Justament Juni 2004: Kurs halten!

Zwei Kursbücher bieten Orientierung – auch für junge Juristen

Thomas Claer

Kursbuch 155 Kursbuch 154Bis heute hat die 1965 von Hans Magnus Enzensberger begründete viermal jährlich zu einem Themenschwerpunkt erscheinende Zeitschrift “Kursbuch” überlebt. Stets fühlte sie sich dem erprobten  essayistischen Prinzip verpflichtet, sich einem Gegenstand aus unterschiedlichsten Perspektiven und möglichst ohne allzu große fachwissenschaftliche Beschränktheit zu nähern. Dies gilt auch für die aktuelle Nummer, in welcher sich neun Juristen und sieben Nicht-Juristen vereint Gedanken über “Neue Rechtsordnungen” machen. Mit dabei sind so namhafte Autoren wie Klaus Lüdersen, der den strafrechtlichen Schuldbegriff hinterfragt, und Uwe Wesel, den die US-amerikanische Doppelmoral in der Menschenrechtsfrage beschäftigt. Clau Kreß beleuchtet sehr nüchtern und kenntnisreich die völkerrechtliche Diskussion um das Friedenssicherungsrecht nach dem Irak-Feldzug. Klaus Günther berichtet erstaunliches über Anwaltsimperien, Kai Strittmatter porträtiert eindrucksvoll das Rechtssystem in China. Die Zusammenstellung ist gelungen, kaum ein Beitrag fällt ab.
Darüber hinaus sollte beim geneigten jungen Juristen auch die vorhergehende Kursbuch-Nummer auf Interesse stoßen, beschäftigt sie sich doch mit der Generation, welcher sich – grob angesetzt – sowohl Referendare als auch juristische Berufseinsteiger zugehörig fühlen dürfen, den “30jähhrigen”. Zumindest, so muss man einschränken, sofern man einer Einteilung von Gesellschaften in Generationen überhaupt einen nennenswerten Erkenntniswert zubilligt. Doch hier sind wir bereits mitten in der mehr oder weniger engagierten Diskussion, die von achtzehn Generationsgenossen und zwei älteren Generationsbeobachtern, fast allesamt Schriftsteller und Journalisten, um das komplizierte Schwellenalter mit seinen Vorzügen und Schrecken geführt wird. Schweigen wollen wir über das sprachliche und inhaltliche Niveau einiger Beiträge, vor allem wenn es sich bei den Verfassern um ausgewiesene Popliteraten handelt. Viele andere Texte hingegen überzeugen auf ganzer Linie, so Ulrich Rüdenauers köstliche Schilderung eines Klassentreffens zehn Jahre nach dem Abi oder der Vergleich der jeweils in ihrer Jugend von einem Weltkrieg geprägten 30-Jährigen unter Hitler (der furchtbaren Karrieregeneration) und in der jungen Bundesrepublik (der “skeptischen Generation”) mit den eher lauen und harmlosen heutigen 30-Jährigen des Historikers Stephan Schlak. Herauszuheben sind ferner eine brillante Apologie des Verzichts auf politisches Engagement vom SZ-Feuilletonisten Ijoma Mangold und als krönender Abschluss Anna Katharina Hahns bittere Satire “Kommune Kalk”: Im Jahre 2050, das staatliche Renten- und Gesundheitssystem ist weitgehend zusammengebrochen, haben sich inzwischen hoch betagte Ex-Love-Parade-Teilnehmer in einem besetzten Haus zu einer WG zusammengefunden, die sich mit dem Raub von Medikamenten und Lebensmitteln über Wasser hält.

Ina Hartwig und Tilman Spengler (Hrsg.)
Kursbuch 154, “Die 30jährigen”
Rowohlt Verlag Berlin 2003, 200 Seiten
Euro 10,00
ISBN: 3-87134-154-1

Ina Hartwig und Tilman Spengler (Hrsg.)
Kursbuch 155, “Neue Rechtsordnungen”
Rowohlt Verlag Berlin 2004, 192 Seiten
Euro 10,00
ISBN: 3-87134-155-x

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