Justament März 2007: Weltwirtschaft im Übernahmefieber

Der Boom bei Fusionen und Übernahmen hält an

Thomas Claer

Der in Finanzfragen damals noch ziemlich unbedarfte Jurastudent Harry F. (Name von der Redaktion geändert) erbte im Sommer 2001 von seiner Großmutter die stolze Summe von immerhin 4.500,- DM. Was sollte er mit dem Geld anfangen? Noch vor kurzem war der Diskurs über die Wertentwicklung von Aktien, bevorzugt denen der Deutschen Telekom und des Neuen Marktes, unter angehenden Juristen das Partythema Nummer eins gewesen. Von exorbitanten Zuwächsen war die Rede, von Schwindel erregenden Summen, dass einem Hören und Sehen verging. Doch Harry F. stand außen vor und blieb äußerlich gelassen. Nur insgeheim ärgerte er sich, dass Kommilitonen, von deren geistigen Kapazitäten er nicht die allerhöchste Meinung hatte, so spielend leicht ihr Geld verdienten und ihm dagegen solches verwehrt blieb. Doch auch Harry F. war nicht entgangen, dass nun, im Sommer 2001, die Partygespräche dieser Art plötzlich verstummt waren. Nicht ohne eine gewisse Schadenfreude sah er im Wirtschaftsteil seiner Tageszeitung die dramatisch abfallenden Kurven des DAX und des Neuen Marktes. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, so fragte er sich, die Rückschläge zum Einstieg zu nutzen und mit dem Erbe von der Oma selbst zum großen Finanz-Coup anzusetzen? Bei den Online-Recherchen auf seinem frisch erworbenen ersten internettauglichen Computer mit minutengenauer Abrechnung der Surfzeiten landete er bald auf einer der damals zahlreichen Anlagespezi-Diskussionsseiten  – heute gibt es sie längst nicht mehr. Dort also fand er eine sehr ausführliche Abhandlung über substanzhaltige und günstig bewertete Unternehmen, deren Aktien vor Rückschlägen der gerade erlebten Art zuverlässig geschützt seien. Als besondere Perle zum Schnäppchenpreis wurde der deutsche Wert “Stinnes Logistics” angepriesen, der auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von gerade einmal acht komme und eine Dividendenrendite von über drei Prozent aufweise. Und schließlich, so hieß es dort weiter, sei die Logistik einer der großen künftigen Wachstumsmärkte. Als Harry F., dem das alles einleuchtete, noch in seine Überlegungen über das Für und Wider eines solchen Investments vertieft war, erreichte ihn jene Nachricht, die die Welt erschütterte. Es war der 11. September 2001. Sein erster Gedanke war ein Zitat des berühmten Börsengurus André Kostolany: “Kaufen”, solle man, “wenn die Kanonen donnern!”. Tatsächlich ging die Börse an diesem Tag nochmals ein paar Prozente abwärts, auch Stinnes konnte sich dem nicht entziehen. Harry F. kaufte anderntags bei seiner Hausbank 120 Stinnes-Aktien zum Kurs von 18,35 € für genau 4306,74 DM.

Freude bei den Aktionären
Das erwies sich als gutes Timing, denn schon zum Jahreswechsel 2002, als man erstmals die frisch gedruckten Euro-Scheine in den Händen halten durfte, hatte sich die Börse etwas erholt. Die Stinnes-Aktie war sogar überproportional auf 23,50 € gestiegen. Wenn Harry F. beim Spazierengehen mit seiner Freundin einen der riesigen Lkws mit der Aufschrift “Schenker. Stinnes Logistics” vorbeibrausen sah, erklärte er ihr: “Siehst du, da arbeitet unser Geld für uns.” Doch bald schon wendete sich für den Gesamtmarkt das Blatt. Wirtschaftskrise und Kriegsängste wegen des bevorstehenden Irak-Feldzugs der Amerikaner drückten den DAX bis auf ein Viertel seiner Höchststände von 2000. Der Neue Markt löste sich gar in heiße Luft auf. Nun erst erkannte Harry F. den wahren Wert seiner Stinnes-Anteile, denn ihr Kursverlauf hatte sich längst vom Gesamtmarkt abgekoppelt. Großen Anteil daran hatte allerdings die Crew um den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn. Als Teil ihrer Strategie, die Wettbewerbsfähigkeit der Bahn im Hinblick auf ihren künftigen Börsengang (der bis heute noch nicht realisiert wurde) zu erhöhen, hatte sie ein Auge auf Stinnes geworfen. Und Übernahmefantasien helfen regelmäßig dem Aktienkurs, denn im Falle des Kaufs einer Aktiengesellschaft müssen die Altaktionäre von den Erwerbern abgefunden werden. Regelmäßig bedeutet das einen erheblichen Aufschlag auf den Aktienkurs. Anders als mitunter zu beobachten erwiesen sich die Gerüchte in diesem Fall als substantiiert: Im Sommer 2002 unterbreitete die Deutsche Bahn AG mit halbseitigen Zeitungsanzeigen allen Stinnes-Aktionären das Angebot, ihre Anteile für 32,75 € je Aktie an die Bahn zu veräußern. Harry F. frohlockte, denn noch vor Ablauf der ihm von der Bahn eingeräumten Veräußerungsfrist hatte er seine Stinnes-Papiere länger als ein Jahr gehalten. Seine Gewinne, die er alsbald mit großer Genugtuung realisierte, waren somit steuerfrei. Besonders abgebrühte Stinnes-Aktionäre, zu denen Harry F. aber nicht zählte, gingen auf das Angebot der Bahn nicht ein und ließen es auf einen sogenannten Squeeze Out ankommen, wurden also nach einigen weiteren Monaten für eine noch höhere Abfindung gegen ihren Willen von den Papieren getrennt. Ungeachtet dessen hatte Harry F. mit der Transformation seiner angelegten 4306,74 DM in 3930 € ganz nebenbei sogar der zumindest gefühlten Teuro-Inflation ein Schnippchen geschlagen.

Altes Rekordjahr übertroffen 
Nun war die besagte Übernahme von Stinnes durch die Bahn zu jener Zeit bekanntlich kein Einzel- und auch nicht einmal ein besonders spektakulärer Fall: Daimler fusionierte mit Chrysler, die Allianz kaufte die Dresdner Bank, Mannesmann wurde von Vodafone übernommen und so fort. Im bisherigen Rekordjahr 2000 schlossen sich weltweit Firmen im Wert von 3,17 Billionen Dollar zusammen. Dann brach die Fusionswelle in der Folge des Börsencrashs regelrecht in sich zusammen. Seitdem haben die Unternehmen aber ihre Hausaufgaben gemacht: Weil sie sich in den vergangenen Jahren spürbar entschulden und im zurückliegenden Jahr sogar Rekordgewinne erzielen konnten, ist nun mittlerweile auch wieder reichlich Geld vorhanden. So kletterten nach Angaben des Datenanbieters Thomson Financial die versuchten oder bereits vollzogenen Fusionen und Übernahmen im Jahre 2006 weltweit auf den neuen Rekordwert von 3,3 Billionen Dollar. Die meisten Fusionen und Übernahmen hat es demnach es in Europa gegeben (1,2 Billionen Euro), die zweitmeisten in den USA (1,1 Billionen Euro). Im asiatisch-pazifischen Raum ohne Japan hatten Übernahmen und Fusionen ein Volumen von knapp 290 Milliarden Euro. In Deutschland stieg das Übernahmevolumen um 63 Prozent auf 236 Milliarden Euro. Dabei haben deutsche Unternehmen ihre Zukäufe im Ausland sogar verdoppelt. Doch ob der größte Coup, die Übernahme der spanischen Endesa durch den Eon-Konzern am Ende gelingen wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Umgekehrt waren aber auch deutsche Unternehmen verstärkt das Ziel von – teils auch erfolgreichen – Übernahmeversuchen aus dem Ausland: Der Verkauf der Handysparte von Siemens an die taiwanesische BenQ AG wurde in Deutschland als regelrechter Schock wahrgenommen. Zum hässlichen Kulturkampf gar entwickelte sich die feindliche Übernahme des französischen Stahlriesen Arcelor durch den indischen Konkurrenten Mittal. Die Globalisierung, so musste das alte Europa lernen, ist nun einmal keine Einbahnstraße. Wie das letztgenannte Beispiel, aber auch die beabsichtigte Endesa-Übernahme durch Eon zeigen, erfolgen Firmenübernahmen nicht immer im gegenseitigen Einvernehmen. Insgesamt hat es im vergangenen Jahr 355 feindliche Übernahmeangebote gegeben, was 94 Prozent mehr als im Jahr 2005 waren. Der bisherige Rekord lag bei 272 feindlichen Übernahmeangeboten im Jahr 1999.

Profiteure und Verlierer
Doch nicht nur für die Aktionäre der Übernahmekandidaten war der jüngste Übernahmeboom einträglich. Am meisten profitierten die Investmentbanken von den Geschäften: Sie kassierten rund 14,2 Milliarden Euro allein an Gebühren, sodass auch die Gehälter der Investmentbanker entsprechend hoch ausfielen. Allein das amerikanische Investmenthaus Goldman Sachs wickelte Übernahmen und Fusionen im Wert von knapp 760 Milliarden Euro ab. Sein Gewinn stieg damit auf den Rekordwert von 9,5 Milliarden Dollar. Damit ist die Investmentbank die Nummer eins auf diesem Gebiet. Das Salär ihres Chefs Lloyd Blankfein soll 2006 bei insgesamt 54 Millionen Dollar gelegen haben. Da aber jeder Deal und jede Due Dilligance auch rechtlich betreut sein musste, hatten auch die auf M&A spezialisierten Anwälte der Topkanzleien ein gutes Auskommen. Doch wo viel Licht ist, da ist bekanntermaßen immer auch viel Schatten. Die Verlierer der Fusionswelle waren die bisherigen Inhaber jener Arbeitsplätze, die durch Rationalisierungen, Restrukturierungen und betriebliche Optimierungen infolge der neuen Konstellationen abgebaut wurden. In der Summe jedoch ging die Arbeitslosigkeit im Vorjahr dank robustem Wirtschaftswachstum und dem Aufschwung flexibler Arbeitsformen wie der Zeitarbeit sogar deutlich zurück.

Gründe für den Boom
Vor allem vier Gründe für den anhaltenden Übernahmeboom werden von Experten ins Feld geführt: Das kräftige Wachstum der Weltwirtschaft, die gute Performance an den Aktienmärkten, die niedrigen Zinsen und die hohe Liquidität der Märkte. Letzteres bedeutet vor allem, dass den Firmenkäufern reichlich Geld zur Verfügung stand. Dies galt aber nicht nur für Unternehmen, die zur Stärkung ihrer eigenen operativen Geschäftstätigkeit zukauften, sondern auch für Finanzinvestoren wie Blackstone, KKR und Permira, deren Kaufkraft von der Investmentbank Morgan Stanley auf 1,6 Billionen Euro geschätzt wird. Solche Private-Equity-Firmen, die auf Beteiligungen spezialisiert sind, übernehmen Firmen meist für einige Jahre, nehmen sie dann von der Börse, um sie dann möglichst mit Gewinn wieder zu veräußern. Hier orten Experten ein Risiko für ein Anhalten der Übernahme-Welle in der Zukunft, denn die von den Rendite-Erwartungen ihrer Investoren getriebenen Private-Equity-Fonds neigten gerade in einem extrem guten gesamtwirtschaftlichen Umfeld dazu, den Bogen zu überspannen. Nach Einschätzung der Investmentbanken sind die Übernahmen aber breiter über alle Branchen gestreut und solider finanziert als im Jahr 2000. Anders als damals seien sie heute fast durchweg strategisch sinnvoll und die Preise “noch vernünftig”. Bezahlten Käufer um die Jahrhundertwende häufig mit eigenen Aktien, finanzieren sie Zukäufe jetzt überwiegend bar oder durch Kredit.
Nicht von der aktuellen Hochkonjunktur der Übernahmen wie auch der jüngsten Börsenhausse profitieren konnte allerdings Harry F. Nachdem er seine juristische Ausbildung abgeschlossen hatte, kehrte er der Börse den Rücken und zählte somit auch nicht zu den glücklichen Schering-Aktionären, denen ihre Papiere mit sattem Aufschlag von Bayer abgekauft wurden. Vielmehr baute er sich mit den Gewinnen aus seinen Transaktionen eine kleine Existenz als freier Anwalt auf. Seine Tätigkeitsfelder: Zivilrecht querbeet, aber kein Wertpapierrecht und keine Mergers & Acquisitions.

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