www.justament.de, 22.1.2013: Der Klassiker zum Ehebruch
Recht cineastisch, Teil 14: „Anna Karenina“ nach Lew Tolstoi
Thomas Claer
„Am Anfang der literarischen Moderne stand der Ehebruch als Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Bindung“, befand unlängst Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung. Und dafür stehen vor allem die drei großen Ehebruchsromane des 19. Jahrhunderts: „Madame Bovary“, “Effi Briest” und … ja, genau: „Anna Karenina“. Dass sich in ihnen wohlbehütete Ehefrauen, denen es doch eigentlich an nichts fehlt, auf so etwas einlassen, erklärte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einmal wie folgt: Zwar seien ihre Ehemänner tüchtige, brave und bis zu einem gewissen Grade sogar verständnisvolle Partner ihrer temperamentvollen Gattinnen. Nur hätten sie einen einzigen Fehler: Sie seien Langweiler. So einfach ist das also. Auf Fürst Alexei Alexandrowitsch Karenin, den Gatten der Anna Karenina, trifft das gewiss noch weniger zu als auf den trockenen Formalisten Instetten oder den mediokren Landarzt Charles Bovary, doch kann er, der ehrgeizige Politiker, der seine Frau nur als Dekoration empfindet, sich der erotisch ausgehungerten Anna schon aus Zeitgründen niemals so widmen wie der Playboy und versierte Verführer Graf Alexei Kirillowitsch Wronski. So nimmt das Unheil seinen Lauf, und der historisch interessierte Jurist erhält tiefe Einblicke in das Familienrecht im Russland des 19. Jahrhunderts.
Doch kann die aktuelle Verfilmung von Joe Wright überhaupt Tolstois großem Gesellschaftstroman aus dem Jahr 1878 gerecht werden? Natürlich nicht, da muss man keine großen Worte drüber verlieren. Das Zusammenschnurren der komplexen Handlung auf 130 Minuten lässt den Film eher als einen Trailer erscheinen, der seine Stärken genau da hat, wo er sich an die Romanvorlage hält. Doch das meiste wird verkürzt und verfälscht, man kann durchaus sagen banalisiert. Keira Nightley spielt ihre Rolle zwar wirklich gut, doch passt sie in ihrer knochigen Strenge schon vom Typ her überhaupt nicht zur Roman-Anna, die im Buch ausdrücklich als „üppig“ beschrieben wird. Schon aus physiognomischen Gründen will hier die ganze Figur nicht recht funktionieren. Das Beste, was sich über diesen Film sagen lässt, ist, dass man ihn sich zum Anlass nehmen kann, wieder oder endlich einmal das Buch zu lesen. Oder sich als Ehemann mehr und besser um seine bessere Hälfte zu bemühen, man kann ja nie wissen…
Anna Karenina
Großbritannien/ Frankreich 2012
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Tom Stoppard nach der Romanvorlage von Lew Tolstoi
130 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Keira Nightley, Aaron Taylor-Johnson, Jude Law, Kelly Macdonald, Matthew Macfadyen, Alicia Vikander u.v.a.
www.justament.de, 20.9.2010: Falsches Genre
Marcel Proust und der erste Band seiner „Recherche“
Thomas Claer
Manche Menschen gehen so weit, ihr Leben gedanklich in zwei ungleiche Hälften zu unterteilen: in die Lebenshälfte vor und in die nach der „Verlorenen Zeit“. Dies zeigt die überwältigende Wertschätzung der Lektüre dieses Meisterwerks der literarischen Moderne unter Kennern. Zwischen 1913 und 1927 erschien das siebenbändige Hauptwerk des Arztsohns und Juristen Marcel Proust (1871-1922), der an der Sorbonne Jura studiert und dort 1893 seinen Abschluss erworben hatte, ohne später jemals einen juristischen Beruf auszuüben. Doch fand er während seines Studiums der Rechte Zugang zur gehobenen bürgerlich-adeligen Salonkultur von Paris und avancierte später zum bewunderten Romanschriftsteller. Einen Haken hat seine „Recherche du temps perdu“ allerdings: Ihr Umfang liegt bei weit über 4.000 Seiten. Und da sie dem Leser zudem schon aufgrund ihres durchgehend komplizierten Satzbaus stetige konzentrierte Aufmerksamkeit abfordert, werden wohl nur die wenigsten Interessenten überhaupt einmal im Leben „nach der verlorenen Zeit“ ankommen oder sich zumindest über lange Jahre „in der verlorenen Zeit“ einrichten müssen. So auch der Justament-Kolumnist, der nun aber – nach jahrelanger Leseunterbrechung – immerhin glücklich den Abschluss des ersten der sieben Bände, „In Swanns Welt“, vermelden kann. Dieser erste Band besteht wiederum aus drei Teilen, von denen der erste, „Combray“, noch vergleichsweise bedächtig anhebt – jedenfalls gemessen am wahren Feuerwerk des zweiten Teils, „Eine Liebe von Swann“. Diese gut 250 Seiten bilden quasi einen Roman im Roman, und wer einfach nur überhaupt mal etwas von Proust lesen will, ohne sich mit der gesamten „Recherche“ zu belasten, der mag zu einer der Einzelausgaben der „Liebe von Swann“ greifen.
Der im Zentrum der Handlung stehende Charles Swann, ein vermögender und in Bildung und Geschmack, Takt, Stil und Manieren überaus verfeinerter Pariser Privatier, ist ein Decadin aus dem Fin de siècle (Wende vom 19. zum 20. Jh.), wie er im Buche steht. Doch kann bei ihm von „anstrengungslosem Wohlstand“ keine Rede sein. Vielmehr ist er ein unermüdlich harter Arbeiter auf dem Feld der Liebe. Swann begnügt sich nämlich nicht wie andere Menschen mit den sich aus dem eigenen Umfeld quasi ohne besonderes Zutun ergebenden persönlichen Kontakten, sondern er ist ständig aktiv auf der Suche nach neuen Bekanntschaften vornehmlich weiblichen Geschlechts. Hat er aufgrund rein optischer Erwägungen seine Wahl getroffen, setzt er sein einzig zu diesem Zweck gepflegtes immenses Netzwerk in Bewegung, auf dass ihm jemand eine schickliche Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit der betreffenden Person verschaffe. Bevorzugt vergleicht er das Antlitz oder den Körperbau seiner Freundschaften mit Gestalten aus Gemälden großer Künstler vergangener Epochen, schließlich hat er über zehn Jahre Kunst und Architektur studiert. Inzwischen hat Swann allerdings ein Alter erreicht, in dem er, wie er bemerken muss, größere Mühe als bisher aufwenden muss, um bei seinen Favoritinnen zu landen. Doch ist sein Verlangen jeweils umso größer, je schwieriger, ja eigentlich unmöglicher sich die Kontaktierung und spätere Eroberung, jedenfalls in seinen Augen, ausnimmt. Für die rein leiblichen Genüsse bevorzugt er ohnehin die „vulgäre Schönheit“ von Mädchen aus dem einfachen Volke, die er sich ohne größeren Aufwand mit etwas Taschengeld und ein wenig Standesrenommee gefügig zu machen versteht.
Das ist die Ausgangslage, als die abgründige Odette de Crecy in Swanns Leben tritt. Sie wird beschrieben als von kleiner Gestalt mit breitem Gesicht, breiter Stirn und hervorstehenden Wangenknochen, müden und melancholischen Augen, mit unfrischer Haut, doch ausgestattet mit dem „Reiz des Natürlichen“. Und sie gilt als eine der am besten gekleideten Frauen von Paris. Zwar ist sie so gar nicht „sein Typ“, doch fesselt sie ihn vom ersten Moment an durch ihre ungewöhnliche Ausstrahlung. Schon nach kurzer Zeit trifft man sich regelmäßig in den feinen Pariser Salons (so wie es seit einigen Jahren ja auch in Berlin-Prenzlauer Berg wieder en vogue ist, die Salonkultur zu pflegen) und schreibt sich unentwegt, oft mehrmals täglich (vom Privatkurier überbracht), zärtliche Briefe wie diesen, den Odette mit den Worten beginnt: „Lieber Freund, meine Hand zittert so sehr, dass ich Ihnen kaum zu schreiben vermag…“ Kurz, die beiden werden schließlich ein Paar – und für den nervenschwachen Swann beginnt das große Leiden. Denn von nun an beherrscht ihn, für den inzwischen nichts und niemand außer Odette noch von Interesse ist, nur noch die Eifersucht angesichts von Odettes ausschweifender Lebensführung. Und diese Eifersucht ist – wie sich später herausstellen wird – auch keineswegs aus der Luft gegriffen: Odette pflegte und pflegt auch weiterhin vermutlich unzählige intime Männer-, aber auch Frauenkontakte, deren Umfang womöglich selbst die erotischen Eskapaden eines heute bekannten Wettermoderators in den Schatten stellen dürfte. Swanns Gedanken kreisen jetzt nur noch um Odette: Pausenlos antizipiert er künftige Gespräche mit ihr, konzipiert Briefe an sie oder spioniert ihr nach. Als Odette eine „körperlich schlechte Zeit“ durchlebt, u. a. dick wird, sieht Swann das mit Genugtuung, weil er hofft, sie dadurch tendenziell leichter für sich alleine gewinnen zu können. Doch Odettes Attraktivität in den Augen anderer vermindert sich dadurch, wie Swann enttäuscht feststellen muss, nicht im Geringsten. Allmählich nimmt Odette sogar Einfluss auf sein künstlerisches Urteil. Zunehmend findet er Gefallen an ihrem in seinen Augen eigentlich schlechten Geschmack, wie an allem, „was von ihr kam“.
Oft warnt man ihn, dass Odette im zweifelhaften Ruf stehe, sich von Männern aushalten zu lassen, um sich so ihren aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Aber das ist für Swann eher beruhigend, hofft er doch, sie letztlich durch seine großzügigen Geldtransfers und Geschenke an sich binden zu können. Nichts bereitet ihm so starke Glücksgefühle, wie Odette immer kostspieligere Geschenke machen zu können. Jedoch verblasst Odettes Begeisterung für Swann schon nach einigen Monaten zusehends. Nicht, dass sie ihn jemals abserviert hätte, aber in der Hierarchie ihrer Interessen und Bekanntschaften geht es für Swann doch merklich abwärts. Die Treffen werden seltener, immer wieder ist Odette verhindert. Dabei hat sie keinen blassen Schimmer, welche Schmerzen, welche Qualen sie Swann bereitet. Das liegt völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Doch steht sie zu Swann dennoch in bemerkenswerter Loyalität: Das einzig Schlechte über ihn, was jemals über ihre Lippen kommt, ist, dass sie ihn vor anderen der Faulheit bezichtigt, was nicht ganz falsch ist, da er mit seiner seit Jahren betriebenen Studie über den Maler Vermeer so gar nicht vorankommen will. Schließlich unternimmt Odette mit mehreren Freunden, aber ohne Swann, eine von diesem bezahlte jahrelange luxuriöse Transkontinentalreise.
Zu den Pointen des Romans gehört es sicherlich, dass sich der Geistesmensch Swann beständig – nicht nur ökonomisch betrachtet – alles andere als klug verhält, während die von den übrigen Romanfiguren fortwährend als „dumm“, „von geringer Intelligenz“ und „nicht gescheit“ bezeichnete Odette durch ihre überragenden „soft skills“ mutmaßlich alle ihre Ziele erreicht. Am Ende, nach andauernder räumlicher Entfernung von Odette, die seine Liebeskrankheit lindert, seufzt der entnervte Swann darüber, dass er sich Jahre seines Lebens verdorben habe, dass er sterben wollte, dass er seine größte Leidenschaft erlebt habe, „alles wegen einer Frau, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war!“ Man sollte meinen, er sei nun endlich fertig mit dieser Frau. Doch im sich anschließenden, anfangs sehr essayistisch gehaltenen, dritten Teil des ersten Bandes, „Ortsnamen. Namen überhaupt“ taucht Odette plötzlich wieder auf – und zwar als Madame Swann.
Marcel Proust
In Swanns Welt (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1)
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
Suhrkamp Verlag Taschenbuch 1997
576 Seiten, EUR 13,00
ISBN 3518391712