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justament.de, 3.8.2020: Närrisches Treiben

Iwan Turgenjews Novelle “Erste Liebe” (1860)

Thomas Claer

Da hab ich ja mal wieder einen interessanten Fang aus der Bücherbox gezogen: aus der Reihe “Die schönsten Liebesgeschichten aus aller Welt in Einzelausgaben” ein schmales Bändchen mit der Novelle “Erste Liebe” von Iwan Turgenjew aus dem Jahr 1860. Ah, Turgenjew, der dritte realistische russische Großschriftsteller des 19. Jahrhunderts nach Tolstoi und Dostojewski. Ihn sollte man unbedingt einmal gelesen haben. Also warum nicht gleich anfangen mit diesem gottlob nicht allzu umfangreichen Büchlein? Und es beginnt allemal vielversprechend: Eine Altherrenrunde ähnlich wie in der “Feuerzangenbowle” sitzt zusammen, und jeder soll von seiner ersten Liebe erzählen, aber es will so gar nichts Ergiebiges dabei herauskommen – bis Wladimir Petrowitsch, ein vierzigjähriger Mann mit angegrauten Schläfen, an der Reihe ist. Er sagt, das sei in seinem Falle ja schon recht ungewöhnlich abgelaufen, und er könne auch gar nicht alles mal so eben aus dem Stegreif erzählen. Lieber wolle er es in Ruhe in ein Heft schreiben und dann beim nächsten Mal der versammelten Runde vorlesen. Und tatsächlich: Beim Treffen darauf hat er seine Erlebnisse zu Papier gebracht, um sie seinen gespannten Freunden vorzutragen. Doch was er dann zum Besten gibt, hat es wirklich in sich, ist selbst aus heutiger Sicht in vieler Hinsicht verstörend und schockierend. Von einer “schönen Liebesgeschichte” kann hier nur sehr eingeschränkt die Rede sein… An dieser Stelle nur so viel in aller Kürze: Im zarten Alter von 16 Jahren verliebt sich der gutsituierte Erzähler unsterblich in die 21-jährige schöne Nachbarstochter, verarmter Adel, die ihn daraufhin zum Mitglied ihres “Fanclubs” werden lässt, der aus noch fünf weiteren jungen bis nicht mehr ganz jungen Männern besteht, die der Angebeteten regelmäßig gemeinsame Besuche abstatten. Man hängt, wie man heute sagen würde, herum, spielt anzügliche Pfänder- und Verlosungsspiele, deren Gewinner stets die Hand der jungen Dame küssen darf. Diese legt ihren Verehrern immer neue Mutproben und Liebesbeweise auf: sich von ihr Nadeln durch die Hand stechen lassen, von hohen Mauern springen… Mal bevorzugt sie den einen, mal den anderen ihrer Bewunderer, und am Ende hat sie dann doch einen ganz anderen Geliebten. Wer das ist, das setzt dem Ganzen dann noch die Krone auf! Der arme 16-jährige Erzähler jedenfalls erleidet Höllenqualen der Ungewissheit und Eifersucht, wird dafür aber auch immer wieder durch keineswegs unerhebliche Gunsterweisungen der jungen Dame entschädigt… Wie blöd, fragt man sich, müssen Männer sein, die sich auf solche Spielchen einlassen, die sich von einer schönen Frau so an der Nase herumführen lassen? Doch so war und ist die Welt nun einmal eingerichtet, und kein männliches Wesen ist jemals zu solcherlei Torheiten gezwungen worden…