justament.de, 12.6.2023: Berliner Schule an der Ostsee
Recht cineastisch, Teil 43: “Roter Himmel” von Christian Petzold
Thomas Claer
Was gibt es Schöneres als ein Ferienhäuschen nahe der Ostsee! Und dort dann einen unbeschwerten Urlaub zu verbringen! Doch haben sich Leon (Thomas Schubert) und Felix (Langston Uibel), die Protagonisten in Christian Petzolds neuem Film “Roter Himmel”, mit ganz anderen Absichten an diesem idyllischen Rückzugsort auf der Halbinsel Darß, nordöstlich von Rostock, eingefunden: Leon, ein gefeierter junger Schriftsteller, kämpft verzweifelt mit seinem zweiten Roman. Sein Verleger Helmut (Matthias Brandt) rückt ihm bereits auf die Pelle. Leons Kumpel Felix, dessen Mutter die Küsten-Preziose gehört, werkelt indessen an der Bewerbungsmappe für seinen anvisierten Kunst-Studiengang an der UdK. Hier nun, ein paar Autostunden entfernt von ihrem Wohnort Berlin, wollen die beiden Freunde endlich mal zur Ruhe kommen und sich jeweils ganz auf ihre bedeutsamen Vorhaben konzentrieren. Doch alles kommt anders, als sich herausstellt, dass sie das hübsche Anwesen auch noch mit Nadja (Paula Beer), der Nichte der Freundin von Felix’ Mutter, teilen müssen, die sich wegen eines verpassten Stipendiums zum Abschluss ihrer literaturwissenschaftlichen Promotion als Eisverkäuferin im nahegelegenen Küstenort verdingt hat. Nadja agiert nämlich bei ihren nächtlichen Liebes-Aktivitäten mit dem einheimischen Rettungsschwimmer Devid (Enno Trebs) so geräuschvoll, dass Leon und Felix im Nachbarzimmer kein Auge zutun können. Als sich die beiden Neuankömmlinge tags darauf bei ihr darüber beschweren, lädt sie sie als Wiedergutmachung zum selbstgekochten Essen ein, und schon bald kommen die vier jungen Leute sich näher…
Der Film lebt anfangs sehr von seiner heiteren Grundstimmung und entfaltet ein beträchtliches humoristisches Potential durch Thomas Schuberts grandioses Mienenspiel. Sehr überzeugend gibt er den verklemmten, dauerhaft miesepetrig-genervten Leon, der nicht zum Strand und nichts mit Nadja unternehmen möchte, in die er sich tatsächlich aber schon längst sowas von verknallt hat. Doch verdüstern sich die Rahmenbedingungen zusehends. Die in der Umgebung grassierenden Waldbrände kommen dem Ferienhaus bedrohlich nahe, und schließlich kippt der Film jäh ins Existentiell-Tragische. All das ist mustergültig durchkomponiert: Jede literarische Anspielung, von Heinrich Heine bis zu Uwe Johnson, findet ihre Entsprechung im Handlungsablauf. Zugleich ist dieser Film jedoch viel zugänglicher, als wir es von Christian Petzolds früheren, z.T. sehr verkopften Werken gewohnt waren. Kurzum, “Roter Himmel” erweist sich als ein rundum sehenswerter, vielschichtiger Sommer-Film.
Roter Himmel
Deutschland 2023
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold / Florian Koerner von Gustorf
Länge: 103 Minuten
FSK: 12
Darsteller: Thomas Schubert (Leon), Paula Beer (Nadja), Langston Uibel (Felix), Enno Trebs (Devid), Matthias Brandt (Helmut)
justament.de, 13.7.2020: Fernbeziehung fällt ins Wasser
Fernbeziehung fällt ins Wasser
Recht cineastisch, Teil 37: „Undine“ von Christian Petzold
Thomas Claer
Endlich mal wieder ins Kino nach der langen Corona-Pause. Da kommt „Undine“, das neue Werk von Christian Petzold, doch gerade richtig. Denn diesmal hat sich der Altmeister der „Berliner Schule“ einem besonders reizvollen Gegenstand gewidmet: dem alteuropäischen Undinen-Mythos, wonach jene Wassernymphen, deren bezaubernder Gesang mitunter nachts über unseren Gewässern zu hören sein soll, eine Seele bekommen, wenn sie sich mit einem Menschen vermählen. Wird derjenige seiner Undine jedoch untreu, dann tötet sie ihn und kehrt sodann wieder ins Wasser zurück.
Die Film-Undine (Paula Beer) allerdings lebt zunächst einmal im Hier und Jetzt, genau genommen am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte in einem winzigen Mikro-Apartment. Als junge Freelancerin arbeitet die promovierte Historikerin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen und macht Führungen für Reisegruppen zum Thema Stadtgeschichte. Der Industrietauscher Christoph (Franz Rogowski) hört Undines Vortrag und ist gleich hin und weg von ihr. Dass Undine gerade von ihrem Mann (Jacob Matschenz) verlassen worden ist, macht sie besonders empfänglich für Christophs Verliebtheit, und die beiden erleben wie im Rausch eine beglückend intensive Zeit, der auch die unvermeidliche Pendelei – Christoph lebt und arbeitet in NRW – nichts anhaben kann. Dramatische Abschiede auf Bahnsteigen, das fortwährende Warten aufeinander, ein kleines Geschenk als Liebespfand – das volle Programm einer romantischen Fernbeziehung. Aber dann kommt es knüppeldick: Undine wird von ihrem Ex umgarnt, der sie zu sich zurückholen will, Christoph bemerkt das und verunglückt bald darauf beim Tauchen. Aber Undine opfert sich für ihn, der bereits hirntot im Krankenhaus liegt, indem sie den Mythos wahr macht, ihren nur vorübergehend reumütigen verräterischen Ex erwürgt und anschließend für immer in einen See abtaucht. In diesem Moment wird Christoph wundersamerweise wieder gesund. Später beginnt er, da er Undine nicht mehr finden kann, eine Partnerschaft mit seiner Kollegin Monika (Maryam Zaree), die zwei Jahre später ein Kind von ihm erwartet. Dennoch bleibt er weiter besessen von Undine, die ihm unversehens bei einem Taucheinsatz unter Wasser begegnet und seine Hand ergreift. Fortan zieht es ihn immer wieder zu diesem See, an dem Undine ihm auch weiterhin als Wassergeist erscheint. Und so behält Christoph am Ende gleich zwei Partnerinnen: aus Fleisch und Blut an seiner Seite die eine, ein irreales Fabelwesen unter Wasser die andere. Und wieder einmal ist Christian Petzold ein ergreifender Film voller schöner Bilder gelungen.
Undine
Deutschland/Frankreich 2020
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Länge: 90 min
FSK: 12
Darsteller: Paula Beer (Undine Wibeau), Franz Rogowski (Christoph), (Monika), Jacob Matschenz (Johannes) u.v.a.
