Justament Okt. 2003: Die neue Bibel

Norbert Bolz brilliert mit einer klugen Apologie des Kapitalismus

Thomas Claer

Bolz CoverAus Titel und Layout spricht eine gesunde Unbescheidenheit: Gut eineinhalb Jahrhunderte nach Erscheinen eines der vielleicht einflussreichsten Texte der Menschheit bringt der Kulturwissenschaftler Norbert Bolz (geboren 1953) ein neues Manifest heraus, das den Kapitalismus nicht weniger schonungslos, lakonisch und messerscharf analysiert als weiland das kommunistische Original. Aber die Schlussfolgerung ist entgegengesetzt: Statt die Armen und Entrechteten zur Vereinigung mit ihresgleichen zwecks Weltrevolution anzuhalten, stellt Bolz den westlichen, “konsumistischen” Lebensstil als herausragende zivilisatorische Leistung heraus. Er diene der nachhaltigen Befriedung der Bestie Mensch, was welthistorisch gesehen einmalig sei. Dabei hält Bolz nahezu alles, was seit Marx gegen den Kapitalismus vorgebracht wurde, für zutreffend. Doch gelte es, vor den eingehend diagnostizierten und letztlich unbestreitbaren Symptomen wie Entfremdung, Bürokratismus und Sinnentleerung die Vorzeichen umzukehren: “Wir müssen erkennen, dass Entfremdung die Bedingung für alles das ist, was wir als Freiheit schätzen.” Der Konsumismus fungiere in all seiner Oberflächlichkeit als Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen. Praktische Moralität lasse sich viel wirkungsvoller ökonomisch als ethisch begründen: Erst durch Handel und Geldgeschäfte würden die Grundbedingungen von Humanität gesichert. Wer dies begriffen habe, werde nicht mehr länger versuchen, den westlichen Universalismus der Menschenrechte zu exportieren, sondern vielmehr die “Risikostaaten” mit dem konsumistischen Virus zu infizieren. Im Grunde genommen, so Bolz, habe der kapitalistische Konsumismus viele Merkmale einer Religion (nicht zufällig sei von “Konsumtempeln” die Rede, in denen “neuheidnische Kulte” begangen würden) und befinde sich im permanenten Weltkampf gegen die andere quasi Weltreligion, den antiamerikanischen Traditionalismus. Beide Seiten seien auf ihre Art gleichermaßen rational wie irrational. Wer aber im “Westen” über einen Werteverlust jammere, verkenne den spezifischen Werteverzicht der modernen Gesellschaft, die eben nicht mehr zu bieten habe als Rechtsstaatlichkeit, formale Demokratie, Liberalismus und soziale Marktwirtschaft. Doch sei gerade dies ihre Stärke gegenüber den exzessiv sinn- und dadurch auch viel eher gewaltorientierten Traditionalismen und Fundamentalismen. Der Verfasser, Professor für Medienwissenschaft in Berlin, geht dem Phänomen des Konsumismus in allen erdenklichen Lebensbereichen nach und macht schließlich auch vor der Liebe nicht halt. Jeder Satz ist ein Volltreffer, ein Apercu folgt dem anderen. Ein großer Wurf.

Norbert Bolz
Das konsumistische Manifest
Wilhelm Fink Verlag, München 2002
156 Seiten, Euro 10,00
ISBN: 3-770-53744-0

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