www.justament.de, 14.1.2013: Die wundersame Welt des Wellenreiters

„Börsenguru“ Robert Rethfeld gibt einen skeptischen Ausblick 2013

Thomas Claer

Als Kleinanleger ist man beständig auf der Suche nach Selbstvergewisserung und findet sie beispielsweise auf http://www.boerse.de, wo sich täglich die aktuelle Markteinschätzung diverser Experten nachlesen lässt. Man kennt sie bald alle genau, die Börsenprofis und ihre jeweils unterschiedlichen Strategien: die Value-Investoren, Charttechniker, Trendfolger, ETF- und Turnaround-Propagandisten. Aber dann ist da auch noch Robert Rethfeld, der Betreiber des Online-Portals „Wellenreiter-Invest“, dessen brillante wöchentliche Kolumnen in fast jeder Hinsicht aus dem Rahmen fallen. Klar, auch er will wie die anderen Geld verdienen und neue Kunden für seinen täglichen kostenpflichtigen Börsenbrief anlocken. Doch wird man bei Rethfeld, dem Zyklentheoretiker, Saisonalitätsfreak und Zahlenakrobaten, immer wieder auf so ansprechende und anregende Weise belehrt, dass man selbst dann voll auf seine Kosten käme, wenn die Märkte einmal nicht den von ihm prognostizierten Verlauf nehmen sollten. Allerdings kommt das selten vor. In den letzten Jahren hatte das „Orakel von Oberursel“ sogar eine Trefferquote im annähernd dreistelligen Bereich: Der Einbruch im Sommer 2011, das schwache zweite Quartal 2012, die starke zweite Jahreshälfte. Wer hat das alles zutreffend vorausgesagt? Natürlich Robert Rethfeld, nachzulesen in seinen Jahresausblicken für 2011 und 2012 auf der Wellenreiter-Homepage.

Aber wie ist er darauf gekommen? Seine Methode lässt sich als eine Art angewandte Chaostheorie beschreiben. Die ganze Welt neigt dazu, Muster der Selbstähnlichkeit auszubilden, und die Aktienmärkte (wie natürlich auch die Renten-, Währungs-, und Rohstoffmärkte) tun das ebenfalls. Hierzu gehört auch die Tendenz zur Wiederholung bestimmter Verlaufsmuster in regelmäßigen Zeitabständen, in Zyklen. Daneben hat aber auch die Korrelation unterschiedlicher Größen miteinander eine besondere Bedeutung. Oft gibt es überraschende Zusammenhänge, wo niemand sie vermutet. Rethfeld sucht nach ihnen überall, und längst nicht nur in den gängigen Wirtschaftsdaten, sondern auch in der Natur und der Geschichte. Dass der US-Präsidentschaftszyklus der zuverlässigste von allen ist, dass also Nachwahljahre an den Börsen tendenziell schwächer und Vorwahl- und Wahljahre eher stärker ausfallen, das lässt sich ja noch leicht einsehen, denn die unpopulären konsumenten- und damit wirtschaftsfeindlichen Maßnahmen der Politik erfolgen selbstverständlich nach einer Wahl und die wirtschaftsstimulierenden Wahlgeschenke gibt es dann erst wieder vor der nächsten. Auch die durchschnittlich starke Börsenperformance im Schlussquartal eines Jahres lässt sich vielleicht noch mit dem „Windowdressing“, also den Nachkäufen bisher gut gelaufener Einzelwerte durch große institutionelle Investoren erklären. Aber warum korreliert der Zyklus der Sonnenaktivität mit dem Auftreten von US-Rezessionen (wonach auch 2013 eine solche zu erwarten wäre)? Warum erfolgten große epochale Veränderungen in Europa wiederholt in 14er Jahren eines Jahrhunderts (Ende des spanischen Erbfolgekriegs 1714, Beginn des Wiener Kongresses 1814, Erster Weltkrieg 1914), und lässt das womöglich eine endgültige Lösung der Euro-Krise 2014 erwarten? Der Wellenreiter kennt keine Denkverbote und Tabus. Er jongliert munter mit seinem immensen Zahlenwerk, seinen unendlich vielen Grafiken und Diagrammen, die er in immer neuen Variationen kombiniert und übereinanderlegt. Alles lässt er in seine Gesamtbetrachtungen einfließen, und heraus kommen auf wundersame Weise Prognosen an der Grenze zur Unfehlbarkeit.

Aber was sagt nun der von Robert Rethfeld und seinem Compagnon Alexander Hirsekorn gerade frisch erstellte ausführliche Jahresausblick 2013? Nicht allzu viel Gutes für die Finanzmärkte. Während die große Mehrzahl der Experten angesichts der anhaltend lockeren Geldpolitik der Notenbanken hervorragende Aussichten für weiter steigende Aktienkurse in 2013 sieht, rechnet Rethfeld mit einem durchwachsenen bis schwachen Börsenjahr. Schon seit geraumer Zeit hat er in seinen Kolumnen darauf hingewiesen, dass mehrere Indikatoren (etwa das Verhältnis von Realzins zum US-BIP sowie die Zinsdifferenz zwischen kurz- und langfristigen Renditen) für eine Rezession in den USA im Jahr 2013 sprechen. Der Solarzyklus ist hier nur ein Puzzlestück in der Gesamtbetrachtung. (Andere Indikatoren stehen allerdings einer solchen Annahme entgegen.) Entsprechend sagt der Wellenreiter für 2013 zumindest eine deutliche konjunkturelle Abkühlung in den USA voraus. Skeptisch ist Rethfeld vor allem für die zweite Jahreshälfte, in der er sogar massive Rücksetzer an den Märkten für möglich hält. Nach dem vom Wellenreiter favorisierten Szenario käme es erst ab Ende 2014 wieder zu einem nachhaltigen Aufwärtstrend, der dann aber auch das Ende des seit dem Jahr 2000 bestehenden übergeordneten Bärenmarktes und neue Höchststände in den wichtigen Indizes bedeuten sollte. Für den Kleinanleger heißt das: In jedem Fall liquide bleiben and buy the dip! Denn auf lange Sicht hat sich das an der Börse noch immer gelohnt.

Robert Rethfeld / Alexander Hirsekorn
Wellenreiter-Invest Studie: Ausblick 2013. Aktien, Anleihen, Währungen, Rohstoffe
Oberursel, Dezember 2012
PDF zu beziehen über www.wellenreiter-invest.de
142 Seiten mit 167 Abbildungen, EUR 39,00

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

P.S. (Februar 2014): Anders als es der Wellenreiter vorausgesagt hat, verlief das Börsenjahr 2013 ganz ausgezeichnet mit Zuwächsen von über 25 Prozent beim DAX und DOW JONES. Auch eine US-Rezession oder auch nur deutliche konjunkturelle Eintrübung ist ausgeblieben. Alle anderen Experten hatten diesmal Recht behalten, nur der Wellenreiter lag völlig daneben. Auch die besten und ausgefeiltesten Prognose-Methoden stoßen also irgendwann an ihre Grenzen…

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