknüpft, was um uns her vorhanden war, sondern ebenso treu bleibt es verbunden mit dem, was wir damals waren.“ „Der Schnee, der die Champs-Elysees an dem Tage bedeckte, an dem ich in jenem Bande las, ist nie von ihm geschwunden, er liegt für mich noch immer darauf.“ „Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen, die uns gleichzeitig umgeben,… eine einzigartige Beziehung, die der Schriftsteller wiederfinden muss…“

Eine Literatur, die dieses nicht zu leisten vermag, kann daher nicht viel taugen: „Die Idee einer populären Kunst schien mir ebenso wie die einer patriotischen Kunst wo nicht gefährlich, so doch auf alle Fälle lächerlich. Wenn dabei die Absicht bestand, die Kunst dem Volke zugänglich zu machen, indem man die Verfeinerung der Formen, die nur ‚für Müßiggänger da sind‘, opferte, so hatte ich jedenfalls genügend mit Damen und Herren der Gesellschaft verkehrt, um zu wissen, dass sie die wahrhaft Ungebildeten sind und nicht die Elektrizitätsarbeiter. (Die Klassen des Geistes nehmen keinerlei Rücksicht auf die Geburt.) In dieser Hinsicht wäre eine der Form nach volkstümliche Kunst eher für die Mitglieder des Jockeyclubs als für die der Gewerkschaft angebracht. Was ihren Gegenstand betrifft, so langweilen volkstümliche Bücher die Leute aus dem Volke ebenso sehr, wie sich Kinder mit Büchern langweilen, die speziell für sie geschrieben sind. Man möchte sich anderswohin versetzen, wenn man liest, und Arbeiter sind ebenso neugierig auf die Fürsten, wie Fürsten es auf Arbeiter sind.“

„Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. … Der Stil ist für den Schriftsteller wie die Farbe für den Maler nicht eine Frage der Technik, sondern eine Art zu sehen.“ „Dank der Kunst verfügen wir, anstatt nur eine einzige Welt – die unsere – zu sehen, über eine Vielheit von Welten…“

Ferner sollte gute Kunst immer auch der Desillusionierung dienen: „Die mühevolle Arbeit, die unsere Eigenliebe, unsere Leidenschaft, unser Nachahmungstrieb, unser abstrakter Verstand, unsere Gewohnheiten geleistet hatten, ist genau das, was die Kunst erst wieder beseitigen muss; denn gerade den umgekehrten Weg, den Weg, der zu den Tiefen zurückführt, in denen das, was wirklich existiert hat, von uns ungekannt, ruht, heißt es ja gehen. … Es bedeutet, dass man vor allem seine liebsten Illusionen ablegen, den Glauben an die Objektivität dessen, was man selbst sich mühsam erarbeitet hat, aufgeben muss.“

Voraussetzungen zur Schriftstellerei

Daher ist zur Herstellung eines großen Kunstwerks selbstverständlich nicht jeder berufen, und Marcel hat ernste Zweifel, ob er dieser Aufgabe gewachsen sein wird: „Ich hatte als junger Mensch im Schreiben über eine gewisse Leichtigkeit verfügt… Anstatt aber zu arbeiten, hatte ich in Trägheit, in Zerstreuung durch Vergnügen, in Krankheit dahingelebt, mich selbst und meine Manien gepflegt und unternahm nun mein Werk am Vortage meines Todes, ohne irgendetwas von meinem Metier zu verstehen.“ „Wie viele bleiben daher auch dabei stehen, die vielen, die nichts aus ihren Erlebnissen herausziehen und nutzlos und unbefriedigt altern, gleichsam als Hagestolze der Kunst! Sie erleben die Leiden der Jungfrauen und der Trägen, Leiden, denen Fruchtbarkeit oder Arbeit Heilung bringen würden…“ Aber genau hier, an der scheinbar verlorenen Zeit, setzt er an: „Dieser Begriff der entschwundenen Zeit, der vorübergegangenen und doch nicht von uns getrennten Jahre, war das, was ich jetzt herauszuarbeiten gedachte…“

Ferner hat Marcel als Idealvoraussetzung für einen Künstler und insbesondere Literaten ein grundlegendes Unglücklichsein ausgemacht: „Das Glück ist einzig heilsam für den Leib, die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung.“ Und später heißt es: „Was das Glück anbelangt, so dient es fast nur einem nützlichen Zweck: das Unglück möglich zu machen. Wir müssen im Glück sehr süße und sehr starke Bande des Vertrauens und der Zuneigung knüpfen, damit ihr Bruch in uns jene unschätzbare, schmerzhafte Zerreißung schafft, die wir Unglück nennen. Wenn man nicht glücklich gewesen wäre, und sei es auch nur durch die Hoffnung, würde einen das Unglück jeweils ohne Grausamkeit und damit fruchtlos treffen.“

Und was ist selbstredend die Quelle des Unglücks schlechthin? „Eine Frau, von der wir nicht lassen können, die uns Leiden verursacht, zieht aus uns ganze Folgen weit tieferer und stärker an unser Lebensmark rührender Gefühle als ein Mann von überlegenem Geist, der uns interessiert. Je nach der Ebene, auf der wir leben, bleibt dabei die Frage offen, ob wir finden, dass ein bestimmter Verrat, durch den eine Frau uns Kummer bereitet hat, etwas Geringfügiges den Wahrheiten gegenüber bedeutet, die dieser Verrat für uns aufdeckt und die die Frau, die uns leiden macht, wohl kaum je begriffen hätte.“ Hier möchte man allerdings hinzufügen: Außer sie ist ihrerseits eine Intellektuelle, eine Frau von Geist oder gar eine Autorin…

Besonders unglücklich machen den Literaten übrigens Frauen mit teuren Ansprüchen: „Es ist etwas Merkwürdiges um diesen Kreislauf des Geldes, das wir Frauen schenken, die uns aus diesem Grunde unglücklich machen, das heißt uns die Möglichkeit zum Bücherschreiben verschaffen: man kann fast sagen, dass es mit den Werken wie mit den artesischen Brunnen ist, nämlich, dass sie sich um so höher erheben, je tiefer die Grube ist, die das Leiden in unserem Herzen ausgehoben hat.“ An dieser Stelle ist beiläufig an die ganz ähnliche Erkenntnis des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zu erinnern (der Marcel Prousts „Recherche“ nach eigener Auskunft aus Zeitmangel nie zu Ende gelesen hat!): „Wer gute Bücher schreiben will, muss viel gelitten haben.“ (Und er selbst hat ja bekanntlich immer sehr viel unter den vielen so s c h l e c h t e n Büchern gelitten, die er zu besprechen hatte, konnte später also vielleicht auch deshalb so eine glänzende Autobiographie schreiben.)

In jedem Falle aber gilt: „Unsere Leidenschaften skizzieren unsere Bücher, die Ruhepausen zwischen ihnen bewirken die endgültige Niederschrift.“ Und plötzlich entdeckt Marcel rückblickend, wie sehr ihm Albertine, indem sie ihm in all den Jahren so viele Schmerzen bereitet hat, doch eigentlich geholfen hat… „Dadurch, dass ich meine Zeit mit ihr vergeudete und sie mir Kummer bereitete, war mir Albertine vielleicht selbst in literarischer Hinsicht nützlicher gewesen als ein Sekretär, der meine Papiere in Ordnung gehalten hätte. Immerhin, wenn ein Wesen so schlecht eingerichtet ist (und vielleicht ist innerhalb der Natur dieses Wesen einfach der Mensch), dass er nicht lieben kann, ohne zu leiden, und wenn man leiden muss, um Wahrheiten zu erfahren, so wird das Leben eines solchen Wesens schließlich sehr ermüdend sein. Die glücklichen Jahre sind die verlorenen, man wartet auf einen Schmerz, um an die Arbeit gehen zu können… Da man aber einsieht, dass Leiden das Beste ist, was man im Leben finden kann, denkt man ohne Grauen – wie an eine Befreiung fast – an den Tod.“

Im Angesicht des Todes

Marcel spürt offenbar, obschon erst Mitte vierzig, dass seine Lebenszeit bald abgelaufen sein wird: „Einen Körper zu haben ist die große Bedrohung für den Geist, für das menschliche und denkende Leben… Der Körper schließt den Geist in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen Seiten belagert sein, und zuletzt muss der Geist sich ergeben.“ „Das Ich, hinter dem gerade die Empfängnis seines Werkes lag…“ möchte dieses unbedingt noch vollenden. „Mit meinem Tode würde nicht nur der einzige Bergarbeiter verschwunden sein, der befähigt war, diese Erze zu schürfen, sondern sogar das Vorkommen selbst…“ Aber gerade diese Angst, nicht mehr rechtzeitig fertig werden zu können, treibt ihn an. „Die Krankheit hatte mir, als sie mich wie ein strenger geistlicher Berater der Welt absterben hieß, einen Dienst erwiesen.“

Nun gewinnt man bei der Lektüre allerdings den Eindruck, dass Marcel bei einer gesünderen Lebensführung (er schreibt die Nächte durch und schläft am Tag, verlässt nie seine Wohnung und bewegt sich kaum) sowie einem niedrigeren Arbeitstempo trotz seines Lungenleidens womöglich noch deutlich länger hätte leben und schreiben können. Doch ist er in seinem Schreibrausch nicht mehr aufzuhalten: „Das Glück, welches ich jetzt verspürte, rührte nicht mehr aus einer rein subjektiven Spannung meiner Nerven her, die uns von der Vergangenheit isoliert, sondern im Gegenteil von einer Ausweitung meines Geistes, in dem sich die Vergangenheit neu gestaltete, zur Gegenwart wurde und mir – nur für den Augenblick, ach! – Ewigkeitswert verlieh. Ich hätte diesen gern an diejenigen weitergegeben, die ich mit meinem Schatz hätte bereichern können.“ „Ich fühlte mich gewachsen um das Werk, das ich in mir trug.“

„Weil aber die Menschen in dieser Weise noch alle Stunden der Vergangenheit enthalten, können sie denen, die sie lieben, so viel Leid antun, denn damit hegen sie in ihrem Innern auch viele Erinnerungen an Freuden und Wünsche, die für sie schon ausgelöscht sind, aber so grausam noch für den, der den geliebten Leib, um dessentwillen er an Eifersucht krankt – an einer solchen Eifersucht, dass er seine Zerstörung wünscht – betrachtet und in seiner gesamten Erstreckung über die Ebenen der Zeit erblickt. Denn nach dem Tode zieht die Zeit sich aus dem Körper zurück, und die schon so gleichgültig gewordenen, blassen Erinnerungen sind nun von der, die nicht mehr ist, fortgewischt und werden es bald auch von dem sein, den sie immer quälen, in dem aber endlich auch sie einmal sterben werden, wenn das Verlangen nach einem lebendigen Leib sie nicht mehr unterhält.“

„Ein Gefühl der Ermüdung und des Grauens befiel mich bei dem Gedanken, dass diese ganze lange Zeit nicht nur ohne Unterbrechung von mir gelebt, gedacht und wie ein körperliches Sekret abgelagert worden, und dass sie mein Leben, dass sie ich selber war, sondern, dass ich sie auch noch jede Minute bei mir festhalten musste, dass sie mich, der ich auf ihrem schwindenden Gipfel hockte und mich nicht rühren konnte, ohne sie ins Gleiten zu bringen, gewissermaßen trug. … Es schwindelte mir, wenn ich unter mir und trotz allem in mir, als sei ich viele Meilen hoch, so viele Jahre erblickte.“ So lassen sich am Ende „die Menschen als Wesen beschreiben, die neben dem so beschränkten Anteil an Raum, der für sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermesslich ausgedehnten Platz … einnehmen in der ZEIT.“

Mit diesen Worten endet also die „Suche nach der verlorenen Zeit“, das vielleicht ambitionierteste Romanprojekt aller Zeiten, welches allein schon seiner Länge und Kompliziertheit wegen so gar nicht mehr in unsere kurzatmige Zeit zu passen scheint. Doch umso glücklicher kann sich schätzen, wer dennoch genug Zeit und Ruhe gefunden hat, um sich der Lektüre dieses Meisterwerks zu widmen – und mit einer Fülle ganz zeitloser Einsichten in die Untiefen seiner Existenz beschenkt wird. Und gibt es denn einen exklusiveren Club als den Club der Rechercheure?

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 7: Die wiedergefundene Zeit
Übersetzung von Eva Rechel-Mertens, 500 Seiten
Suhrkamp Verlag

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