justament.de, 8.6.2020: Die Lust zu leiden

Recht historisch Spezial: Vor 150 Jahren erschien „Venus im Pelz“ von Leopold v. Sacher-Masoch

Thomas Claer

Leopold v. Sacher-Masoch (1836-1895)

Ein vor einigen Jahrzehnten sehr beliebter Witz ging so: „Quäl mich, bitte, bitte, quäl mich!“, fleht der Masochist. „Nein!“, antwortet mit bösem Lachen der Sadist. Doch obwohl sich die beiden Gegenpole des Sadomasochismus, kurz SM, der heute wohl fast jedem ein Begriff sein dürfte, naturgemäß ergänzen wie die zwei sprichwörtlichen Seiten einer Medaille, haben sie doch kulturgeschichtlich unterschiedliche Wurzeln. Gemeinsam ist beiden Begriffen, Sadismus und Masochismus, dass sie jeweils auf adelige Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert zurückgehen, welche die benannten erotischen Vorlieben ausgiebig in ihren Werken geschildert haben (und ihnen offensichtlich auch selbst anhingen). Zum einen auf den Marquis de Sade (1740-1814), der seine gewaltpornographischen Romane wie „Justine und Juliette“ oder „Die 120 Tage von Sodom“ größtenteils während jahrzehntelanger Aufenthalte in Gefängnissen und Irrenanstalten schrieb. Zum anderen auf Leopold v. Sacher-Masoch (1836-1895), der – anders als sein verrufener Kollege – zu seiner Zeit als allseits geschätzter, vielgelesener, populärer Schriftsteller galt. Klar, wer Freude und Lust daraus zieht, von anderen gequält zu werden, den hält man zumindest für weniger gefährlich als jemanden, der sein Vergnügen darin findet, selbst anderen Gewalt anzutun…

Dennoch wurde Sacher-Masochs 1870, also vor genau 150 Jahren, erschienene Novelle „Venus im Pelz“, die als Schlüsselwerk des Masochismus gilt, in Deutschland indiziert, wenn auch erst 1958 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Dabei finden sich in diesem Werk keinerlei sexuelle Beschreibungen im eigentlichen Sinne, nur kurz und beiläufig ist darin von Nacktheit (beim Umkleiden und beim Baden) die Rede. Die Zensur erfolgte also offenbar nur aufgrund der intensiven Darstellung des Lustgewinns durch Auspeitschen und Unterwerfung. Erst 2001 ist das Buch von der Liste der jugendgefährdenden Schriften gestrichen worden und seitdem wieder frei im Handel erhältlich.

Vermutlich hat ja auch der von Anfang an etwas zwielichtige Ruf dieser Erzählung zu ihrer beispiellosen Rezeptionsgeschichte beigetragen. Allein fünfmal wurde sie verfilmt (einmal mit Klaus Kinski in der männlichen Hauptrolle, ein anderes Mal mit Laura Antonelli in der weiblichen; zuletzt 2013 von Skandal-Regisseur Roman Polanski). Das von ihr inspirierte Lied „Venus in Furs“ von Velvet Underground vom legendären Album mit dem Bananencover (1967) ist einer der schönsten Popsongs der Musikgeschichte. Im vergangenen Jahrzehnt folgten schließlich auch noch mehrere Theater-Adaptionen. Was aber macht diese anderthalb Jahrhunderte alte Novelle noch heute so populär?

Ihre Handlung ist schnell erzählt: Ein junger Mann namens Severin, Mitte zwanzig, verliebt sich in die junge, schöne und reiche Witwe Wanda v. Dunajew und will sie heiraten. Wanda jedoch schlägt ihm zunächst eine einjährige „Probezeit“ vor, in der sie wie ein Ehepaar zusammenleben. In dieser Zeit wird Wanda, wie von Severin ausdrücklich gewünscht, seine “Herrin“ und Severin ihr „Sklave“, wobei Wanda Severins Phantasie eines „schönen Weibes“ erfüllt, das seinen Sklaven despotisch unterwirft und (auch grundlos) physisch und psychisch quält. Doch fallen sie zwischenzeitlich auch immer wieder aus ihren Rollen und lieben sich dann auf ganz herkömmliche Weise. Allerdings leidet Severin zunehmend unter dem Umstand, dass Wanda nebenher auch Kontakte zu weiteren Verehrern unterhält, und ihre Liaison nimmt schließlich ein böses Ende…

Das Besondere an „Venus im Pelz“ ist neben der detaillierten Schilderung der bewussten sexuellen Vorlieben und Praktiken vor allem die für die damalige Zeit ungewöhnlich selbstbewusste Frauenfigur Wanda. In dieser Hinsicht ist die Novelle eine wahre Fundgrubbe an bemerkenswerten Zitaten, von denen jedoch nur die wenigsten als nach heutigen Maßstäben politisch korrekt anzusehen sein dürften:

„Der Mann ist der Begehrende, das Weib das Begehrte, dies ist des Weibes ganzer, aber entscheidender Vorteil, die Natur hat ihm den Mann durch seine Leidenschaft preisgegeben, und das Weib, das aus ihm nicht seinen Untertan, seinen Sklaven, ja sein Spielzeug zu machen und ihn zuletzt lachend zu verraten versteht, ist nicht klug.“

Bei wohlwollender Betrachtung ließe sich aus diesen Worten Wandas eventuell eine frühe Spielart des Feminismus herauslesen, die es dem männlichen Geschlecht mit jenen Waffen heimzahlt, die den Frauen zu jener Zeit nun einmal einzig zur Verfügung stehen… Und weiter spricht Wanda:

„Je hingebender das Weib sich zeigt, um so schneller wird der Mann nüchtern und herrisch werden; je grausamer und treuloser es aber ist, je mehr es ihn misshandelt, je frevelhafter es mit ihm spielt, je weniger Erbarmen es zeigt, um so mehr wird es die Wollust des Mannes erregen, von ihm geliebt, angebetet werden. So war es zu allen Zeiten…“

Diese an sich diskussionswürdigen Ausführungen finden sogleich Severins ausdrückliche Zustimmung:

„Ich kann es nicht leugnen. Es gibt für den Mann nichts, das ihn mehr reizen könnte, als das Bild einer schönen, wollüstigen und grausamen Despotin, welche ihre Günstlinge übermütig und rücksichtslos nach Laune wechselt…“

An späterer Stelle folgt dann aber ein sehr modern anmutendes Plädoyer Wandas für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität:

„Es ist nur der Egoismus des Mannes, der das Weib wie einen Schatz vergraben will. Alle Versuche, durch heilige Zeremonien, Eide und Verträge Dauer in das Wandelbarste im wandelbaren menschlichen Dasein, in die Liebe, hineinzutragen, sind gescheitert… Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt, ich ziehe es vor, glücklich zu sein… Einem Manne angehören, den ich nicht liebe, bloß deshalb, weil ich ihn einmal geliebt habe? Nein, ich entsage nicht, ich liebe jeden, der mir gefällt, und mache jeden glücklich, der mich liebt. Ist das hässlich? Nein, es ist mindestens weit schöner, als wenn ich mich grausam der Qualen freue, die meine Reize erregen, und mich tugendhaft von dem Armen abkehre, der um mich verschmachtet. Ich bin jung, reich und schön, und so, wie ich bin, lebe ich heiter dem Vergnügen, dem Genuss.“

Allerdings funktioniert diese Vorgehensweise (was Wanda ja auch bewusst ist) mutmaßlich nur, solange sie „jung, reich und schön“ ist… Doch setzt Wanda gewissermaßen noch eins drauf, indem sie sich zahlreicher eigentlich misogyner Stereotype argumentativ bedient, um daraus dann doch nur auf die daraus resultierende überlegene Machtposition der sich ihrer Reize bewussten und skrupellos bedienenden Frau zu schließen:

„Jede Frau hat den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es hat viel für sich, sich ohne Liebe, ohne Genuss hinzugeben, man bleibt hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen… Fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst, denn die Natur des Weibes birgt mehr Gefahren, als du glaubst… Der Charakter der Frau ist die Charakterlosigkeit… Das Weib ist eben, trotz allen Fortschritten der Zivilisation, so geblieben, wie es aus der Hand der Natur hervorgegangen ist, es hat den Charakter des Wilden, welcher sich treu und treulos, großmütig und grausam zeigt, je nach der Regung, die ihn gerade beherrscht. Zu allen Zeiten hat nur ernste, tiefe Bildung den sittlichen Charakter geschaffen; so folgt der Mann, auch wenn er selbstsüchtig, wenn er böswillig ist, stets Prinzipien, das Weib aber folgt immer nur Regungen. Vergiss das nie und fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst.“

Besonders interessant ist der vorletzte Satz. Würde jene „ernste, tiefe Bildung“, die „den sittlichen Charakter schafft“ und angeblich dafür sorgt, dass selbst böse Männer „stets Prinzipien folgen“, also demnach auch bewirken, dass Frauen, sofern man sie ihnen zukommen ließe, nicht mehr „immer nur ihren Regungen folgen“? Das Ende der Novelle lässt keinen Zweifel daran:

„Und die Moral von der Geschichte? … Dass das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine Despotin sein kann, nie aber seine Gefährtin. Dies wird sie erst dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.“

Dieser gewagte Zukunftsausblick Sacher-Masochs hat es nun aber wirklich in sich: Die gleichberechtigte Frau also, die dem Manne „durch Bildung und Arbeit“ ebenbürtig ist, das heißt die heutige moderne Schulabsolventin oder Akademikerin, wäre demzufolge, wenn der Erzähler damals richtig gelegen hat, nie mehr die Sklavin oder die Despotin des Mannes, sondern schlichtweg seine Gefährtin. Damit hätte sich dann aber auch jede Form von Masochismus oder Sadismus erledigt. Doch wenn es wirklich so wäre, würde dann „Venus im Pelz“ noch heute auf ein solches Interesse stoßen?

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