Justament Juni 2008: Intellektueller im Netz

Seit fünf Jahren lässt Claus Koch online den “Neuen Phosphoros” erscheinen

Thomas Claer

Claus KochWas ist ein Intellektueller? Der erste soll Petrarca (1304-1374) gewesen sein, ein abgebrochener Jurastudent (Montpellier, Bologna) und Schriftsteller, nebenbei Begründer des Alpinismus. Schon er war immer voll auf der Höhe seiner Zeit, hatte zu allem und jedem etwas zu sagen und fühlte sich gewissermaßen für den Lauf der Welt verantwortlich. Nun braucht ein Intellektueller aber, um in seinem Sinne wirken zu können, zweierlei: erstens ein Publikum, das aus seinen Worten und Gedanken Nutzen und Belehrung zieht, zweitens ein Medium, durch welches er sein Publikum erst erreichen kann. So nimmt es nicht Wunder, dass die Blütezeit des Intellektuellen jene Epoche war, die – jedenfalls in unseren Sphären – beides auf phantastische Weise zusammenbrachte, das zwanzigste Jahrhundert. Nie zuvor gab es so breite gebildete Schichten, die sich freiwillig und gerne aus berufenem Munde die Welt erklären ließen. Und nie zuvor erblühten die Medien, gedruckt, akustisch und visuell, so prächtig und gaben den Intellektuellen nicht ein, sondern viele Sprachrohre. Längst aber hat diese Entwicklung ihren Zenit überschritten, ja das gänzliche Aussterben der Intellektuellen wird mittlerweile, insbesondere von ihnen selbst, als völlig unabwendbar angesehen. Wir merken es vor allem daran, dass es keine jüngeren Intellektuellen mehr gibt. Hingegen zählen erstaunlich viele Intellektuelle zum Jahrgang 1929: Hans Magnus Enzensberger, Ralf Dahrendorf, Jürgen Habermas – und Claus Koch.
Zwar stand Claus Koch nie so wie seine prominenteren Jahrgangsgenossen in der ersten Reihe, doch kann man ihn, den Journalisten, Essayisten und Publizisten, den LEVIATHAN-Mitbegründer und -redakteur, Sachbuchautor, Kursbuch- und Merkur-Essayisten und schließlich SZ-Kolumnisten (1998-2003) dennoch zu den profiliertesten deutschen Geistesgrößen zählen. Nun ist das fünfjährige Bestehen seiner Internetseite “Der neue Phosphoros” anzuzeigen, auf der er sich seit April 2003 zwei- oder dreiwöchentlich nichts Geringerem widmet als der “Bestimmung der Zeitlage”. Verfahrenstechnisch ist das eine kultivierte Variante des derzeit sehr angesagten Mediums Blog. Inhaltlich wird im “Phosphoros” so ziemlich alles verhandelt, was heute Zeitgenossenschaft ausmacht, vor allem aber die politischen und sozialen Folgen des medizinischen und technischen Fortschritts: Über nichts schreibt Claus Koch lieber als über Biotechnologie und Klonen, Stammzellenforschung, Exogenese und die Entschlüsselung des genetischen Codes. Und unvermeidlich landet er alsbald bei Adipositas, der Abschaffung des Rentners, dem Bürger als Aktionär, der Globalisierung, dem Untergang des amerikanischen Imperiums und der Selbstabschaffung des Staates. Alles denkt er zusammen – im Bewusstsein, dass das eigentlich nicht mehr geht, denn wir befinden uns laut Koch bereits im Zeitalter des Fachmenschen: “Auch für den Streit um Menschenrechte braucht es nunmehr zuerst den Fachmenschen: den Juristen, den Informationsorganisator, den Verwaltungs- und Politik-Techniker und mehr und mehr den Naturwissenschafter und Ingenieur.” Der Intellektuelle wird immer weniger gebraucht. Doch was die Texte des Intellektuellen Claus Koch zu etwas ganz Besonderem macht, ist ihre stilistische Brillanz und Lebendigkeit. Das vielleicht schönste Kompliment machte ihm einst unwissentlich meine Frau. Nach der Lektüre einer seiner Kolumnen in der Süddeutschen vermutete sie aufgrund des Schreibstils, es müsse sich beim Autor um einen jungen Mann handeln…

Claus Koch
Der neue Phosphorus. Analysen und Entgegnungen
Bislang 101 Ausgaben (erscheint 14-tägig)
Kostenlos abrufbar und Abo-Service
http://www.claus-koch.com

http://culturmag.de/litmag/glosse-wolfram-schutte-uber-angelina-jolie-und-claus-koch/71000

 

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