N-Pool Juli-Sept. 2005: 50 Lieblingsplatten

Meine 50 Lieblingsplatten

Thomas Claer

Methodische Vorbemerkungen

Wie kann und wie soll so eine Rangliste überhaupt funktionieren? Dazu ein paar Bemerkungen, die eventuellen Lesern auch als eine Art Gebrauchsanweisung dienen können: Es wird keinerlei Aussage über die Qualität der in Rede stehenden Tonträger getroffen – bis auf die, dass der Verfasser ihnen, aus welch nichtigen und belanglosen, weil letztlich rein persönlichen und privaten, Gründen auch immer, eine besondere Qualität zubilligt. Zwar wäre ein Anspruch auf Objektivität in der Beurteilung von Popmusik gerundsätzlich sehr wünschenswert, doch – leider! – ist gute Popmusik per definitionem solche, die sich gut verkauft. Solche Musik ist hier allerdings nicht gemeint – oder doch nur insofern, als ihr trotz ihres kommerziellen Erfolges oder zumindest unabhängig von ihm eine besondere Qualität zugeschrieben wird. Also ist das, was hier besprochen wird, am Ende gar keine Popmusik? Aber natürlich ist es welche, nichts anderes, ohne jeden Zweifel. Denn unter alle anderen Musikrichtungen fällt es nicht. Sogar habe ich meine Lieblingsplatten aus anderen Genres, die es auch gibt, nur sind es recht wenige, hier bewusst außen vor gelassen, gerade weil die Popmusik ihre eigenen Gesetze hat.

An folgende Regeln habe ich mich gehalten: Jeder Interpret/ jede Band darf nur mit einem Tonträger vertreten sein, was nicht ausschließt, dass manche Musiker, etwa durch Beteiligung an anderen Bands, auf mehreren Platten vorkommen. In den Besprechungen wird dann regelmäßig auf weitere erwähnenswerte Veröffentlichungen des jeweiligen Interpreten/ der jeweiligen Band verwiesen. Unter Platten werden hier LPs verstanden, also Tonträger mit einer Laufzeit von ca. 30 bis 60 Minuten. Zwischen Vinyl und CD wird nicht unterschieden. Die Fotos zeigen, dass das Vinyl deutlich überwiegt … Ich wünsche gute Unterhaltung auf dieser sehr subjektiven Reise durch die Popmusik!

Geschrieben und publiziert für die Mini-Homepage „N-Pool” (www.npool.de) vom 24.7.-18.9.2005

 

50 Nina Hagen Band (CBS 1978)

Heute wird Nina Hagen vorzugsweise als Rock-Oma tituliert und stolpert von einem peinlichen Nervensägen-Talkshow-Auftritt zum nächsten. Vor 27 Jahren hingegen war sie eine coole und respektlose jungen Frau, die dem Establishment das Fürchten lehrte. Schon in der DDR hatte sie einen ihrer größten Spaß-Hits gelandet: “Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael”. Nach der Übersiedlung in den Westen versammelte sie eine Hand voll Punk-Musiker um sich und spielte diese Platte ein, ihre beste. Der Song “Unbeschreiblich weiblich!” avancierte zur Hymne des Feminismus, das Titelstück “TV-Glotzer” illustriert eindrucksvoll die euphorische Rezeption eines heute abgenudelten Mediums: Fünf Fernseh-Programme und dann noch in Farbe waren für das Mädchen aus dem Osten der pure Wahnsinn.

49 Sting – The dream of the blue turtles (A&M 1985)

Sting in den 80er Jahren – das ist der Inbegriff von Betroffenheitskitsch und nervigem, narzisstischem Weltverbesserertum. Und gehört Sting nicht bis heute zu den notorischen Stadionrockern, die ihr Millionenpublikum nach Belieben zu Klatsch- und Feuerzeugschwenkübungen animieren können?

Das alles ist wahr – und dennoch ist Stings erstes Soloalbum ein brillantes Stück cool eingespielten Jazzrocks. Man denke nur an das pur jazzige Titelstück und den “Moon over Bourbon Street” mit Kontrabassbegleitung. Und auch die Prokowjew-Adaption “Russians” ist nicht übel. Aus seiner Police-Zeit hinübergerettet hat Sting das hier ebenfalls sehr jazzende “Shadows in the Rain”. Kurz: Sting hat noch den Police-Spirit, von dem weiter oben in der Rangliste noch die Rede sein wird.

48 Ton Steine Scherben – Keine Macht für niemand (Volksmund 1972)

Was kann Musik taugen, die sich selbst als Propaganda, als Mittel zur Erreichung politischer Ziele versteht? Manchmal viel, denn künstlerische Brillanz entsteht nicht selten dort, wo sie nicht in erster Linie bezweckt ist. In diesem Sinne vermitteln die legendären ersten LPs von Ton Steine Scherben eine Art Unschuld durch Authetizität. Da wird die Wut herausgebrüllt, dass es eine Freude ist. Diese zweite Platte der Scherben inhaltlich naiv zu nennen, wäre untertrieben. Lieder wie der Schwarzfahrer-Song “Mensch Meier” sind von einer hanebüchenen Absurdität. Und in “Die letzte Schlacht gewinnen wir” wird der politische Kampf schon recht martialisch beschworen, ohne dass die Grenze zum RAF-Sympathisantentum eindeutig überschritten würde. An diesem Punkt wird es allerdings problematisch, denn erfrischend und authentisch waren in ihrem faschistoiden Sinne auch die frühen Onkelz. Und heute sind es die Jungs von Aggro Berlin.

47 Mutter – Ich schäme mich Gedanken zu haben, die andere Menschen in ihrer Würde verletzen (Die Tödliche Doris Schallplatten 1989, Re-Release DEG 1994)

Es ist, soviel kann schon verraten werden, das einzige Hardcore-Album in dieser Rangliste. Hardcore soll hier heißen: lauter, kraftvoller, aber dabei eindimensionaler, stupider Gitarrenrock, vulgo: Schweinerock. Das ist nicht unbedingt meine Musik. Hingegen prallen an der Berliner Hardcore-Band “Mutter” alle gegen dieses Genre erhobenen Vorwürfe ab. Das Kreuzberger Szene-Urgestein überzeugt vor allem auf seinem LP-Erstling aus dem Wendejahr mit fulminanten Songs und originellen Texten. Letztere machen den sehr speziellen Charme der Band aus: immer irgendwie politisch, aber niemals parolenhaft, was im Jahrzehnt des Erscheinens nicht selbstverständlich war und es bis heute nicht ist. Leider besitze ich nicht das damals auf 1000 Stück limitierte Vinyl-Original.

46 Nirvana – Unplugged in New York (Geffen 1994)

Nun, da kommt die nächste Hardcore-Band. Aber dies ist keine Hardcore-Platte. Die berühmteste Pop-Gruppe der 90er hatte kurz vor dem Suizid ihres Frontmans rein akustische Versionen ihrer metal-lastigen Hits für eine MTV-Session eingespielt. Für Nirvana-Fans gehört dies zum unverzeihlichen Ausverkauf. Wer dagegen den stets pathetischen und unironischen Rock-Arrangements der Gruppe immer etwas skeptisch gegenüber stand, entdeckt hier die wahre Songwriter-Qualität der Band. Und vor allem: Die Scheibe kommt ohne “Smells like teen spirit” aus, jenen Protest-Song Nirvanas gegen das Establishment, der es zum weltweiten Nr.1-Hit brachte und dadurch gewissermaßen die Independent-Musik ad absurdum führte. Nach der fünfhundertsten Wiederholung des Videoclips im Musikfernsehen konnte man das Lied einfach nicht mehr hören.

45 YELLO – Claro que si (Ralph Records 1981)

Zu den großen Erneuerern der Popmusik zählt die Schweizer Gruppe YELLO, die auf ihren ersten Platten in den frühen 80ern mit rein synthetischen Klängen und der charakteristisch verfremdeten Stimme ihres Leadsingers Dieter Meier zahlreiche spätere Entwicklungen der Musikszene vorwegnehmen sollte. Vom Debüt-Album “Solid Pleasure” (1980) stammt das nach einhelliger Auffassung erste Techno-Stück der Welt, “Bostich”, in welchem Meier einen atemberaubenden Rap hinlegt. Das hier besprochene zweite Album “Claro que si” übertrifft mit seinem Ideenreichtum und seiner unverbrauchten Originalität seinen Vorgänger noch um einiges. Die Musiker hatten sich Ende der 70er bei Tonaufnahmen in einer Schrottpresse kennen gelernt. Mit dem Ausscheiden des genialen Carlos Peron, von dessen Soloalben später noch die Rede sein wird, verflachte seit Mitte der 80er der Sound der Gruppe allerdings zunehmend. Als revolutionär bleiben vor allem auch YELLOs Videoclips in Erinnerung: Oh yeah. Darubdumdum- diggerdigger.

44 Residents – Eskimo (Ralph Records 1979)

Die amerikanischen “Residents” galten vor allem in den 70ern als wohl bizarrste Popgruppe überhaupt. Ihre vier Mitglieder verbargen bei Auftritten und auf den Plattencovern ihre Gesichter hinter kopfumschließenden Masken, die menschlichen Augäpfeln nachgebildet waren. Bis heute reißen die Spekulationen über die wahre Identität der Musiker nicht ab. Seit den frühen 70ern verstörten ihre seltsamen LP-Veröffentlichungen Fans und kritiker gleichermaßen. Zu obskur waren die zum großen Teil synthetisch produzierten Klänge, oft von versteckten ironischen Kommenmtaren zur gängigen Popmusik durchsetzt. Nicht jeder verstand diese Art von feinem Humor. Die Platte “Third Reich’n Roll”, eine Wagner-Persiflage mit verballhornendem Nazi-Cover, wurde in der BRD verboten. Noch großartiger ist die hier in Rede stehende Arktis-Lautmalerei “Eskimo”. Die Hörer mögen sich warm anziehen!

43 Barbara Gosza Beckett & Buddha (Strange Ways Records 1992)

Von der hier abzuhandelnden Künstlerin lässt sich nicht behaupten, dass sie den Gang der Popmusik erwähnenswert beeinflusst hätte. Das Songwritertum von Barbara Gosza ist klassisch und schlicht zu nennen, es klingt nach Bob Dylan, Leonhard Cohen und Johnny Cash. Ihre übrigen Alben sind auch eher gehobene Hausmannskost, aber auf “Beckett & Buddha” ist ihr gemeinsam mit ihren drei Begleitmusikern etwas gelungen. Vor allem die Violine von Christian Komorowski, von dem später als Mitglied von “Das Holz noch die Rede sein soll, verleiht den Liedern eine eigenwilige Intensität. Barbara Gosza, die ihre Jugend in Chicago, München und Athen verlebte, hat eine eher hohe und doch sehr angenehme Stimme. Das Tempo der Stücke ist ruhig, der Rhythmus gleichmäßig. Dieses Album ist auch nach dem fünfzigsten Mal noch schön anzuhören.

42 Abwärts – Der Westen ist einsam (Phonogram 1982)

Mit der “Neuen Deutschen Welle” vollzog sich um das Jahr 1980 herum ein wichtiger Paradigmenwechsel in der gesamten westdeutschen Popmusik. Der Trend ging – was sich mit Vorläufern wie Lindenberg oder Ton Steine Scherben zuvor schon angekündigt hatte – erstmals zu einer Abkehr von den angelsächsischen Vorbildern hin zur stärkeren Besinnung auf das Eigene, vor allem auch auf die eigene Sprache. Abseits von der kommerzialisierten Spitze des Eisbergs entstand eine erstaunliche Vielfalt höchst innovativer neuer Bands. Zu ihnen gehörte auch die Hamburger Formation “Abwärts”, die ihrem furiosen Debüt “Amok” (1981) den hier vorgestellten Zweitling folgen ließ: Harter, punkiger Gitarrenrock trifft auf lakonische, diffus politisch interpretierbare Texte. Der Eröffnungssong “Beim ersten Mal tut’s immer weh” (zuletzt ausgiebig im Kino in “Gegen die Wand” zu vernehmen) gilt als Evergreen des Undergrounds.

41 Wolf Biermann – Chausseestraße 131 (CBS 1969)

In den 70er und 80er Jahren war der Liederacher Wolf Biermann nicht weniger als ein deutsch-deutsches Politikum. Inzwischen vermarktet er in erster Linie seine Biographie. Zu seinen gelungensten Produktionen zählt diese während der westdeutschen Studentenrevolte im davon unbehelligten Ost-Berlin eingespielte LP, deren Name von der damaligen Wohnadresse des Barden herrührt. In jener Altbauwohnung im Eckhaus Chausseestraße/ Friedrichstraße empfing der Klampfen-Großmeister und notorische Querulant östliche Dissidenten und westliche Besucher und unterhielt diese mit seinen wütenden Tiraden gegen das Regime. Selbst der Stasi, die stets mithörte, war ein Lied gewidmet. Im Hintergrund sind die Gräusche der vorbeiquietschenden Straßenbahn zu vernehmen. Niemand sonst brüllte so glaubhaft gegen “die da oben”: “Die hab ich satt!”

40 – Suzanne Vega – 99.9 F (A & M Records 1992)

Im Zusammenhang mit Suzanne Vega kann ich wohl eine gewisse Voreingenommenheit nicht in Abrede stellen, denn diese Songwriterin lässt sich schwerlich anders als charmant bezeichnen. Dieses Urteil trifft aber in erster Linie ihren charakteristischen Gesangsstil, denn erst dieser komplettiert ihr zartes Gitarrenspiel und ihre zerbrechliche Erscheinung auf das Vollkommenste. Beim ersten Album (1985) klampfte sie noch – allerdings viel leiser und vorsichtiger als etwa Wolf Biermann – allein auf der Gitarre. Der Nachfolger “Solitude Standing” (1987) hatte infolge schauerlich 80er-hafter Keyboards und Synthezizer zwar peinliche Momente, enthielt aber dafür so großartige Songs wie “Toms Diner”, das ihr ein paar Jahre später als zweifelhafter “DNA-Remix” neue Popularität bescherte. Der künstlerische Höhepunkt war dann aber “99.9 F”, auf dem sie sehr geschmackvoll und diskret mit elektronischen Effekten experimentierte. Als erste Worte haucht sie ein: “Excuse me, if I turn your attention …”

39 Carla Bruni – Quelqu’un m’a dit (Naive 2002)

Gegen Carla Bruni spricht einfach alles: Großindustriellentochter, früheres Partygirl an den Stränden der Cote d’ Azur, langbeiniges Supermodel, von dem schon 1996 ein Kaufvideo über seine angeblich rein privaten Seiten in der Serie “Die schönsten Frauen der Welt” erschienen ist – in einer Reihe mit den Damen Schiffer, Campbell und Co. Und nicht zuletzt kursieren von ihr vermutlich Hunderte äußerst freizügiger Fotos … All das würde hier nicht die Bohne interessieren, hätte sie nicht vor drei Jahren eine CD veröffentlicht, auf der sie in kargen Arangements, selbst akustische Gitarre spielend und nur von drei bis vier zurückhaltend agierenden Instrumentalisten begleitet, selbstverfasste französische Chansons vorträgt. Und das so hinreißend stilsicher, so überwältigend schön, wie man es selten gehört hat. Es ist schon verrückt: Was fast alle anderen Musiker im ganzen Leben nicht zustande bringen, gelingt einem Supermodel beim ersten Versuch.

Platz 38 OP8 – Slush (Thirsty Ear Recordings 1997)

Manchmal machen Musiker etwas außer der Reihe, scheinbar nur zum Spaß. Und aus dem Beiläufigen entsteht etwas Großes, das alles Reguläre weit in den Schatten stellt. So geschehen bei der Veröffentlichung von “OP8”, worunter sich die nur auf diese Produktion beschränkte Zusammenarbeit einiger Bandmitglieder der amerikanischen Wüstenrocker Giant Sand mit der hinreißenden Chanteuse Lisa Germano verbirgt. Auf diesem Album findet sich eine bunte Zusammenstellung unterschiedlichster Klangjuwelen, von der Chanson-Adaption bis zum Jazz. Nirgendwo sonst kommt die samtweiche Stimme der Germano so vollendet zur Geltung, ohne sich jemals der Kitschnähe oder Überladenheit mancher ihrer anderen Produktionen anzunähern. In ihren stärksten Momenten wirkt diese Platte wie nicht von dieser Welt.

Platz 37 Bob Marley and the Wailers – Legend (Island 1984)

Gewiss ist es phantasielos und oberflächlich, die Best of-Compilation eines Musikers zu seinen Lieblingsplatten zu zählen. Wer etwas mag, der wird sich auch die regulären Scheiben zulegen. Seltsamerweise habe ich im Falle Bob Marleys aber nie diesen Drang gespürt, obwohl ich “Legend” sehr schätze. Es liegt darin wahrscheinlich eine besondere Sentimentalität: Wenn es in den Sommermonaten der frühen 90er – vielleicht ist es jetzt auch noch so? – einen inoffiziellen Soundtrack gab, auf den sich die Rucksacktouristen aus aller Herren Länder (und längst nicht nur die Kiffer) einigen konnten, dann waren es diese berühmtesten Reggae-Songs. Sie vermitteln ein unübertreffliches, ja unübertreffbares Gefühl von vollständigster Entspannung und Glückseligkeit. Allerdings klappt das nur, solange die Sonne scheint. Anders gesagt: Bei Regen kannst du Bob Marley “in die Tonne kloppen”.

36 Sisters of Mercy – First and last and always (WEA 1985)

Ähnlich der vorherigen Platte vermittelt auch diese nicht weniger als ein eigenes Lebensgefühl. Die “Sisters” gelten als die Begründer dessen, was man heute “Gothic-Szene” nennt. Musikalisch genießbar sind sie vor allem in ihren Anfängen, als sie eine Art satanistischen Garagenrock fabrizierten, den sie auf Maxi-Singles vertrieben, darunter so legendäre Songs wie “Temple of love”. Mit ihren regulären Studienalben erhielten sie professionelle Producer, was ihren Abstieg in unerträgliche Kitschregionen besiegelte. Den Übergang zwischen beiden Phasen und zugleich den Gipfel an Kreativität markiert “First and last and always” mit dem grandiosen Opener “Black Planet”. Zu diesen Klängen verwandelt sich die ganze Welt in eine schwarze Orgie. Schon ein Album später verderben pathetische Chöre und Synthesizer die karge gruftige Anmut – und der Einzug in die Hitparaden gelingt.

35 Florida – Bob and Veronica’s big move (Whipwray Music 2001)

Dies dürfte unter allen hier vorgestellten Platten die bei weitem Unbekannteste sein. Sie war nie im regulären Handel erhältlich, wurde nur von den Musikern auf ihren Konzerten verkauft. Ein solches erlebten wir im Sommer 2003 im Weddinger Club “Holz und Farbe”. Vielleicht 30 faszinierte Zuschauer lauschten den seltsamen Klängen der britischen Band, einem Mix aus dunklem Ambient, wohl dosierten Jazztrompetenklängen und der wunderbaren Stimme der charismatischen Sängerin Annie Gilpin. Wie ich erfahren habe, war ihre Deutschland-Tournee insgesamt ein Flopp. Die Gruppe spielt wohl auch nicht mehr zusammen. Das ist sehr schade, denn in diesem Genre habe ich abgesehen von Portishead, von denen noch die Rede sein wird, nie stärkeres gehört. Ich bedaure besonders, mir am Konzertabend nicht noch die zweite CD der Band gekauft zu haben.

34 Dead Can Dance – Within the Realm of a dying Sun (4AD 1987)

Zunächst einmal ist das kleine Londoner Label 4AD zu rühmen, das sich große Verdienste um die geschmackvolle Popmusik erworben und hinsichtlich der künstlerischen Gestaltung von Schallplatten-Covern Maßstäbe gesetzt hat. Zu seinen Flaggschiffen zählte neben Bands wie den legendären Pixies (von denen hier noch zu hören sein wird) oder den Throwing Muses auch das sehr seltsame Duo “Dead Can Dance”, das seit Mitte der 80er Jahre mit einer eigenwilligen Synthese aus Dark Wave- und exotischsten Ethno-Klängen bei überwiegend klassischer Instrumentierung auf sich aufmerksam machte. Unterstützt von Violinen, Celli, Posaunen und Bläsern, aber auch immer wieder mit behutsamen elektronischen Verfremdungen, dabei die glasklare Stimme der Sängerin Lisa Gerrard eindrucksvoll zur Geltung bringend, ließen sie intensive Stimmungsbilder entstehen, die wohl nur deswegen überhaupt als Pop wahrgenommen wurden, weil sie sich so gut als musikalische Untermalung für schwarze Messen und anderen Szene-Firlefanz eigneten. Das Album “Within the Realm” stellt einen ihrer Höhepunkte dar.

33 John Parish & Polly Jean Harvey – Dance Hall at Louse Point

P.J. Harvey ist eine Furie von einer Sängerin. Alle ihre Veröffentlichungen haben Klasse, aber nirgendwo schreit, kreischt, keucht sie so aus Leibeskräften wie im dritten Song des ursprünglich für ein Tanztheaterstück geschriebenen Albums “Dance Hall at Louse Point”. Wer dieses Stück, “City of no sun”, erlebt, findet wohl nur bei Schiller die adäquaten Assloziationen:” Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz”. Natürlich sind auch die anderen Lieder sehr in Ordnung. Polly rockt und singt, in unterschiedlicher Phonstärke, aber immer rau, niemals süß. Vom Debüalbum “Dry” (1992) bis zu Uh Heh Her im vorigen Jahr hat sie ihr Niveau gehalten. Und besonders gerne erinnern wir uns an ihr Musikvideo mit Nick Cave, auf den ich später noch ausführlich zu sprechen komme.

32 R.E.M. – Document (I.R.S. 1987)

R.E.M. werden die meisten mit ihren Weltbestsellern der 90er Jahre in Verbindung bringen, mit Stadionmitgröhlliedern und Millionenplattenverträgen. Nun ist tatsächlich einzuräumen, dass sich R.E.M. im Gegensatz zu vielen anderen ihren Ruhm redlich verdient haben. Sie sind noch immer eine gute Band. Wirklich bedeutend, weil noch frisch und unverbraucht, klangen sie aber insbesondere in ihrer Indie-Phase, also vor ihrem Wechsel zum Major-Label Warner (1989). Und so können ihre Platten seit der ersten Mini-LP “Chronic Town” (1982) auch sämlich mit filigranem Gitarrenrock, Michael Stipes kraftvoller hoher Stimme und vor allem sehr melodienreichen Songs überzeugen. Herauszuheben sind das sehr behutsame “Fables of the reconstruction” (1985) sowie das hier in Rede stehende fünfte Album “Document” – vor allem wegen eines Songs, der erst Jahre später infolge Abnutzung unverdientermaßen in die Klischeeecke abdriftete: “It’s the end of the world as we know it (and I feel fine)”

31 The Police – Outlandos d’ Amour (A& M 1979)

Wie viele andere Bands, die nur wenige Jahre bestanden, in dieser Zeit aber äußerst produktiv und innovativ waren, werden “Police” gerne als “legendär” bezeichnet. Es war die Zeit des “New Wave”, zu dessen deutscher Variante sich die NDW entwickelte. In England wurden damals viele exotische Einflüsse in den Mainstream-Pop integriert, so der Ska bei Madness (werden noch besprochen) und eben der Reggae bei Police. Am stärksten von allen fünf Police-Alben (1979-1983) ist das Debüt “Outlandos d’ Amour” vom Reggae dominiert. Ihm verdanken wir so unvergessliche Hits wie “Roxanne”, “I can’t stand loosing you” und vor allem das unübertreffliche “So lonely”, bei dem wir uns auf unseren Oberstufen-Parties die Kehlen heiser gebrüllt haben. Im übrigen war Sänger Sting zu seiner Police-Zeit noch ein wilder Geselle – mit Exzessen aller Art. Man glaubt es heute wirklich nicht mehr …

30 Ringsgwandl – Trulla Trulla (Trikont 1989)

Ein wenig deplatziert wirkt er schon in dieser Liste – der schräge Vogel aus Bayern, der singende Kabarettist, der dafür seinen Job als Oberarzt in einem Krankenhaus an den Nagel hängte. Was hat er also zu suchen unter den Pop-Heroen, wo er doch nur perfide Albernheiten anbieten kann? Nichts ist sein eigenes, immer macht er sich nur über das der anderen lustig. Das Erstaunliche ist: Seine anarchichen Adaptionen, sein widerborstiger Trash haben mehr Originaliät und sogar – ganz nebenbei – musikalischen Gehalt als das Schaffen der meisten seiner Musikerkollegen zusammen. Seine zweite LP, “Trulla Trulla” geriet ihm zum Meisterstück. Vor allem ist er aber auch ein begnadeter Texter; mit wenigen treffenden Zeilen trifft er in bajuwarischer Lakonie den jeweiligen Nagel auf den Kopf: Du willst “Ka Aids net kriagn”, es sind “Wuide unterwegs” und am Ende kannst du “Nix mitnehma”.

29 Torfrock – Dat matscht so schön (RCA 1977)

Mit diesem Album und dieser Band ist zweifellos der Höhepunkt an Unernsthaftigkeit in dieser Liste erreicht. Wie anders denn als “Blödelrock” kann man diese Musik nur bezeichnen, die außerhalb Norddeutschlands vermutlich kaum verstanden würde und sich aus einem Mix aus verballhornter Germanenfolklore, einem spezifischen Säuferhumor, teilweise plattdeutschen Texten und Cover-Versionen damals schon jahrzehntealter Rock’n Roll-Nummern zusammensetzt. Dieses Konzept nutzte sich im Laufe der Jahre rasch ab. Auf ihren ersten beiden LPs entwickelten Torfrock jedoch nicht weniger als eine gänzlich eigenständige Variante eines deutschen Folkrocks, manchmal möchte man – im Hinblick auf die später noch zu besprechenden “Pogues” oder “Ukrainians” fast sagen: Folkpunks. Sie gehörten wohl zu den ersten, die mittelalterliche Instrumente mit knochentrockenen E-Gitarren kreuzten. (Siehe dazu aber auch den weiter oben gelisteten Achim Reichel.) Und schließlich ist ein blasphemischeres Lied über das Christentum als “Rollos Taufe” wohl nie geschrieben worden – und das noch zwei Jahre vor Monty Pythons “Leben des Brian”.

28 Haindling – Stilles Potpourri (Deutsche Grammophon 1984)

Lange bevor Haindling alias Hans Jürgen Buchner die Soundtracks zu unzähligen Vorabendserien lieferte und in seiner Nische überaus geschäftstüchtig agierte, brachte er seine ersten Platten auf den Markt. Sie waren eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und enthalten einen bis dahin nie gehörten Typ von dezent verpoppter Blasmusik – zwischen volkstümlicher Schlichtheit und coolem Jazz. Besonders auf dem zweiten Album “Stilles Potpourri” besticht Haindling zudem durch eine einzigartig skurrile mundartlich-bayrische Textdichtung: So gerät das erste Stück “Mo mah du” ebenso zur phantastischn Lautmalerei wie der wohl jazzigste Haindling-Song ever, der nur mit Schlagzeug, Bass und Saxophon instrumentierte Single-Hit “Du Depp”. Das grandiose Saxophon-Solo in letzterem wird Haindlings unvergessliches Markernzeichen bleiben.

27 Hope Sandoval & The warm Intentions – Bavarian Fruit Bread (Rough Trade 2001)

Lange Jahre galt Hope Sandoval lediglich als die betörende Chanteuse an David Robacks Seite, welche von 1990 an in der Formation “Mazzy Star” – von ihr soll noch die Rede sein – die nicht minder charmante Kendra Smith ersetzte, mit welcher Roback in der Gruppe “Opal” erstmals seinen zähen, zeitlupenhaften, fast kann man schon sagen: psychedelischen Musikstil exponierte. Doch die Geister, die Roback rief, verselbständigten sich auf wundersame Weise. Hope Sandoval präsentierte im noch jungen Jahrtausend ein Soloalbum, das die Werke ihres Meisters punktuell noch übertreffen sollte. Nach rauen Einschüben oder auch nur Kontrasten sucht man hier vergeblich. Diese CD entlässt den Hörer in einen Zustand vollkommener Entrücktheit. Wo sonst kann Popmusik auf vergleichbare Weise, bar jeder Kontrapunktierung, in vollendeter Schönheit erblühen ohne auch nur im Entferntesten einen Absturz in die seichte Beliebigkeit befürchten zu müssen?

26 Leonard Cohen – Songs of Leonard Cohen (CBS 1966)

Vor diesem Groß- und Altmeister des Songwritings kann man sich nur verneigen. Da mögen sich alle Musik-Produzenten dieser Welt über die Vorzüge und Gefahren dieser oder jener Arrengements ergehen. Ein Leonard Cohen hat all das nicht nötig. Seine Songs, allen voran die auf seinem Debüt-Album von 1966, erzielen mit dem geringstmöglichen Aufwand die immenseste Wirkung. Seine Stimme brummt, nuschelt, manchmal haucht sie nur, schlichte und ergreifende Sentenzen von der Vergeblichkeit der Dinge wie vom kurzen, unwiderrufbar verlorenen Moment des Glücks. Jede Aufgeregtheit wäre hier fehl am Platze, ein forcierteres Tempo gar gänzlich undenkbar. Die hohe Qualität seines Erstlings konnte er später zwar nicht ganz, doch immerhin fast im Jahre 1988 mit seinem grandiosen Comeback-Album “I’m your Man” erreichen, dem auch die Cohen-untypische Überproduktion jenes Songs nichts anhaben konnte, der schon bald in die Riege seiner Klassiker aufsteigen sollte: “First we take Manhattan”. And than we take Berlin.

25 Breeders – Pod (4AD 1990)

Die zahllosen Nebenprojekte der Mitglieder der Pixies sind längst Legende. Doch nicht erst nach dem spektakulären Zerwürfnis zwischen Leadsinger Black Francis (später solo unter “Frank Black” firmierend) und der Bassistin Kim Deal, sondern bereits mitten in den goldenen Pixies-Jahren erblickte die erste Breeders-Platte das Licht der Welt: “Pod” vereinte ein sich feministisch gerierendes Frauen-Quartett, zu dem neben Kim Deal auch, aber nur für diese eine Platte, Tanya Donelly von den “Throwing Muses” zählte (als deren Vorgruppe die Pixies einst begannen). Nur zwei weitere Breeders-LPs sollten noch folgen: Das ziemlich poppige und sich auch kommerziell rentierende Canonball (1993) und dann nach langer Pause das begnadete, noch einmal in jeder Hinsicht großartige “Title t.k.” (2002). Verglichen mit den Nachfolgern ist “Pod” ein ungeschliffenes Juwel, ein furioses Rockalbum, das – und das ist nicht zu hoch gegriffen – einige der besten Pixies-Tugenden in sich vereint. Insbesondere ist das Stück “Opened” ein Gigant von einem Song.

24 Das Holz – Alles was wir brauchen, sind zwei Geigen und ein Schlagzeug (Trikont 1995)

Überaus heikel ist für gewöhnlich die Synthese aus Pop und klassischer Musik. Wenn Tenöre wie Popstars in Stadien singen oder sich Orchester zur Intonierung von Popsongs hergeben, atmet das ganze meist die Peinlichkeit einer ungehemmten Kommerzialität. Den umgekehrten Weg gingen “Das Holz” in ihrer spartanischen Melange von halb klassisch, halb folkloristisch anmutenden, rein instrumental gehaltenen Stücken, die auf ihrem Debütalbum sämtlich nach weiblichen und männlichen Vornamen benannt waren. Mit ihrer programmatischen Instrumentierung waren “Das Holz”, was leider nur wenigen Käufern und einer Hand voll Rezensenten aufgefallen ist, zudem ausgesprochen experimentell, ja revolutionär. Sie haben Acts wie die späteren “Apokalyptika” (als deren Vorgruppe sie in Konzerten dann spielen durften) um Jahre vorweggenommen und überdies in puncto Spielwitz und Raffinesse der Kompositionen deutlich in den Schatten gestellt. Nach nur zwei weiteren, ebenfalls sehr gelungenen Alben war dann leider Schluss.

23 The Smiths (Rough Trade 1984)

Altmeister Farin Urlaub (dessen etatmäßige Combo “Ärzte” in dieser Liste nicht vertreten ist) brachte es ironisierend auf den Punkt: “Unsere Tage waren einsam … und unsere Hemden waren schwarz … und wir tauschten tief betrübte Blicke aus … und immer wenn wir traurig waren (und traurig waren wir ziemlich oft) … ja, dann hörten wir die Smiths.” Auch hier haben wir wieder Popmusik als eine Lebenshaltung. Zwischen 1984 und 1988 entrannen der Feder des singenden britischen Existenzialisten Morrissey mehr als ein Dutzend unsterbliche Hymnen des Indie-Pops. Gewiss fanden sich auch besonders zahlreiche Höhepunkte auf “The Queen is dead” (1986), etwa das ob seiner charmanten eingefügten weiblichen Gesangsparts besonders bezaubernde “Bigmouth strikes again”. Doch blieb der Schmitzens Debut-Album mit dem programmatischen “Pretty girls make graves”, den Schwulen-Songs “This charming man” und “What difference does it make?” oder dem furiosen “Hand in gloves” am Ende der unübertreffliche Klassiker. Gitarre, Bass, Schlagzeug und einen charismatischen Sänger – mehr brauchte es nicht für diese Art von Generationenpop.

22 Mazzy Star – She hangs brightly (Capitol 1990)

Ihren ganz großen Klassiker schufen David Roback und die damals so blutjunge wie betörende Hope Sandoval mit dem Erstling ihrer Formation “Mazzy Star”. Nun kennzeichnet alle ihre Veröffentlichungen ein spezifischer Popmusik-in-Zeitlupe-Ansatz, doch “She hangs brightly” klingt nicht nur wie aus anderen Welten, sondern auch wie aus gänzlich anderen Zeiten: Die Sechziger sind es, die hier anklingen, aber nicht die fröhlichen der Beatles, sondern die vielleicht wilden, aber jedenfalls immer psychedelischen. Bereits mit dem Vorgängerprojekt “Opal” hatte Robeck gemeinsam mit der Chanteuse Kendra Smith nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht. Doch erst mit der unvergleichlichen Hope Sandoval am Mikrophon gelang der Ausbruch in ein neues und ganz und gar eigenes Popuniversum.

21 – Nick Cave and the bad Seeds – Tender prey (Mute 1988)

Eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit bewies über die Jahre der australische Pop-Poet und Roman-Autor Nick Cave. Angefangen hatt er – es muss in den späten Siebzigern gewesen sein – als Frontman der legendären Punk-Formation “Birthday Party”, deren Berühmtheit sich eher krachend-brachialen Auftritten als subtilen musikalen Arrangements verdankte. Seit seinem Duett mit Glamour-Popstar Kylie Minogue (1995) – das blutig-schöne Video zählt bis heute zu den Klassikern des Genres – erwarb er sich zunehmend einen Ruf als allseits geschätzter Songwriter, dessen Platten aber stetig an Qualtät verloren. Seine beste Zeit hatte Cave fraglos zwischen Punk und Kylie, in den Achtzigern, als er mit seinen “Bad Seeds” von West-Berlin aus ein Stück international konsensfähigen Underground verkörperte. Auf “Tender prey” findet sich alles, was Nick Cave in seinen besten Momenten auszeichnet. “The Mercy Seat”, “Up jumped the devil” “City of Refuge” – das ist Musik für Freunde des pechschwarzen Dark Wave.

20 Madness – One step beyond (Stiff 1979)

Zu den skurilsten Erscheinungen der Popkultur zählte sicher die Ska-Welle, die Großbritannien in den späten Siebzigern überschwemmte. Schwarz und Weiß waren die Farben der “Two Tone Music” und besonders seltsam mutete der Armeverrrenkungs- und Knieverbiegungstanz an, wie er von den verbiebenen versprengten Ska-Anhängern – davon konnte sich der Verfasser auf einem einschlägigen Konzert überzeugen – heute noch gepflegt wird. Dass unter anderem auch rechtsradikale Skinheads diese Musik für sich entdeckten, was eventuell mit dem gemeinsamen jamaikanischen Ursprung von Ska- und Skin-Mode zusammenhängt, kann angesichts der dieser Musik eigenen Universalität und Lebensfreude nur ein hartnäckig gepflegtes Missverständnis sein. Kurzum: Die epochalste Band dieser Epoche war Madness, ihr Meisterwerk ihre Erstveröffentlichung “One step beyond” und  ihre Wirkung hielt noch mehrere Jahre und Platten lang an. Noch in den 90ern gab es mehrere Rivival-Alben und ebensolche Konzerte im Wembley-Stadion, die der Band eine Popularität bescherten, die sie in ihrer eigentlichen Wirkungsperiode gar nicht hatte: the heavy nutty sound of Madness.

19 Einstürzende Neubauten – Zeichnungen des Patienten O.T. (Some Bizarre 1983)

Unter Popmusik wird sich wohl jeder anderes vorstellen als ausgerechnet das Frühwerk der Einstürzenden Neubauten. Das eigentliche Wunder liegt darin, dass ein solcher avantgardistischer Krach, die Musik- oder vielmehr Klangerzeugung aus Maschinenlärm, Elektrogeräten und anderen Utensilien der modernen urbanen Massenkultur unter der Rubrik “Pop” firmieren konnte und es so weit über die Beachtung in versponnenen Insiderzirkeln hinausgebracht hat. Maßgeblichen Anteil daran hat der charismatische, in jenen wilden Gründerzeiten sich schreiend, röchelnd, gurgelnd permanent verausgabende Frontman der Band, Blixa Bargeld. Insbesondere das hier besonders hervorzuhebenden zweite reguläre Studioalbum beschwört in grellsten Tönen die dem damaligen Zeitgeist entsprechende nahe bevorstehende Apokalpse. Zwar gibt es hier – aus heutiger Sicht vielleicht befremdlich – keine Spur von Ironie oder Humor, alles ist sehr pathetisch und doch unvergleichlich gut. Das Motto der Scheibe: “Destruction is not negative, you must destroy to build.”

18 Udo Lindenberg – Alles klar auf der Andrea Doria (Telefunken 1973)

Zwei Udo Lindenberg-Platten gehören zu den Sternstunden der deutschen Popmusik: zum einen der “Ball Pomös” (1974) mit den Klassikern “Jonny Controlletti” und “Rudi Ratlos” und zum anderen der hier vorgestellte maritime Zweitling. Man muss allerdings, will man seine ungetrübte Freude daran haben, die drei folgenden durchwachsenen Udo-Jahrzehnte mit einigen Lichtblicken, aber auch diversen Peinlichkeiten, geflissentlich ausblenden: Der frühe, unverbrauchte Udo singt hier mit hoher Fistelstimme, jazzt und rockt überaus mitreißend und textet meisterlich. Selten sind in Deutschkland schönere Liebeslieder geschieben worden als “Cello” oder auch “Mädchen aus Ost-Berlin”. Ein bärenstarker Pubertäts-Song ist “Er wollte nach London”. In jenen Jahren gab Udo dem SPIEGEL ein Interview, in welchem er sich gegen den Vorwurf zu rechtfertigen hatte, mit seiner Musik Randale anzuzetteln. Wirklich kaum zu glauben, dass der mal jemanden erschrecken konnte. </P>

17 The Pogues – Red roses for you (Stiff 1984)

Es gab mehrere Phasen in der Pop-Geschichte, in denen Folk-Musik angesagt war. Den Folk-Punk aber begründeten maßgeblich die irischen Pogues. Damals war Irland – man kann es sich heute fast nicht mehr vorstellen – eine Art Armenhaus Europas. Und die Pogues waren die Lumpenproletarier, die versoffenen Bohemians, die gegen all die Erniedrigungen, denen sie ausgesetzt waren, rabiat und energisch, doch immer auch mit Hang zum Komischen ansangen- und spielten. Ihre Klassiker sind die ersten drei Scheiben, ihr größter Wurf das Debut “Red roses for me”. Plötzlich waren Banjos, Flöten und andere folkloristischer Instrumente dem treibenden Beat untergeordnet. Alte Traditionals waren in diesem Tempo und der rockigen Einspielung, respektive der Punk-Attitüde, kaum wiederzuerkennen. Jedes zweite Lied handelt von Whiskey. Der schönste Song sind die “Boys from the County Hell”.

16 Carlos Peron – Nothing is true, everything is permitted (Kristall 1984)

Der Schweizer Carlos Peron war der kreative Kopf der frühen YELLO. Bereits parallel zu letzteren veröffentlichte er 1981 mit “Impersonator” sein erstes Soloalbum – eine der kuriosesten Platten der Popgeschichte, ein bis heute nur als Vinyl erhältliches Sammlerstück. Etwas abgeschwächt gilt dies auch für seine zweite Veröffentlichung “Nothing is true” – nur ist sie musikalisch noch um einiges komplexer – ein furioser Geniestreich, ein Meisterwerk der elektronischen Musik. Mit den damaligen, verglichen mit heute primitiven Mitteln der synthetischen Klangerzeugung bewirkte Carlos Peron ganz und gar Erstaunliches. Er erschuf Laute, die wohl nie zuvor ein menschliches Ohr vernommen hatte. Die Titel seiner auch auf menschliche Stimmen weitgehend verzichtenden Klangjuwelen lauten “Normenausschuss” oder “Go To Hell”. Únd mit “Golden Shower” antizipiert er hier bereits seine spätere Karriere als Lieblingskomponist der Fetish und S/M-Szene. Erwähnung verdienen ferner seine gelungenen Literaturvertonungen in den frühen Neunzigern. Doch nichts von seinem seither umfangreichen Schaffen kann seinen ersten beiden Vinyls das Wasser reichen.

15 Nico – Drama of Exile (Aura 1981)

Lange bevor sie diese Platte aufnahm, war die deutsche Chanteuse Christa Päffgen alias Nico weltberühmt. Eher zufällig wurde sie 1966 den amerikanischen “Velvet Underground” vermittelt, die für ihre LP noch eine weibliche Stimme benötigten. Nach der Platte warfen sie Nico rasch wieder aus der Band. Später wurde “The Velvet Underground & Nico” dann zum Alltime-favoriten aller Musik-Kritiker. Die schöne Nico, die damals Fotomodel und Schauspielerin war, veränderte irgendwann in den 70ern ihr Image radikal. Ihre Solo-Platten wurden zusehens düsterer, ihr Outfit immer schwärzer und schockierender. Das Heroin bestimmte ihr Leben und trieb sie vermutlich auch Ende der 80er in den viel zu frühen Tod. Absolut herausragend unter ihrem halbem Dutzend Solo-Werken war “Drama of Exile”, stilistisch ein atemberaubender Flirt von Dark/ Wave mit Elektronic. Ihr Gesang erreichte in Liedern wie “Purple Lips”, “One More Chance” oder “Sixty Forty” eine Eindringlichkeit und Ausdruckskraft, die schlichtweg ihresgleichen sucht.

14 Portishead – Dummy (Go! 1994)

Eine neue Musikgattung wurde 1994 mit diesem Album geboren, der Trip Hop. Hiermit wurde, könnte man sehr subjektiv und zugleich sehr polemisch anmerken, der Beweis erbracht, dass all der Hip Hop, mit dem wir seit zwei Jahrzehnten überflutet werden, doch zu etwas nützlich ist, nämlich zur formalen Unterstützung dieses geheimnisvoll groovenden und gedankenverloren dahinschwebenden Sounds, der gleichzeitig eine Erdigkeit vermittelt, wie wir sie sonst nur vom Blues kennen. Freilich kamen Portishead, die dreiköpfige Band aus England mit der einfach überwältigenden Sängerin Beth Gibbons, nicht aus dem Nichts. Der Schritt zum Trip Hop lag zu jener Zeit in der Luft, wie etwa auch das famose Album “Souldier” (ebenfalls von 1994) der deutschen Kastrierten Philosophen zeigt, von denen noch ausführlich die Rede sein wird. Allein der Stern von Portishead verglühte schnell. Ein nicht ganz so starkes Studio- und ein von den Londoner Symphonikern auf dem Gipfel ihrer Popularität eingespieltes Livealbum später wurde das revolutionäre Projekt sang und klanglos begraben – und fand Eingang in den Himmel der unsterblichen Popmusiken.

13 The Cure – Boys don’t cry (Fiction 1979)

Sie sind die Giganten des gruftigen Dark Wave schlechthin, zugleich auch dessen Prototypen. Dabei fanden sie von Anfang an mühelos Anschluss an den Mainstream-Pop, ohne sich jemals selbst zu verraten. Das eigentliche Meisterwerk der Cure sind die hier vorgestellten rohen und ungeschliffenen Demo-Versionen der Stücke ihres Debut-Albums “Three imaginary boys” (1978), die unter dem Titel ihres ersten epochalen Single-Hits erschienen. Hier sind Robert Smith und seine Mitstreiter ganz in ihrem Element, der lakonischen Düsternis. Smiths hohe Stimme scheint dabei mit ihrer trockener Monotonie oft die gelegentlich dramatischen Eskapaden der Instrumente etwas ausbremsen zu wollen. Nachahmer haben The Cure in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten viele gefunden, Vorbilder für ihren sehr eigenwilligen Stil, der auch immer  ein sehr spezifisches Lebensgefühl vermittelt, lassen sich kaum ausmachen. Sie haben sich aus sich selbst erfunden.

Platz 12 Notwist – 12 (Community 1995)

Welch eine unbeabsichte Ironie, dass “12”, das fulminante Highlight der bayrischen Indie-Legende The Notwist hier ausgerechnet auf Platz 12 gewürdigt wird. Angemessen wäre es, von einer Trilogie der Meisterwerke im Schaffen der Weilheimer zu sprechen, die von “12” (1995) eröffnet, mit “Shrink” (1998) fortgesetzt und mit “Neon Golden” (2002) vorläufig abgeschlossen wurde. Die Wandlungsfähigkeit der Ausnahme-Musiker ist phänomenal: Sie begannen als beinharte Metal-Combo und öffneten sich erst auf “12” dem melodischen-Idipop, nicht ohne mitunter schwermetallene Kontrapunkte einfließen zu lassen. Dies verleiht “12” einen so unwiderstehlich krachenden Charme, dass es selbst die weitaus filigraneren Nachfolger in den Schatten stellt. Gleichwohl ist hier auch “Shrink” als ein ganz außerordentliches, vermehrt auf Jazzelemente (so die unwiderstehlichen Bläsereinsätze) zurückgreifendes Konzeptalbum zu rühmen. Und dass auch ein paar diskrete Dancefloor-Einflüsse das Notwist-Oeuvre zum Vorteilhaftesten erweitern können, beweist der jüngste Geniestreich “Neon Golden

11 Björk – Medulla (One little Indian 2004)

Ein Risiko ist es allemal, eine Veröffentlichung, die gerade erst ein Jahr zurückliegt, zu seinen Favoriten zu zählen. Was wirklich gefällt, erweist sich in der Regel erst nach gebührendem zeitlichen Abstand, wenn nach dem ersten Sympathieschub der ewig lauernde schnelle Überdruss zuverlässig ausbleibt. Bei einer Künstlerin wie Björk stellt sich hingegen nur die Frage, welche ihrer akustischen Perlenketten hier hervorzuheben wäre. “Homogenic” (1998) käme in Betracht, das entgegen dem Titel mit Extravaganzen wie dem grandiosen Techno-Stück Pluto überzeugen kann. Auch “Post” (1995), ihr zweites Soloalbum (wenn wir ihre Kindheits-LP von 1977 herauslassen) mit dem jazzigen “It’s oh so quite”. Doch mit Medulla, auf dem keinerlei Instrumente, nur menschliche Stimmen Verwendung finden (ohne dass sich “Alcapella” als Umschreibung anböte) schießt Björk gleichsam den avantgardistischen Vogel ab. Kurios genug, um alle Hörgewohnheiten in Frage zu stellen, und doch eingängig genug um als adäquates Pop-Album durchzugehen: Mit Medulla hat sich Björk, die regelmäßig auch als souveräne Selbstdarstellerin in ihren Musikvideos brilliert, noch einmal selbst übertroffen.

10 Tocotronic – Digital ist besser (L’age d’or 1995)

Tocotronic machten Gefühlsmusik, die sich einem sehr speziellen Empfinden von Jugendlichkeit verdankte. Dass sie derzeit noch immer Platten unter ihrem Bandnamen veröffentlichen, ist eine Art Etikettenschwindel, denn all das, was Tocotronic ausmachte, gibt es dort nicht mehr: die wilde Wut über die Vereinnahmungen, egal von wem und woher; den krachenden Dilettantismus in der gitarrenrockigen Musik; das ewig anklagende Unbehagen an einer als hoffnungslos oberflächlich wahrgenommenen Umgebung. Kein Mensch kann sowas ewig durchhalten, jeder wird irgendwann in einem sehr resignativen Sinne erwachsen. Doch wer die frühen Tocotronic-Platten hört, insbesondere den hier herausgestellten Erstling oder die ebenfalls bärenstarke “Es ist egal, aber” (1997), dem wird recht bald wieder klar: “Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen”. Und es ist in einem gänzlich unnostalgischen Sinne wie früher …

9 Wedding Present – Ukrainski vistupi v Iwana Peela (Reception 1989)

Ein grandioses Husarenstück im buchstäblichen Sinne gelang den britischen Indierockern von Wedding Present mit dieser Einspielung ukrainischer und russischer Volkslieder im rockigen und punkigen Gewand. Ideengeber war Gitarrist Peter Solowka, der nach dem Erfolg dieses Albums bei Wedding Present ausstieg und die Ukrainians gründete, welche diesen Stil auf mehreren weiteren, ganz vorzüglichen Platten fortsetzten. Deren Höhepunkt war die Maxi-Single “Pizni iz The Smiths”, auf welcher sie vier Smiths-Klassiker hinreißend in den ukrainischen Folk-Punk transformierten. Doch blieb das noch als Wedding Present firmierende Einstiegswerk in den Folklorepunk in seiner musikalischen Dichte und Geschlossenheit von den Nachfolgern unerreicht. Fast konnte man glauben, die Lieder wären ganz allein für diese feurigen Interpretationen mit treibenden Drums und Gitarrenunterstützung geschrieben worden. Die Synthese zwischen westlicher und östlicher Instrumentierung gelingt perfekt.

8 Tom Waits – Bone machine (Island 1992)

Eigentlich hat jede Tom Waits-Platte etwas von einer Orgie, aber auf “Bone Machine” trifft dies ganz besonders zu. Sie markiert für Waits den Übergang aus den rockig-bluesisch-eklektizistischen 80ern (die den eher jazzig-balladesken 70ern folgten) in die nicht nur stimmlich ins Äußerste gehenden-industrialoiden 90er. Selten hat man Tom Waits so brüllen, kreischen, gurgeln, röcheln gehört wie auf diesem Album, selten aber auch hatten seine Balladen (ohne die es auch hier nicht geht) soviel Unbedingtheit und existenzielle Tiefe: “We all gonna be just dirt in the ground”. Doch selbst die aktuellen Veröffentlichungen des Meisters haben noch Größe. Auf der jüngsten “Real gone” baut er sogar ein paar Hip Hop-Zitate und einen Reggae-Song ein, ohne dabei den Karren vor die Wand zu fahren. Wer Tom Waits-Platten zu seinen Begleitern zählt, hat niemals im Leben ganz verloren – auch wenn er sonst alles verloren hat.

7 Phillip Boa & The Voodooclub – Philister (Constrictor 1985)

Wie sprichwörtlich in der größten Gefahr auch das Rettende wächst, so wuchs in den popkulturell im Mainstream verheerenden 80ern gerade auch in Westdeutschland eine fulminante Indie-Musik-Szene heran, deren Gallionsfiguren Phillip Boa & The Voodooclub waren. Die größte Popularität erreichten sie am Ende des Jahrzehnts mit spektakulären Alben wie “Hair” (1989) und Single-Erfolgen wie “Container Love”, was Frontman Phillip Boa in einen imageschädigenden Größenwahn trieb. Die bis heute anhaltenden Folgeveröffentlichungen lassen sich nur noch als bestenfalls respektabel bezeichnen, das Frühwerk hingegen ist gerade auch aus heutiger Perspektive ein Füllhorn revolutionärer Ideen und kompromissloser Innovationen. Vor allem die hier herausgestellte Debut-LP überzeugt mit subtilsten Arrengements und hat ihre stärksten Momente dort, wo klassische Streichinstrumente auf krachende Gitarrenakkorde und die himmlische Stimme von Leadsängerin Pia Lund treffen. Man lausche nur den Klängen von “Rise & Fall of Piggly Wiggly”.

6 The Velvet Underground & Nico (MGM 1966)

Der Klassiker der ambitionierten Popmusik schlechthin, über den eigentlich keine großen Worte mehr zu verlieren sind. In jeder nach objektiven Kriterien urteilenden ewigen Rangliste des Pop sollte diese Platte an erster Stelle stehen. Der kurzen Phase der Bestehenszeit der Band (bereits 1969 war nach vier Alben Schluss) folgten lange und zum Teil sehr erfolgreiche Solokarrieren ihrer Mitglieder. Oft wird behauptet, diese Platte sei die Geburtsstunde jener Musik gewesen, die heute abwechselnd als Independent, Alternative oder Underground firmiert. Dafür spricht vieles, wenngleich aus deutscher Perspektive ein noch 43 Jahre älterer Vorläufer vorsichtig, aber bestimmt ins Feld zu führen wäre: die Dreigroschenoper von Kurt Weill. Der geneigte Leser möge darüber nachdenken.

5 Pixies – Surfer rosa (4AD 1988)

Ohne den geringsten Anflug von Übertreibung lassen sich die Pixies als ein Jahrhundertereignis der Popmusik charakterisieren. Die Parallele in der Malerei wäre Vincent van Gogh, in der Philosophie Friedrich Nietzsche, in der Literatur Thomas Bernhard. Das kraftvoll Geniale, geboren aus dem Dilettantismus und entwickelt im rabiaten Autodidaktentum, wirkt direkt auf die Psyche des Rezipienten und transformiert ihn in ein Stadium ungezügelter Euphorie. Diese Musik braucht so wenig: Stimme, zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug – und bewirkt mehr als alle Drogen der Welt. Dass nach fünf Platten Schluss war, ist verständlich. Der Wahnsinn ließ sich nicht endlos fortsetzen. Die respektablen Solokarrieren der Bandmitglieder seither entschädigen all jene, die sich – was allerdings vermessen war – noch mehr erhofft hatten. Die Pixies-Platten ihrerseits werden vielleicht noch in fernen Zeiten als Ausdruck einer hybriden Jugendlichkeitsmagie die Gemüter der Nachgeborenen bewegen.

4 Trio (Mercury 1981)

Diese Platte zählt vielleicht zu den unglaublichsten und unwahrscheinlichsten Glücksfällen der Popgeschichte. Ein arbeitsloser Lehrer mit losem Mundwerk und Hang zu anarchistischen Späßen, ein begnadeter Gitarrist und ein Clown am Schlagzeug, zusammen eine WG in einem niedersächsischen Dorf namens Großenkneten bildend, nennen sich schlicht “Trio” und nehmen aus Jux und Tollerei eine Platte auf. Heraus kommt eine später “Kuhstallsound” genannte Mixtour aus minimalistischem Punkrock und Dada. Der nicht auf dieser Platte enthaltene, wenig später als Single veröffentlichte Song “Da Da Da”, der musikalisch deutlich aus dem punkigen Rahmen fällt, wird Nr. 1 in den USA und ein Welthit. Die Musiker werden größenwahnsinnig, fabrizieren in der Folge größtenteils nur noch Unfug, lösen sich nach kurzer Zeit auf und starten zweifelhafte Solokarrieren. Allein die erste Platte wird zum Markenzeichen der Neuen Deutschen Welle und sogar der deutschen Popmusik schlechthin. Die Lieder sind von einer überwältigen Komik und mit dem Megaphon zur Unterstützung und Verzerrung des Gesangs haben Trio sogar die Pixies vorweggenommen. Wer diese Platte hört, dem kommt jeder Sinn für die Tragik des Lebens abhanden.

3 Achim Reichel – Klabautermann (Nova 1977)

Als Pionier in unterschiedlichen Genres erwarb sich Achim Reichel hohe Verdienste um die deutsche Popmusik. In erster Linie gilt dies für die 70er Jahre, in denen er im Anschluss an seine Rolle als Teenager-Popstar bei den Rattles die erste Wendung hin zu einer völlig eigenständigen Version von Krautrock vollzog. Die Alben aus dieser Zeit, allen voran die wahrhaft legendäre “Grüne Reise” sind heute begehrte Sammlerstücke. Mitte der 70er kam dann die nächste revolutionäre Kehrtwende zur Einspielung von Rock-Adaptionen alter Seemannslieder und anschließend zur Vertonung klassischer Balladen. Auf “Dat Shanty Alb’m” und vor allem dem hier hervorzuhebenden “Klabautermann” trifft Reichel mit den Mitteln der Rockmusik so haargenau den Spirit der über Jahrhunderte gewachsenen kultur- und nationsübergreifenden Seefahrerromantik, dass man meint, die Lieder wären schon immer im Grunde Rocknummern gewesen. Gleichwohl dürften sich diejenigen, die nicht von der Küste kommen, weniger leicht für “Rolling home”, “Halla Ballu Ballay” und ähnliches begeistern können.

2 Element of Crime – Weißes Papier (Polydor 1993)

Es muss ein fabelhaftes Zusammentreffen verschiedenster glücklicher Umstände gewesen sein, das aus den – nach fünf englischsprachigen Alben in den 80ern – ersten beiden deutschsprachigen Platten von Element of Crime, “Damals hinterm Mond (1991) und eben “Weißes Papier”, das gemacht hat, was sie dann wurden: Die lakonisch-geschmackvolle Vertonung von Lyrik höchsten literarischen Ranges. Anders als auf den gewiss nicht ungelungenen, eher ironisch gestimmten Nachfolgern wird hier – wie man so sagt – ein ausgesprochen hoher Ton angeschlagen und durchgehalten, ohne dass auch nur punktuelle Abstürze zu registrieren wären. Sven Regener, der erst ein Jahrzehnt später als Roman-Autor (“Herr Lehmann”) schriftstellerisch in Erscheinung tritt, erweist sich hier textlich als ein Meister subtilster Zwischentöne und widmet sich voll und ganz den fundamentalen Abgründen und Aporien des irdischen Lebens, was vor allem heißt: der Liebe, der Schuld und der Vergänglichkeit – die Titelmetaphern verraten es: “Werd nie mehr so rein, so dumm sein wie weißes Papier”.

1 Kastrierte Philosophen – Nerves (Normal 1988)

Heute, fast zehn Jahre nach ihrem Ende, sind die Kastrierten Philosophen (1981-1996) fast vergessen. Über die Jahre waren sie es, die – stilistisch höchst wandelbar: von Punk über Trip Hop bis zum Reggae metamorphierend – der deutschen Popmusik die Psychedelic brachten. Matthias Arfmanns charakteristische Philosophen-Gitarre und Katrin Achingers dunkler, betörender Gesang begründeten ihre absolute Ausnahmestellung nicht nur in der deutschen Musiklandschaft. Das hier herausgehobene “Nerves” gilt als das rundeste, perfekteste, schönste Philosophen-Album und enthält Glanzlichter wie das Psycho-Gitarre, Cello und Kontrabass gradezu organisch verschmelzende “Peeping All”. Doch gibt es zahlreiche Songs aus dem Frühwerk, die diese Platte noch übertreffen: “Call yourself a liar” von der Debüt-LP “Love Factory” (1985) etwa und ganz besonders die insgesamt neun Stücke der ersten beiden Maxi-Singles. Wahre Schätze dürften sich auf den zwei nur in Kleinstauflage im Eigenverlag erschienenen MCs der ganz frühen Jahre befinden, die ich bislang vergeblich gesucht habe. Wer mir “Decadent toys” und “Heroin live” (beide von 1981) besorgt, dem biete ich ein Vermögen.

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