www.justament.de, 7.9.2015: Propaganda, Subversion, Protest

Recht cineastisch spezial: Das Kurzfilmprogramm „Generation Freiheit“ im Radialsystem V in Berlin

Thomas Claer

futur25-berlinEinen interessanten Ansatz wählte der Kurator des Kurzfilmprogramms „Generation Freiheit“, das gestern im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Futur 25“ der Bundeszentrale für politische Bildung anlässlich der Jubiläen von Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung im Radialsystem V in Berlin-Friedrichshain aufgeführt wurde. Mittels der Darbietung von sechs recht unterschiedlichen Kurzfilmen am Stück – entstanden zwischen 1952 und 2015 – wurde implizit auch immer nach der gesellschaftlichen Rolle des Mediums Film im Deutschland sowohl vor als auch nach der Wende gefragt. Die Antworten bekamen die Zuschauer dank der ausführlichen und erhellenden Kommentierungen des Filmwissenschaftlers Thomas Tode im Anschluss an die Filme auch gleich noch mitgeliefert.

Filme machen ist teuer, an unabhängige Autoren- und Dokumentarfilme war nach dem zweiten Weltkrieg zunächst nicht zu denken. Viel Geld aber wurde in beiden Teilen Deutschlands – schließlich tobte der Kalte Krieg – für Propagandafilme zur Verfügung gestellt. So konnte damals eine Vielzahl solcher Kurzfilme entstehenden, die zumeist im Vorprogramm der eigentlichen Kinofilme in Ost und West gezeigt wurden. Überraschenderweise sind es aber gerade die westlichen Filme dieser Art, die doch eher angestrengt und steif daherkommen, wenn auch nicht ohne Raffinement. Bezahlt von den USA porträtiert der Re-education-Film „Pfeif drauf“ von Eva Kroll aus dem Jahr 1952 einen zunächst unpolitischen jungen Mann, dem unter Hinweis auf die totalitäre deutsche Vergangenheit und ostdeutsche Gegenwart schließlich erfolgreich ein schlechtes Gewissen eingeimpft wird. Dagegen ist der ostdeutsche Film „Träumt von morgen“ (1956) des gebürtigen Österreichers Hugo Hermann (der bald darauf bei den DDR-Oberen in Ungnade fiel) bemerkenswert lebendig und sogar überaus subversiv geraten. Ost-Berliner Kinder verfolgen eine Kaspertheater-Aufführung und berichten von ihren Zukunftswünschen und -träumen. Da scheint dann mitunter mehr unliebsamer Realismus durch, als es den Auftraggebern recht sein konnte… Ein großartiges Zeitdokument! Gleiches lässt sich aber auch vom nun wieder westlichen und diesmal mit europäischen Geldern finanzierten Film „Europa 1978“ von 1958 sagen. Hier ist es vor allem – der Blick richtet sich aus dem Jahr 1958 auf das in ferner Zukunft liegende Jahr 1978 – der überbordende Zukunftsoptimismus, der einem den Atem raubt: Ständiger Pendelverkehr zwischen Erde und Mond, Reisen zwischen den Planeten, private Hubschrauber und hilfreiche Roboter für jedermann – das war die leuchtende Zukunft, die man seinerzeit auch den Westbürgern versprach.

Bereits nach der Wende, 1994, hat die deutsch-türkische Filmemacherin Hatice Ayten den Film „Gülüzar“ über das harte und traurige Leben ihrer Mutter gedreht. Inzwischen sind die Materialien nicht mehr so teuer, mit etwas Glück lassen sich auch Geldgeber finden – so wird der Film allmählich auch zum Medium des sozialen Protestes „von unten“. Ebenfalls eine Protesthaltung nimmt der eher als Videoclip zu bezeichnende 3-min-Film „Arbeit 2.0“ von Clemens Kogler aus dem Jahr 2007 ein. Er bringt die Zumutungen des Berufslebens der – eigentlich privilegierten – Festangestellten (manche nennen sie Lohnsklaven) zu einer Zeit auf den Punkt, als deren heutiges Ausmaß noch gar nicht erreicht war. Und schließlich erzählt „Schicht“ (2015) von Alexandra Gerbaulet eine abgründige Familiengeschichte aus der westdeutschen Provinz. Ein rundum sehenswertes Filmvergnügen!

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