justament.de, 6.4.2026: Liebling Prenzlauer Berg aus Rostock
Späte Entdeckung: Der 2019 erschienene Roman “Alles richtig gemacht” von Gregor Sander
Thomas Claer
Dieses Buch hatte ich vor längerer Zeit mal aus einer Bücherbox gefischt, aber dann lag es viele Monate (oder waren es sogar Jahre?!) nur auf meinem Schreibtisch herum. Lesen wollte ich es unbedingt, ich kam nur nie dazu. Ein in Berlin lebender Autor, Jahrgang 1968, der aus Schwerin stammt, die Hauptfigur seines Romans ein in Rostock aufgewachsener Rechtsanwalt in Berlin – schon das erschien mir sehr vielversprechend. Dass die Lektüre dann aber tatsächlich so interessant sein würde, damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet. “Alles richtig gemacht” von Gregor Sander aus dem Jahr 2019 ist ein veritabler Gesellschaftsroman über das Leben in Berlin seit den frühen Neunzigern sowie über die Vorwende-, Wende- und unmittelbare Nachwendezeit in Rostock und Umgebung. Auf nur 238 Seiten entfaltet der Verfasser ein komplexes Panorama gesellschaftlicher Entwicklungen. Eine Vielzahl der maßgeblichen politischen und sozialen Ereignisse jener Jahre kommt darin vor und spiegelt sich in den Romanfiguren, die ganz überwiegend aus Mecklenburg-Vorpommern stammen. Über weite Strecken könnte man sogar von einem großen Gesellschaftsroman sprechen, nur leider bleibt der Schluss dann doch ein wenig hinter den Erwartungen zurück.
Der Plott ist meisterhaft komponiert, alle Fäden laufen zum Ende hin zusammen. Die Erzählweise ist flüssig, lakonisch flapsig und immer wieder auch bemerkenswert witzig. Die Figuren reden und handeln eigentlich ganz ähnlich wie jene in den Büchern von Judith Hermann (abzüglich ihrer Traumverhangenheit, versteht sich) oder Sven Regener. Es wird geraucht und gesoffen, was das Zeug hält, und auch die einschlägigen Partydrogen kommen immer wieder in Spiel. Doch bringt der Ost-Hintergrund der Akteure allein schon durch die zeittypischen Nachwendedramen in ihren Familien einen ganz anderen existentiellen Erst mit sich. Insbesondere aber würde man in einem solchen Berliner Party-WG-Umfeld nicht unbedingt jemanden vermuten, der sein Jurastudium mit Prädikatsexamen abschließt, anschließend promoviert und dann als erfolgreicher Anwalt seinen Weg geht, wie es bei der Hauptfigur dieses Romans der Fall ist. Doch fast alles Beschriebene wirkt plausibel.
Zweifellos hat der Autor, der selbst Germanistik und Geschichte studiert hat, akribisch gearbeitet und auch juristische und medizinische, Kunst- und Finanzexperten zu Rate gezogen. Doch ist ihm zumindest an einer Stelle ein offensichtlicher Lapsus unterlaufen: Die Protagonisten fliegen, wie es im Roman heißt, erst nach dem 11. September 2001 nach New York, von wo aus sie mit einer größeren Geldsumme nach Berlin zurückkehren. Da kann es nicht sein, dass einer von ihnen anschließend sein Geld in Dot.com-Aktien anlegt, die allesamt durch die Decke gehen, denn die Dot.com-Blase ist bekanntlich schon im April 2000 geplatzt. (Das weiß ich so genau, weil ich damals als ahnungsloser Student auf dem höchsten Punkt eingestiegen bin. Aber das ist ein anderes Thema…) Zudem wäre zumindest erklärungsbedürftig, wie der Immobilienkauf der beiden anderen Protagonisten in Berlin im Jahr 2007 (wo die Preise sich auf dem absoluten Tiefpunkt befanden) ablaufen konnte, denn in solchen Fällen gibt es in der Regel eine Anfrage vom Finanzamt nach der Herkunft der Gelder, wenn diese sich nicht aus den Umständen erchließt. (Auch das weiß ich aus persönlichem Erleben.)
Doch sei es drum. Unter dem Strich ist “Alles richtig gemacht” ein toller Roman , der neugierig macht auf weitere Werke dieses Autors.
Gregor Sander
Alles richtig gemacht. Roman
Penguin Verlag 2019
239 Seiten; 20,00 Euro
ISBN: 978-3-328-60667-3
