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www.justament.de, 8.9.2014: Geschwisterliebe

Recht cineastisch, Teil 19: „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf

Thomas Claer

die-geliebten-schwesternWas ist denn das schon wieder für eine Männerphantasie? Ein noch wenig bekannter und in prekären finanziellen Verhältnissen lebender Dichter um die dreißig wird von zwei bildhübschen adeligen jungen Damen heiß begehrt, die noch dazu Schwestern sind und nicht nur alle ihre Geheimnisse, sondern auch ihre Leidenschaft für den jungen Mann miteinander teilen. Und es bleibt auch keineswegs beim bloßen Begehren, ganz ausdrücklich ist im Film von einer „Vertiefung“ der so vielfach bekundeten Freundschaft beider Mädchen mit dem Dichter die Rede, die dann auch noch jeweils ausgiebig vollzogen wird. Bemerkenswerterweise entsteht dadurch keinerlei Eifersucht zwischen den Beteiligten. Eine gelebte Utopie der freien Liebe gewissermaßen, und das 180 Jahre vor Rainer Langhans, Uschi Obermaier und der Kommune 1! Davon handelt „Die geliebten Schwestern“, der neue Kostümfilm von Dominik Graf, in dem die überaus pikante Menage-a-trois des späteren Großschriftstellers Friedrich Schiller (Florian Stetter) mit Caroline (Hannah Herzsprung) und Charlotte (Henriette Confurius) von Lengefeld geschildert wird. Ob sich die Dinge damals, in den Jahren 1787 ff., tatsächlich so abgespielt haben, ist zwar in der Schiller-Forschung noch nicht restlos geklärt, doch gibt es schwerwiegende Hinweise, die eine Deutung, wie der Film sie suggeriert, sehr nahelegen. Insbesondere existieren spärliche Überbleibsel des anscheinend äußerst regen Briefverkehrs zwischen den drei zentralen Gestalten: Seinerzeit schrieben sie sich, wann immer sie ihre Zeit nicht gemeinsam verbringen konnten, mehrmals täglich und meist ausführlich munter im Dreieck. Was allerdings feststeht, ist der Umstand, dass Friedrich Schiller die jüngere der Schwestern, Charlotte, 1790 ehelichte, wobei aber Grund zur Annahme besteht, dass er doch eigentlich eine Spur mehr Gefallen an der älteren, Caroline, gefunden hatte. Da diese aber ihrerseits bereits unglücklich verheiratet war (eine „Vernunftehe“ mit einem reichen Langweiler), übernahm die jüngere Charlotte den Part der Ehefrau, um ein dauerhaftes Beieinanderbleiben der drei Liebenden zu ermöglichen.
Natürlich konnte das nicht ewig gutgehen. Als nach ein paar Jahren Kinder ins Spiel kommen, deren Urheberschaft – zumindest in Carolines Fall – nicht eindeutig aufzuklären ist, bricht mit der Zeit erbitterte Feindschaft und rasende Eifersucht zwischen den einst so mustergültig miteinander harmonierenden Schwestern aus. Wüste Beschimpfungen werden ausgetauscht, Porzellan durchs Zimmer geworfen und zerbrochen. Kurz, sie verhalten sich dann doch noch wie ganz normale Menschen. Ein sehenswerter Filmgenuss mit einer umwerfenden Hannah Herzsprung.

Die geliebten Schwestern
Deutschland 2014
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Dominik Graf
170 Minuten, FSK: 6
Darsteller: Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius u.v.a.

Justament Aug. 2005: Sprengsätze und Teekannen-Sprüche

Klaus Lüderssen untersucht Schillers juristische Dimension

Thomas Claer

Lüderssen CoverAn Friedrich Schiller (1759-1805) scheiden sich die Geister bis heute. Für die einen ist er der unerträgliche, Millionen mit Umschlingung bedrohende und immer kitschnahe “Moraltrompeter von Säckingen” (Nietzsche), mit dessen Knittelversen und schwülstigen Theaterstücken schon zahllose Schülergenerationen gequält worden sind. Man denke nur an die “Feuerzangenbowle”: Wer sagt zu wem in welchem Akt an welcher Stelle “das war kein Heldenstück, Octavio”? Für die anderen hingegen bleibt er der große und immer wieder neu zu entdeckende Klassiker von Rang, der Dichter von “Sprengsätzen”, die sich nach einem Diktum des Dramatikers Heiner Müller nur leider allzu oft in “Teekannensprüche” verwandelt haben. Zum diesjährigen Jubiläum sind dem stets Polarisierenden wieder zahlreiche Veröffentlichungen gewidmet.
Der Frankfurter Strafrechtler und Rechtsphilosoph Klaus Lüderssen, der bereits in mehreren früheren Veröffentlichungen das Verhältnis von Recht und Literatur thematisiert hat, interpretiert nun Schillers Werke, genauer gesagt seine Dramen, unter juristischen Aspekten. Freilich beschränkt er sich dabei nicht auf eine Prüfung der Strafbarkeit des literarischen Personals nach dem bewährten Muster von “Der Fall Max und Moritz”. Nur am Rande klingt solches an, etwa wenn es um “Kabale und Liebe” geht: Wurm begeht Freiheitsberaubung durch Veranlassung der Verhaftung von Vater und Mutter Miller. Der Präsident ist mittelbarer Täter – nach heutiger Rechtsprechung Täter hinter dem Täter. Und so fort. Entscheidend aber sind für Lüderssen die in den Dramen behandelten großen rechtlichen Grundsatzfragen, die im Lichte der weltpolitischen Ereignisse der Gegenwart eine neue Relevanz gewinnen: Die regional begrenzte rechtliche Sicherheit, die das positivistische Zeitalter des Nationalstaates verhieß, schwinde in Zeiten der Globalisierung der Konflikte, so dass uns Schillers dramatisch verpackte abgestufte Rechtswelt und seine juristischen Gratwanderungen wieder näher kämen. Da ist dann zunächst das erneut brandaktuell gewordene  Frühwerk “Die Räuber”, in dem sich der zornige junge Karl Moor nach intensiver Vorüberlegung dazu entschließt “die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu erhalten”. “Blut und Tod soll mich vergessen lehren, dass mir jemals etwas teuer war.” – wer denkt dabei nicht an die jüngsten Ereignisse in London?
“Die Verschwörung des Fiesko zu Genua” (aus der die schöne Fabel über die unterschiedlichen Regierungsformen stammt) und der “Tell” behandeln die Frage eines Widerstandsrechts gegen tyrannische Staatsgewalt. Im “Don Karlos”, dem vielleicht theoretisch brisantesten unter Schillers Stücken (“Geben Sie Gedankenfreiheit.”), konkurrieren verschiedene Konzeptionen einer Rechtsgesellschaft. Und in “Maria Stuart”, dem auch das Titelzitat entnommen ist, lässt die Protagonistin Montesquieu sprechen mit ihrem Ausruf: “Wehe dem armen Opfer, wenn derselbe Mund, der das Gesetz gab, auch das Urteil spricht!”
Im Übrigen beanstandet der Verfasser wiederholt die seit Jahrzehnten übliche, nach seiner Ansicht gänzlich unzulässige Verkürzung der klassischen Stücke durch ihre modernen Inszenierungen. Die eigentliche Aktualität der Werke werde so eher verdunkelt. Mit resümierenden Überlegungen zum “Recht als Kunst der Anerkennung” endet schließlich ein anregender Ausflug in die rechtskompatible Welt der Literatur.

Klaus Lüderssen
“Daß nicht der Nutzen des Staats Euch als Gerechtigkeit erscheine”. Schiller und das Recht
Insel Verlag Frankfurt am Main 2005
222 Seiten
EUR 14,90
ISBN: 3458172424