Jahresende 2022: Ahnenforschung Claer, Teil 14

In diesem Jahr bleibt mein “Forschungsbericht” zwar von seinem Umfang her hinter denen der letzten Jahre zurück. Was aber viel wichtiger ist: Inhaltlich ist uns erfreulicherweise ein großer Schritt nach vorne gelungen! Würden sich nicht militärische Metaphern in diesen Zeiten verbieten, könnte man mit Fug und Recht von einem Volltreffer sprechen… Und hinzu kommen weiter hinten sogar noch weitere spektakuläre Entdeckungen von einem anderen Forschenden.

1. Die Claers in Bieberswalde 

“Es gibt so viele Puzzleteile”, hatte mir vor einigen Jahren mein Vetter vierten Grades Manfred Claer geschrieben, “und nur bei uns passen sie zusammen.” Diese Aussage bezog sich auf die Entdeckung, dass sein Ururgroßvater August Hermann Claer (1833-????) und mein Ururgroßvater Franz Claer (1841-1906) Brüder waren. Nun passen wieder zwei Puzzleteile zusammen: ein schon vor zwei Jahrzehnten und ein erst vor einigen Monaten gefundenes.

a) Zufallsfund 1: Ein Familiengrab auf dem Friedhof 

Vor mehr als zwanzig Jahren besuchte meine Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer gemeinsam mit einer Freundin das frühere Ostpreußen, beide auf der Suche nach Spuren ihrer Vorfahren. Auf dem Friedhof von Bieberswalde, das seit 1945 den polnischen Namen Liwa trägt, wurde zwar nicht die an diesem Ort etwas suchende Freundin fündig, dafür aber ganz unerwartet Tante Lorelies, die dort auf eine Steintafel mit der Aufschrift “Ruhestätte der Familie Claer” stieß, siehe Foto.

Über ihre anschließende Recherche berichtete mir Tante Lorelies wie folgt:

“Ich war seinerzeit, das war 2004, bei den Mormonen und habe dort nur Kirchenbücher durchgesehen, bis Mitte 1700 sogar, die jedoch sehr unordentlich geschrieben waren, so dass ich kaum etwas entziffern konnte. Verlaufene Tinte, Sütterlin. Ich weiß nicht mehr, mit welchem Jahrgang ich anfangen konnte.”

Die Suche blieb also vorerst ergebnislos. Die Claers in Bieberswalde waren damals – und blieben auch noch später – nicht zuzuordnen.

b) Wie kam Franz Claer (1841-1906) von Eichenberg nach Usdau? 

In meinem letzten Forschungsbericht vor einem Jahr widmete sich ein Kapitel dem Wirken meines besagten Ururgroßvaters Franz Claer (dem Urgroßvater von Tante Lorelies) als Postangestellter in Usdau. Und ich warf die Frage auf:

“Aber wie ist Franz, der als jüngster Sohn meines Urururgroßvaters, des Jägers Friedrich Claer (1799-18??) in Eichenberg/Drusken, Amt Wehlau (gelegen einige Kilometer östlich von Königsberg) geboren wurde, ins relativ weit entfernte Usdau gekommen bzw. wie konnte er meine dort lebende Ururgroßmutter Henriette überhaupt kennenlernen? Laut Google Maps beträgt die Entfernung zwischen dem heute russischen Snamensk (dem früheren Wehlau) und Uzdowo (Usdau) mindestens 224 Kilometer, was einer heutigen Fahrzeit mit dem Auto von mehr als drei Stunden entspricht.”

Sodann spekulierte ich auf berufsbedingte Gründe:

“Bevor Franz Claer sich also mit Anfang dreißig in Usdau niedergelassen und als Landbriefträger verdingt hat, seine Frau Henriette geheiratet und mit ihr seine ersten beiden Söhne Otto und Georg bekommen hat (denen später noch der dritte Sohn Richard sowie die Töchter Amelia/Armanda, Martha und Hedwig folgen sollten), war er als Postschaffner tätig und ist als solcher vermutlich viel herumgereist.”

Doch nun lässt ein weiterer Fund alles in neuem Licht erscheinen.

c) Zufallsfund 2: Friedrich Claers Versetzung nach Bieberswalde 

Vor einigen Monaten fand ich, als ich bei Google “Clair Bieberswalde” eingab, im mittlerweile digitalisierten und online verfügbaren Namens- und Ortsregister des Amtsblatts der Königl. Regierung zu Königsberg für das Jahr 1855” den Eintrag: “Clär s. Förster in Bieberswalde S.26”

Und auf S.26 dann die Notiz: “Der Förster Clair ist von der Försterei Lebkoyen, Oberförsterei Drusken, nach der Försterei Bieberswalde, Oberförsterei Gauleben, versetzt worden.”

So war das also! Mein Urururgroßvater Friedrich Clair/Clär/Claer (1799-18??) war demnach 1855, im Alter von 56 Jahren, ein weiteres Mal auf eine andere Försterstelle versetzt worden, und zwar von Eichenberg/Drusken, Kreis Wehlau, nach Bieberswalde. Seine laut Hochzeitsurkunde vier Jahre jüngere Frau Justine Claer, geb. Knaebe/Knebe/Knebel, die er 1824 in Corjeiten geheiratet hatte (und deren Todesjahr wir ebenfalls nicht kennen), war sicherlich ebenso mit dabei wie zumindest sein mutmaßlich jüngster Sohn Franz, damals 13- oder 14-jährig, mein Ururgroßvater.

Die Entfernung vom Kreis Wehlau, dem heute russischen Snamensk, nach Bieberswalde, dem heute polnischen Liwa, beträgt laut Google Maps immerhin 188 Kilometer.

Dieser Ortswechsel macht auch plausibler, wie mein Ururgroßvater Franz nach Usdau kommen konnte, denn von Bieberswalde (Liwa) bis nach Usdau (Uzdowo) sind es nach Google Maps gerade einmal 56,8 km.

Bei einer weiteren Google-Recherche stieß ich sogar noch auf ein Foto vom alten Forsthaus in Bieberswalde. Ob hier tatsächlich die Försterfamilie Claer gewohnt hat?! 

d) Urkunden aus Biberswalde digitalisiert im Netz 

Wie ich bereits vor einem Jahr in meinem vorigen Bericht geschildert habe, gibt es seit 1874, infolge der deutschen Reichsgründung drei Jahre zuvor, in ganz Deutschland einheitliche Standesämter mit Urkundsstellen, die durch Ausstellung von Geburts-, Sterbe- und Heiratsurkunden die zuvor maßgeblichen Kirchenbücher abgelöst haben. Verbunden war dies auch mit einer seitdem in der Regel einheitlichen Namensschreibweise, was bis dahin oftmals von Ort zu Ort recht unterschiedlich gehandhabt worden war. Und glücklicherweise sind diese standesamtlichen Urkunden von Bieberswalde ab 1874 neben vielen weiteren Dokumenten aus dem Kreis Allenstein (seit 1945 Olsztyn) mittlerweile vollständig digitalisiert im Netz verfügbar unter

https://olsztyn.ap.gov.pl/baza/wynik.php

Nur leider gibt es dort kein Namenregister und keine Suchfunktion, so dass man als Interessent in mühsamer Kleinarbeit Urkunde für Urkunde durchzusehen hat. Hinzu kommt, dass Friedrich und Justine im Jahr 1874, sofern sie noch gelebt haben, schon 75 und 71 Jahre alt hätten sein müssen, was in den damaligen, von früher Sterblichkeit geprägten Zeiten schon eine sportliche Annahme wäre. (Und mit jedem Jahr, das man sich in den Urkunden chronologisch nach vorne arbeitet, sinkt die Wahrscheinlichkeit, noch auf ihre Sterbeeinträge zu stoßen.) Doch zumindest hat Tante Lorelies sie in den Kirchenbüchern vor 1874 nicht gefunden. Und die “modernere” Namensschreibweise Claer auf der Steintafel des Familiengrabs (verglichen mit Clair und Clär in den Einträgen von 1855, siehe oben) deutet auch auf eine eher spätere Errichtung der Familienruhestätte. Hinzu kommt, dass es, sofern die Einrichtung eines Familiengrabes einen Sinn gehabt hat, auch noch weitere Familienangehörige gegeben haben muss, die auf dem Bieberswalder Friedhof neben Friedrich und Justine bestattet wurden. Und dass die Tafel mit der Aufschrift zumindest vor 20 Jahren noch erkennbar und vorhanden war könnte ebenfalls für deren eher späteres Entstehungsdatum, also nach 1874, sprechen.

Allein, meine bisherige Suche in den Urkunden ab 1874 verlief leider ergebnislos. Bislang konnte ich nur die Sterbeurkunden von 1874 bis 1882 und die Heiratsurkunden von 1874 bis 1877 komplett durchsehen, leider ohne Treffer. Es ist daher wohl zu vermuten, dass Friedrich und Justine doch bereits vor 1874 verstorben sind, was eine erneute Recherche in den Bieberswalder Kirchenbüchern von 1855 bis 1873 nahelegen würde. Dennoch werde ich im kommenden Jahr zunächst weiter die standesamtlichen Urkunden durchsehen in der Hoffnung, darin vielleicht doch noch auf weitere Familienangehörige zu stoßen…

e) Die kinderreiche Jägerfamilie Claer 

Die Frage ist nur, wer das sein könnte. Friedrich Clairs Vater Friedrich Wilhelm war bereits 1815 in Ludwigswalde (?) gestorben. Friedrichs mutmaßlicher Onkel Johann Friedrich Clair und Friedrichs jüngerer Bruder Johann Wilhelm Clair drängen sich als etwaige Mitbewohner in Bieberswalde nicht so recht auf. Da kommen schon eher die zahlreichen Kinder von Friedrich und Justine in Betracht. Hier noch einmal eine Auflistung jener, von denen wir wissen:

Kinder von Friedrich (1799-18??) und Justine Clair/Claer, geb. Knaebe/Knebel (ca. 1803-18??)  

– 1824 Wilhelm Friedrich (23. Oktober) in Corjeiten – verstorben 15.6.1889 in Rahnkalwen/Dittlaken 

– 1826 Heinrich Julius (17. Dezember) in Juditten  

– 1828 Amalia Dorothea (??. November) in Juditten 

– 1830 Albert Eduard (14. November) in Juditten 

– 1833 Herrmann August (8. Januar) in Juditten 

– 1835 Justina Wilhelmine (??. Februar) in Juditten 

– 1837 Auguste Ernestine (11. März) in Juditten 

– 1839 Otto Conrad (14. April) in Juditten 

– 1841 Franz Claer (27. September) in Eichenberg/Drusken, Kr. Wehlau – verstorben 16.10.1906 in Neidenburg 

In einem meiner früheren Berichte schrieb ich hierzu:

„An dieser Stelle ist ergänzend auf die handschriftlichen Aufzeichnungen meines Großvaters Gerhard Claer hinzuweisen, wonach im Kirchenregister der ev. Kirche Judithen bei Neidenburg, Jahrgang 1828, Seite 451 Nr. 61 einige Male Clair mit „ai“ erscheint, nämlich: „Heinrich Clair, Förster; Otto C., Gendarm u.s.w., Franz u.s.w. Postbeamter// Geschwister Amelie (?) geb. Clair“. Er geht offenbar von einer Verwandtschaft aus und wertet die dem Französischen näher stehende Schreibweise als Indiz für die ursprünglich französische Herkunft der Familie… Die vollständige Notiz meines Opas Gerhard enthielt außerdem noch den Zusatz: 9 Knaben, 3 Mädchen. Sollte dies die Anzahl der Kinder von Friedrich Claer und Justine Knaebe sein?”

Wenn das mit den neun Knaben und drei Mädchen stimmte, dann gäbe es noch drei weitere Brüder. Wann könnten die zur Welt gekommen sein, wenn nicht erst nach 1841? In diesem Fall wäre mein Urururgroßvater Franz entgegen meiner bisherigen Annahme also gar nicht der jüngste Sohn seiner Eltern gewesen. Bei weiterer Einhaltung eines jeweils zweijährigen Abstands zwischen den Geburten, siehe oben, kämen als Geburtsjahre folglich 1843, 1845 und 1847 in Betracht (jeweils in Eichenberg/Drusken). Dann hätte meine Urururgroßmutter Justine bei deren Geburten aber schon 40, 42 und 44 Jahre alt gewesen sein müssen. Aus heutiger Sicht gut vorstellbar, nach damaligen Maßstäben vielleicht ambitioniert. Aber warum nicht? Diese eventuellen jüngeren Brüder (nach deren Geburtseinträgen man in den Kirchenbüchern von Drusken bzw. dem Kreis Wehlau noch recherchieren könnte) wären zur Zeit des Ortswechsels der Familie nach Bieberswalde im Jahr 1855 demnach 11/12, 9/10 und 7/8 Jahre alt gewesen und könnten, wie möglicherweise auch das eine oder andere ältere Geschwister, siehe oben, auch nach dem Tod der Eltern in Bieberswalde geblieben sein, was die Einrichtung eines Familiengrabes dort nachvollziehbar erscheinen ließe.

Allerdings könnte es auch ganz anders gewesen sein. Da im Amtsblatt der Königl. Regierung für den Förster Clair kein Vorname angegeben ist, wäre es auch denkbar, dass gar nicht Friedrich die Försterstelle in Bieberswalde angetreten hat, zumal dieser bereits bei seiner Berufung nach Drusken 1840 im Amtsblatt als “invalider Jäger” bezeichnet worden war. Womöglich hatte mittlerweile auch einer seiner Söhne eine weitere Försterstelle in Drusken angetreten und war dann nach Bierberswalde versetzt worden. Laut Aufzeichnung meines Großvaters Gerhard, siehe oben, war ja – neben dem Erstgeborenen Friedrich Wilhelm, über dessen späteren Werdegang wir relativ gut Bescheid wissen – zumindest auch der zweitälteste Sohn Heinrich Clair, geb. 1826, wie sein Vater und Großvater Jäger geworden.

Doch könnte darüber nur ein Fund in den weiteren Urkunden in Bieberswalde Aufschluss geben, die ich also – wie bereits erwähnt – weiter untersuchen werde.

f) Das Familiengrab im 19. Jahrhundert

Doch wie war das überhaupt mit Familiengräbern zu jener Zeit? Seit wann gab es so etwas und welche Bedeutung und Funktion kam diesen zu? Hierzu fand ich im Netz einen sehr erhellenden fachhistorischen Aufsatz (Archiv für Sozialgeschichte 55, 2015, S. 19 ff.: Anna-Maria Götz – Zwischen Status, Prestige und Distinktion. Das bürgerliche Familiengrab und der Wandel des Bestattungswesens im 19. Jahrhundert), aus dem ich im Folgenden die wichtigsten Passagen zitiere:  

“Das 19. Jahrhundert ist in der Sozialgeschichte auch als das bürgerliche Zeitalter bekannt und eben dieses Bürgertum differenzierte sich in seinen ideellen Vorstellungen sowie im sozialen Habitus bis zur Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert immer weiter aus. Was in den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution und der Aufklärung als egalitär proklamiert wurde, offenbarte sich im Alltagsleben nicht selten auf elitäre Weise. Diesen Paradigmenwechsel finden wir auf den Friedhöfen der Jahrhundertwende mit einer weiten Bandbreite an bürgerlichen Grabanlagen mit monumentalem Grabschmuck, mehrdeutigen Bildschöpfungen und kostspieligen Materialen. Hier lässt sich im Sinne Pierre Bourdieus ein vielschichtiges Geflecht der sogenannten feinen Unterschiede erahnen, das es im Folgenden näher zu untersuchen gilt.” (S.19) 

Die Verfasserin betont das

“Phänomen, das historische Friedhöfe als Accessoirelandschaften des bürgerlichen Habitus erscheinen lässt. Erst ab dem 19. Jahrhundert bot sich mit der Einrichtung kommunaler Zentralfriedhöfe ausreichend Platz, um die früheren Massen- und Schichtgräber durch individuelle Einzelgräber abzulösen. Die Professionalisierung des Bestattungswesens im späten 19. Jahrhundert sowie das Aufkommen von Gewerbezweigen rund um Beisetzung, Verabschiedung und Grabgestaltung lassen vermuten, dass die Bestattungs- und Grabmalkultur zu diesem Zeitpunkt immer weiter ausdifferenziert wurde. Insbesondere die monumentalen, dauerhaft angelegten Gräber bürgerlicher Familien veranschaulichen facettenreich, dass sich das Andenken um die Verstorbenen auf repräsentative und äußerst individuelle Weise in Szene setzen ließ.” (S.19)

Und weiter heißt es, dass

“Friedhöfe eine überregionale Reputation hatten. All diese Aspekte lassen vermuten, dass hier im Laufe des 19. Jahrhunderts Bedingungen gegeben waren, unter denen sich bürgerliche Kreise gegenüber anderen sozialen Gruppen zu behaupten versuchten und ein spezifisch bürgerliches Bestattungswesen und Andenken kultivierten.” (S.21) 

“Neben Lage und Größte konnten auch Materialien Mittel zu sozialer Statusbekundung und schichtspezifischer Abgrenzung sein. An die physische Beschaffenheit und den materiellen, ökonomischen Wert bestimmter Werkstoffe war eine soziokulturelle Codierung gekoppelt: »Materialien sind Indikatoren gesellschaftlicher Empfindlichkeiten, denn an ihnen lagert sich die Geschichte ihrer Verwendungsweisen an.«28 Als besonders hochwertig galten Materialien wie Sandstein, Marmor, Granit oder auch Bronze, da sie bis zum 19. Jahrhundert den Repräsentanzbauten des Adels und der Kirchen vorbehalten waren. Während derart exklusive Materialien entlang der Hauptalleen gewissermaßen in Reinform zu finden waren, zeigen sich in den zweiten und dritten Reihen auch Grabstätten in Form von Amalgamen. Eine kostengünstigere Variante war es beispielsweise, auf einen Sandsteinsockel aus der Region eine Plastik aus importiertem Marmor in Szene zu setzen. Ebenfalls von Bedeutung für die Reputation eines Grabs war die Art der Fertigung als 
Unikat, als Reproduktion oder als serielle Katalogware. (S.31) 

“Bürgerliche Familiengräber des 19. Jahrhunderts wurden für die Ewigkeit angelegt, oder genauer: für die Hoffnung auf Erinnerung der Hinterbliebenen in Ewigkeit.” (S.35) 

Das Bürgertum ist dabei als eine heterogene Gruppe von Akteuren zu verstehen, die durch erkämpfte Rechte und erarbeiteten Status diskursprägend war und sich gegenüber aufstrebenden Schichten als vorbildlich erachtete. Allein der Umstand, dass sich viele bürgerliche Familien ein Familiengrab mit monumentaler Grabanlage finanzieren konnten, grenzt diese Gruppe der Grabbesitzer von unteren sozialen Schichten ab. Der Friedhofsraum spielte dabei die Rolle eines Spielfelds der sozialen Ordnung. Die Einrichtung der Grabstätte fungierte dabei als eine Art Seismograf bürgerlicher Identität (S.36) 

“Offensichtlich ist jedoch, dass allein die Dauerhaftigkeit und Monumentalität der vorgestellten Grabanlagen einen ausgeprägten Wunsch demonstrieren, das Andenken an die Toten im Diesseits repräsentativ auszustatten.” (S.37) 

Was folgt daraus nun für unsere Betrachtungen? Zwar kann bei der Försterfamilie Claer nicht unbedingt von großbürgerlichem Habitus und elitärer Renommiersucht auf dem Friedhof ausgegangen werden. Die Steintafel ist auch vergleichsweise schlicht gehalten, und von der damaligen Ausstattung der eigentlichen Grabstätte wissen wir nichts. Doch war zu jener Zeit – noch vor den Bismarckschen Sozialreformen mitsamt Einführung einer Rentenversicherung – eine Existenz als königlicher Förster, also quasi im sicheren Staatsdienst, mit mindestens sechs, vielleicht sogar neun männlichen Nachkommen, die womöglich allesamt ihrerseits sicher in Lohn und Brot standen, keine schlechte Voraussetzung für die Errichtung einer zumindest dezent repräsentativen Familiengrabstätte im von den Friedhofs-Bodenpreisen her sicherlich noch kostengünstigen ländlichen Raum.

Im nächsten Forschungsbericht in einem Jahr, vielleicht mit Funden aus den Bieberswalder Urkunden, könnten wir Genaueres wissen…

2. Die Claers in Gerdauen 1872 

Einen weiteren kleinen Treffer landete ich auf der Internetseite Portal-Ostpreußen:

Demnach wurden in Gerdauen, Kirchspiel Muldzen, in den jahren 1871 und 1872 die Kinder Anna Johanna Claer (24.6.1871) und Max Friedrich Claer (24.11.1872) geboren. Die Eltern waren jeweils ein Herrmann Claer und seine Frau Anna Gutzki.

Besonders interessant ist ferner, dass als Geburtsort im Falle von Anna Johanna “Ilmsdorf Forsthaus” angegeben wird. Dies deutet auf eine weitere Försterfamilie Claer hin, von der wir bisher noch nichts wussten!

Gerdauen liegt etwas südlich von Wehlau und südöstlich von Königsberg, also ziemlich dicht an Eichenberg/Drusken, wo – wie oben geschildert – die Förster-Familie von Friedrich Clair bis zur Versetzung nach Bieberswalde 1855 gelebt hat. Auch deren frühere Wohnorte Juditten und Corjeiten sowie Friedrichs Geburtsort Ludwigswalde sind nicht weit.

Wie aber lassen sich diese Claers in Gerdauen nun einordenen? Der Name des Vaters Herrmann erinnert natürlich gleich an Hermann August Clair, Friedrich und Justines viertältesten Sohn, geboren 1833 in Juditten, den Ururgroßvater meines anfangs erwähnten Cousins vierten Grades Manfred Claer. Der mutmaßliche Förster Herrmann Claer aus Gerdauen könnte bei der Geburt seiner Kinder 1871/72 (rein statistisch betrachtet) ca. 20 bis 30 Jahre alt gewesen sein, womit sein Geburtsdatum zwischen 1841 und 1851 liegen könnte. Unter Berücksichtigung der damals weit verbreiteten Gepflogenheit, den ältesten Sohn einer Familie nach dem Vater und die weiteren Söhne nach dessen Brüdern, also ihren Onkeln, zu benennen, könnte der Gerdauer Herrmann folglich der älteste Sohn oder ein Neffe von Manfreds Ururgroßvater Hermann August gewesen sein.

Da Manfreds Ururgroßvater Hermann August (geb. 1833 in Juditten) aber laut Geburtsurkunde von Manfreds Urgroßvater Franz Richard Claer (geb. 1872 in Geidlauken) Müller war – er hatte in die Müllerfamilie seiner Frau Henriette Mettschul eingeheiratet –, hätte vermutlich der älteste Sohn die Mühle übernommen und wäre nicht Jäger geworden. (So wie es ja auch naheliegend ist, dass Franz Richard als vermutlich erst spät geborener, weiterer Sohn seines Vaters neue berufliche Wege ging bzw. fuhr, denn er wurde Fuhrmann und verliebte sich während eines Frachttransports im Rheinland, wo er dann hängenblieb, siehe meine früheren Berichte.) Demnach dürfte der Gerdauer Jäger Herrmann Claer eher ein Neffe des Müllers Hermann August gewesen sein, der nach diesem benannt wurde. Und falls Herrmanns Vater, wofür vieles spricht, auch Jäger gewesen sein sollte, könnte er der Jäger Heinrich Julius Clair (geb. 1826 in Juditten) oder auch Albert Eduard Clair (geb. 1830 in Juditten), dessen Beruf wir nicht kennen, gewesen sein; aber eher nicht Otto Conrad Clair (geb. 1839 in Juditten), denn der soll ja laut meinem Opa Gerhard Gendarm gewesen sein. Genauso denkbar wäre aber auch, dass der Gerdauer Jäger Herrmann Claer aus der Linie von Friedrichs Bruder, dem Oberförster Johann Wilhelm Clair, geb. 1802 in Ludwigswalde, stammt; oder von noch woanders…

Noch dazu spricht für die Neffen-These, dass Gerdauen nur überschaubare 50 km von Geidlauken entfernt ist. Noch dichter liegt übrigens Geidlauken an Eichenberg/Drusken, und auch Ludwigswalde und Juditten und Gumbinnen (wo sich die ersten Clairs 1712 aus St. Imier in der Schweiz kommend angesiedelt haben) sind nicht weit. Demnach haben sich die Clairs lange Zeit im nördlichen Ostpreußen aufgehalten – bis zur Versetzung von Friedrich nach Bieberswalde im Jahr 1855!

3. Wie es Förster Otto Wilhelm Claer 1890 von Ostpreußen nach Schlesien verschlug

Um einen Ortswechsel noch viel größeren Ausmaßes geht es nun in den folgenden Ausführungen, die mir mein Neffe vierten Grades Andreas Z. aus Moritzburg bei Dresden dankenswerterweise zur Verwendung überlassen hat. Sein Ururgroßvater, der Förster Otto Wilhelm Claer (1859-1937), Sohn des Försters Wilhelm Friedrich Claer (1824-1889), welcher wiederum der älteste Sohn von unseren besagten Friedrich Cair (geb. 1799) und Justine Knaebe (geb. ca. 1803) ist, siedelte offenbar der Liebe wegen 1890 von Ostpreußen nach Schlesien um. Die folgenden Passagen von Andreas Z. bringen nun erstmals Licht in die näheren Begleitumstände, wobei bedauerlicherweise seine Großmutter, deren Mutter selbst eine geborene Claer war, diese Entdeckungen nicht mehr miterleben kann, da sie vor wenigen Jahren hochbetagt verstorben ist…

Noch dazu hat mir Andreas dieses großartige Foto des Försters Otto Wilhelm Claer (1859-1937) in Dienstkleidung zur Verfügung gestellt:

“Unsere und Omis große Frage war ja, weshalb ihr Opa Otto Wilhelm Claer, geb. 1859 in Argenthal/Ostpreußen, nach Schlesien übergesiedelt ist. Diese Frage hatte Omi sich gestellt und nicht beantworten können. Sie hat sie auch nie ihrem Opa gestellt. Wir haben das Rätsel nun lüften können. 🙂 

Nur zur kurzen Einordnung. Der Vater von Otto Wilhelm Claer war Friedrich Wilhelm Claer, geb. 1824 in Corjeiten, Kreis Fischhausen/Ostpreußen. Das war uns ja bereits bekannt. 

– Otto Wilhelm Claer hat 1890 im schlesischen Leutmannsdorf eine Minna Klara Hübner geheiratet. Sie ist die Tochter des Friedrich Wilhem Hübner. …der Name war Friedrich Wilhelm Programm 🙂 Hier entstand die Frage, weshalb er in Ostpreußen geboren wurde, dort Förster wurde und in Schlesien dann geheiratet hat. Er war auch bereits 31 Jahre. Weshalb ist er nach Schlesien? Nun, er war Förster und es wäre denkbar, dass er in Schlesien eine Stelle angetreten hat, weil möglicherweise in Schlesien eine Försterstelle ausgeschrieben war. Nicht undenkbar, allerdings für uns eher unwahrscheinlich, denn die Claers waren in Ostpreußen ja schon lange Förster und es war eine waldreiche Region. Weshalb also die lange „Fahrt“ und einen Umzug antreten? Es war zu dieser Zeit ja sicher nicht wie heute, in der ein Umzug für eine Stelle über mehrere 100km kein Problem und eher normal ist. Also diese Försterstellentheorie war für uns eher nicht so griffig. Da musste noch mehr sein 🙂 

Hier kommt die Entdeckung! Wir haben eine Geburtsurkunde aus Ostpreußen entdeckt, in der der Förster Friedrich Wilhelm Claer anzeigt, dass seine Tochter 1879 eine Tochter zur Welt gebracht hat. Viel wichtiger ist jedoch die handschriftliche Ergänzung auf der linken Seite. Wir haben diese entschlüsselt:  

“Der Revierförster Richard Hübner, evangelischer Religion, wohnhaft in Ludwigsdorf, Landkreis Schweidnitz hat laut Heiratsurkunde Nr. 4 des Standesamtes zu Eschenbruch vom 5. September 1879 mit Emma Marianne Claer der Mutter des nebenbezeichneten Kindes, die Ehe geschlossen und in einer unterm 28. September 1903 vor dem königlichen Notar Ludwig Kottman in Schweidnitz errichteten Urkunde die Vaterschaft zu dem nebenbezeichneten Kinde anerkannt 

Didlaken, den 1. Oktober 1903.  

Der Standesbeamte in Insterburg Dekars 

hier nachträglich eingetragen Insterburg, den 7. Oktober 1903“ 

 ALSO: Ein Richard Hübner aus Schlesien, aus dem Landkreis Schweidnitz hat in Ostpreußen ein uneheliches Kind mit der Tochter des Friedrich Wilhelm Claer (geb. 1824) gezeugt. Richard Hübner, selbst Förster, war zu dieser Zeit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in Ostpreußen stationiert. Wir wissen ja, dass viele Förster einige Zeit im Militär gedient haben. So ist es sicher zu erklären, dass Richard Hübner in Ostpreußen war und dort die sicherlich überaus bezaubernde Emma Marianne Claer getroffen hat und ein Kindelein entstanden ist 🙂  Und es ist sehr naheliegend, dass Omis Opa, Otto Wilhelm Claer, mit Richard Hübners Familie in Kontakt kam und die Schwester von Richard Hübner kennengelernt hat…und dann 1890 die Schwester von Richard Hübner geheiratet hat. Das ist also die Verbindung, die wir immer gesucht haben. Otto Wilhelm hat aufgrund der Verbindung zwischen seiner Schwester und Richard Hübner den Kontakt nach Schlesien gehabt. Da er und Richard Förster waren, ist die Vermittlung einer Försterstelle in Schlesien sicher einfacher gewesen und Otto Wilhelm ist dann seiner Schwester nach Schlesien gefolgt.  

Wir sind über die Eintragung in der Geburtsurkunde so glücklich und entzückt. Omi hätte sich sicher so gefreut diese Antwort zu bekommen.” 

Allerdings ist an dieser Stelle noch einmal darauf hinzuweisen, dass es auch schon zuvor in Schlesien Clairs gegeben hat, die vermutlich aus Ostpreußen stammten. Es sei hier nur an den Förster Clair in Mellendorf erinnert, der dort 61-jährig im Jahr 1822 ein Wildschwein im Kampf von Angesicht zu Angesicht bezwungen hat, worüber dann mehrere Zeitungen, darunter auch Fachzeitschriften für Jägerei berichteten, siehe meine früheren Texte.

4. Heiratseintrag der Elisabeth Clair (Tochter des Jacob Clair), Gumbinnen 1834 – auf Französisch! 

Und noch ein weiterer spektakulärer Fund ist Andreas Z. gelungen. Hier ist der französischsprachige Heiratseintrag von 1734 der Elisabeth Clair, der Tochter des Jacob Clair aus Gumbinnen, der gemeinsam mit David Clair und weiteren Angehörigen 1712 aus St. Imier in der Schweiz neben vielen weiteren französischsprachigen Zuwanderern nach Gumbinnen in die “Schweizer Kolonie” gekommen war, siehe meine früheren Texte.

Inhaltlich war uns das aber schon bekannt. Neu für uns ist die Ansicht des Eintrags. Wirklich schade, dass wir  die “Lücke” zwischen den Clairs in Gumbinnen und den Förstern in Ludwigswalde um 1800 bisher nicht schließen konnten, wobei das Geburtsjahr “unseres” Friedrich Wilhelm Klaer, der wohl erst in den 1790ern nach Ludwigswalde gekommen ist, nach einem (ungesicherten) Datenbankeintrag 1770 gewesen sein soll, siehe meine früheren Texte. 

5. Weitere Fotos von Erich Claer (1901-1950)

Abschließend noch ein Zeitsprung um zwei Jahrhunderte nach vorne. Tante Lorelies hatte mir freundlicherweise noch weitere Bilder ihres Vaters Erich Claer (1901-1950) zur Verfügung gestellt, meines Großonkels zweiten Grades, über den wir dank der Kondolenzbriefe und zahlreicher weiterer Unterlagen (siehe meine Berichte aus den letzten beiden Jahren) schon ziemlich gut Bescheid wissen. Hier also sind die Fotos (teilweise mit Erichs Söhnen Hans-Henning “Moppel” und Dieter), jeweils mit den Erklärungen von Tante Lorelies:

Bild 1: Vor dem Krieg in Gröben mit Frido Finno Fitz von der Niederlausitz, unserem Schäferhund, der auf der Flucht verschollen ist. 

2: Das Foto hatte meine Mutter auf der Flucht bei sich, ein Russenbengel zerriss es vor ihren Augen und klaute alles, was sie in ihre Kleider eingenäht hatte.

3: Juni 1947, erstes Foto nach der Gefangenschaft.

4: 1949 im Stadtpark Steglitz, wo Moppel auch immer trainierte zwischen 4 Bäumen, mit einem Seil drum (rechts im Bild Dieter).

5: Bei einer Festveranstaltung der Fa. Meyer, wo er Personalchef war, neben ihm Dieter, der mit durfte.

6: Das letzte Passbild 1950.

6. Ausblick

Damit endet mein Bericht in diesem Jahr. Die Fortsetzung folgt wie immer in 12 Monaten.

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