Justament Apr. 2003: Für ausdauernde Einzelkämpfer

Eine Promotion kostet zumeist viel Zeit und Mühe und die berufliche Verwertbarkeit ist inzwischen auch kein Selbstläufer mehr. Doch winken im Leben danach so erhebliche Steigerungen an Selbstwertgefühl und subjektiv empfundener Lebensqualität, dass so mancher die Strapazen nicht scheut und die Ochsentour in Angriff nimmt.

Thomas Claer

Gerade hatte der Jurastudent Rodion Raskolnikow unbemerkt zwei Frauen mit dem Beil erschlagen, als ihn ein entsetzlicher Gedanke in Angst und Schrecken versetzte:  Niemals mehr würde er mit einem anderen Menschen offen reden, seinen wirklichen Gedanken reinen Ausdruck verleihen können, ausgeschlossen sei er von aller zwischenmenschlichen Gemeinschaft. Annähernd so isoliert wie der Romanheld in Dostojewskis “Schuld und Sühne” (1866) fühlen sich heute vermutlich viele Doktoranden an deutschen Universitäten: Tag und Nacht beschäftigen sie sich jahrelang und intensiv mit einer Thematik, die außer ihnen selbst allenfalls noch den Doktorvater interessiert.
Anders als ihre in den Naturwissenschaften promovierenden Kommilitonen, die oft vorwiegend in der Gruppe arbeiten, sind die angehenden Doktoren der Geistes- und Sozial-, respektive der Rechtswissenschaften in jeder Hinsicht auf sich allein gestellt. Vom “Prof” angebotene Doktorandenseminare, in denen die Promotionsstudenten ihre Projekte vorstellen, sind eher die Ausnahme als die Regel. Und auch dort redet nur jeder über das eigene Vorhaben ohne auf allzu große Aufmerksamkeit der anderen hoffen zu können, da die Teilnehmer nur selten einander ähnliche oder auch nur verwandte Themen bearbeiten und diese sich zudem in ihrer Komplexität kaum auf die Schnelle erfassen lassen.

Der Tag des Doktoranden
So bleibt dem Doktoranden nichts anderes übrig, als sich zwischen den Terminen beim Betreuer, die oft Monate, wenn nicht Jahre, auseinander liegen, Tag für Tag aufs Neue zu motivieren. Viele disziplinieren sich mit einem festen Tagesrhythmus, arbeiten am Laptop in der Uni, um der gefährlichen Vermengung von Arbeits- und freier Zeit zu entgehen, die am PC-Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden droht. Doch je mehr eine Dissertation ihrem Charakter nach über das Abarbeiten eines bestimmten Pensums in den gewohnten Arbeitstechniken hinausgeht, Ideenreichtum und kreative Einfälle zur Bewältigung, Vernetzung und Darstellung des Stoffes verlangt, desto weniger hilft der regelmäßige Tagesablauf. An manchen Stellen der Bearbeitung kann es tage-, ja wochenlang nicht mehr weitergehen. Umgekehrt kommen die besten Gedanken oft nicht “bei der Arbeit”, sondern zwischendurch. Aber sollte das eigentlich ununterbrochene Nachdenken über die Arbeit beim Spazierengehen, Musik hören oder auf Ausflügen nicht mit der gleichen Berechtigung als “Arbeitszeit” gelten wie ein stundenlanges und letztlich erfolgloses Sitzen am Bildschirm?

Wie anfangen?
Dabei liegt die größte Schwierigkeit zunächst darin, überhaupt bis zum Punkt des kontinuierlichen Arbeitens zu gelangen. Wenn die Promotionsordnung, wie es in einigen Universitäten der Fall ist, zwingend die Examensnote “befriedigend” oder besser als Voraussetzung für eine Promotion festschreibt, kann der erste Schritt des Promotionswilligen ein Wechsel der Uni sein. Andernorts genügt es, von einem Professor als Doktorand angenommen zu werden, sofern man bis zur Abgabe der Arbeit ein mit mindestens “gut” bewertetes Seminar vorweisen kann und der “Prof” – wenn erforderlich – auf einer Fakultätskonferenz die Befreiung des Promovierenden vom Erfordernis der Examensnote “vollbefriedigend” beantragt.
Kein Weg führt also an einer persönlichen Kontaktaufnahme mit einem Hochschullehrer vorbei, die natürlich exzellent vorbereitet sein will. Zunächst ist, wer nicht mit einem “Bombenexamen” glänzen kann, auf einen eher kleinen Kreis “netter” Professoren angewiesen, bei denen in Anbetracht des Vorhabens nicht mit einem sofortigen Rauswurf gerechnet werden muss. Es empfiehlt sich, bereits im Vorfeld zu ermitteln, welcher “Prof” an welcher Uni zu diesem Kreis gehört.
Ferner sollte bei diesem ersten Gespräch mit dem künftigen Doktorvater möglichst eine konkrete Idee des Dissertationsthemas vorhanden sein, noch besser deren kurze schriftliche Skizzierung. Zu achten ist auf eine gewisse inhaltliche Nähe zu den Forschungsgebieten des Professors. In jedem Falle sollte aber bereits eine intensive Beschäftigung mit der Materie stattgefunden haben. Mitunter kommt es auch vor, dass ein “Prof” sich die Bearbeitung einer bestimmten Problematik von einem Doktoranden wünscht – oder ein bestimmtes Ergebnis.

Finanzierung
Um die Arbeit aber tatsächlich abschließen zu können, bedarf es ihrer geregelten Finanzierung. Je nach Thema sind für juristische Dissertationen Bearbeitungszeiten zwischen einem und fünf Jahren zu veranschlagen, wobei der “Nur-Doktorand” schneller sein kann (aber nicht muss!) als der “Halbtags-Doktorand”. Nur knapp die Hälfte der Promotionsstudenten wird von ihren Eltern ausgehalten. Wer gute Noten und Beziehungen zu einem Lehrstuhlinhaber vorweisen kann, darf auf eine halbe Stelle als wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in hoffen. Auch empfiehlt sich die Information über ein- oder mehrjährige Promotions-Stipendien der Bundesländer (Vergabe über die Uni), von politischen Parteien, Verbänden oder privaten Stiftungen. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Juristen in den Auswahlverfahren relativ gut wegkommen – mitunter sogar ohne glänzendes Examen, wenn das Promotionsvorhaben überzeugen kann. Viele schreiben parallel zum Referendariat zumindest zeitweise an ihrer Doktorarbeit. Wer keine andere Finanzierungsquelle findet, ist auf Nebenjobs angewiesen, was zwar die Promotionsdauer streckt, mancher Dissertation aber – angesichts des so erreichbaren höheren Reflexionsniveaus – auch gut tun kann.

Perspektiven
Zwar steht der berufliche Nutzen der Promotion noch immer außer Frage. Doch nur wer sich schon über die Examensnoten für die Top-Positionen qualifiziert hat, kann mit dem Doktorhut auch zum ganz großen Wurf ansetzen. Wer knapp am Prädikat vorbeigeschrammt ist, darf dies manchmal mit seiner Doktorarbeit kompensieren. Für den Durchschnittsjuristen ist die Promotion hingegen “nur” ein Pluspunkt, der ihn aber oftmals überhaupt erst wieder zurück ins Arbeitsmarkts-Spiel bringt und nicht zuletzt auch für einige nichtjuristische Branchen interessanter macht.
Während sich im Einzelfall noch bezweifeln lässt, ob die Verbesserung der beruflichen Perspektiven in einem angemessenen Verhältnis zum immensen Aufwand an Lebenszeit und -kraft steht, bleibt doch in jedem Falle “unter dem Strich” die Ergänzung des eigenen Namens um einen Titel, der besonders hierzulande noch immer viel bewirken kann. Nicht dass er zwangsläufig sonst verschlossene Türen öffnen würde, doch kann er die eigene Lebensqualität im zwischenmenschlichen Bereich erheblich steigern, indem er die Mitmenschen respektvoller und vorsichtiger macht. Ob vom Nachbarn im Treppenhaus, dem Briefträger, dem Beamten in der Behörde, der eigenen Verwandtschaft oder dem Vorgesetzten am Arbeitsplatz: dem Promovierten bleibt so einiges erspart. Und das im ganzen restlichen Leben.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: