justament.de, 26.1.2026: NDW-Girlie wird 70
Inga Humpe alias Inga DiLemma zum Jubiläumsgeburtstag
Thomas Claer
Zu den prägendsten Frauengestalten der deutschen Musikszene zählen natürlich bis heute die Humpe-Schwestern – und ganz besonders Inga, die jüngere der beiden. Es waren die Jahre des großen musikalischen Aufbruchs, damals, in den späten Siebzigern, als Inga Humpe, die aus dem westfälischen Hagen stammte, ihrer älteren Schwester Annette ins Aussteiger-Paradies West-Berlin folgte und dort zunächst an der FU ihr in Aachen begonnenes Studium der Kunstgeschichte und Komparatistik fortsetzte. Doch schon bald gründete sie mit ihrer Schwester und ein paar Jungs die legendäre Punk-/New-Wave-Formation Neonbabies, und fortan waren Inga DiLemma und Anita Spinetti, so die zeitgemäßen Künstlernamen der Humpe-Schwestern, ein unverzichtbarer Bestandteil der Neuen Deutschen Welle und gehörten zu den großen Attraktionen in der noch geteilten Stadt.
1984, da war Annette schon mit ihrer eigenen Band Ideal groß rausgekommen und Inga hatte mit DÖF den Single-Hit “Codo”, porträtierte Matthias Koeppel die beiden im Schlosspark Charlottenburg vor dem Mausoleum im Stil der “Prinzessinnengruppe” von Schadow als “Requiem für Luise”. Ein Jahr später fanden die NDW-Prinzessinnen auch wieder zu einem gemeinsamen musikalischen Projekt zusammen und veröffentlichen unter dem Namen “Humpe & Humpe” zwei ziemlich glatte Pop-Alben.
Der ganz große Durchbruch sollte für Inga Humpe aber erst nach dem Mauerfall kommen, als sie auf den sieben Jahre jüngeren Tommi Eckart traf, der bis heute ihr musikalischer und privater Partner geblieben ist. Das Paar bezog gemeinsam eine – wie man im Osten sagte – Zweiraumwohnung in Berlin-Mitte und hatte damit auch bereits seinen Bandnamen gefunden. Es folgten neun CDs von 2Raumwohnung, die über Jahrzehnte hinweg so etwas wie einen Soundtrack des Berliner Lebensgefühls lieferten.
Überragend war Inga Humpe in all den Jahren vor allem als Sängerin, Komponistin und Texterin. Dass sie auch Keyboard spielen und Synthesizer bedienen konnte, galt als weniger von Belang. Nun ist sie 70, und mit Wilhelm Busch ließe sich sagen: Eins, zwei, drei, im Sauseschritt, düst die Zeit, wir düsen mit.
justament.de, 1.11.2021: Stadtschloss sollten sie heißen
Scheiben vor Gericht Spezial: 20 Jahre 2Raumwohnung
Thomas Claer
Wenn man nicht unbedingt auf elektronische Musik steht, dann hat man womöglich immer auch einen weiten Bogen um das Berliner Elektro-Duo „2Raumwohnung“ gemacht, das vor nunmehr zwei Jahrzehnten seine erste Platte „Kommt zusammen“ herausgebracht und dieser noch sieben weitere hat folgen lassen. Doch ist diese Missachtung ein schwerer Fehler gewesen. Zumindest muss der Rezensent sich dies eingestehen, der diese grandiose Musik gerade erst für sich entdeckt hat. Zwar könnte man nun naheliegenderweise zwecks Kompensation darauf verfallen, zur vor knapp einem Jahr erschienenen Best of-CD „20 Jahre 2Raumwohnung“ zu greifen. Doch hätte man damit sogleich noch einen zweiten Fehler begangen, denn dann wäre einem, unter uns gesagt, wirklich eine Menge entgangen. Nein, wer den Zauber von 2Raumwohnung gleichsam in vollen Zügen und ohne Abstriche genießen will, der sollte nicht vor der Anschaffung ihrer sämtlichen Tonträger zurückschrecken. Es lohnt sich ganz unbedingt und ist noch nicht einmal kostspielig. Bei Medimops etwa, dem Second-Hand-Shop unseres Vertrauens, gibt es die 2Raumwohnung-Scheiben schon ab 2 Euro, und alle zusammen kosten kaum mehr als die aktuelle Best-of-Zusammenstellung. (Für solche neumodischen Methoden, sich die Musik stattdessen zu streamen, fehlt unserer Musikredaktion weiterhin jedes Verständnis.)
So wie bestimmte Weine ihr volles Aroma erst nach langer Lagerzeit erreichen, hat die famose Inga Humpe, heute 65 und einst als NDW-Star mit den Neonbabies und DÖF groß herausgekommen (ihr Mega-Hit mit Letzteren hieß damals „Codo“- Codo? Yes, Codo), hat Inga Humpe also, die ferner auch als eine der beiden Humpe-Schwestern von sich reden gemacht hat, ihr wohl wichtigstes musikalisches Projekt erst mit Mitte vierzig begonnen. Und das ist die besagte 2Raumwohnung, origineller Weise benannt nach dieser seinerzeit nur im Osten üblichen Bezeichnung für eine weitverbreitete Behausungsform, in welcher sich Inga Humpe und ihr sieben Jahre jüngerer Mitstreiter Tommi Eckart gleich nach dem Mauerfall in Berlins Osten einquartiert haben – und nach allem, was wir wissen, bis heute noch nicht wieder ausgezogen sind…
Das Besondere an 2Raumwohnung sind ihre frischfröhlich-eingängigen Melodien in Verbindung mit Inga Humpes oftmals hintergründig-vieldeutigen und dabei immer auch intelligenten deutschen Texten. Sehr selbstbewusst, sehr feministisch kommen sie daher, nicht selten frivol und verspielt, dass es eine Freude ist.
Nicht alle ihre Platten sind gleich gut, das ist naheliegend. Aber wer alle gehört hat, wird auf keine von ihnen verzichten wollen. Besonders zu empfehlen sind (in dieser Reihenfolge): „36 Grad“ (von 2007), die beiden Erstlinge „Kommt zusammen“ (2001) und „In wirklich“ (2002) sowie das vorletzte Album „Achtung fertig“ (2013). Und ihre stärksten Songs? Man höre z.B: „Wir trafen uns in einem Garten“, „Nimm mich mit“ und vor allem: „Freie Liebe“. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet daher: gut (14 Punkte).

