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www.justament.de, 24.4.2017: She Sneaked Around the Corner

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 30 Jahren erschien das Debut-Album der Rainbirds

Thomas Claer

Wohl schon unzählige Prominente haben sie mit strahlenden Augen erzählt: die Geschichte vom Kauf ihrer ersten, ihrer allerersten Schallplatte. Meist werden dann regelrechte Erweckungserlebnisse zum Besten gegeben. Doch ich würde da nicht mitmachen. Selbst wenn ich prominent wäre und man mich dazu befragte, würde ich auf diese Frage lieber die Antwort verweigern, weil mir sonst die Schamesröte ins Gesicht stiege. Was kann denn ich dafür, dass ich damals, als Jugendlicher im Osten, keinen besseren Musikgeschmack hatte. Die DDR-Musik war (das sehe ich auch heute noch so) weitgehend schrottig. Und was aus dem Westen kam, empfand man da schon durch die Bank als erstklassig, auch wenn es das rückblickend keineswegs immer gewesen ist. Mein ganzer Stolz waren damals meine mehr als zehn West-Platten aus dem Intershop. Das waren diese diskreten Läden ohne Schaufenster, wo man mitten in der DDR Westwaren für Westgeld kaufen konnte, das einem die Westverwandten und –bekannten bei ihren Besuchen geschenkt hatten. Die Intershops waren die absoluten Lieblingsorte meiner Kindheit. Hinter der tristen grauen Eingangstür verbarg sich nämlich ein quietschbuntes Paralleluniversum, in dem all die schönen Dinge offeriert wurden, die es sonst nur im ARD- und ZDF-Werbefernsehen zu bestaunen gab. Matchboxautos, Schokoriegel, Seife in farbenfrohen Pappschachteln, Kinder-Überraschung und Huba-Buba. Und alles roch so unverschämt gut nach Kaffee, Chemie und Kaugummi. So musste der Westen riechen! Als ich dann älter wurde und vom Westbesuch auch schon mal 10 oder 20 Westmark zugesteckt bekam, investierte ich diese also irgendwann in echte West-Schallplatten aus dem Intershop. Zwar gab es dort nie eine große Auswahl, doch es war immer etwas dabei, was ich unbedingt haben wollte – und wofür ich dann geduldig meine spärlichen Devisen sparte und bereitwillig auf all die anderen verlockenden Intershop-Waren wie Kaubonbons, Bananenmilchpulver und Schokolade verzichtete.

Heute allerdings besitze ich von meinen damaligen Schätzen gerade noch eine einzige Platte, nämlich jene, die allein in meinen Ohren auch nach dreißig Jahren noch als meisterhafte Musik erklingt: das selbstbetitelte Debutalbum einer damals jungen West-Berliner Band, benannt nach einem Song von Tom Waits, die es wirklich nur ganz aus Versehen in die Hitparaden und den Mainstream gespült hatte. Dabei ist es ein ziemlicher Unsinn, die Rainbirds, wie es so oft getan wird, als One-Hit-Wonder aufzufassen. Sie hatten seinerzeit neben ihrer Hitsingle „Blueprint“ noch eine ganze Reihe großartiger Songs: „Boy on the Beach“, „Seven Compartments“, „Apparantly“, „On the Balcony“… Auf ihrer ersten LP war beinahe jedes Lied phänomenal. Bandleaderin Katharina Franck hatte (und hat noch heute!) eine ganz ungewöhnliche, ungemein jazzige Stimme. Und ihr Songwriting ist überaus charakteristisch und einzigartig. Furioser Gitarrenrock trifft auf Kurt Weill-Harmonien trifft auf melancholische Entrücktheit. Wenn überhaupt, dann erinnern mich die ersten beiden Rainbirds-Platten an …oh ja, an Element of Crime. Ja, auch die zweite Platte „Call me Easy, Say I’m Strong, Love me my Way, it Ain’t Wrong“, die vor 28 Jahren erschien, war noch ziemlich toll. Dies war dann tatsächlich meine erste Platte, in meinem neuen Leben – im Westen! (Oder ist es doch „Bochum“ von Herbert Grönemeyer gewesen? Ich bin nicht mehr ganz sicher.) Jedenfalls erstand ich im Mai 1989 die nagelneue zweite Rainbirds-Scheibe für 13,99 DM im Plattenladen um die Ecke, nur um sie kurz darauf bei Karstadt zum Kampfpreis von 9,99 DM zu entdecken – eine meiner ersten praktischen Lektionen in Marktwirtschaft.

Leider zerbrach die Band am großen Erfolg ihrer ersten Jahre. Katharina Franck gründete in den frühen Neunzigern mit anderen Musikern und anderer stilistischer Ausrichtung eine Neuausgabe der Regenvögel, aber diese zündete nur noch bei wenigen Songs, etwa dem sehr eindringlichen „Two Faces“. Die folgenden Platten mit allerhand Experimenten bis hin zur Technolastigkeit konnten dann immer weniger überzeugen. Und doch waren auch diese Lieder allein schon durch Katharina Francks Stimme interessant. Ende der 90er war dann Schluss. Vor drei Jahren hat Katharina Franck noch einmal neue Versionen alter Rainbirds-Klassiker unter dem Namen „Yonder“ herausgebracht.

Während meines Studiums hing in meinem Zimmer im Studentenwohnheim ein Poster von den Rainbirds mit Katharina Franck in Großaufnahme. Mein Freund S. kommentierte dies einmal mit den Worten: “Mann, was hast du hier bloß für ‘ne hässliche Frau hängen!“ Wie mich das ärgerte! Und bei ihm im Zimmer hing Heidi Klum! So ein Blödmann, denke ich mir heute. Katharina Franck ist die Größte!

Rainbirds – Rainbirds
Audio CD
Mercury (Universal Music) 1987
ASIN: B00000E5LN